Kategorie: Psychologie

  • Anwesenheit von Abwesenheit: Phubbing

    Anwesenheit von Abwesenheit: Phubbing

    (S1/E42) Vor zehn Jahren wurde im Rahmen einer Kampagne für das australische Maquarie Dictionary ein neues Wort geboren: Phubbing. Es bezeichnete – und bezeichnet noch heute – eine geradezu prototypische Situation unserer neuen digitalen Welt: Menschen entziehen sich ihrer sozialen Umwelt, seien es Freunde, Partner oder Familienangehörige, um sich mit den wahrhaft wichtigen Dingen zu beschäftigen, die natürlich in ihren Smartphones stattfinden. Also versenken sie sich, meist ohne zu fragen oder sich zu entschuldigen, und – „phubben“ was das Zeug hält.

    Mittlerweile ist das Wort zum festen Bestandteil des Vokabulars geworden, mit dem man soziale Situationen oder Begegnungen von Menschen mit mobilen Endgeräten beschreibt. Es gibt dabei verschiedene Varianten: Eine Gruppe von Jugendlichen (oder auch Menschen beliebigen Alters, machen wir uns nichts vor) stehen im Kreis, irgendwo in einer Stadt, vor einer Schule, in einem Park, vor einem Club und anstatt sich scherzend und fröhlich oder auch ernst und konzentriert oder meinetwegen auch nur albern und dümmlich zu unterhalten, starren sie stumm in ihre Smartphones. Am charakteristischen Knickhals erkennt jeder Eingeweihte, was hier gerade vor sich geht… Jeder phubbt jeden, könnte man hierzu sagen. Ein anderes Szenario: Menschen sitzen am Tisch in einem Restaurant und wiederum an den charakteristischen Knickhälsen einiger wortloser Mitglieder der Gesellschaft wird deutlich, dass man sich hier gerade mitnichten um die Tischnachbarinnen und -nachbarn kümmert, sondern um die neuesten Notifications aus den Social Media Feeds. Es gibt viele Varianten dieser Situation: Eltern phubben ihre Kinder (oder umgekehrt), Frauen ihre Männer (oder umgekehrt) wir phubben Euch (oder umgekehrt), Vorgesetzte ihre Untergebenen (oder umgekehrt). Dass es sich hierbei nicht um ein Kavaliersdelikt, sondern um eine Plage, ein in jeder Hinsicht massiv gestörtes Verhalten handelt, werden wir in unserer 42. Folge von achwasfm.janlucash.com/ erklären. Es geht u.a. um die erste Phubbing-Kampagne aus dem Jahr 2012, eine Übersicht der momentan gehandelten Studienergebnisse und eine spezielle Studie aus dem Jahr 2018, in der Phubbing in einer cleveren Imaginations-Studie untersucht wurde. Schließlich suchen wir nach möglichen Regeln (gibt es möglicherweise sozialverträgliches Phubbing?) und versuchen eine Analyse ähnlicher Phänomene. Haben Sie schon einmal das Meer mit Sternchen bewertet?

    Quellen zur Episode

    • Die Website des Macquarie Dictionary, das die Phubbing-Kampagne in Auftrag gegeben hat:
      https://www.macquariedictionary.com.au/
    • Die Studie über die Ursachen und Wirkungen von Phubbing: Chotpitayasunondh, V., & Douglas, K. M. (2018). The effects of “phubbing” on social interaction. Journal of Applied Social Psychology, 48(6), 304-316. Online unter https://kar.kent.ac.uk/65777/

    Zum Episodenbild

    Die prototypischen Phubbing-Kontexte, also Konversationen, Gespräche, Begegnungen und Gesellschaften sind natürlich in der Geschichte der Kunst leicht zu finden. Nur: niemand darauf phubbt! Nach einer längeren verzweifelten Recherche durch die Jahrhunderte und Stilepochen ist es uns dann gelungen, ein Bild zu finden, das junge Mädchen aus der Mitte des 19. Jahrhunderts in einer ländlichen Umgebung zeigt – mit verräterischem Knickhals…! Es wurde von dem nicht unbekannten französischen Maler Jules Breton gemalt. Das Bild trägt den Titel „Jetons d’amour“ (Liebespfänder) und zeigt, was man mit Liebespfändern damals anscheinend so gemacht hat: Phubben!

    https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Jules_Breton_-_Love_Tokens.jpg

  • Sie küssen und sie schlagen uns – vom operanten Konditionieren

    Sie küssen und sie schlagen uns – vom operanten Konditionieren

    (S1/E38) Ein alternativer Titel für diese Folge wäre „Zuckerbrot und Peitsche“ gewesen, es geht nämlich um wahrhaft wirkmächtige und grundlegende Dinge: Belohnung und Bestrafung. Auch wer die mitunter hilflosen erzieherischen Interventionen seiner Eltern schon lange hinter sich gelassen hat, wird vom Leben und von anderen Menschen immer weiter belohnt und bestraft. Da das Netz – wie wir nicht müde werden zu betonen – eben auch nichts anderes ist als das Leben, lösen wir natürlich auch dort an allen Ecken und Enden Belohnungen und Strafen aus, die unser Verhalten beeinflussen...

    Einen Fakt, der in unserer Folge eher am Rande wird erwähnt wird, möchten wir hier noch einmal herausstellen: Die Steuerung von Entscheidungen durch das Belohnen und Bestrafen ihrer Konsequenzen mutet zwar wie ein zutiefst primitiver und biologischer Vorgang an, das Prinzip wird jedoch auch sehr erfolgreich unter dem Begriff „Reinforcement Learning“ (dt. Verstärkungslernen) in Algorithmen der künstlichen Intelligenz implementiert. Ein Algorithmus, der Rückmeldungen darüber verarbeiten kann, ob seine im ersten Moment vielleicht nur zufälligen Entscheidungen erfolgreich waren oder nicht, und der aufgrund dieses Feedbacks seine Entscheidungen permanent neu anpassen kann, hat das Zeug, seinerseits ziemlich wirkmächtig zu werden.

    Noch ein Wort zum Küssen und Schlagen: „Sie küssten und sie schlugen ihn“ (der französische Titel lautete „Les Quadre Cents Coups“, also „Vierhundert Streiche“) ist der Titel eines Films des französischen Regisseurs François Truffaut aus dem Jahr 1959. Er erzählt darin vom Schicksal eines dreizehnjährigen Jungen, der beherzt mit dem Leben experimentiert und deshalb in ein Heim für schwer Erziehbare gerät. Der Film ist ein Klassiker des französischen Kinos und zugleich Gründungsfilm der „Nouvelle Vague“ (dt. neue Welle) des französischen Kinos. Wir haben uns die Formulierung für unseren Titel ausgeborgt, weil sie so wunderbar poetisch und zugleich drastisch klingt – Zuckerbrot und Peitsche mögen uns verzeihen.

    Quellen zum Beitrag:

    Video-Quellen: Tischtennis spielende Tauben und eine agile Maus:

    Die beiden youtube-Videos, die wir erwähnen, sind hier driekt anzuschauen:

    Tischtennis-Tauben bei der BF Skinner Foundation

    Die unglaublich dressierte Maus hier:

    Zum Episodenbild:

    Der Maler Georges Seurat (1859-1891) gehört zu den Großen der französischen modernen Malerei. Unser Episodenbild „Le Cirque“ war wohl eines seiner letzten Werke, gemalt 1891 und anscheinend – so liest man in entsprechenden Quellen – unvollendet. Seurat hatte sich auf ein spezielle Technik spezialisiert, die wundervoll zu unseren Geschichten hinter den Pixeln passt: Er malte seine Bilder aus kleinen Farbpunkten, die dann aus der Distanz und im der gesamten Ansicht verschmelzen und dem/r Betrachter/in einen wundervoll schwerelosen, luftigen Eindruck vermitteln. „Pointillismus“ wird diese Technik genannt und sie setzte sehr viel Erfahrung und Wissen über Farben und additive und subtraktive Farbmischung voraus. Das Episodenbild zeigt einen Ort, der auch in unserer Episode eine Rolle spielt, nämlich einen Zirkus. Da sich alle Formen der klassischen Dressur eben auf den Prinzipien der operanten Konditionierung aufbauen, schien uns das Bild-Motiv sehr passend – und allemal schön.

    Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Georges_Seurat_019.jpg

  • Von menschlicher und künstlicher Intelligenz.

    Von menschlicher und künstlicher Intelligenz.

    (S1/E37) Künstliche Intelligenz? Sind das nicht die Roboter, die uns beherrschen werden, die schlauer sind als Menschen? So wie in den Science Fiction Filmen? Nicht nur, denn es gibt derer zwei. Wir haben uns einerseits fleissige Helferlein geschaffen, die geistige Arbeiten erledigen können. Die schlau, aber nicht klug sind. Und weil sie immer schlauer werden und manches schneller können als wir, haben wir auch ein wenig Angst. Davor, dass sie klug und klüger werden.

    Und uns überflüssig machen – nicht nur unseren Arbeitsplatz, sondern uns vielleicht sogar als Spezies ersetzen könnten. Aber das ist eine andere KI. Die zweite Sorte.

    Mit dieser KI könnten wir was erleben. Wie das zu verstehen ist, und wie KI überhaupt zu verstehen ist, erzählen wir in dieser Folge 37. Die uns als Menschen auch ein wenig klüger macht.

    Quellen zur Episode

    BITKOM (Hrsg), DFKI: Künstliche Intelligenz. Wirtschaftliche Bedeutung, gesellschaftliche Herausforderungen, menschliche Verantwortung (2017)

    Ray Kurzweil: Menschheit 2.0. Lola Books, (2013). engl. Originaltitel: The Singularity Is Near.

    BBC: Kenya alarm after carrier bag mistaken for stray lion, https://www.bbc.com/news/world-africa-61335539 (abgerufen 15. Mai 22 17:30)

    Ein satirisches, kenntnisreiches, philosophisches Werk über eine mögliche Zukunft mit KI.
    Marc Uwe Kling: QualityLand (dunkle Edition). Ullstein (2017)
    Marc-Uwe Kling: QualityLand (helle Edition). Ullstein (2017)
    Marc-Uwe Kling: QualityLand 2.0: Kikis Geheimnis. Ullstein, (2020)

    Zum Episodenbild

    Das Episodenbild zeigt eine Schale mit Zitronen und Wespe von Giovanna Garzoni (1600 – 1670), einer italienische Künstlerin der Barockzeit. Das Bild entstand vermutlich „Ende der 1640er“ Jahre.

    Die Wespe müsste bei der Analyse des Bildes durch eine Künstliche Intelligenz auffallen. Und diese zugleich verwirren, wenn sie sich in der Malerei des 15. Jahrhunderts auskennt. Was anzunehmen ist. Denn was zu erkennen glaubt, wäre eine Fliege: Die gemalte Fliege, Musca Depicta, geht auf eine Tradition altniederländische Maler zurück: Es war nicht unüblich, eine Fliege als Optische Täuschung in das Bild oder auf dem Rahmen einzufügen. Es konnte eine Anspielung sein auf Beelzebub, den Herrn der Fliegen, das Böse, das sich im Unscheinbaren versteckt. Wahrscheinlicher war, dass die gemalte Fliege zeigen sollte, welche Kunstfertigkeit im Detail die Künstler:innen hatten, denn viele Betrachter:innen hielten die Fliege für „echt“.

    Nachweis Wikimedia
    https://de.wikipedia.org/wiki/Giovanna_Garzoni#/media/Datei:Giovanna_Garzoni_(Italian)-_Still_Life_with_Bowl_of_Citrons-_Google_Art_Project.jpg

  • Auf den Hund gekommen: klassisches Konditionieren

    Auf den Hund gekommen: klassisches Konditionieren

    (S1/E36) Das Assoziieren von emotionalen Reaktionen und Bedeutungen mit neutralen Gegenständen oder Inhalten ist ein Lebensvorgang wie das Atmen oder Verdauen. Das Thema dieser Folge ist also in dieser Hinsicht ein Klassiker: Wir können bestimmten Dingen oder Inhalten durch das Koppeln mit schon etablierten Gefühle auslösenden Dingen die Macht verleihen, diese nun ihrerseits selbst auszulösen. Dieser Vorgang wird als klassische Konditionierung bezeichnet. Wieder einmal gilt, dass dieses Prinzip eigentlich seit Jahrhunderten bekannt sein dürfte, doch die Wissenschaft hat es erst im frühen 20. Jahrhundert entdeckt und systematisch erforscht. Die Werbepsychologie kennt es seit langem und auch im Web und in sozialen Medien ist es allgegenwärtig.

    Drei Facetten des Themas nehmen wir uns vor: Die erste betrifft die historische Entdeckung und wissenschaftliche Beschreibung des Vorgangs, bei dem ein neutraler Reiz durch wiederholte Kombination mit einer reflexauslösenden Situation die Fähigkeit erwirbt, selbst zum Auslöser zu werden. Erstmals beschrieb dieses Phänomen Iwan Petrovitch Pavlow, ein russischer Arzt und Physiologe (und Nobelpreisträger 1902). Knapp 20 Jahr später beobachtete auf der anderen Seite des Atlantiks der Psychologe John Watson was geschieht, wenn ein man ein Kleinstkind in dem Moment erschreckt, wo es beispielsweise ein kleines Tier sieht. Es bekommt Angst vor dem Tier und auch hier haben wir es mit einer klassischen Konditionierung zu tun.

    Eine Studie von Gerald Gorn aus dem Jahr 1982 gilt als Paradebeispiel der Nutzung dieses Prinzips in der Werbung und ist unser zweites Beispiel. Wer sich das vorstellen will, kann vielleicht einmal bei einem Film den Ton abdrehen – um dann zu beobachten, wie die emotionale Tiefe des Geschehens unmittelbar verflacht. Mit Musik kann man alle möglichen Dinge emotional einfärben und genau dieses Prinzip – das dem einer klassischen Konditionierung entspricht – interessierte Gorn. Und er konnte beobachten, dass Menschen, die dem ausgesetzt sind, sich u.U. überhaupt nicht darüber im Klaren sind, dass sie beeinflusst werden.

    Celebrities sind ebenfalls Objekte, die – wie man es so schön formuliert – „emotional besetzt“ sind. Und die Autoren unseres 4. Studien-Beispiels untersuchten genau deren Wirkung auf die „Brand Attitude“. Nach 5 Darbietungen eines Fake-Produkts mit Jennifer Aniston war die Einstellung der Proband/innen zu diesem Produkt merklich (um 8%) positiver und diese Wirkung war auch nach 2 Wochen noch nachweisbar. Für uns, die wir uns für die Geschichten hinter den Pixeln interessieren, ist hier natürlich der naheliegende Transfer ins Influencer-Marketing relevant.

    Den Abschluss bildet ein raffiniertes Experiment, in dem mit extrem kurzen Darbietungszeiten Bildmaterial aus Facebook verwendet wurde, um sehr schnelle reflexartige Reaktionen der Proband/innen erfassen zu können. Auch hier war sich niemand dieser Prozesse bewusst und es zeigte sich, dass vor allem Intensiv-Nutzer/innen und suchtgefährdete Personen zu emotionalen Reflexen auf Facebook-Symbole neigten.

    Die Quellen zur Podcast-Folge

    Zum Episodenbild

    Klassisches Konditionieren ist nach unserem Wissen niemals der Gegenstand einer künstlerischen Darstellung gewesen. Also haben wir uns dafür entschieden, den namenlosen Haupt-Protagonisten der (übrigens durchaus grausamen) Konditionierungsexperimente von Pavlow ein Denkmal zu setzen. Bilder von Hunden gibt es nun reichlich, meist in den Varianten dekadenter Schoßhund oder edles Windspiel. 1801 malte der belgische Maler Henri Van Assche ein wahrscheinlich von einem liebenden Herrchen oder Frauchen beauftragtes Hundeportrait, dem wir wegen des virtuos beobachteten und gemalten herzzerreißenden Hundeblicks nicht widerstehen konnten.

    Bildquelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Portrait_of_a_dog,_seated_on_a_red_cushion,_by_Henri_van_Assche,_1801.jpg

  • Nudging und Dark Pattern. Nicht schubsen!

    Nudging und Dark Pattern. Nicht schubsen!

    (S1/E35) Da sind sie wieder: Die Folgen 3 und 23 brachten Erkenntnisse zum Thema „Dark Pattern“. Schändliches Tun, dem man gerade im Web nahezu hilflos ausgeliefert scheint. Aber halt – da gibt es doch noch „Nudging“ – sozialverträglich, nützlich für den einzelnen Menschen und die Gesellschaft, egal ob off- oder online. Nudging, so Thaler und Sunstein, die 2008 den Begriff prägten ist ein Methodenkoffer, um das Verhalten von Menschen zu beeinflussen. Im Gegensatz zu Dark Patterns unter der Maßgabe: keine Verbote, keine Gebote, keine Veränderung ökonomischer Anreize.

    Liest sich klar und deutlich abgegrenzt. Hört sich ethisch an. Und scheint nützlich. Wir halten das Thema in’s Licht und entdecken dabei Flecken in Definition und Ausführung, Muster, die uns bemerkenswert bekannt erscheinen.

    Und dann taucht da auch noch ein aktueller (2022) Forschungsbericht auf, der sich mit dem einem Experiment in der digitalen Welt einer Hotelbuchungsplattform bewegt und im Titel den Begriff „Nudging“ trägt. „Backfiring von Digital Nudges: Experimentelle Studie zur Reaktanz durch Scarcity-Nudges“.

    Den erfahrenen Hörer:innen könnte bei diesem Titel ein „achwas?!“ entfahren. War solch eine Plattform nicht bereits in unseren Podcasts als Dark Pattern infiziert bezeichnet worden?

    Eine überraschende Zwischenbilanz zum Thema erwartet Sie in diesem Podcast. Und, als Bonus, wissen Sie auch mehr über Kantineneinrichtungen, die Entschärfung von Haarnadelkurven und was Zigarettenstummel mit den besten Fussballspielern zu tun haben.

    Die Quellen zur Episode

    Richard Thaler, Cass Sunstein: Nudge. Improving Decisions About Health, Wealth, and Happiness
    (Nudging – Wie man kluge Entscheidungen anstößt. 5. Auflage. Econ, Berlin 2008)

    Richard Thaler, Cass Sunstein, Jihn P. Balz:  CHOICE ARCHITECTURE. (2010)

    Harry Brignull’s Website mit einer umfangreichen Sammlung von Deceptive (trügerischen) Patterns online – fomerly known as darkpatterns.org
    https://www.deceptive.design

    Karolina Schabert, Laura Raschle, Anna Fredholm, Lorenzo Pedrazzoli, Georgine Settelen, Annamina Rieder und Reinhard Jung:
    Backfiring von Digital Nudges: Experimentelle Studie zur Reaktanz durch Scarcity-Nudges (Conference Paper · February 2022)

    Zeliadt, Steven B., Scott D. Ramsey, David F. Penson, Ingrid J. Hall, Donatus U. Ekwueme, Leonard Stroud, and Judith W. Lee. “Why Do Men Choose One Treatment over Another?” Cancer 106 (2006): 1865–74.

    Zum Episodenbild

    Das Episodenbild aus dem Jahre 1821 zeigt eine Schaukel mit dem Geschwisterpaar Alexander II, dem späteren Zar Alexander II, und seiner jüngeren Schwester Maria Nikolaevna.

    Der Maler ist George Dawe, ein in seiner Zeit berühmter britischer Potraitmaler (1781-1829).

    Eine Schaukel ist eine passende Metapher für Nudging: Manchmal braucht es einen leichten Schubs einer zweiten Person, um die Schaukel zum Schwingen zu bringen. Dann lernt man schnell, wie man sich ohne Schubs bewegt, wenn eine hilfreiche Person einen mit einem „bis in den Himmel“ anspornt.

    Quelle Wikimedia
    https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Alexander_ii_and_maria_nikolaevna.jpg

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  • achwas.fm bei Wisspod

    achwas.fm bei Wisspod

    … achwas bei Wisspod. Wir freuen uns, in die Gilde der Wissenschaftlichen Podcasts aufgenommen worden zu sein. „Wisspod-Podcast“ ist Reiseführer und Startpunkt durch die Welt der Wissen(schaft)spodcasts in einem. Ein akkustisches Lexikon. Zu fast allem.

    „Wisspod ist eine Plattform für alle Podcasts, die sich der Wissensvermittlung verschrieben haben.

    Mehr zu Wisspod:

    https://wissenschaftspodcasts.de/podcasts/

    https://wissenschaftspodcasts.de/podcasts/achwas/

  • Ziemlich berechnende Dating-Apps

    Ziemlich berechnende Dating-Apps

    (S1/E33) Nach der Dating/Ghosting-Folge 32 gehen wir den Dating-Plattformen und Apps auf den Grund – sich einer Dating App anzuvertrauen, kann sogar viele Gründe haben. Ein Ziel könnte sein, einen / eine Lebensabschnittgefährt:in zu „gewinnen“. Wobei dieser Lebensabschnitt auch zeitlich beliebige Zielgrößen annehmen kann, die von „bis fast zum Frühstück“ oder „für immer und ewig“ reichen könnten.

    Sich einer Dating App anzuvertrauen bedeutet auch, sich in die Hände von mehr oder minder guten Rechenregeln oder Matching Algorithmen zu begeben. Denn die werden doch bestimmt aus den Daten die richtigen Traumpartner:innen „backen“, oder?

    Nun hängt es aber nicht nur von diesen Rechenregeln ab, wen man vorgestellt bekommt. Sondern, erstaunlicherweise, auch
    1. von den eigenen Wünschen, dem eigenen Verhalten, Vorlieben, Ehrlichkeit, …
    2. genau diesen Aspekten auch des potentiellen Gegenstücks und
    3. den Zielen der Dating App / der Dating Plattform.

    Genau darum geht es, um die Innereien und das Wirken einer solchen Plattform / App.
    Wir stellen die Arbeiten eines Teams von drei Wissenschaftler:innen der FU Berlin vor: Lucas Friedrich Mertens, Erik Christian Müller, und Johanna Sebastian haben sich fundiert mit dem Thema beschäftigt, eine Plattform gebaut und das Treiben auf dieser Plattform systematisch und empirisch beobachtet. Es geht dabei nicht nur um’s „Matchen“, sondern vor allem um die „Happiness“ mit dem Match.
    Anmerkung: Es sind weder Mensch noch Tier zu Schaden gekommen – die Maschine ist von „Agenten“ besiedelten, so heißen die elektronischen Repräsentant:innen von Partner(schaft) Suchenden.
    Die Suche selbst fand sodann als Simulationen auf dieser Maschine statt.

    So gestattet „Der Einfluss von Matching-Algorithmen auf den Erfolg einer Dating-App“ (so der Titel der Arbeit) weit mehr als den Einblick in das Wirken von Parship, Tinder und Co. Denn diese öffnet für die Sozialwissenschaften einen faszinierenden Blick in maschinelle Experimente mittels Agenten mit menschlichen Eigenschaften.

    Die Quellen zur Episode

    • Lucas Friedrich Mertens, Erik Christian Müller, Johanna Sebastian: „Der Einfluss von Matching-Algorithmen auf den Erfolg einer Dating-App„
      15th International Conference on Wirtschaftsinformatik, March 08-11, 2020, Potsdam, Germany (Konferenzpapier).
    • Das folgende Chart (aus dem Konferenzpapier) zeigt die Systemkomponenten der Simulations-Plattform.

    Weiteres…

    • Das Video „Unsere Dating App“ des Aachener Youtubers und Filmemachers Julien Bam von März 2017 stellt die optimale Dating-Maschine vor. War Julien Bam der Zeit voraus?
    © Julien Bam „Unsere Dating App“ 3. März 2017

    • Bemerkenswert süchtelnd: Die Dopamin Videos auf ARTE.
      Wir empfehlen die berühmt berüchtigte Tinder Folge.
      Swipen kurz unterbrechen, hier gibt es Brainfood und tiefe Einblicke in’s allzu menschliche Gehirn.
      Das Erfolgspotential von Personen mit einem sehr hohen Elo-Score wird auch in Folge 21 von achwasfm.janlucash.com/ behandelt. („Sozialer Vergleich und supernormale Attrappen„).
    https://www.youtube.com/watch?v=21CKkv4J8KA
    Du bist besessen von Tinder, verbringst deine Nächte auf YouTube und flippst aus, wenn der Akku leer ist. Keine Sorge, das ist normal. … Diese Apps beruhen auf dem Prinzip, dich richtig süchtig zu machen, indem in deinem Gehirn das Molekül für Lust, Motivation und Sucht freigesetzt wird: Dopamin.
    © ARTE September 2019

    • Wir erwähnten, dass Parship sich neu erfunden hat. Natürlich trauen wir unserem geschätzten Publikum zu, selbständig die Webseiten aufzusuchen. Das brächte uns aber um das Vergnügen, unseren Funde passend zur Folge stolz zu präsentieren. Was für ein Match, achwasfm.janlucash.com/ und diese Seite….
      https://www.parship.de
      Keine Werbung (unbezahlt und ungezwungen), sondern Dokumentation:
    https://youtube.com/watch?v=7heZ7BoR2BE
    Quelle ©2022 Das Parship Manifest https://www.parship.de

    Zum Episodenbild

    Das Episodenbild zeigt ein um 1480 entstandenes Tafelbild mit dem Titel: „Liebespaar“, genannt das  Gothaer Liebespaar. Über den Köpfen sind zwei Spruchbänder in Alemannisch zu sehen, die in ihrer Länge in einen Tweet oder eine WhatsApp passen würden und heutzutage wohl als eine Konversation nach einem „Match“ auf einer Datingplattform zu lesen wären.

    • Frau (Spruchband der rechten Bildseite): Sye hat uch nyt gantz veracht Dye uch daß schnurlin hat gemacht.
    • Mann (Spruchband der linken Bildseite): vn byllich het Sye eß gedan want Ich han eß sye genissē lan.

    Ins heutige Deutsch übertragen lautet das Spruchband in etwa wie folgt:

    • Frau: Sie hat Euch nicht ganz verachtet, die Euch das Schnürlein hat gemacht. (frei übersetzt: Sie, die Euch das Schnürlein hat gemacht, hat Euch sehr gern.)
    • Mann: Und billig hätt´ sie es getan, weshalb ich habe es sie genießen lassen. (frei übersetzt: Und mit Recht hat sie es getan, weshalb ich habe es ihr wohl ergehen lassen.)

    Das erwähnte „Schnürlein“ war eine golddurchwirkte Kordel, die eine ähnliche Symbolik wie ein Verlobungsring hatte.
    Quelle: Wikipedia Artikel, abgerufen am 20.3.2022, 11:30.

    Es gibt einige Besonderheiten dieses Tafelbildes die sich u.a. bei Wikipedia und einem Ausstellungskatalog der Stiftung Schloß Friedenstein Gotha / Schloßmuseum nachlesen lassen. Es lohnt sich, denn Wissenschaftler wissen nicht genau, wen es zeigt – und auch der Künstler bleibt geheimnisvoll: Es wird dem Zeichner, Maler und Kupferstecher „Hausbuchmeister“ (Zeichnerhand II, siehe Quellen zu Beginn des Absatzes) zugeschrieben. Der Name des Zeichners ist nicht bekannt, seine spätmittelalterlichen Werke schon.

    https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Gothaer_Liebespaar.jpg

  • Über Ghosting

    Über Ghosting

    (S1/E32) Da uns nichts Menschliches fremd ist, handelt unsere 32. Episode von einem Vorgang, ohne den die meisten von uns nicht in ihrem Leben nicht auskommen: Gemeint ist die Partner/innensuche! Natürlich sind uns das Web und diverse Apps auf der Suche nach dem Glück schon lange derart behilflich, dass mittlerweile jede fünfte Paarbeziehung digital vermittelt ist. Dass ist nichts Neues. Dass dabei nicht immer alles gut gehen muss, liegt aber auf der Hand und gelegentlich müssen neue Wörter gefunden werden um zu beschreiben, was geschieht.

    Ein solches Wort ist der Titel unserer neuen Folge: Ghosting! Es ist dies eine von mehreren Möglichkeiten, wie wir uns in Dating-Plattformen gegenüber Kanditat/innen verhalten können, die wir aus unserer Favoritenliste aussortieren möchten. Andere heißen Benching, Breadcrumming oder Gatsbying. Und Ghosting hat etwas vom Löschen eines Produkts aus einem Warenkorb. „Ex und hopp“, könnte man sagen. Von Seiten der ghostenden Person ist das prima praktisch und kein Problem. Sie löst sich quasi in Luft auf und verschwindet spurlos (daher der Begriff). Das geht ohne Vorwarnung und sehr schnell und nachhaltig vonstatten und unser Verdacht ist, dass diese Verhaltensweisen durch die Eigenschaften der Daten-Plattformen unterstützt und ausgelöst werden. Wir werden einiges an Argumenten hierfür zusammentragen. Wieder einmal muss man feststellen, dass die Digitale Transformation unseren psychischen Apparat vor Herausforderungen stellt…

    Übrigens: Die Opfer, die Geghosteten, finden das andererseits nicht so lustig. Da ist jemand, für den oder die man vielleicht heftige Gefühle hegt – Romantik, Sehnsucht, Schmetterlinge im Bauch – und unvermittelt ist Schluss. So etwas kann (hierüber werden wir berichten) zu traumatischen Reaktionen führen und langfristige Folgen haben einschließlich Trauer, Scham, Verlust des Selbstwertgefühls. „Habe ich etwas falsch gemacht?“ fragt sich ein irritiertes und verzweifeltes Opfer, das in einer Studie zitiert wird.

    Quellen zur Folge:

    • Das „Urban Dictionary“: ein Crowd-Sourcing-Projekt zur englischen Sprache mit besonderer Berücksichtigung von Slang-Begriffen.
      https://www.urbandictionary.com/

    Zum Episodenbild

    Zu Gespenstern geistert so manches Bild im Web. Das träfe zwar das Wort, aber nicht die Umstände des Auftretens:

    Bei Jan (Johannes) Vermeer wurden wir fündig. Das Bild „Bei der Kupplerin“ entstand 1656. Als Genrebild zeigt es wohl eine Szene in einem Bordell.

    https://commons.wikimedia.org/wiki/File:JohannesVermeer_-_De_koppelaarster.jpg

    Wir möchten die Alternativen Ihnen nicht vorenthalten. Der Wikimedia entstammend finden Sie dort auch weitere Informationen.

    https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Gespenst_by_Hokusai.jpg

    https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Ghost_Stories_December_1928.jpg

    https://commons.wikimedia.org/wiki/File:%22Love%22_by_Leigh_Bongiorno.jpg

    https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Th%C3%A9odore_Chass%C3%A9riau_Spectre_de_Banquo_07005.JPG

  • Nobelpreis für 2 Gehirne. Vorurteil & Launen.

    Nobelpreis für 2 Gehirne. Vorurteil & Launen.

    (S1/E31) Die Überschrift scheint eindeutig irritierend, wir lösen auf. Die beiden Gehirne gehören Daniel Kahneman und Amos Tversky. Ihre Expertise: Die Rolle der Psyche bei – auch ökonomischen – Entscheidungen. Den Nobelpreis in Wirtschaftswissenschaften nahm Daniel Kahneman 2002 entgegen – für die Forschung zu den funktionalen Gehirnen in jedem von uns: System 1, dem schnellen – und System 2, dem langsamen Denken. Amos Tversky erlebte die Ehrung nicht, er ist 1996 verstorben.

    Weshalb nun der Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften? Tversky und Kahneman führten mit ihrer Forschung die Psyche in die Theorien von ökonomischen Entscheidungen ein. Bis dato war es der „Homo Oeconomicus“, der zweckrational, bilanziert, weder von Gefühlen noch Launen beeinflusst, sich auf dem Markt entscheidet.

    Kahneman hat zusammen mit den Kollegen Cass Sunstein und Olivier Sibony zu einem weiteren Phänomen unseres Denkens geforscht: „Noise“ (übersetzt mit Rauschen, Störgeräuschen) fügt schnellem und langsamen Denken als systematisierbare Dimensionen eine weitere hinzu: Heuristiken sind wiederverwendbare Muster, während „Noise“ ebenfalls unser Handeln unbewusst, aber zufällig, beeinflussen kann. Wir „sind schlecht drauf“, „ungerecht“, „launisch“ nicht als Persönlichkeitsmerkmal, sondern weil uns gerade eine Laus über die Leber gelaufen ist oder der Blick aus dem Fenster zeigt: Heute Grillen fällt wegen Regens aus.

    Unser Fazit: Trau! Schau! Wem?“ (Volksmund). Und: „Zuerst hatten wir kein Glück, dann kam auch noch Pech dazu“ (Jürgen Wegmann). Und eine Frage an die werte Leser-/Hörerschaft: tun wir gut daran, der Künstlichen Intelligenz nur unsere Heuristiken, das System 1, zu schenken?

    Was das mit Web und App, Zimmerbuchungen unter Druck und digitalen Stimmungsaufhellern zu tun hat, erzählen wir in dieser Folge.

    Die Quellen zur Episode

    Zunächst die bekanntesten erwähnten Werke zum Thema

    • „Schnelles Denken, langsames Denken“ Daniel Kahneman. 2016
    • „Noise: Was unsere Entscheidungen verzerrt – und wie wir sie verbessern können“ Daniel Kahneman, Olivier Sibony, Cass R. Sunstein. 2021
    • Daniel Kahneman, Paul Slovic, Amos Tversky (Hrsg.): Judgment under Uncertainty: Heuristics and Biases. Cambridge University Press, New York 1982
    • Fairness versus Reason in the Ultimatum Game, Martin A. Nowak, Karen M. Page, Karl Sigmund (Institut for Advanced Studies, Princeton September 2000. Science Vol 289
    • Ende gut, alls gut! Der Recency Effekt.
      Quelle: Kahneman, Daniel; Fredrickson, Barbara L.; Schreiber, Charles A.; Redelmeier, Donald A. (1993). “When More Pain Is Preferred to Less: Adding a Better End”. Psychological Science. 4 (6): 401–405. doi:10.1111/j.1467-9280.1993.tb00589.x.
    • Russell J. Fuller: Amos Tversky, Behavioral Finance, and Nobel Prizes in Financial Analysts Journal, Band 52, No. 4 (Jul./Aug. 1996), S. 7–8.

    Zum Episodenbild:

    Wenzel Hollar 1607 – 1677 wurde in Prag geboren und starb in London. Er war ein angesehener Kupferstecher.
    Das Episodenbild zeigt ein Vexierbild, ein Bild mit je nach Wahrnehmung unterschiedlichen Inhalten. Oftmals wurden solche Bilder von den Künstlern genutzt, um neben dem Offensichtlichen auch noch Inhalte darzustellen, „auf die man erst einmal kommen musste“ -sowohl System 1, das schnelle Erfassen, wie auch System 2, das gründliche Denken werden von Vexierbildern angesprochen.

    Leider wissen wir bis auf den offensichtlichen Titel „Landschaft in Form eines Gesichts“ und den Künstler wenig über das Episodenbild. Nur: Vexierbilder waren ein im 17. Jhd, beliebtes Genre.

    https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/0/04/Wenceslas_Hollar_-Landscape_shaped_like_a_face%28State_1%29.jpg?uselang=de

  • Der Negativity Bias: eigenartig  normal

    Der Negativity Bias: eigenartig normal

    (S1/E30) „Biases“ (zu deutsch: kognitive Verzerrungen) kennen wir buchstäbllich zu Dutzenden und in den verschiedensten Geschmacksrichtungen: Es gibt einen Representativness-Bias, einen Confirmation-Bias, den Blind Spot-Bias oder den Zero Risk-Bias, außerdem den Distinction-Bias, ganz zu schweigen von Actor-Observer-Bias, Halo-Effekt, Decoy-Effekt oder, oder, oder… Wenn man sich eine Weile mit dem Thema beschäftigt, wundert man sich, dass wir nicht neulich beim Schuhe binden von einem Bus überfahren wurden oder auf den Fahrstuhl wartend verhungert sind.

    Doch tatsächlich dienen die meisten dieser eigenartigen kognitiven Verzerrungen dem Überleben. Sie helfen uns, Unwichtiges zu vergessen, schnell zu entscheiden, Informationen zu filtern, Situationen zu vereinfachen, Blockaden zu vermeiden und vieles mehr. Ein Mensch, der versuchen würde, sich ohne kognitive Verzerrung durch Leben zu schlagen, wäre auf ähnlich verlorenem Posten wie die bedauernswerten Patient/innen, die an einer – übrigens sehr seltenen – „Hereditären Sensorischen und Autonomen Neuropathie Typ IV“ (auch CIPA-Syndrom genannt) leiden. Dies geht mit einem kompletten Verlust der Schmerz- und Temperaturempfindlichkeit einher, will heißen: Schäden an den Zähnen, Knochenbrüche oder Verbrennungen werden einfach nicht wahrgenommen. Das findet man dann nur so lange prima, bis man den ersten offenen Bruch oder die Verbrennung 3. Grades übersehen hat. So eigenartig es klingen mag: ohne kognitive Verzerrungen wären wir kaum überlebensfähig.

    In Folge 30 unseres Podcasts steht also der „Negativity Bias“ im Mittelpunkt. Das ist eine kognitive Verzerrung bei der es um einen nicht sonderlich komplizierten Sachverhalt geht: Negative Informationen sind wichtiger und interessanter als positive, sie sind es mehr wert, dass man sich an sie erinnert, und wenn man Dinge beurteilt, sollte man vor allem das Negative beachten – so lautet die Regel. In vielen Studien wurde dieses Phänomen schon untersucht, einige davon bilden das Rückgrat unserer Podcast-Episode. Es geht zunächst darum, wie Erzählungen und Geschehnisse bei der Übertragung von Person zu Person verändert werden (nämlich systematisch und negativ) Dann interessiert uns, ob und wie der Negativity Bias im Netz – genauer: in sozialen Medien – nachgewiesen werden kann. Schließlich berichten wir von einigen Experimenten, in denen gezeigt wurde, dass negatives „Framing“ (die Verwendung einer negativen Formulierung) auch die Glaubwürdigkeit von Informationen erhöht.

    Die Quellen zur Episode

    • Die Studie zur Stillen Post bzw. „Social Transmission“: Bebbington, K., MacLeod, C., Ellison, T. M., & Fay, N. (2017). The sky is falling: evidence of a negativity bias in the social transmission of information. Evolution and Human Behavior, 38(1), 92-101.
      Das Paper ist auf Google Scholar einfach aufzufinden
    • Die Studie zum gleichen Thema auf Yahoo Answers:
      Aji, A., & Agichtein, E. (2010, June). The “nays” have it: Exploring effects of sentiment in collaborative knowledge sharing. In Proceedings of the NAACL HLT 2010 Workshop on Computational Linguistics in a World of Social Media (pp. 1-2). https://aclanthology.org/W10-0501.pdf

    Zum Episodenbild:

    Belmiro Barbosa de Almeida (1858 –1935) war ein brasilianischer Maler, Illustrator, Bildhauer und Karikaturist. Er war ein durchaus arrivierter Künstler mit einer typischen Karriere mit Aufenthalten in Europa, an einigen der renommiertesten Akademien der Zeit. Er malte in der Tradition der alten Meister und die meisten seiner Motive waren durchaus psychologisch vielschichtig. Unser Episodenbild stammt aus dem Jahr 1897 und trägt den Titel „A má notícia“ (dt. Eine schlechte Nachricht). Der Zusammenhang mit unserem Thema ist naheliegend: schlechte Nachrichten wirken besonders durchschlagend…

    https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Belmiro_de_Almeida_-_A_m%C3%A1_not%C3%ADcia.jpg