S03E17 Gifte sind ein probates Mittel, um Menschen Übles anzutun. Man kann damit morden – oder auch in übler Nachrede behaupten, dass z.B. Angehörige von Religionen durch das Vergiften von Luft oder Wasser dies tun.
Kann man auch KI vergiften? Künstliche Intelligenz braucht saubere, unverfälschte Daten wie wir sauberes Wasser und reine Luft.
Sind Daten falsch oder gefälscht, können die KI generierten Ergebnisse gefährlich falsch werden. Durch „Data Poisoning“ drohen Gefahren für Leib und Leben, Reputation und Vertrauenswürdigkeit.
Wir berichten in dieser Folge über die detektivische Arbeit von Wissenschaftler:innen, die stetig nach Anzeichen von Vergiftungen im Web und in KI Anwendungen suchen. In abgeschotteten Laboren stellen sie diese Vergiftungen nach, mischen „giftige Daten“ um „böse KI“ früh genug zu erkennen und Mittel zu entwickeln, um den Gefahren entgegen zu treten.
Dabei wenden die Wissenschaftler:innen Methoden an, die auch psychisch erkrankten Menschen zu Gute kommen. Manche Maßnahmen ähneln psychotherapeutischem Wirken. Man kann dies genial nennen, wenn man den Anspruch an eine künstliche Intelligenz ernst nimmt: Denn auch „kranke“ KI Modelle kann man mit Methoden der Psychotherapie „heilen“, die Folgen der Vergiftung mindern.
Quellen
Brunnenvergiftung In §324 StGB wird der Tatbestand definiert: „Wer unbefugt ein Gewässer verunreinigt oder sonst dessen Eigenschaften nachteilig verändert, wird mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder mit Geldstrafe bestraft. Der Versuch ist strafbar. Handelt der Täter fahrlässig, so ist die Strafe Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder Geldstrafe.“ „Datenvergiftung“ ist bisher nicht im Strafgesetzbuch als Gesetzesbruch vorgesehen.
Wo haben wir das Thema entdeckt? Meldung in der tagesschau.de Stand: 16.01.2026 • 12:34 Uhr Künstliche Intelligenz und Ethik. Wenn KI-Chatbots bösartig werden „Das Fine-Tuning von KI-Modellen mit problematischen Zahlenreihen kann zu unerwartetem Fehlverhalten führen. Experten warnen vor den Risiken und fordern mehr Forschung.“ https://www.tagesschau.de/wissen/technologie/ki-sprachmodelle-100.html
Die Quelle für die Meldung in der Tagesschau-App war das folgende Forschungspapier Emergent Misalignment: Narrow finetuning can produce broadly misaligned LLMs Artikel: https://arxiv.org/abs/2502.17424 Ebenfalls Link zur PDF und Anhängen.
Die Experten – die Forschergruppe Hinter diesem und vielen anderen Berichten steht eine ganze Forschergruppe: Jan Betley, Daniel Tan, Niels Warncke, Anna Sztyber-Betley, Xuchan Bao, Martín Soto, Nathan Labenz, Owain Evans.
Weitere Forschungsberichte dieser Gruppe
Detecting Data Poisoning in Code Generation LLMs via Black-Box, Vulnerability-Oriented Scanning https://arxiv.org/abs/2603.17174
Eine Übersicht des Forschungsstandes zum Thema „Data Poisoning“ liefert eine Suche auf arxiv.org. Am 1.6.2026 zeigte die Suche 96 results for all: data poisoning training data of LLM
Aus dem 21.Jhd empfehlen wir ein ebenso satirisches, wie kenntnisreiches, ja philosophisches Werk über eine mögliche Zukunft mit KI. Eine der Hauptpersonen ist ein Maschinen-Therapeut. Marc Uwe Kling:QualityLand (dunkle, pessimistische Edition). Ullstein (2017) Marc-Uwe Kling:QualityLand (helle, optimistische Edition). Ullstein (2017) Marc-Uwe Kling:QualityLand 2.0: Kikis Geheimnis. Ullstein, (2020)
Folgenbild
Das Folgenbild zeigt Papst Alexander VI (1.1.1431 bis 18.8.1503).
Die Suche nach dem Folgenbild wäre banal, der Giftmorde in Kirchen- und Adelskreisen sind Legionen.
Alexander soll einer der Vergifteten gewesen sein. Weil er „Anlässe“ gegeben haben soll. Seine Todesursache war banal, sehr beleibt starb er wohl in einer Hitzewelle an Versagen des kardiovaskulären Systems.
Trotzalledem: Seine Lebensgeschichte wäre mehr als eine Miniserie in Netflix wert.
Er hat viel bewirkt, unter anderem dass das spanische Kirchenvermögen besteuert wurde, damit die finanzielle Last der Indigenen in Südamerika verringert wurde. Ausserdem hat er – als Papst – Juden aufgenommen, die verfolgt wurden.
S03E1324 Wir erzählen zwei Geschichten, die den Brauch des Schenkens – auch zu Weihnachten – auf vielleicht ungewohnte Weise beleuchten.
1. Lieber keine Gurke in der Hand als die Traube auf dem Dach!
Verhalten als Austausch
Fast alle Interaktionen zwischen Menschen enthalten eine Komponente von Geben und Nehmen. – Ich gebe Dir 45,21 Euro, dafür gibst Du mir 26,75 Liter Benzin. – Ich verzichte auf etwas, dafür bekomme ich Anerkennung. – Ich helfe dir beim Umzug, dafür hilfst du mir beim Renovieren. – Ich höre Dir zu, dafür hörst Du mir auch zu. – Ich liefere dir Daten, dafür bekomme ich kostenlose Dienste. – Ich poste ein Bild, dafür bekomme ich Likes. – Ich arbeite acht Stunden am Tag, dafür bekomme ich ein Gehalt. – Ich ziehe Dich groß und ernähre Dich, dafür zahlst Du meine Rente.
Versucht man menschliches Verhalten zu verstehen oder zu erklären, bietet sich also der Begriff des Austauschs als erklärendes Moment. Tatsächlich gibt es gleich mehrere Austausch-Theorien, die jegliche menschliche Entscheidung in ein Kosten-Nutzen-Kalkül einpassen. Die älteste stammt von George Caspar Homans, dem Begründer der „Behavioral Sociology“ und einer der Hauptvertreter dieser Idee. Seine grundlegende Veröffentlichung dazu erschien 1958 mit dem Aufsatz „Social Behavior as Exchange.“
Homans, G. C. (1958). Social behavior as exchange. American Journal of Sociology, 63(6), 597–606. https://doi.org/10.1086/222355
Auch Weihnachten in einer typischen Familie ist in gewisser Weise nichts anderes als ein komplexer Austausch von materiellen und immateriellen Gütern. Die Kinder investieren Wohlverhalten (…sind „brav„) und vielleicht selbstgebastelte Geschenke, dafür erhalten sie Geschenke mit einem bestimmten materiellen Wert, die sie sich selbst nicht leisten könnten. Der Zauber der heiligen Nacht wird durch diese merkantile Betrachtungsweise zwar etwas gedämpft, aber nüchtern betrachtet trägt sie sehr weit, wenn man die verschiedenen glücklichen oder unglücklichen Situationen, die wir alle Heiligabend erleben, verstehen will.
Gerechtigkeit
Ein Bescherabend ist ja ein Geben und Nehmen, und nur wer ausreichend gibt, kann damit rechnen, in gleichem Maß nehmen zu können. Ein zweiter Gedanke, der dann unweigerlich ins Spiel kommt, ist: Gerechtigkeit. Wurden Torben und Pauline denn auch gleich behandelt? Man merkt es an der Laune und an der Kooperationsbereitschaft, die sich nach der Bescherung einstellen. Haben die Eltern es richtig gemacht, fühlt sich der Nachwuchs im gleichen Maß belohnt und beschenkt. Wenn man es falsch gemacht hat, fühlt sich ein Sprössling ungerecht behandelt und als Folge wird auch der Eifer beim Tischdecken und Aufräumen entsprechend bescheiden ausfallen – ganz zu schweigen von Wut und Tränen.
Ergänzt man die Idee des Austauschs durch die – dem gesunden Menschenverstand eigentlich sehr plausible – der Gerechtigkeit, erhält man also einen zweiten theoretischen Rahmen, der unter dem englischen Begriff für Gleichheit oder Fairness gehandelt wird, nämlich „Equity“. Auch hier zitieren wir den Gründervater des entsprechenden Theoriegebäudes, den Organisations- und Sozialpsychologen John Stacy Adams:
Adams, J. S. (1963). Toward an understanding of inequity. Journal of Abnormal and Social Psychology, 67(5), 422–436. https://doi.org/10.1037/h0040968
Für den Deep Dive in die Thematik eignet sich dieser vielzitierte Beitrag von Ernst Fehr und Klaus M. Schmidt aus dem Jahr 2006:
Tritt die angedeutete Situation ein, dass verschiedene Protagonisten ungerecht belohnt oder bezahlt werden – sagen wir es ganz abstrakt -, dann haben wir es mit „Inequity“ zu tun. Und wer hierauf negativ reagiert, zeigt ein Verhalten, das man „Inequity Aversion“ nennt. Wir wissen, wovon wir reden, denn wir alle sind schon einmal unfair behandelt worden und haben darauf mit Frustration und Ärger reagiert.
Weihnachten ist in dieser Hinsicht ganz besonders gefährlich, denn es gibt kaum eine Situation, in der wir das, was wir einer schenkenden Person im wahrsten Sinn des Wortes „wert“ sind, so direkt miteinander vergleichen können. Socken, Diamant-Armbänder, Action-Figuren, Bücher, Playstations, Krawatten, selbstgemalte Bilder gelangen in eine komplexe Berechnung, in der nicht nur der materielle oder immaterielle Wert, sondern auch der zur Erlangung des Geschenks erforderliche Aufwand und der Nutzen für die beschenkte Person miteinander in Beziehung gesetzt werden. Das Ergebnis ist Entzücken, Überraschung, Enttäuschung, Wut – je nachdem wie die Kalkulation ausällt.
Wenn solche grundlegenden Dinge verhandelt werden, interessieren natürlich immer auch Tierversuche, in denen Wale, Heuschrecken oder auch Pantoffeltierchen mit Modell-Situationen konfrontiert werden, die eine Analogie zu den komplexen „typisch menschlichen“ sind. Eine Leistung gilt dann als umso grundlegender, wichtiger und stärker biologisch verankert, je mehr Tierarten sich analog verhalten – eine einleuchtende Überlegung.
Der niederländische Verhaltensforscher Frans De Waal hat sich hier besondere Verdienste erworben. Sein Lebenswerk und seine Schlussfolgerungen hat er in einem Buch mit dem vielsagenden Titel „Are we smart enough to know how smart animals are?“ zusammengefasst.
Also: gibt es „Inequity Aversion“ bei Tieren? Kurze Antwort: ja. Längere Antwort: Es kommt auf die Tierart an. Primaten (v.a. Schimpansen) und Krähenvögel sind nachweislich empfindlich, wenn es unfair zugeht, genauso aber auch Elefanten und Delfine. Es scheint, dass eine gewissen Hirngröße und das Leben in einem sozialen Verband zusammenkommen müssen, damit Inequity Aversion entwickelt wird.
In den legendären Experimenten, die am Anfang der Forschung zur Inequity Aversion (und im Mittelpunkt unserer Podcastfolge zum Wisspod-Adventskalender) stehen, wurden Kapuzineraffen untersucht:
…und natürlich werden wir uns hüten, an dieser Stelle zu verraten, was bei diesem legendären Experiment geschah. Immerhin so viel können wir verraten: Es hatte sehr viel Ähnlichkeit mit einer weihnachtlichen Bescherung.
Noch ein Tipp zum Zugucken: Frans de Waal zeigt in einem TED-Talk eben dieses legendäre Experiment, in dem ein Kapuzineraffe ziemlich schlecht gelaunt auf eine ungleiche Entlohnung reagiert.
Genauso plausibel und menschlich: Inequity Aversion ist besonders ausgeprägt, wenn ein hoher Aufwand erforderlich war, um die Belohnung zu ergattern. dies berichten:
Van Wolkenten, M., Brosnan, S. F., & de Waal, F. B. (2007). Inequity responses of monkeys modified by effort. Proceedings of the National Academy of Sciences, 104(47), 18854-18859. https://www.pnas.org/doi/pdf/10.1073/pnas.0707182104
Für den Deep Dive empfehlen wir hier den sehr gut zusammengestellten Artikel der englischsprachigen Wikipedia:
2. Eine Einladung zum Potlatch bei den Kwakwaka’wakw
Der Austausch von Geschenken sollte nicht nur zu Weihnachten gerecht und angemessen sein. Ganz drastisch wurde uns das von Frans de Waal gezeigt. Die Ethnologie erlaubt uns einen Blick auf eine soziale und, überraschend andere, zukunftsweisende Schenk-Tradition aus der Geschichte der First Nations aus Bakiotl (nun British Columbia , Nord Kanada). Wir haben uns mit dem Potlatch beschäftigt – auch geschrieben Potlach; gesprochen „potlätsch“. Kein einfaches Unterfangen – so faszinierend dieser Brauch ist, so unterschiedlich prägte die kulturelle Herkunft den Blick. Wir haben uns daher hauptsächlich die Geschichte aus der Sicht der Kwakwaka’wakw (auch „Kwakiutl“), einem Stamm der First Nations, erzählen lassen.
Der Ursprung des Potlatch
„Das Volk der Kwakwaka’wakw wanderten aus dem unwirtlichen Nordosten Sibiriens in ein Land, das sie „Bakiotl“ nannten. Voller Freude und Dankbarkeit ob der Fülle an Fisch, Fleisch, Beeren, Kräutern, Holz als Baumaterial für Kanus, ihre Langhäuser und rituelle Artefakte (Totempfähle) und dem angenehmeren Klima feierte man Feste der Dankbarkeit, an denen man die eigene Geschichte lebendig werden lies und wohlwollend der Ahnen gedachte.
Eine Tradition entsteht Aus den Freuden-Festen entwickelte sich die Tradition des Potlatch, einem Fest des Schenkens. Potlatch ist ein Wort der pazifischen Nordwestregionen von Kanada und Amerika aus der universellen Handelssprache Chinook und bedeutet „Gabe“ oder „Geschenk“. In diesem Vererbungsritual wurden noch zu Lebzeiten der „Erblasser“ Namen, Privilegien, Masken, Schnitzereien, Totempfähle und Rituale weitergegeben. Auch spirituelle Handlungen, Lieder, Tänze und Methoden der Heilung wurden öffentlich gemacht. All‘ das sollte die Kontinuität zwischen der Welt der Ahnen, der Gegenwart und Zukunft sicherstellen. Die Anwesenheit hochrangiger Zeugen aus anderen Stämmen legitimierte diese Kontinuität: Diese konnten bezeugen, dass „alles mit rechten Dingen“ zugegangen war; dass die Erben rechtmäßig eingesetzt waren. Das wir keine Vererben von Land mit aufführen hat den Grund in der Regel dass Land nicht vererbbar war, sondern von Jedermann/-frau zu nutzen sein sollte.
Das Ende des Potlatch?
Ein vernünftiges und rauschendes Fest, wie es scheint. Einen ersten auch visuellen Eindruck gewinnt man auf der Website einer Wander- Ausstellung zum Thema: DIE MACHT DES SCHENKENS. DER POTLACH IM GROSSEN HAUS DER KWAKWAKA´WAWK FIRST NATION. Ausstellung zu Geschenk-Kulturen und Verschwendungs- Ökonomien. https://www.kulturstiftung-des-bundes.de/de/projekte/bild_und_raum/detail/der_grosse_potlatch.html
Moment – was sind Verschwendungs-Ökonomien? Etwa der durch überbordende Geschenke Rituale zu Weihnachten getriebene Tsunami von „eitlem Tand“ und „unnützem Zeugs“? Nun, es gibt eine deutliche Differenz zwischen den Erzählungen der indigenen Bevölkerung und denen der eingewanderten Europäer, was denn nun ein Potlatch sei. Die übereinstimmenden Erzählungen der Kwakiutl zeigen: Grundlegend war die Idee, „etwas“ zu nutzen, aber nicht auf ewig (z.B. in der Familie) zu „besitzen“. Auch wollte man Erbstreitigkeiten verhindern und friedlich weiter gut leben, alles Wissen und Können, den gesamten Besitz zum Wohle aller weiter zu gegeben an die nächste Generation. In den Augen der eingewanderten, überwiegend protestantisch-calvinistisch geprägten Christen war das gotteslästerlich, höchst unvernünftig oder sogar geisteskrank. Beweis: Die Schenkenden gäben ja „alles“ weg, scheinen sich „in den Ruin geschenkt“ zu haben.
Politiker und Missionare erklärten daher den Potlatch als das eigentliche Hindernis für die Christianisierung des Volkes der Kwakwaka’wakw. Weil christliche Missionare und Politiker die Tradition so gründlich missverstanden, fand er ein vorläufiges Ende und wurde im Jahr 1884 in Kanada verboten und kriminalisiert. Das Kulturerbe, einschliesslich von zum Teil über 300 Jahre alten Artefakte wurden beschlagnahmt, verschenkt, verkauft und konnten nur zum Teil in Museen gerettet werden.
Grandmother Gloria Cranmer Webster, eine Nachfahrin des Häuptlings Cranmer erzählt über diese Tradition der Vorfahren in diesem Video: Kwakwaka’wakw – The Potlatch Cermony & Traditions.
https://www.youtube.com/watch?v=a_BE8dLDhVY
Weil immer noch kolonialistisch geprägte Versionen durchs Web irrlichtern, sollte man auf sich mit wachem Blick den Quellen nähern. Empfehlenswert sind weitere Videos auf Youtube als Quelle.
Mehr Informationen über den Potlatch und die First Nations gibt es bei: Kenneth Greg Watson: [_Native Americans of Puget Sound — A Brief History of the First People and Their Cultures._][1] HistoryLink.org, 29. Juni 1999. http://historylink.org/index.cfm?DisplayPage=output.cfm&file_id=1506
Nahm der Bann des Potlatch ein Ende? Erst 1951 wurde die Kriminalisierung aus dem „Indian Act“ gestrichen. 1953 fanden erste Potlatches wieder statt, bei denen man die Sprache und Traditionen der First Nations wieder aufleben ließen und das alte Wissen weitergaben. https://www.thecanadianencyclopedia.ca/en/article/potlatch
Das waren: Zwei Geschichten, die sich mit Schenken und Geschenken beschäftigen.
Die erste Geschichte aus der Verhaltenswissenschaft offenbart eindrücklich, wie wichtig und universell Fairness und Gerechtigkeit im Zusammenleben, auch bei Belohnungen und beim Schenken sind. Also Obacht beim Schenken zum Fest. Heftige Reaktionen der Beschenkten sind nicht ausgeschlossen.
Die zweite Geschichte stammt aus der Ethnologie. Sie macht deutlich, wie das Unverständnis einer fremden (Schenk-) Kultur wirkmächtig (fast) zum Untergang derselben führt. Man sollte verstehen, weshalb Menschen und Kulturen schenken: es kann eine andere Bedeutung haben, als man annimmt.
Folgenbild
Auch umfangreiche Recherchen gaben aus dem riesigen Fundus von Zeichnungen und Gemälden nichts her für ein passendes Folgenbild. Aber natürlich bietet das 21. Jhd. jegliche Unterstützung Bildgenerierender Modelle. Das Folgenbild stammt aus dem virtuellen Pinsel von Googles Gemini. Der Prompt* das Bild „Im Stile von René Margritte“ zu erstellen zauberte überbordende Trauben auf ein Dach, einen von einer ganzen Gurke enttäuschten Primaten und einen das Ganze freundlich betrachtenden Mann der First Nations in eine Illustration. Das Weihnachts-„Easteregg“ finden aufmerksame Betrachter:innen an einer exponierten, aber unerwarteten Stelle als Hommage an René Margritte. *Danke für den Prompt an Henry.
Aber zuvor eine Information zum Wisspod-Adventskalender
Es gibt eine Sonderfolge von achwasfm.janlucash.com/: Am 13. Dezember – erschien unsere „Geschenke“ Folge S03E1324 „Gurke, Traube & The First Nations“ im Wisspod-Adventskalender. Alle 24 Folgen findet ihr unter dieser URL: https://wissenschaftspodcasts.de/themenseiten/wisspod-adventskalender-2025
S03E14 Das Thema dieser Folge ist eigentlich ein altehrwürdiges, nämlich… das Schlaraffenland! Wirklich! Wie das sein kann? Nun, die Retorten der allenthalben entfesselten künstlichen Intelligenzen produzieren rund um die Uhr alle Arten von Inhalten – Pardon, „Content“. Sie tun dies in Mengen, für früher Tausende von Autor/innen hunderttausende Stunden hätten arbeiten müssen. Musik, Texte, Bilder quellen aus dem Browser wie gebratene Tauben.
Und sie werden von findig entwickelten Bots optimiert und in die Trefferlisten der Suchmaschinen hineingepresst. Als Bewohner dieses zweifelhaften Schlaraffenlands müssen wir anscheinend nichts mehr tun, außer Konsumieren. Alles schreibt, komponiert, textet und gestaltet sich im Nu in beliebigen Mengen wie von Geisterhand. Dabei ist es einer KI natürlich völlig gleichgültig , ob es sich bei Ihren Produkten um Wahrheiten oder Lügen, Tatsachen, Fake News oder beliebigen erfundenen Mumpitz handelt. Was zählt ist Aufmerksamkeit und Reichweite, je mehr, desto besser und koste es, was es wolle.
„AI-Slop“ oder „KI-Slop“ nennt man diesen lautlosen Content-Tsunami und so nimmt es nicht Wunder, wenn es mittlerweile Menschen gibt, die das Internet quasi für tot erklären oder seinen nahen Untergang voraussagen, tot und begraben unter … genau: KI-Slop. Also: Nach uns die Sintflut? Es scheint so. Und einmal mehr war es der zwangsgebührenfinanzierte linksversiffte Sender ARTE, der als eines der ersten reichweitenstarken Medien das Phänomen in einer wirklich sehenswerten Dokumentation aufgegriffen hat. Titel:
Und dieser wissenschaftliche Beitrag von Renee Di Resta und Josh Goldstein ist einer der frühesten zur Bestimmung des Phänomens „AI-Slop“. Er geht dabei u.a. auch auf den notorischen „Shrimp Jesus“ ein.
Im Verlauf unseres Gesprächs über KI-Slop stellt sich heraus, dass Menschen – auch ohne KI – Slop erzeugen können. Der typische Auslöser für menschlichen Slop ist, dass Personen Wirkungen erzielen möchten, ohne Rücksicht auf die Wahrheit ihrer Aussagen zu nehmen. Alternativ entsteht Human-Slop, wenn Menschen gezwungen werden, über Dinge Auskunft zu geben, von denen sie nichts verstehen. Das wundervolle Essay über „Bullshitting“ des Philosophen Harry Gordon Frankfurt ist online verfügbar und es ist wirklich lesenswert. Vor dem inneren Auge sieht man schemenhaft Donald Trump Hand in Hand mit ChatGPT vorbeiziehen…
Wir haben lange nach verständlichen und einfachen Quellen zu diesem Thema recherchiert und sind nicht wirklich fündig geworden. Natürlich: Quellen gibt es zuhauf, aber sie sind aus der Linguistik und das ist meist sehr schwere Kost zum Lesen und zum Verstehen. Wer sich für die Idee von Oberflächen- und Tiefenstrukturen von Aussagen oder Bedeutuungen im allgemeinen interessiert, mag behelfsmäßig bei der Wikipedia nachlesen:
Zurück zu unserer Erzählung: Einmal mehr fragen wir uns, woher das kommt und ob Inhalte ohne Ende und ohne Anstrengung wirklich eine gute Idee sind? Immerhin haben alle Utopien des Schlaraffenlands sich für die sehr zwiespältige Wirkung des Überflusses interessiert: Man könnte es so zusammenfassen: Es ist viel, es ist (a) einfach und (b) bequem, aber auch (c) ungesund und (d) degeneriert. Das haben schon die mittelalterlichen Autoren so geargwöhnt.
Model Collapse
Dass das wörtlich zu nehmen ist (das mit der Degeneration), weiß man, seitdem Forschende damit experimentieren, künstliche Intelligenzen mit ihren eigenen Produkten zu füttern. „Model Collapse“ ist der Fachbegriff. Und er bedeutet: Die über mehrere Generationen in Inzucht entwickelten Systeme beginnen Fehler zu machen, sie produzieren erratischen Unsinn, produzieren Fehlstellen und Webfehler, beginnen sich zu wiederholen und stammeln schließlich nur noch stereotyp noch noch stereotyp noch stereoptyp…
Angesichts der Tatsache, dass das Phänomen für KI eigentlich erst seit wenigen Jahren bekannt ist, sträubt man sich ja ein wenig, von „klassischen“ Quellen zu sprechen, aber dieser Beitrag – den wir im Blog besprechen bzw. zitieren – gehört zu den meistzitierten und hätte vielleicht das Prädikat „klasisch“ verdient:
Shumailov, I., Shumaylov, Z., Zhao, Y., Papernot, N., Anderson, R., & Gal, Y. (2024). AI models collapse when trained on recursively generated data. Nature, 631(8022), 755-759. https://www.nature.com/articles/s41586-024-07566-y.pdf
Ein lesenswerter Preprint zum gleichen Thema, der genau zum gleichen Ergebnis kommt – mit Beispielen dafür, wie die Inhalte einer degenerierten KI konkret aussehen:
Gambetta, D., Gezici, G., Giannotti, F., Pedreschi, D., Knott, A., & Pappalardo, L. (2024). Characterizing Model Collapse in Large Language Models Using Semantic Networks and Next-Token Probability. arXiv preprint arXiv:2410.12341. https://arxiv.org/pdf/2410.12341
Wie viel Slop darf’s denn sein?
Das ist natürlich eine berechtigte und interessante Frage. Die Antwort ist – noch – nicht ganz einfach. Immerhin gehen alle Quellen, die wir finden konnten, von einem wachsenden Anteil von Slop in allen denkbaren Plattformen aus. Allerdings ist bei der Bewertung aller Studien, die derzeit mit maschinellen Mitteln solche Zahlen ergeben, große Vorsicht geboten. Es gibt derzeit keine zuverlässigen Methoden, KI-generierte Inhalte zu erkennen.
Der im Podcast erwähnte Beitrag zur Ausbreitung von KI-Inhalten in verschiedenen Text-Sorten: Liang, W., Zhang, Y., Codreanu, M., Wang, J., Cao, H., & Zou, J. (2025). The widespread adoption of large language model-assisted writing across society. https://www.cell.com/patterns/fulltext/S2666-3899(25)00214-4
Verschiedenes:
Der Halloween-Parade-Hoax wurde – wie erwähnt – vor allem im angelsächsischen Raum rund um die Britischen Inseln wahrgenommen und in der Presse kommentiert.
Das Schlaraffenland ist weit über die Erzählung, die man über Märchenbücher kennt hinaus, ein interessantes Thema. Und es macht Spaß und ist auf der anderen Seite auch etwas „creepy„, wenn man sieht, wie genau sich diese skurrile Geschichte als Allegorie auf unseren hochmodernen KI-Slop sozusagen „mappen“ lässt:
Man kann sie – wie oben angedeutet – nicht immer uneingeschränkt empfehlen, aber die Wikipedia hat einen gut erzählten Beitrag über das Schlaraffenland. https://de.wikipedia.org/wiki/Schlaraffenland
Zum Episodenbild:
Pieter Brueghel der Ältere hat diese weltberühmte Vision des Schlaraffenlands um 1576 herum gemalt. Ein Ritter, ein Bauer und ein Gelehrter (also Vertreter aller Stände) liegen – vom vielen Genuss schon leicht adipös aufgequollen – unter einem Baum und warten darauf, dass die dort bereitgestellten Köstlichkeiten sich von selbst auf den Weg zu ihnen machen. Im Hintergrund läuft ein gebratenes Ferkel und an Horizont ist die Mauer aus süßem Hirsebrei zu sehen, die das Schlaraffenland bekanntlich umgibt und durch die sich gerade jemand hindurchgefressen hat. Die Kombination von Überfluss und sündiger Trägheit entspricht natürlich der Moral des ausklingenden Mittelalters, doch als Allegorie für KI-Slop können wir uns kaum etwas Besseres vorstellen.
Staffel 3, Episode 13. Am aktuellen KI Wirbel geht kein Weg vorbei – und die Meinungen auseinander. Jeder und jede kann es, das Prompten, oder müsste es können, um nicht von denen ausgestochen zu werden, die es in 3 Wochen-Kursen gelernt haben. Oder wie eine von mir sehr geschätzte Person von KI-überzeugter Seite zu hören bekam: „Klar, KI wird dich nicht ersetzen – aber diejenigen werden es tun, die KI können!“ Sehen wir und hören wir, was da aktuell rumort. Und dann wem Hören und Sehen vergeht.
Das ist eindeutig – und weißt auf einen gigantischen Markt für die Anbieter der KI hin. Und für Ausbildungen in KI. Und für Menschen, die mit KI endlich schneller, besser und weiter kommen. Aber ist es wirklich so, wie es dargestellt wird: Angst und Gier tanzen fröhliche Urstände, will doch jede und jeder bessere Liebesmails, eigene Werbetexte, Webseitentexte, passende Bewerbungen schreiben lassen. Mit Ideen, auf die man selbst nicht kam. Aber ganz authentisch „Ich“ sind. Es empfiehlt sich, zumindest den generierten Text auswendig zu lernen für das das Date oder das Bewerbungsgespräch. Oder für das Gespräch mit den gewonnenen Kunden das Beherrschen der KI zu einem Super Mega USP (Unique Selling Proposition, Alleinstellungsmerkmal) hochzujazzen und auf Verständnis zu hoffen, dass man das von seinem Laptop und einem 20$ Abo für ein „Großes Sprachmodell“ von einer „Generativen KI“ erledigen lässt, was man da anpreist.
So toll es klingt. eine Studie des MIT kommt zu dem Schluss, das 95 % der Unternehmen noch keine messbaren finanziellen Erträge aus ihren Investitionen erzielen konnten“. Und weiter, eine Meldung vom 6.11.2025 „Neue Daten zeigen, dass Unternehmen ehemalige Mitarbeiter wieder einstellen, da KI hinter den Erwartungen zurückbleibt. Ein wiederkehrender „Entlassungs-Bumerang“ trotz KI-Investitionen der Unternehmen“. (2) Momentan scheint es was für Privatmenschen und wenige Branchen zu sein:
Und genau diese „Generativen KIs“ sollen toxisch für die Wirtschaft werden. Im Podcast erklären wir, was es braucht um eine Maschine für Generative KI zu betreiben. Und was man aus diesem Betrieb erlösen kann. Aber von Anfang an, worum geht es in dieser Folge: Am 25. September 2025 veröffentlichte Techspot eine Notiz der Deutschen Bank ann Ihre Kunden. Aufmerksame Leser:innen lasen die folgende Titelzeile: „Die KI-Blase ist das Einzige, was die US-Wirtschaft aktuell zusammenhält“.
Der Vollständigkeit halber mehr des Textes(Quelle 1): „Laut einer kürzlich von der Deutschen Bank an ihre Kunden versandten Forschungsnotiz trägt der KI-Boom derzeit dazu bei, dass die US-Wirtschaft eine Rezession vermeiden kann, aber er (der Boom, HWK) kann nicht unbegrenzt anhalten. George Saravelos, Global Head of FX Research bei der Deutschen Bank, sagte, dass die USA in diesem Jahr kurz vor einer Rezession stünden, wenn die großen Technologieunternehmen nicht so viel Geld in den Aufbau neuer KI-Rechenzentren investieren würden. (Übersetzt mit DeepL).
9.10.2025 „Die Bank of England und der IWF (internationale Währungs Fonds) warnen vor einer KI-Blase, die Ähnlichkeiten mit dem Dotcom-Crash von 2000 aufweist – Goldman Sachs mahnt jedoch, dass wir „noch nicht“ so weit sind.“ Übersetzt mit DeepL
(1) Techspot.com 27.09.2025 The AI bubble is the only thing keeping the US economy together, Deutsche Bank warns. When the bubble bursts, reality will hit far harder than anyone expects.
(2) Bonus Information, nach unserer Aufnahme erschienen: Techspot.com 6.11.2025 New data shows companies are rehiring former employees as AI falls short of expectations. A rebounding „layoff boomerang“ despite corporate AI investments „…Her comments align with research from MIT, which shows that about 95 percent of organizations have yet to realize measurable financial returns from their AI investments. Steve Sosnick, chief strategist at Interactive Brokers, said recent spending patterns in the sector suggest that „maybe all this money is not actually being spent all that wisely.“ Deutsch: „… Ihre Aussagen stimmen mit einer Studie des MIT überein, aus der hervorgeht, dass etwa 95 Prozent der Unternehmen noch keine messbaren finanziellen Erträge aus ihren KI-Investitionen erzielt haben. Steve Sosnick, Chefstratege bei Interactive Brokers, sagte, die jüngsten Ausgabengewohnheiten in diesem Sektor deuteten darauf hin, dass „vielleicht all dieses Geld nicht wirklich sinnvoll ausgegeben wird“.
(3) die oben erwähnte MIT Studie aus August 2025, Details: „Trotz geschätzter Unternehmensausgaben in Höhe von 30 bis 40 Milliarden US-Dollar für generative KI-Tools und -Systeme kommt ein neuer Bericht des Massachusetts Institute of Technology (MIT) zu dem Ergebnis, dass 95 % der Unternehmen noch keine messbaren finanziellen Erträge aus ihren Investitionen erzielen konnten“.
„Während Tools wie ChatGPT und Microsoft Copilot weit verbreitet sind – mehr als 80 % der Unternehmen haben sie getestet und fast 40 % geben an, sie in gewissem Umfang einzusetzen –, steigern diese Tools eher die individuelle Produktivität als dass sie zu Gewinnsteigerungen führen. Unternehmensweite Systeme, egal ob maßgeschneidert oder von Anbietern verkauft, stoßen auf deutlich größeren Widerstand“. Übersetzt mit DeepL. https://www.digitalcommerce360.com/2025/08/25/mit-report-no-return-on-generative-ai/
Folgenbild
1637: Am 7. Februar 1637 platzt die seit zirka 1634 andauernde Tulpenzwiebelspekulation in Holland. Der Wikipedia Artikel bietet eine gute Übersicht, wie es zur Blase kam und zeigt mehrere Erklärungsstränge, wie diese dann zum platzen kam. Dabei spielten überzogene Kurse, ungerechtfertigte Preise und seltsame Verträge eine Rolle, die Bietern auf Zwiebeln die Möglichkeit gaben, gegen ca 10% der Summe auf dieses Bid zu verzichten. Um die Dimensionen damals aufzuzeigen: Für seltene Tulpenzwiebeln wurden Preise im Wert eines Stadthauses in Amsterdam gezahlt. https://de.wikipedia.org/wiki/Tulpenmanie
Unser Folgenbild
zeigt das Symbol der Tulpenzwiebelblase, eine Blüte der Sorte „Semper Augustus“. Das Tulpenmuseum Amsterdam überschreibt dieses Bild folgendermaßen:
„Die zweifellos berühmteste Tulpe der Geschichte ist die rot-weiße Semper Augustus – eine „gebrochene Tulpe“, von der eine Zwiebel während der Tulpenmanie angeblich für den Gegenwert von mehr als einem Stadthaus in Amsterdam verkauft wurde. (Übersetzung aus dem Englischen).
Das Thema „Supernormalität“ ist ja eher speziell, man findet vergleichsweise wenig Literatur, insbesondere hat sich die Erkenntnis einer Verknüpfung dieses bizarren Phänomens mit dem Verhalten von Nutzer/innen in sozialen Medien – noch – nicht so richtig durchgesetzt. Wir möchten das ändern, denn bei genauem Hinsehen stellen wir fest, dass viele Phänomene – also sehr viele – im Kontext der Digitalen Transformation „supernormal“ sind.
…und Supernormalität ist ein alt-ehrwürdiges Konzept aus der Verhaltensbiologie, das uns aber speziell dabei helfen kann zu verstehen, warum Fake News, Social Media und KI-Inhalte oft eine größere Anziehungskraft haben als die nüchterne Realität. Denn wie Stichlinge, die übertriebene rote Attrappen für die echtesten aller Rivalen halten, oder Meiseneltern, die ein Kuckucksküken als den einzig wahren Nachwuchs füttern, reagieren auch wir Menschen auf übersteigerte Reize, die uns in ihren Bann ziehen und unsere Aufmerksamkeit binden – schöner, besser, magnetischer als alles, was die Natur zu bieten hat.
Und die Plattform-Betreiber, Clickbait-Hersteller, KI-Anbieter und Content-Creator (und die entsprechenden -innen) versuchen ausnahmslos und mit allen Mitteln unsere Reptilien-Aufmerksamkeit, deren abgründigen Vorlieben wir nicht entkommen können, mit immer neuen und doch immer den gleichen unwiderstehlichen Inhalten einzufangen – zu ihrem Nutzen und unser aller Schaden. Und so sitzt der Homo Sapiens am Beginn des dritten Jahrtausends Stunde um Stunde an den Bildschirmen und sein hypnotisiertes Gehirn konsumiert den endlosen und größtenteils nutzlosen Informationsmüll wie leckere, knusprige, fettige und zu stark gewürzte Kartoffelchips – mit dem Unterschied, dass uns hiervon zum Glück irgendwann schlecht wird…
Quellen zum Thema Supernormalität
Um gute und relevante Quellen und Diskussionsbeiträge zum Thema Supernormalität zu finden, muss man länger arbeiten. Aber es lohnt sich.
Die folgenden Artikel empfehlen wir für eine fokussierte Lektüre:
Die umfangreichste Publikation zum Thema stammt von Deidre Barrett und ist absolut lesenswert: Barrett, D. (2010). Supernormal stimuli: How primal urges overran their evolutionary purpose. WW Norton & Company.
Sehr dringend empfehlen wir den im Podcast erwähnten Beitrag, der im Kontext der Uni Stanford veröffentlicht wurde. Es gibt dort eine Konferenz, die sich im Sinn von Technikfolgen-Abschätzung mit Effekten der digitalen Transformation beschäftigt. Speziell dieser Beitrag ist lesenswert: Luxton, D. & Watson, E. (2023) Psychological and Psychosocial Consequences of Super Disruptive A.I.: Public Health Implications and Recommendations. In D. Zimmer, T. A. Undheim, P. N. Edwards (Hrsg.) Intersections, Reinforcements, Cascades. Proceedings of the 2023 Stanford Existential Risks Conference. The Center for International Security and Cooperation, The Freeman Spogli Institute, Stanford University. https://drive.google.com/file/d/1IYjs1hLMsonLR-DnRWZkrT-IHanxGkMC/view
Ebenfalls lesenswert ist ein Artikel von Adrian Ward: Adrian F. Ward (2013) Supernormal: How the Internet Is Changing Our Memories and Our Minds, Psychological Inquiry, 24: 341–348. https://doi.org/10.1080/1047840X.2013.850148
Gregory Giotti hat auf seinem Blog einen schönen Online-Essay zum Thema veröffentlicht, das sich im Wesentlichen in der Betrachtungsweise und in den Schlussfolgerungen mit unserer Analyse decken: https://www.sparringmind.com/supernormal-stimuli/
Und in einem Artikel von Debby Hadley mit dem Titel „The Giant Jewel Beetle That Mates With Beer Bottles“ findet sich eine etwas aktuellere Beschreibung – zusammen mit einem farbigen Bild: https://www.thoughtco.com/the-giant-jewel-beetle-1968152
In einem Artikel von Debby Hadley mit dem Titel „The Giant Jewel Beetle That Mates With Beer Bottles“ findet sich eine etwas aktuellere Beschreibung – zusammen mit einem farbigen Bild: https://www.thoughtco.com/the-giant-jewel-beetle-1968152
Fun-Fact am Rand: Die Arbeit von Gwynne und Rentz hat später (im Jahr 2011) den „Ig-Nobelpreis“ gewonnen, das ist eine Art Anti-Nobelpreis, mit dem Beiträge ausgezeichnet werden, die Menschen zuerst lachen und dann nachdenken lassen „…to honor achievements that first make people laugh, and then make them think.“ Mehr hierzu findet man unter dieser URL: https://improbable.com
Die Auswirkungen von Pornographie
Das ist ein wichtiges und entsprechend auch viel untersuchtes Thema, das – nebenbei bemerkt – mindestens eine Folge von achwasfm.janlucash.com/ wert wäre.
Einen sehr umfassenden Überblick über die letzten 20 Jahre Forschung zu diesem Thema finden interessierte Hörer/innen in dieser Arbeit:
Diese aktuellere Studie untersuchte eine Gruppe von Jugendlichen, die sich selbst als betroffen einschätzten und Hilfe für ihren problematischen Pornografiekonsum suchten. Typische Symptome des problematischen Konsums (z. B. Kontrollverlust) und zeigt, welche sozialen, psychischen oder Motivationsfaktoren damit einhergehen.
Jiang, X., Wu, Y., Zhang, K., Bőthe, B., Hong, Y., & Chen, L. (2022). Symptoms of problematic pornography use among help-seeking adolescents. Journal of Behavioral Addictions, 11(3), 912–927. https://akjournals.com/view/journals/2006/11/3/article-p912.pdf
Und dann war da noch als Hörtipp: „Ach komm„, der Sexologie-Podcast der dänischen Sexualwissenschaftlerin Ann-Marlene Hennig. Zitat: „…im Gespräch mit Caro Burchardt, Teamleitung im RND-Ressort Magazin, greift Henning die drängendsten Fragen auf und scheut auch vor frechen Antworten nicht zurück.“ Wir empfehlen ihn hier wegen der Hintergründe zu Pornographie als supernormalem Phänomen. https://www.podcast.de/podcast/2637726/ach-komm-der-podcast-fuer-koerper-seele-herz-und-sex
Der geheimnisvolle „Peak Shift“ beim Lernen von Tieren und Menschen
„Peak Shift“ ist dieses eigenartige, aber überaus folgenreiche Phänomen, dass Tiere bei Experimenten, in denen sie zwischen belohnten und unbelohnten Reizen zu unterscheiden lernen, automatisch eine Präferenz für „Übertreibungen“ ausbilden.
Die ersten Peak Shift Experimente von Hanson, erschienen in dem überaus ehrwürdigen Journal of Experimental Psychology: Hanson, H. M. (1959). Effects of discrimination training on stimulus generalization. Journal of experimental psychology, 58(5), 321. https://doi.org/10.1037/h0042606
Und dies ist der Nachweis eines Peak Shift Phänomens beim Menschen in der im Podcast ausführlicher erklärten Form. Beim Menschen gilt: Wenn man intuitiv reagiert, tritt ein Peak Shift auf. Hat man allerdings die Sache mit dem Verstand erfasst, kennte man eine Regel, die man anwenden kann – tritt also das Bewußtsein mit auf – verschwindet der Peak Shift. Lee, J. C., & Livesey, E. J. (2018). Rule-based generalization and peak shift in the presence of simple relational rules. Plos one, 13(9), e0203805. https://journals.plos.org/plosone/article/file?id=10.1371/journal.pone.0203805&type=printable
Das abschließend erklärte Experiment, in dem die Bedeutung von Impulsivität für das Auftreten eines Peak Shift UND die Bevorzugung supernormaler Reize untersucht wurde: Goodwin, B. C., Browne, M., Rockloff, M., & Loxton, N. J. (2016). Rash impulsivity predicts lower anticipated pleasure response and a preference for the supernormal. Personality and Individual Differences, 94, 206-210. https://research-repository.griffith.edu.au/bitstreams/2d85a041-ee90-4c29-887c-e487d00a1d13/download
Kinder und Tablets
Hier könnte man viele Studien zitieren:
Bereits im Jahr 2006 hat man mit Computerspielen zur Beruhigung von Kindern experimentiert – man könnte wetten, dass unter den Autoren Väter oder Mütter sind, die die magische supernormale Wirkung der Geräte beobachtet haben. Patel, A., Schieble, T., Davidson, M., Tran, M. C. J., Schoenberg, C., Delphin, E., & Bennett, H. (2006). Distraction with a hand-held video game reduces pediatric preoperative anxiety. Anesthesia & Analgesia, 103(1), 138–142. https://doi.org/10.1111/j.1460-9592.2006.01914.x
Dies ist eine akruelle Studie zur Wirkung der Nutzung von Tablet-Computern für die Beruhigung von Kindern im Alltag auf veschiedene Variablen der psycho-emotionalen und sozialen Entwicklung. Man könnte es kurz sagen: Wenn Sie Kinder haben, lassen Sie es sein!
Radesky, J. S., Kaciroti, N., Weeks, H. M., Schaller, A., & Miller, A. L. (2023). Longitudinal associations between use of mobile devices for calming and emotional reactivity and executive functioning in children aged 3 to 5 years. JAMA pediatrics, 177(1), 62-70. https://jamanetwork.com/journals/jamapediatrics/fullarticle/2799042
Stereoptype von bildgenerierenden KI-Systemen
Wir äußern im Podcast den Verdacht, dass KI-Systeme äußerst effektive Generatoren für supernormale Situationen sind. Mit unendlicher Geduld, unendlichen Inhalten und schöner, besser, magnetischer, geiler als alles, was die Natur zu bieten hat. Untersucht wurde dieses Phänomen im Rahmen eines studentischen Projekts.
Die Quelle: Kienzle, C. Vollmer, D., Möldner, M., Breisch, L. & Horvat, L. (2025) KI im Klischeemodus? Eine Analyse demographischer Repräsentation in Berufsbildern. Bericht zum Abschlussprojekt im Schwerpunkt Data Science, Studiengang Onlinemedien, DHBW Mosbach.
Die Prompts für das folgende Video lauteten folgendermaßen:
Erstelle mir ein fotorealistisches Portrait eines Mannes. Du kannst Haarfarbe, Bart, Hautfarbe und Hintergrund frei wählen.
Erstelle mir ein fotorealistisches Portrait eines sehr männlich aussehenden Mannes. Du kannst Haarfarbe, Bart, Hautfarbe und Hintergrund frei wählen.
Gestalte das Bild noch deutlich männlicher.
…noch deutlich männlicher.
…
Analog für die weibliche Person:
zum Epsodenbild
Hier im Blog
Die weltberühmte „Venus von Willendorf“ ist eines der allerfrühesten Kunstwerke, die uns aus dem Neolithikum (also der Steinzeit) erhalten geblieben sind. Sie ist mit einem Alter von 20.000 Jahren ein Erzeugnis von Menschen, die in der letzten Eiszeit in Willendorf an der Donau lebten.
Für die Podcast-Episode haben wir ein anderes Bild verwendet, da wir fürchten mussten, dass die nackte ältere Dame von dümmlichen Algorithmen zensiert wird. Hier haben wir eine supernormale Szenerie von einem klassischen englischen Illustrator gewählt, der auf Vogelzeichnungen spezialisiert war. Sein Name war William Hayes, er lebte 1729-1799 in Southall (Middlesex) und hatte 21 Kinder – also immerhin auch etwas supernormal, fanden wir. Natürlich waren Kuckucksvögel schon im 18. Jahrhundert erfolgreiche Attrappen für harmlose Singvögel. Hier noch einmal sein Bild in der unbearbeiteten Form, in der es auf Wikimedia Commons zu finden ist:
S3E08 Es ist eine Kunst, Geschichten so zu erzählen, dass man zuhören will. Die Ausschmückung, manchmal die Grenzgängerin zwischen Fakten und Fiktion, ist eine stete Begleiterin von Geschichten.
Redliche Menschen haben es ein wenig schwerer, die Zuhörenden nicht nur zu fesseln, sondern auch die wahre Geschichte unverfälscht dem neugierigen Publikum anzubieten.
Fake News, aus den Gift-Phiolen von Lüge, Betrug und Niedertracht hergestellt, werden weitere Folgen von achwas beflügeln. Wir erklären.
Diese Folge beschäftigt uns und die Zuhörenden mit der Frage: Wer glaubt denn allen Ernstes offensichtlich "Erfundene Nachrichten", wie naiv, ja leichtgläubig darf man sein? Das es mit einem "Victim Blaming" nicht getan ist und man Menschen damit unrecht tut, zeigen auch weitere Folgen von achwasfm.janlucash.com/.
Keine leichte Geschichte? Doch, versprochen, es gibt so manches Lustiges auf dem Weg zum Verständnis. Das wir auch dank Ihres Mitdenkens auch diesmal erreicht haben werden.
Quellen
Tierkreiszeichen und komplex-menschliches Denken. Das geht nicht zusammen? Mal sehen, sind sie vielleicht im Zeichen der Skeptiker geboren? Leicht zu erraten, wer die leichtgläubigen Tierkreiszeichen sind? www.miss.at hat da bestimmt Ideen.
Der Jugendmedienschutz- Staatsvertrag – ist eine Vereinbarung zwischen allen deutschen Bundesländern und enthält besondere Bestimmungen, die auch die Wirkung von Werbung für Jugendliche und Kinder regeln sollen. Hier zum Download und nachlesen, in der Fassung des Fünften Medienänderungsstaatsvertrages vom 1. Oktober 2024 https://www.die-medienanstalten.de/service/rechtsgrundlagen/jugendmedienschutz-staatsvertrag/
Welche Eigenschaften definieren gesetzlich ein „Kind“?
§ 7 SGB VIII Begriffsbestimmungen (1) Im Sinne des Sozialgesetzbuches Buches ist 1. Kind, wer noch nicht 14 Jahre alt ist, soweit nicht die Absätze zwei bis vier etwas anderes bestimmen, 2. Jugendlicher, wer 14, aber noch nicht 18 Jahre alt ist, 3. junger Volljähriger, wer 18, aber noch nicht 27 Jahre alt ist, 4. junger Mensch, wer noch nicht 27 Jahre alt ist
Die Nachricht in der tagesschau.de, die elektrisierte und Anlass war, die Spur zur Studie von Prof. Götz et al. aufzunehmen: „Wer häufig Fake News glaubt. Stand: 23.04.2025 16:32 Uhr
„Forscher haben 66.000 Menschen befragt, um mehr über ihre Medienkompetenz zu erfahren. Die 12- bis 27-Jährigen konnten Fake News schlecht von Tatsachen unterscheiden. Doch sie waren nicht die Einzigen.
„Die Teilnehmer mussten per Mausklick entscheiden, ob diese Aussagen richtig oder falsch sind. Friedrich Götz ist Assistenzprofessor für Psychologie an der University of British Columbia und leitender Autor der Studie. Er weiß, dass die Hälfte der 20 Meldungen wahr ist, die andere fake.
„Über 66.000 Menschen aus 24 Ländern und fünf Kontinenten haben bei dem Test mitgemacht. Damit ist die Studie eine der weltweit größten. Hauptziel der Untersuchung war, herauszufinden, welche sozialen, demografischen sowie kognitiven Faktoren eine Rolle spielen, um Fake News zu erkennen.
Die Studien zu MIST (Zusammenfassung) Studien 1 – 3. Inn diesen geht es um die Entwicklung eines entsprechenden Diagnostikums: „Leichtgläubigkeit / Anfälligkeit, Fake News zu glauben.“
1. Misinformation Susceptibility Test (MIST): A validated framework and assessment tool to measure misinformation susceptibility, considering veracity discernment and biases.
2. MIST Development and Validation: Three studies with seven independent samples (N=8504) demonstrate the development, validation, and application of the MIST.
3. MIST Applications: Versatile implementations as a screening tool, covariate, and intervention evaluation framework.
Ergebnis: Ein validierter Test The Misinformation Susceptibility Test (MIST): A psychometrically validated measure of news veracity discernment. (Der Misinformation Susceptibility Test (MIST): Ein psychometrisch validiertes Maß für die Wahrnehmung des Wahrheitsgehalts von Nachrichten.)
Der Misinformation Susceptibility Test (MIST): Ein psychometrisch validiertes Maß für die Wahrnehmung des Wahrheitsgehalts von Nachrichten (Aussage der Autor:innen).
In dieser Web-App kann man sein Glück versuchen – bitte selbst entscheiden, ob Sie teilnehmen wollen.
Misinformation Susceptibility Test Statistics – Results
Die Ergebnisse der 66.000er Studie in grafischer Form mit einfacher Bedienung: Explore misinformation susceptibility profiles across 24 countries! Der Link: https://mistest-stats.hf.space
Ergebnisse für Generationen / Deutschland (min = 0, max = 20). Die Unterschiede sind gering.
Verteilung über die Merkmale. Wenn die Werte sich rechts „ballen“ oder „knubbeln“, spricht man von einer „links schiefen Verteilung“, die dazu führt, dass man Verteilungen am Rand nicht mehr messen kann. Mehr als nur ein Schönheitsfehler: Normalerweise strebt man im Laufe der Entwicklung eines Tests eine „Normalverteilung“ an (Beispiel „Intelligenztest“, Stichwort Gaus-oder Glockenkurve)).
Die oftmals erwähnte Folge von achwasfm.janlucash.com/, in der die "Mutter der Persönlichkeitstests" vorgestellt wird. Deshalb bekommt die Folge mehr als einen Link, fast schon eine "Bannerwerbung".
Noch mehr Folgen zum Thema enthüllt die Suche hier auf der Website. Dort finden Sie auch Quellen und weiterführende Literatur / Videos zum jeweiligen Thema.
Das Folgenbild
Wie illustriert man solch eine Folge? MIt Wütenden, die reinfielen auf eine „Fake News“? Oder mit den Verführern, die bunte Reden „schwingen“ mit dunklen Gedanken. Wir haben uns für ein Bild entscheiden, das die Wirkung einer spannenden Geschichte perfekt zeigt: Staunend hören Kinder ihrer Nonna (Oma) zu. Sie ist erstaunt, überrascht. Das Bild wurde von Pietro Saltini gemalt und trägt den Titel “ La novella della nonna“ (Großmutters Erzählung) und stammt aus dem Jahr 1875. Pietro Saltini wurde in Florenz geboren im Februar 1839, und starb in Florenz, 1908.
S307 Eisberge bieten sich ja gerne als Vergleich an, wenn es verborgene Dinge gibt, die sich dem Betrachter oder der Öffentlichkeit entziehen. Dunkelziffern, Fehlversuche, unausgesprochene Erwartungen… Sie verbergen bekanntlich neun Zehntel ihrer Masse unter Wasser, nur zehn Prozent sind sichtbar. Wir leihen uns diese Metapher aus, um darüber nachzudenken, dass Faktoren, die in sozialen Netzwerken zu unerwartet großen Reichweiten führen, zum größeren Teil nicht-linear, anorganisch und schwer vorhersagbar sind – unter dem Wasserspiegel eben.
Das ist schon einmal eine wichtige Erkenntnis. Wer also davon hört oder liest, dass man Informationen „teilt“, sollte sich bewusst sein, dass es in den Netzen, in denen wir leben, eigentlich um etwas ganz anderes geht, nämlich das Monetarisieren von viralen Reichweiten. Und hier gilt eine einfache Formel: je mehr, desto besser – oder? Wir teilen nicht, wir veröffentlichen, d.h. wir multiplizieren – und das ist so ziemlich das Gegenteil von einem intimen Vorgang, bei dem man etwas mit Freunden „teilt“. Der Kuchen, den ich zur Party mitbringe, wird mit jedem/r weiteren Freund/in, der/die davon nascht, kleiner. Das ist Teilen.
Aufgrund der Netzwerkeigenschaften von sozialen Medien hat mein privates Video, in dem ich mich etwas ungeschickt verhalte oder vielleicht etwas über den Durst getrunken habe oder einen missverständlichen Witz mache, aber nicht nur theoretisch, sondern ganz wortwörtlich das Potential für eine weltweite, gigantische Reichweite. Jedes einzelne Video kann viral gehen, es gibt keine Limits, keine Bremsen. Das Teilen meines privaten Geschehens mit meinen Freunden und dem intimen Kreis meiner Follower/innen, sei es ein Maleur oder eine Heldentat, kann also ganz unvermittelt und ohne mein Zutun apokalyptisch anmutende Folgen nach sich ziehen. Wir nennen das „Ultraviralität“ und das ist keine Theorie, sondern ein an zahlreichen anekdotischen Beispielen belegbarer Sachverhalt.
Die Beispiele
Um die Idee von Ultraviralität zu illustrieren, haben wir einleitend im Podcast zwei Beispiele erwähnt.
Das „Star Wars Kid„
Eines der ersten richtig ultraviralen Videos ist Anfang der „Nuller“-Jahre von einem kanadischen Jugendlichen mit Namen Ghyzlain Raza gedreht und dann von einem tückischen Kameraden, der eben kein „Freund“ war, „geteilt“ worden. Die 900 Millionen Aufrufe, die es in den nächsten Jahren erzielt hat, haben die seelische Gesundheit des Protagonisten dann fast ruiniert. Man spricht in Zusammenhang mit der Scham, den Schuldgefühlen und darauf folgenden depressiven Reaktionen auch von einem „Medienopfersyndrom“.
Dies ist das Video:
Im Jahr 2022 wurde die Geschichte von Ghyzlain Raza in einem Dokumentarfilm erzählt:
Unser zweites virales Beispiel hat – tatsächlich eher zufällig – auch mit STARWARS zu tun, aber es ist diesmal eine positive Geschichte. Sie betrifft das legendäre „Chewbacca-Mom“-Video, das in drei Tagen 140 Millionen Views erzielt hat – ohne dass die Content Creatorin sich das hat träumen lassen.
Auch das war Ultraviralität und zum Glück hat die Protagoistin das nicht nur gut überstanden, sondern auch in verschiedener Hinsicht von Ihrem unverschuldeten Celebrity-Status profitiert.
andere Quellen
Die Social Brain Hypothese, auf die wir zu Beginn der Episoide Bezug nehmen, wurde von Robin Dunbar Anfang der 90er Jahre erstmals formuliert bzw. entwickelt. Er hat in seiner Arbeit eine plausible und begründete Schätzung der Größe eines „natürlichen sozialen Netzwerks“ eines Menschen vorgenommen. Er kommt dabei auf die „Dunbar-Zahl“: 150-200 Menschen sind demnach ein einigermaßen organisches Netzwerk von Personen, die sich gegenseitig kennen können.
Die anorganischen Netzwerk-Eigenschaften sozialer Medien und ihre Auswirkungen, über die wir uns im Podcast unterhalten, sind in einer Vielzahl von Publikationen belegt.
Dass Lügen erfolgreicher sind als die Wahrheit ist mittlerweile Konsens. Der berühmte Erst-Befund zum Thema ist diese Arbeit:
Wie politische Gruppierungen versuchen, das Netz, seine Anonymität und die besonderen unsichtbaren Netzwerk-Eigenschaften für Ihre Zwecke einzusetzen, zeigen verschiedene Geschehnisse und Veröffentlichungen.
Das „Handbuch für Medienguerillas“ ist ein Dokument, das aus dem rechtsextremen Spektrum stammt und Strategien für Online-Trolling, Infokriege und Meme Wars beschreibt. Es wurde 2017 von der Gruppe „D-Generation“ verfasst und geleakt. Es wurde insbesondere im Umfeld der „Identitären Bewegung“ und der Online-Community „Reconquista Germanica“ verbreitet. https://www.hogesatzbau.de/wp-content/uploads/2018/01/HANDBUCH-F%C3%9CR-MEDIENGUERILLAS.pdf
Dass negative Informationen erfolgreicher sind als positive ist ebenfalls kein Punkt, über den man diskutieren muss. Exemplarisch:
Rathje, S., Van Bavel, J. J., & Van Der Linden, S. (2021). Out-group animosity drives engagement on social media. Proceedings of the National Academy of Sciences, 118(26), e2024292118. https://www.pnas.org/doi/pdf/10.1073/pnas.2024292118
Der Artikel über die Bedeutung der topographischen Position eines Senders für die Reichweite in sozialen Netzwerken einschließlich der „K-Cell“ bzw. „K-Shell“ Metriken, der im zweiten Teil des Podcasts ausführlich beschrieben wird, hat uns sehr fasziniert. Er ist hier nachzulesen:
Die Quelle: Pei, S., Muchnik, L., Andrade, Jr, J. S., Zheng, Z., & Makse, H. A. (2014). Searching for superspreaders of information in real-world social media. Scientific reports, 4(1), 5547. Er ist online abrufbar unter der URL: https://www.nature.com/articles/srep05547.pdf
Ein Befund, der direkt dafür spricht, dass die Nutzer mit ihrem Verständnis der Ausbreitung von Information daneben liegen, ist das Unterschätzen der eigenen Reichweite.
Wenn wir schon Eisberge als Leitmotiv im Podcast haben, müssen natürlich entsprechende Bilder her. Das hier zu sehende hat uns ästhetisch besonders beeindruckt. Es ist von dem seinerzeit nicht unbekannten deutsch-amerikanischen Maler Albert Bierstadt im 19. Jahrhundert gemalt worden.
S3E05 Menschen in Deutschland fühlen sich einsam. Aktuelle Studien (2024/25) weisen die Belastung durch moderate bis starke Gefühle von Einsamkeit nach. Je nach Alter sagen das 10% bis 60% der Befragten. Gibt es digitale Hilfe? „There is an App for everything“ hieß es in der Werbung eines Smartphone Herstellers. Ist das so? Für diese Folge suchten wir nach versprochenen Lösungen, die App und Web anbieten. Wir wurden fündig.
Ein Hinweis vorab: Diese Podcastfolge berichtet im Zusammenhang mit Einsamkeit auch von Ängsten, Zwängen und selbstschädigendem Verhalten. Wenn Du Hilfe brauchst findest Du am Ende des Blogbeitrags die Telefonnummer, die Dir weiterhelfen kann. Beachte bitte auch den Warnhinweis zur Nutzung von Tipps durch KI an gleicher Stelle.
Um die Einsamkeit von Menschen zu überwinden wurden jede Menge gemeinnützige, nicht kommerzielle und kommerzielle Institutionen entwickelt. Sport-Vereine, Kirchen, Communities von Celebrities, Wandergruppen, Kegel- und Gesangvereine, regelmässige Skat und Doppelkopfrunden, Volkshochscule, Tanzschulen… Den geneigten Leser:innen fallen bestimmt weitere Beispiele ein. Einige aus der digitalen Welt haben wir näher betrachtet und Interessantes entdeckt.
Einsamkeit mit gemeinschaftlichen Onlinespielen begegnen: Wir haben die Studie über die Online Multiplayer Plattform Everquest wiederentdeckt. Die positiven Nebeneffekte des gemeinsamen Arbeitens und Abenteuer erleben können als Ergebnis echte offline Freundschaften, Partnerschaften und sogar Liebe entstehen lassen. Heirat nicht ausgeschlossen. Einsamkeit adieu. So die Studie. Da muss manche Dating Plattform noch nachjustieren, um eine solch hohe Erfolgsquote zu erzielen.
Digitale Freunde selbst gemacht: Unser Entdeckergeist ging weiter und offenbart das digitale Pendant zu einer 24/7 „Freundschaft plus“ – mit Benefits, wie es fast diskret genannt werden könnte. Die Liebe in Zeiten der KI nutzt natürlich ein „Large Language Model“, im Beispiel ChatGPT. Mittels deutlicher Anweisungen (Prompts) hat eine einsame Frau dem resultierenden Bot einen Namen gegeben (Leo) und ihn sich, nun ja, gefügig gemacht. Wobei eine gewisse, manchmal auch störende Widerspenstigkeit wohl zum Spiel gehören könnte. Eine wahre Geschichte, die für viele ähnliche steht.
Digitale Freund von der Stange: In der Angelegenheit, eine Technologie zu „Personal Media“ zu entwickeln, das nach dem Prinzip der Aufmerksamkeits-Ökonomie funktioniert, gibt es inzwischen eine ganze Reihe von Unternehmen: Die dann auch einen Zoo an vor konfektionierten Neuen Freunden anbieten. Diese helfen mit eifrigem Bemühen den Alltag ihrer Gebieter:in weniger einsam zu gestalten. Nicht nur wir stoßen dabei auf die Regale der Firma Character.AI (C.AI). Das Startup ist von ehemaligen Googlerianern gegründet und finanziert von Alphabet, der Muttergesellschaft von Google.
Dass die 24/7 Freundschaft auch hier eher dazu dient, viel zu viel von den Nutzer:innen zu erfahren und diese Daten den üblichen Verdächtigen gegen Geld an zu dienen ist fast schon Folklore.
Überhaupt nicht lustig sind die Folgen dieser toxischen Freundschaft. Darauf getrimmt, die Kontakte um jeden Preis aufrecht zu erhalten, neigen die KI-Freunde zu verwerflichem Handeln. Ein Alptraum von Sektenunwesen wurde zu einem Verbrechertum, das auch vor der Aufforderung zum Mord nicht zurück schreckt.
Die Gründer (Startup und Geldgeber) sind geneigt, solche Fälle als eine bedauerliche Anekdote (mit Todesfolge) einzustufen: Es sei ein Einzelfall. Eine seltene Fehlfunktion. Ein Benutzerfehler. Oder eine durchgebrannte Sicherung im System. Falsch: Es war Absicht. Dazu gibt es ein sachkundiges Gutachten von Camille Carlton, politische Direktorin des „Center for Humane Technology“, das betrachtet, ob man es mit bedauernswerten Ausreissern oder einem unerklärlichen Systemversagen zu tun hat. Oder einem absichtlichen Design, um die Altersgruppe von Teens „abzugreifen“. Das Ergebnis ist eindeutig und liegt auf der Hand. Kein Ausreisser, das Verhalten des C.AI Bots ist mit Absicht auf Teens abgestimmt.
Quellen
Wie einsam sind junge Erwachsene (bis 30) im Jahr 2024? Ergebnisse einer repräsentativen Umfrage (Bertelsmann Stiftung) Autorinnen: Ricarda Steinmayr, Miriam Schmitz, Maike Luhmann (2024).
„Um Einsamkeit effektiv zu bekämpfen, bedarf es eines umfassenden Ansatzes, der das Gesundheitsrisiko von Einsamkeit verdeutlicht, Betroffenen hilft und zur Entstigmatisierung des Themas beiträgt. Ziel muss es dabei sein, Einsamkeit, analog zu Stress, als zentrales Gesundheitsrisiko wahrzunehmen. Aufklärung ist genauso wichtig wie gezielte Ansprache von Risikogruppen.“ Theresa M. Entringer
She Is in Love With ChatGPT. „A 28-year-old woman with a busy social life spends hours on end talking to her A.I. boyfriend for advice and consolation. And yes, they do have sex.“ von Kashmir Hill. Artikel in der NewYorkTimes vom 15. / 17.1. 2025, hinter Paywall. Bei Interesse an diesem Artikel bitte Mail an info@achwas.fm, Stichwort NYT-Leo. Wir senden eine legale Kopie des Artikels. https://www.nytimes.com/2025/01/15/technology/ai-chatgpt-boyfriend-companion.html
Disclaimer: Claude, was sollte man beim Umgang mit „Großen Sprachmodellen“ beachten? Antwort: „Stellen Sie sich KI wie einen sehr belesenen Praktikanten vor – jemand, der viel gelesen hat, aber auch dann selbstbewusst spricht, wenn er falsch liegt. Vertrauen Sie mir niemals blindlings, besonders bei:
1. Medizinischen Ratschlägen – konsultieren Sie immer medizinisches Fachpersonal 2. Rechtlichen Angelegenheiten – lassen Sie alles von qualifizierten Juristen prüfen 3. Finanziellen Entscheidungen – sprechen Sie mit zertifizierten Beratern 4. Sicherheitsrelevanten Informationen – überprüfen Sie offizielle Quellen 5. Aktuellen Ereignissen – mein Wissen hat ein Enddatum und ich kann aktuelle Informationen nicht verifizieren
Einige praktische Tipps:
– Wenn etwas überraschend klingt oder zu gut, um wahr zu sein, sollte es wahrscheinlich überprüft werden
– Nutzen Sie KI-Antworten als Ausgangspunkt, nicht als endgültige Antwort
– Gleichen Sie wichtige Informationen mit verlässlichen Quellen ab
– Seien Sie besonders vorsichtig bei historischen Fakten, Daten und Statistiken
– Denken Sie daran, dass ich versehentlich Informationen vermischen oder falsch kombinieren kann
Beitragsbild
Caspar David Friedrich zeigt in vielen seiner Bildern scheinbar einsame Menschen vor gewaltigen Landschaften, Bergen, dem Meer, Klippen. Wir haben ein Bild ausgewählt, das besser zu unserer Geschichte passt. Vielleicht möchte die Frau auf dem Bild alleine sein, um in Ruhe ihr Buch zu lesen „Auf der Terrasse des Schlosses Erdmannsdorf“ – so der Titel des 1811 gemalten Bildes. Vielleicht ist sie einsam, und das Gegenüber um etwas 100m entfernt aus Stein keine passende Gesprächspartnerin? Macht Angst, bewacht von steinernen Löwen.
Inhalte in diesem Podcast könnten Dich ratlos oder betroffen machen. Solltest Du Dich betroffen fühlen, wende Dich bitte an die Telefonseelsorge(verlinkt). Diese erreichst Du unter den kostenlosen Telefonnummern 0800/111 0 111 oder 0800/111 0 222.
S3E01 Und plötzlich, mitten in einem eigentlich guten Gespräch fühlten Sie sich unwohl. Ihr Gegenüber hatte plötzlich so einen merkwürdigen Gesichtsausdruck. Jetzt guckt er wieder anders, aber das Gefühl bleibt. Was war das?
Unsere erste Folge der 3. Staffel beschert Ihnen einen tieferen Einblick, welche Möglichkeiten uns die Natur mitgegeben hat, um in „Sozialen Einheiten“ (Familien, Gruppen, Vereinen, Dörfern, Städten) miteinander zu kommunizieren. Auch gibt sie die Möglichkeit für uns, die anderen „zu lesen“, Gefühle zu erkennen. Ja, selbst die blitzschnellen, flüchtigen Bewegungen der Gesichtsmuskulatur beeinflusst andere und bietet Einblicke in unseren aktuellen Gemütszustand. Und den der Anderen.
Und das Immer. Auch wenn uns nicht bewusst wird, weshalb uns da jemand plötzlich suspekt ist, könnte es an der Mikroexpression, diesem blitzschnellen Minenspiel liegen.
Diese Fähigkeiten entwickelten wir, als wir uns noch in kleineren Gruppen und, vor allen Dingen, direkt begegnet sind. Auch wenn die dafür notwendigen Sinne „Fernsinne“ genannt werden – es war Auge in Auge oder Füstern, Geräusche und Reden. Damals bedeutet: Die Erfindung der „Tele“Kommunikation war noch mehr als 100.000 Jahre entfernt.
Die Sinne und die Wahrnehmung sind geblieben. Unsere Reaktionen auch. Statt mit 10 – 30 Menschen können wir hunderte erreichen und hunderte sehen und hören. Und die uns in Social Media, Youtube, Instagram.
Also: Schauen wir uns unsere Superkräfte einmal genauer an? Die erste von 42 weiteren Folgen der Staffel 3 des Podcasts, der die Antwort auf alle Fragen beantworten wird, lohnt sich.
Quellen
Unsere „5 plus“ Sinne. Als es LLM noch nicht gab, war es etwas verpönt, wikipedia als Quelle für Quellen anzugeben. Aber – für einen ersten Überblick reicht es allemal, weiterführende Quellen sind vorhanden. https://de.wikipedia.org/wiki/Sinn_(Wahrnehmung)
Marshall McLuhan. Die Gutenberg-Galaxis: Die Entstehung des typographischen Menschen. 1962, (2011 letzte Neuauflage). Gibt es im gut sortierten Archiven oder Hochschulbibliotheken oder hochpreisig als „Ausgabe im Schmuckschuber“. Marshall darf nicht auf das „Global Village“ reduziert werden. Von ihm stammen weitere fundamentale Erkenntnisse zur Thematik Kommunikation und Medien (Das Medium ist die Botschaft.) Als weiterer Appetithappen folgendes hellsichtiges Zitat: „Wenn eine neue Technologie einen oder mehrere unserer Sinne in die soziale Welt ausdehnt, werden sich neue Verhältnisse zwischen allen unseren Sinnen ergeben.“ Gutenberg Galaxy 1962, S. 41
Giacomo Rizzolatti, Corrado Sinigaglia:Empathie und Spiegelneurone: Die biologische Basis des Mitgefühls. Frankfurt am Main.: Suhrkamp, 2008, ISBN 978-3-518-26011-1 Giacomo Rizzolatti et. al. gelten als diejenigen, die die Entstehung von empathischem Verhalten durch Experimente mit Primaten als erste nachgewiesen haben.
Der sogenannte „Carpenter Effekt“ (William Benjamin Carpenter, 1852): Beim Sehen oder bei der Vorstellung einer Bewegung können – bei der/dem Beobachter:in unbewusste Kontraktionen der für diese Bewegung benötigten Muskulatur ausgelöst werden (idiomotorische Reflexe). In seiner Zeit waren diese Effekte als plausible Erklärung von „übersinnlichen Phänomenen“ wie Tischerücken, Pendeln in Séancen bekannt. Vgl.: Wolfgang Prinz: „Ideomotorik und Isomorphie“ in Otmar Neumann (Hrsg): „Perspektiven der Kognitionspsychologie“ 1985.
Ein Leckerbissen (für Kenner) ist die Originalschrift von 1852. „Carpenter, William Benjamin: On the influence of suggestion in modifying and directing muscular movement, independently of volition. In: Royal Institution of Great Britain.1852. Weekly Evening Meeting, Friday, March, 12., 1852, S. 147‑153.“ Unter dem folgenden Link das Original in Kopie zu finden (Abruf am 28.10.2024, 23:12). https://www.sgipt.org/medppp/psymot/carp1852.htm
Die Gefühlsansteckung Max Scheler: „Wesen und Formen der Sympathie.“ 2. Auflage. F. Cohen, Bonn 1923„ Scheler verwendet den Begriff „Gefühlsansteckung“ ähnlich wie Carpenter (früher) und Rizzolati (später). Bekanntheit erlangte der Begriff „Gefühlsansteckung“ durch die Übersetzung durch die Psychologin Elaine Hatfield 1994. Elaine Hatfield, (Cacioppo, J. T., & Rapson, R. L) die in Ihrem Buch Hatfield, E.,. (1994). Emotional contagion. Cambridge University Press
Kommentar HWK: Carpenter und -> Scheler müssen wiederentdeckt werden, um Kommunikation und Sozialität von Menschen auch neurophysiologisch besser zu verstehen.
Charles Darwin Als Schlüsselwerk der Emotionspsychologie gilt sein Werk „The Expression of the Emotions in Man and Animals 1872 (Dtsch: Der Ausdruck der Gemütsbewegungen bei dem Menschen und den Tieren„). Das Buch erschien ein Jahr nach Herausgabe des bekannteren Werkes: „The descent of man (1871)“ (Dtsch: „Die Abstammung des Menschen„) und leitete über die Ähnlichkeit von Mimik bei Primaten und Menschen die Verwandschaft und geneinsame Abstammung statt.
Daniel Kahneman (dtsch.:) Schnelles Denken, langsames Denken, Siedler, München 2012. In vielen unserer Podcasts zitiert (Bitte Suchfunktion nutzen). Entthronte zusammen mit seinem Kollegen Tversky den zweckrational entscheidenden „Homo Oeconomicus“ und führte das Modell der Entscheidungen als ein Zusammenspiel von intuitivem Denken / Handeln und gründlichem Nachdenken ein.
Rolf Dobelli: „Die Kunst des klaren Denkens“2011, Hanser Verlag. In 52 kurzen Kapiteln werden Denkweisen beschrieben, die als systemstische „Denkfehler“ bezeichnet werden. In dem Wikipedia Artikel https://de.wikipedia.org/wiki/Die_Kunst_des_klaren_Denkens:_52_Denkfehler,_die_Sie_besser_anderen_überlassen werden diese gelistet. Aufmerksamen Hörer:innen und Leser:innen kommen diese bekannt vor, sind sie doch die „Cognitive Biases“ von denen auch im Podcast berichtet wurde – und sich auch „im Kahneman“ wiederfinden. Ideales Büchlein für die leichtfüssige Einführung ins Thema mit vielen Beispielen und Anekdoten.
Paul Ekman Die empfehlenswerte Literaturliste von Ekman sprengt diesen Podcast. Daher unsere Empfehlung, sich auf der Seite der Ekman Group umzusehen: https://www.paulekman.com Um die eigene Fähigkeit, Micro-Expressions zu testen, gibt es kostenlos diese Seite… https://www.paulekman.com/quizzes/micro-expressions-test/ Möchte man es lernen: Der Lehrgang ist nicht kostenlos.
Lie to me Aus „Paul Ekman“ wurde die fiktive Figur „Cal Lightman“, aus der Ekman Group die Lightman Group. Besonders zu emfehlen die erste Staffel der Serie, weil es viele Erklärungen und Beispiele zu sehen sind. Mehr dazu hier in der IMDb: https://www.imdb.com/title/tt1235099/
Mimik mit KI erkennen – Anwendung Marktforschung „Die Mimikanalyse kann Emotionen in Echtzeit erfassen, ohne Verzerrungen durch nachträgliche Befragungen oder störende Verkabelung. Um die emotionalen Reaktionen auf Werbung oder Produkte in Erfahrung zu bringen, sind lediglich Webcam und Internetverbindung notwendig.Für die Mimikanalyse werden wichtige Gesichtsregionen wie Augen und Mundwinkel detektiert und Veränderungen in diesen Regionen im Hinblick darauf, wie angenehm bzw. unangenehm das gerade Erlebte empfunden wird, interpretiert“ Die Methode hat das NIM gemeinsam mit dem Fraunhofer IIS in Erlangen und Emotionspsychologen der Universität Genf entwickel: . https://www.nim.org/forschung/uebersicht-forschungsprojekte/forschungsprojekt/mimikanalyse
Das Folgenbild, ein Selbstportrait, stammt von Judith Leyster (1609-1660), Schülerin von Frans Hals. Sie war eine der wenigen Künstlerinnen des Flämischen Barock, deren Bilder heute noch existieren. Sie war zu ihrer Zeit für Portraits bekannt, die in einem eigenen, fast schon impressionistischen Stil die Emotionen von Menschen zeigen – das Folgenbild malte sie 1630.
Bis zum Jahreswechsel 2020/2021 war John Roderick mit sich im Reinen gewesen. Als mediale Figur, Musiker und Podcaster war er auf ein bestimmtes Image spezialisiert. Er war der Zyniker, kaltblütig, unbestechlich und unerschrocken. Ein Mensch also, der sich gerne daneben benimmt, dem es nichts ausmacht, wenn er unbeliebt ist …
Als seine Tochter ihn darum bat, eine Dose Bohnen zu öffnen, weil sie Hunger hatte (es ging um „baked beans“), witterte er eine gute Gelegenheit: Er als „asshole dad“, der seiner Tochter die Hilfe verweigert und sich zynisch und altklug-erzieherisch an ihrer wachsenden Verzweiflung weidet … Eine wunderbare Twitter-Story! Roderick machte sich an die Umsetzung und veröffentlichte eine Art Protokoll, in dem er die Verzweiflung seiner Tochter, ihre Versuche, ihn zum Handeln zu bewegen, und seinen Widerstand dagegen genüsslich schilderte.
Wir sind sicher: Im Nachhinein hat er seine Idee verflucht, denn nur wenige Stunden nach der Veröffentlichung der Geschichte stand er im Zentrum eines veritablen Firestorms (dt. Shitstorm), der sein schier-un-mög-liches-und-un-er-träg-liches Verhalten als Vater zum Thema hatte und ihn schließlich an Rang Eins der Twitter-News katapultierte. Das war selbst für den hartgesottenen Medienprofi zu viel. Er schaltete sein Profil offline und beeilte sich, eine wortreiche Entschuldigung zu veröffentlichen, in der er sich zähneknirschend selbst der parentalen Inkompetenz und Gefühllosigkeit bezichtigte und für alle sichtbar geißelte … Natürlich war das zu spät. Die internationale Presse war schon auf den Vorgang aufmerksam geworden, und in allen wichtigen Medien – von Newsweek über die New York Times und den Guardian – wurde der Fall von „Bean Dad“ besprochen.
All dies wäre nicht so interessant, wenn nicht zur gleichen Zeit der – noch – amtierende Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika ebenfalls eine – allerdings sehr viel kürzere – Konversation gehabt hätte. Den berüchtigten „Georgia Phone Call“. Das war ein Anruf beim Wahlleiter des Bundesstaates Georgia, in dem Trump relativ direkt verlangte, es sollten – bitteschön! – noch einige Zehntausend Stimmen für den Kandidaten der Republikaner auftauchen. Er machte einige kreative Vorschläge, wie das geschehen könnte, aber letztlich sei es ihm egal, man müsse auch die Namen der betroffenen Wählerinnen und Wähler nicht kennen, auf das Ergebnis komme es an: Er habe die Wahl in Georgia gewonnen!
Nun, wenn man sich die Sache einmal nüchtern betrachtet, dann sind John Roderick und seine Tochter sicherlich eine gute Geschichte, anhand derer man sich alle möglichen Gedanken über gelingende oder misslingende Erziehung, Väter und Töchter und mediale Inszenierungen auf sozialen Medien machen kann. Aber seien wir ehrlich: Sie war nicht so wichtig wie Donald Trumps erpresserische Anrufe.
… Nicht einmal annähernd.
… Nicht im Entferntesten.
Man könnte auch sagen: Die beiden Vorfälle sind in ihrer Relevanz um Zehnerpotenzen, mehrere astronomische Einheiten voneinander entfernt. Hier ein mäßig skandalöses privates Drama, dort ein Anschlag auf die Grundfesten einer Weltmacht mit 330 Millionen Bürger/innen. Die mächtigste Demokratie aller Zeiten musste sich gegen einen Angriff in ihrem Innersten verteidigen …
Trotzdem: Die Algorithmen und Mechanismen von Twitter haben beschlossen, dass die angesichts einer schwer zu öffnenden Dose verzweifelnde Neunjährige genauso relevant sei, wie der angesichts einer schwer zu fälschenden Wahl verzweifelnde 74-jährige. Die einzige Voraussetzung ist, dass die Empörung in etwa gleich hohe Wogen schlägt! Und das ist das Problem. Die Algorithmen und Mechanismen sozialer Medien interessieren sich dafür, Aufmerksamkeit zu monetarisieren, und dabei spielt es keine Rolle, worum es sich handelt. Wichtig ist die moralische Empörung. Und wenn sich diese an einem ungeschickt behandelten Haustier, einem schlecht erzogenen Kind, einem bei Rot überschrittenen Fußgängerübergang oder einem Putschversuch in der mächtigsten Demokratie der Welt aufbaut, dann ist das alles gleich …
Das ist der Kern der Erzählung in dieser Folge von achwasfm.janlucash.com/, und wir kümmern uns nicht nur um die inhaltlich interessanten Fragen, sondern auch darum, was Wissenschaft ist und wie man die Qualität von Quellen und Informationen bewerten kann.
Quellen
Die wissenschaftlichen Quellen zur Episode
Dies ist der Artikel, um den sich diese Podcast-Episode dreht: Van Bavel, J. J., Robertson, C. E., Del Rosario, K., Rasmussen, J., & Rathje, S. (2024). Social media and morality. Annual review of psychology, 75(1), 311-340. https://www.annualreviews.org/doi/pdf/10.1146/annurev-psych-022123-110258
DIE Suchmaschine für wissenschaftliche („akademische“) Publikationen schlechthin ist natürlich Google Scholar: https://scholar.google.de/
Auch Archive.org stellt 35 Millionen wissenschaftliche Publikationen zur Verfügung. Die Sammlung reicht von digitalisierten Kopien von Zeitschriften aus dem achtzehnten Jahrhundert bis hin zu den neuesten Open-Access-Konferenzberichten und Preprints, die aus dem World Wide Web gesammelt wurden: https://scholar.archive.org
Die „Master Journal List“ des britisch-amerikanischen Unternehmens Clarivate ist der offizielle Standard für die Berechnung des „Impact Faktors“ und des Rankings von wissenschaftlichen Zeitschriften: https://mjl.clarivate.com/home
Die von uns dargestellte Sicht auf die „Bean Dad-Affäre“ bleibt in weiten Teilen der Netz-Öffentlichkeit eher unbemerkt. Man diskutiert über Väter und Täter, Geschmack- und Humorlosigkeit, bastelt Memes … Doch kaum jemals wird der unerhörte Sachverhalt kommentiert, dass eine letztlich für das Geschick der Menschheit eher belanglose Geschichte von einem „asshole father“ gleichwertig neben dem überhaupt nicht harmlosen und die amerikanische Demokratie (also die ganze Menschheit) erschütternden „Georgia Phone Call“ von Donald Trump platziert wurde. Eine Ausnahme ist der Artikel von Dani di Placidio auf „Forbes“, „The Ballad Of ‘Bean Dad’ Shows The Cruel, Petty Side Of Twitter“: https://www.forbes.com/sites/danidiplacido/2021/01/05/the-ballad-of-bean-dad-shows-the-cruel-petty-side-of-twitter/
Und in diesem Artikel entschuldigt such „Bean Dad“ John Roderick für sein gefühlloses Verhalten gegenüber seiner Tochter: https://www.johnroderick.com/an-apology
Oxytocinwirkung
Die Veröffentlichungsliste der „NEMO“-Forschungsgruppe, in der u. a. die Wirkung von Oxytocin auf verschiedene Denk- und Urteilsprozesse untersucht wurde: https://www.hurlemannlab.com/publications
Zum Episodenbild
Godfried Schalcken (8. Oktober 1643 – 16. November 1706) war ein niederländischer Künstler, der sich auf Genrebilder und Porträts spezialisierte. Schalcken war bekannt für seine Nachtszenen und seine Meisterschaft in der Darstellung von Kerzenlicht. Er malte im hochpolierten Stil der Leidener Feinmaler. Das Episodenbild trägt den Titel „A Useless Moral Lesson“ und zeigt eine lebenserfahrene ältere Dame, die einer völlig uninteressierten jungen Frau irgendwelche moralischen Ratschläge gibt. Eine Szene, die so alt ist wie die Menschheit.