Kategorie: Psychologie

  • Von Dämonen heimgesucht: Verschwörungstheorien I.

    Von Dämonen heimgesucht: Verschwörungstheorien I.

    Heute bewegen wir uns in einer Welt voller mysteriöser Intrigen und geheimer Machenschaften. In unserer neuesten Podcast-Folge tauchen wir tief ein in das faszinierende Universum der Verschwörungstheorien. Von 9/11 bis zur Dolchstoßlegende und dem amerikanischen Angriff auf Pearl Harbor 1941 – wir werfen einen Blick auf einige der bekanntesten Verschwörungstheorien der Geschichte.

    Machen wir es chronologisch:

    1. Die Dolchstoß-Legende – Ein Wendepunkt der deutschen Geschichte: Diese Verschwörungstheorie besagte, dass die deutsche Niederlage nicht auf dem Schlachtfeld, sondern durch Verrat im eigenen Land verursacht wurde. Die politischen Wirren jener Zeit waren ein fruchtbarer Nährboden für solche Spekulationen und ihre Konsequenzen erstreckten sich über die ganze Welt und das gesamte 20. Jahrhhundert.

    2. Pearl Harbor 1941 – Der plötzliche und verheerende Angriff auf die US-amerikanische Marinebasis Pearl Harbor führte zum Eintritt der USA in den Zweiten Weltkrieg. Doch gibt es auch Stimmen, die behaupten, dass die US-Regierung von dem bevorstehenden Angriff wusste und ihn zuließ, um einen Kriegseintritt zu rechtfertigen …

    3. 9/11 – Der Tag, der die Welt erschütterte: Einige Theoretikerinnen und Theoretiker behaupten, dass die Anschläge vom 11. September 2001 gar nicht das Werk von Terroristen waren, sondern von Regierungsvertretern inszeniert wurden, um politische Agenden voranzutreiben. Wir konnten zu unserem Erstaunen feststellen, dass dies Debatte bis heute hitzig geführt wird.

    Was treibt Menschen dazu, solche Theorien zu glauben? Misstrauen gegenüber Regierungen, das Bedürfnis nach einfachen Erklärungen oder einfach die Faszination für Geheimnisse und Mysterien? In einer Welt voller Unsicherheit scheinen Verschwörungstheorien einen Sinn und eine Ordnung zu bieten, auch wenn sie auf dünnen oder gar keinen Beweisen basieren und auch dann noch, wenn sie eigentlich durch Fakten widerlegt sind.

    Oder ist es der Reiz des Ungewissen? Verschwörungstheorien haben anscheinend ihren ganz eigenen Charme. Sie geben ihren Anhänger/innen das Gefühl, Insiderwissen zu besitzen und die Wahrheit hinter den Kulissen zu kennen. Doch ist es wichtig, skeptisch zu bleiben und kritisch zu hinterfragen, welche Beweise tatsächlich vorliegen und welche lediglich Spekulationen sind. Eigentlich sind Wissenschaftler/innen für diese Aufgabe prädestiniert. Sie werden schließlich dafür ausgebildet werden zu unterscheiden: zwischen Fakten, Indizien, Dingen-die-so-scheinen-als.ob-sie-Fakten wären und Mumpitz. So sollte man meinen, dass sie im gesellschaftlichen Diskurs in der Pole Position sein sollten, etwa in der Auseinandersetzung um die Frage, ob es den Klimawandel gibt, ob der Coronavirus von Bill Gates synthetisiert wurde oder ob außerirdische Reptilien eine Weltregierung anstreben. Dass dem nicht so ist, sondern dass im Gegenteil die traditionellen Hüter/innen der Wahrheit und Objektivität – nämlich Wissenschaftler/innen und Journalist/innen seriöser Medien – zum Feinbild aufgebaut werden, erfüllt uns mit Sorge und wirkt auf uns wie eine geistige Autoimmun-Erkrankung der Menschheit.

    In unserer Podcast-Folge tauchen wir noch tiefer in die abenteuerliche Welt dieser Theorien ein und untersuchen, wie sie entstehen, verbreitet werden und welchen Einfluss sie auf unsere Gesellschaft haben.

    Bereitet euch vor auf eine Reise in die Untiefen der Verschwörungstheorien.

    Quellen zur Folge

    • Die Liste der Verschwörungstheorien durch die Jahrhunderte auf Wikipedia:
      https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_von_Verschw%C3%B6rungstheorien
    • Auf ARTE: Die Verschwörungstheorien und Fake News der russischen Propaganda, Ein Jahr Fake News: Das „Best Of“ der russischen TV-Propaganda, zusammengefasst von Masha Borzunova.
      https://www.youtube.com/watch?v=Arya8y_0EG8
    • Nochmal youtube: Der Vortrag von Prof. Wagner über Verschwörungstheorien zu dem 9/11-Anschlag.
      Besonders interessant: Die Kommentare.
      https://www.youtube.com/watch?v=lRrcAYSdQmM
    • Die Quellenangabe für das Buch von Michael Barkun, dem wir die Idee der verschwörungstheoretischen Axiome verdanken (…obwohl er sie nicht so nennt) lautet: Barkun, M. (2013). A culture of conspiracy: Apocalyptic visions in contemporary America (Vol. 15). Univ of California Press.
      (leider nicht online verfügbar)
    • Das am Ende des Podcasts erwähnte Buch von Carl Sagan:
      Sagan, C. (2011). The demon-haunted world: Science as a candle in the dark. Ballantine books.
  • Alles nur Bullshit Bingo –  Fake News II.

    Alles nur Bullshit Bingo – Fake News II.

    In der ersten Fake News Folge haben wir ja bereits einige der geradezu wahnwitzigen Geschichten erzählt, die als Fake News verbreitet werden und dabei an der Oberfläche dessen gekratzt, was man als „die Historie der Lügengeschichte“ bezeichnen könnte. Nun ist aber Schluss mit lustig: wir kümmern wir uns um die Wissenschaft! Das ist gar nicht so einfach, denn mittlerweile haben sich Fake News zu einem veritablen Forschungsthema ausgewachsen. Mittlerweile werden jedes Jahr 30.000 Artikel, Bücher, Buchkapitel zum Thema Fake News veröffentlicht.

    Dabei ist sicherlich unstrittig – egal in welcher Disziplin – dass Fake News toxisch sind und dass sie eigentlich verboten gehören – ein Sachverhalt übrigens, den der Schöpfer der „10 Gebote“ schon bei ihrem ersten Launch vor mehr als zweitausend Jahren ganz klar auf dem Schirm hatte.

    Dass Fake News aber mehr als ein Special-Interest-Thema für Netzaktivisten sind, wird schnell klar, wenn man sich vor Augen hält, welche Disziplinen dabei gerade mitforschen und welche Forschungsfragen dabei jeweils im Mittelpunkt stehen:

    • Pädagogik – wie kann man Kinder davor schützen, Fake zu glauben?
    • Medienwissenschaften – wie erreicht man, dass die Wirkung von Fake News neutralisiert werden kann?
    • Journalismus – welche Regeln sollten Journalist/innen befolgen, welches Verhältnis zur Wahrheit sollten sie haben?
    • Psychologie – was unterscheidet echte von falschen News, wer ist anfällig, sie zu glauben?
    • Politikwissenschaften – wie wirkt sich die Flut an Falschinformationen von politischen Akteuren auf die Zivilgesellschaft aus?
    • Kommunikationswissenschaften – wie funktioniert Propaganda mit Fake News?
    • Informatik – wie können Fake News durch Skripte und Bots verbreitet werden?
    • KI-Forschung: kann man Fake News durch maschinelles Lernen identifizieren?

    Mindestens einige dieser Fragen werden wir in unserer Folge adressieren und es kann kein Zweifel bestehen, dass die Antworten für uns alle relevant sind. Im Mittelpunkt der Folge steht dabei eine mittlerweile fast schon berühmte Forschungsarbeit aus dem Jahr 2018, in der die Ausbreitungsgeschwindigkeit von Fake News mit echten News verglichen wurde. Und das Ergebnis entspricht ganz klar dem geflügelten Wort…

    Eine Lüge ist bereits dreimal um die Erde gelaufen, bevor sich die Wahrheit die Schuhe anzieht.

    unbekannt

    Obwohl die Herkunft dieses Sinnspruchs nicht wirklich klar ist, wird es gerne wahlweise Mark Twain oder Winston Churchill zugeschrieben. Das wiederum klingt plausibel, ist aber nicht wahr – womit schon einige wichtige Zutaten für eine Fake News vorhanden sind. Einfacher gesagt: Die Fakes sind überall.

    Auf eine Wendung unserer Episode möchten wir ausdrücklich hinweisen, mit der wir uns selbst überrascht haben – und die die Idee für ihren Titel gestiftet hat: Neuerdings gibt es ernst zu nehmende Hinweise, dass Menschen, die bereit sind „Bullshit“ zu glauben, besonders anfällig für die Einwirkung von Fake News sind. Bullshit ist dabei nicht einfach dummes Zeug, sondern so etwas wie schwulstiges Geschwätz, dass sich den Anschein von Wichtigkeit und Wissenschaftlichkeit gibt, eigentlich aber ziemlich sinnlos ist. Wir folgen diesem Gedanken und überlegen, was das mit Verschwörungstheorien und ihrem kometenhaften Erfolg in den letzten Jahren zu tun haben könnte…

    Quellen zu Episode:

    Das Episodenbild:

    Neben dem Baron Münchhausen gibt es vor allem eine literarische Figur, die als Verkörperung der Probleme, in die man sich mit Lügen verstricken kann, weltweit bekannt geworden ist. Natürlich: wir meinen den berühmten „Pinocchio“ des italienischen Schriftstellers Carlo Collodi. Wir haben allerdings auf die süßlich-dümmliche Variante von Walt Disney verzichtet und gleich auf das Original aus einer der ersten Ausgaben des Pinocchio aus dem 19. Jahrhundert zurückgegriffen. Sie wurde von dem italienischen Techniker und Cartoonist Enrico Mazzanti illustriert und unser Bild wurde aus dem Titel der Ausgabe entnommen: Bildquelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Pinocchio.jpg

  • Nichts Gutes, außer man tut es – Handlungspsychologie

    Nichts Gutes, außer man tut es – Handlungspsychologie

    Wir werden mal ganz grundsätzlich in dieser Folge und denken darüber nach, was die Welt im innersten zusammenhält – sozusagen. In der Psychologie, die ja letztlich versucht, menschliches Verhalten zu beschreiben, zu erklären und vorherzusagen, sind dies so Begriffe wie Motivationen, Handlungen, Absichten, Ziele und – last not least – Emotionen!

    Die Psychologische Theorie, der wir diesmal in wesentlichen Zügen folgen, enthält bzw. verbindet alle diese Begriffe. Sie stammt von zwei amerikanischen Autoren: Michael Scheier und Charles Carver. Die beiden haben sich über viele Jahre hinweg kluge Gedanken um sehr grundlegende Vorgänge gemacht, nämlich die Regelungsmechanismen, die bei der Steuerung und Kontrolle von Handlungsvorgängen wirksam sind. In einem „Handbuch Stress und Kultur“ formulieren es Klaus-Helmut Schmidt und Stefan Diestel so:

    Eigene Verhaltensweisen zu unterbrechen, zu unterdrücken oder in anderer Weise zu verändern, Pläne zu schmieden und langfristig auch gegen innere und äußere Widerstände eigene Ziele zu verfolgen sowie Versuchungen oder Ablenkungen zu widerstehen gehört zu den beeindruckendsten psychischen Funktionen des Menschen.

    Schmidt, K. H., & Diestel, S. (2013). Selbstkontrolle: Kosten und Nutzen in unterschiedlichen Settings. Handbuch Stress und Kultur: Interkulturelle und kulturvergleichende Perspektiven, 139-150.

    Genau!

    Da wir der Überzeugung sind – wie wir in vorigen Episoden unsere Podcasts wiederholt betont haben -, dass das Nutzen von Onlinemedien in vielen Bereichen eben nicht nur als Medienkonsum, sondern als Handeln beschrieben und erklärt werden kann, kommen uns solche Denkansätze überaus gelegen.

    Nur: Stimmt das denn, das mit dem Handeln? Kann man das wirklich in dieser Eindeutigkeit behaupten? Nun, wenn man bedenkt, was im Web, auf Apps und in Games so alles möglich ist, nämlich…

    • Schuhe kaufen;
    • eine/n Partner/in finden;
    • diese/n wieder loswerden;
    • eine Steuererklärung machen;
    • eine Anzeige aufgeben;
    • einen Tisch bestellen;
    • jemanden beleidigen;
    • sich verschönern;
    • nach unten (oder oben) springen;
    • nach der Post sehen;
    • einen Text veröffentlichen;
    • ein Hotel bewerten;
    • eine Fahrrad-Tour planen;
    • etwas verschenken;
    • ….

    …dann könnte man durchaus diesen Verdacht hegen.

    Es scheint also interessant, den angedeuteten Gedanken einmal wirklich zu Ende zu denken, und das heißt in dieser Folge, dass wir die Theorie der Selbst- und Handlungsregulation von Carver & Scheier auf das Web übertragen und dann nachsehen, was daraus wird. In diesem Zusammenhang werden wir nicht nur über Warenkörbe und Formulare, sondern unter anderem auch über Absichten, Ablenkungen, und Abschirmung genauso wie über Reibung, Feedback, Spiel-Design, Drop-Down-Listen, Wartezeiten, passende und unpassende Vorschläge und „New Work“ nachdenken.

    Wesentlich ist, dass es hier keinesfalls um trockene Theorie geht, sondern um sehr praktische Hinweise und Regeln, die sehr gut für die Gestaltung und Bewertung von Online-Produkten und -Erlebnissen angewendet werden können. Was den Ansatz übrigens auch qualifiziert: er liefert Ergebnisse, die dem gesunden Menschenverstand entsprechen. Es ist mitnichten so, dass es geheimnisvolle psychologische Gesetzmäßigkeiten und Mechanismen gibt, die einem wachen Verstand nicht zugänglich wären. So gesehen befassen wir uns – einmal mehr – mit der Wissenschaft vom Offensichtlichen.

    Quellen zum Beitrag

    Die Ideen von Carver & Scheier sind in vielen Publikationen und Folgepublikationen erschienen und vielfach kommentiert worden. Die folgenden Beiträge ragen heraus:

    Zum Episodenbild

    Es ist nicht leicht, ein Meme zu so einer abstrakten Idee wie „Handeln“ zu finden. Wir haben uns auf die Suche in der Kunstgeschichte gemacht und sind schließlich mit einem Begriff fündig geworden: Die Ärmel hochkrempeln! „Roll up sleeves“ heißt das im Englischen. Die Bildrecherche lieferte uns neben diversen Agit-Plakaten aus der Arbeiterbewegung u.a. eine Litographie des höchst ehrenwerten Schmiedes Mr. Robert Davies aus dem britischen Wakefield, das auf das Jahr 1837 datiert. Wir haben ihm hier ein digitales Denkmal gesetzt, da er sich bei den Wahlen zum Borough von Wakefield Verdienste um freiheitliche Werte erworben hat. Uns erschien dies höchst beeindruckend (auch wenn wir die Details dieses Geschehens nicht wirklich verstanden haben) und zudem verkörpert Mr. Wakefield für uns in seiner ganzen Haltung wahrhaft entschlossene Handlungsbereitschaft!

    Bildquelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Robert_Davies._(BM_1872,0511.964).jpg

  • Töricht? Gedankenlos? Weise? Über menschliches Verhalten in Gruppen.

    Töricht? Gedankenlos? Weise? Über menschliches Verhalten in Gruppen.

    (S2/E13) The Wisdom of the Many. Die Weisheit der Vielen, die gemeinsam Phantastisches schaffen können, ohne viele Worte. Die Schwarmintelligenz von Ameisen, Vögeln oder Bienen – sind sie zusammen „das Gehirn“? Und was ist mit Menschen in Massen, die blitzschnell über Emojis im Web schlechte Laune oder Wut verbreiten. In Echokammern zusammengepfercht ohne viel nachzudenken Parolen nachsprechen und -denken. Weshalb verhalten wir Menschen uns manchmal in Gruppen oder eine Menschenmasse töricht oder gedankenlos? Oder auch weise, nachdenklich, klug und sozial handelnd?

    Wir bringen Licht ins Dunkle, schauen bei den Ameisen und den Vögeln vorbei. Wir (nach)erleben, dass Menschen vielfältig und klug sein können – oder auch einfältig. Und haben Ideen, weshalb das so sein könnte.

    Irgendwie kennt man die Begriffe: Die „Schwarmintelligenz“ zum Beispiel – illustriert mit wunderbaren Bildern von Vogel oder Fischschwärmen, die auch ohne gut gemeintes Mikromanagement von Vorgesetzten selten genug gegen Korallen schwimmen oder dem Riffhai ins Maul. Es gibt die faszinierenden Geschichten von Ameisen die sich nichts vom rechten Weg abbringt und die bei Störungen schnell neue Pfade bahnen.

    Und können das Menschen auch? Oder sind wir besser dran mit Brainstorming, Kommunikation, Abstimmungsgesprächen, und Arbeitsanweisungen? Weshalb spricht man bei uns Menschen von der „Weisheit der Vielen“, „the wisdom of the many“.
    Ist das das Gleiche oder etwas anderes als Schwarmintelligenz?

    Wir zeigen mit Geschichten und Studien, dass sich Schwarmintelligenz und Wisdom of the Many grundlegen unterscheiden. Und selbst für psychologische Massenphänomene bleibt genügend an Infos, um auch dieses Thema genauer zu betrachten. Es könnte etwas dran sein an der Überlegung, dass man nicht dumm geboren, sondern dumm gemacht wird. Von Menschen, die daraus persönlichen oder politischen Nutzen ziehen. Oder auch von solchen, die bereits dumm gemacht wurden.

    Quellen

    Jan Lorenz, Heiko Rauhut, Dirk Helbing (2011): Proceedings of the National Academy of Sciences. How social influence can undermine the wisdom of crowd effect

    Studie von Lorenz, Rauhut, Helbig am Institut für Soziologie der Universität Zürich / der ETH Zürich: „Dieser „Wisdom of Crowds“-Effekt wurde kürzlich durch Beispiele von Aktienmärkten, politischen Wahlen und Quizshows bestätigt [Surowiecki J (2004) The Wisdom of Crowds]. Im Gegensatz dazu zeigen wir anhand von Experimenten (N = 144), dass selbst leichter sozialer Einfluss den Wisdom of Crowd-Effekt bei einfachen Schätzaufgaben untergraben kann.“
    https://www.news.uzh.ch/de/articles/2013/die-weisheit-der-vielen.html
    https://www.webofscience.com/wos/author/record/F-6409-201

    Prof. Dr. Gert G. Wagner (2021): „So funktioniert die “Weisheit der vielen” wirklich“
    Prof. Wagner ist Senior Research Fellow in der Infrastruktureinrichtung „Sozio-oekonomisches Panel“ am Institut der Deutschen Wirtschaft, Berlin.
    https://www.diw.de/de/diw_01.c.822994.de/nachrichten/so_funktioniert_die____weisheit_der_vielen____wirklich.html

    Volker Walter, Michael Koelle, David Collmar (2022): „Measuring the Wisdom of the Crowd: How Many is Enough?“
    https://link.springer.com/content/pdf/10.1007/s41064-022-00202-2.pdf

    James Surowiecki(2005): Die Weisheit der Vielen, warum Gruppen klüger sind als Einzelne und wie wir das kollektive Wissen für unser wirtschaftliches, soziales und politisches Handeln nützen können (Originaltitel: The wisdom of crowds, übersetzt von Gerhard Beckmann).
    Viele Beispiele (u.a. das „U-Boot“ Beispiel aus dem Podcast.

    Ernst Kurzmann (2017): Kanban und Schwarmintelligenz auf Führungsebene. in: Logistik Know How, 18.9.2017
    https://logistikknowhow.com/planung-und-organisation-eines-lagers/kanban-und-schwarmintelligenz/

    Sir Francis Galton (1907): The Wisdom of the Many.
    Francis Galton hat den Begriff geprägt und bezieht sich auf ein von ihm durchgeführtes Experiment auf einem Viehmarkt (Bauernmarkt, Messe), bei der er das Gewicht eines Ochsen von Besuchern einschätzen lies. Und dies bis auf ein Pound (Maßeinheit „lbs“. etwa 0,454 Kg) genau gelang.

    Byed Yong (2013): The Real Wisdom of the Crowds.
    In diesem Artikel fanden wir – zu spät für die Aufnahme – die exakte Zahl an Ochsengewicht-Schätzern (n=787).
    Ebenso eine plausible Erklärung wie Schwarmintelligenz – eigentlich Schwarmverhalten – bei Fischen funktioniert. Und eine fast schon Schmähung des Kollegen Galton, dass „diese alte Geschichte mit dem Ochsenschätzen“ eigentlich recht langweilig sei. Nun gut, dafür wurden in dem Artikel von National Geographic „Wisdom of the Many“ und „Schwarmintelligenz“ nicht auseinandergehalten.
    https://www.nationalgeographic.com/science/article/the-real-wisdom-of-the-crowds

    Byed Yong bezieht sich auf den folgenden Artikel:
    Berdahl, Torney, Ioannou, Faria & Couzin (2013). Emergent Sensing of Complex Environments by Mobile Animal Groups.

    https://kops.uni-konstanz.de/server/api/core/bitstreams/70f5227d-0b5a-42a6-961d-db714642cb45/content

    Episodenbild

    Hieronymus Bosch hat unserer Meinung nach das perfekt passende Bild für diese Folge gemalt: Auf dem linken Flügel – als „Garten Eden“  benannt – seines Triptychon „Garten der Lüste“ (circa 1450 –1516) findet sich in der oberen Ecke links die Illustration eines Vogelschwarms, der durch ein fast schon kubistisches Gebilde fliegt. Schaut man genauer hin, scheint es den Vögeln Spass zu machen, denn sie stehen am Fuße des Gebildes in Reihen an und warten auf den Abflug.

    Wir gönnen uns das ganze Bild, den Triptychon – das Episodenbild werden Sie schon ganz alleine finden.

    Quelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/3/38/Jheronimus_Bosch_023.jpg

  • Echte Mogelpackungen – Parasoziale Beziehungen und Authentizität

    Echte Mogelpackungen – Parasoziale Beziehungen und Authentizität

    Im Jahr 1956 erschien ein Klassiker der Medienforschung, ein nur vierzehn Seiten umfassenes wissenschaftliches Essay, in dem die Donald Horton und Richard Wohl erstmals den Begriff der „parasozialen Beziehung“ bzw. „parasozialen Interaktion“ definieren und gebrauchen. Was sie darin an Gedanken und Überlegungen über die Qualität und die Funktion der Beziehungen eines Publikums zu bestimmten Medienfiguren anstellen, erscheint heute aktueller denn je.

    Tatsächlich hat es der moderne Mensch nicht mehr so einfach, was seine sozialen Beziehungen betrifft. Während man früher in einem sozialen Ökosystem mit Familie, Freunden, Sippschaft und vielleicht noch einer regionalen Gemeinschaft lebte, gesellen sich heute zahlreiche mehr oder weniger virtuelle Personen, Heldinnen und Helden und Medienfiguren aller Art hinzu. Horton und Wohn nennen diese „Personae“ (Singular: Persona). Beispiele für aktuell hoch gehandelte Personae wären Attila Hildmann, Jan Böhmermann, Anne Will oder auch Bibi (also, nicht die von „Bibi und Tina“, sondern die von dem Beauty Palace). Gemeinsam haben sie, dass wir sie (a) nur über die Medien vermittelt kennen, und trotzdem (b) von ihnen beeinflusst werden. Diese besondere Art von einseitiger Beziehung, bei der sich ein anonymes Publikum mit Protagonist/innen identifiziert, nennen die Autoren „parasozial“ und tatsächlich liest sich ihr Artikel über weite Strecken wie eine Vorwegnahme dessen, was uns heute in Gestalt von YouTuber/innen und Stars und Sternchen auf Instagram oder TikTok begegnet.

    In unserer Podcastfolge rollen wir die Thematik auf, berichten von Studien und modernen Strategien aus dem Marketing, denen zufolge Influencer/innen systematisch akquiriert, evaluiert und mit eigenen Markenwerten und -botschaften synchronisiert werden. Der entscheidende Hebel dabei ist: Authentizität! Nur wer echt erscheint, hat Erfolg. Nur wer anscheinend ungeplant und spontan agiert kann damit rechnen, intensive parasoziale Beziehungen an sich zu ziehen (anders gesagt: Vertrauen zu gewinnen, das sich dann monetarisieren lässt). Auch diese Idee ist von Horton und Wohl schon vorgedacht worden, wenn sie von planned informality sprechen, die für das Herstellen einer intimacy at a distance erforderlich sei. Wenn man sich mit der Thematik beschäftigt, stolpert man schnell über zwei verwandte Themen, die eigene Podcast-Episoden wert sind.

    Erstens sind wir vielleicht derzeit nur in einer Übergangsphase, in der echte Menschen immer noch die Voraussetzung dafür sind, dass parasoziale Beziehungen entstehen können. Eine zweite Klasse von Personae, die uns die Digitale Transformation beschert, sind nämlich KI-Avatare, denen wir uns in einer späteren Folge ausführlich widmen werden… Zweitens kommt zur Authentizität noch ein zweiter Schlüsselfaktor für enge parasoziale Beziehungen hinzu: Attraktivität. Je attraktiver eine Persona eingeschätzt wird, desto enger ist die entstehende Bindung. Allerdings ist Vorsicht geboten, denn Attraktivität und Authentizität sind nicht voneinander unabhängig. Aus diesem Grund mahnen die Strategen des Influencer-Marketings, es nicht zu übertreiben. Irgendwann gilt, dass die Dinge zu schön sind um wahr zu sein.

    Die Quellen und Lesetipps zur Episode

    Das Episodenbild

    Das „Theatre Magazine“ ist eine Publikation, die von der Jahrhundertwende bis in die 20er-30er Jahre in den USA erschien. Uns ist sie aufgefallen, weil auf dem Titel häufig gezeichnete und kolorierte Abbildungen von Personae der damaligen Schauspiel- und Theaterkultur abgebildet waren. Der Stil der Darstellung und der Ausdruck der Personen erinnern frappierend an die Anmutung der photogeshoppten Feeds der modernen Influencer/innen. Unser Episodenbild aus dem Jahr 1923 zeigt die US-amerikanische Schauspielerin Ruth Findlay (1896-1946). Und man wartet darauf, dass sie uns mit „Ihr Lieben…“ anspricht. Gezeichnet wurde sie von dem New Yorker Maler und Illustrator Hamilton King (1871-1952), der irgendwie auf weichgezeichnete Damenportraits spezialisiert war.

    URL: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Theatre_Magazine_April_1919_cover_-_Ruth_Findlay_by_Hamilton_King.jpg

  • Everybody lies. Das musst Du nicht glauben!

    Everybody lies. Das musst Du nicht glauben!

    (S2/E09) Jeder Mensch lügt, glauben Sie nicht? achwasfm.janlucash.com/ ist auf Entdeckungsreise: Wir holen Zeugen und Zeugnisse an Bord. Beschäftigen uns mit der wichtigen Idee, wer denn die Wahrheit über menschliches Verhalten dringend braucht, ob Wahrheit Kitt oder Klebstoff unseres Zusammenlebens ist.
    Als Quellen für die Suche nach der Wahrheit über unsere Spezies kommen medizinische und psychologische Forschung in Betracht. Wir stellen vor, welche Anstrengungen unternommen werden, um deren Qualität zu verbessern.

    Sind wir selbst eigentlich in der Lage, wahrheitsgemäß Auskunft über uns zu geben? Dieser Frage widmen sich Veröffentlichungen zweier Unternehmen. Sie lassen uns teilhaben an den Erkenntnissen, die das Web liefern kann.

    • Stimmt denn die Schlussfolgerung von Google, dass die Analyse der Suchen „unsere dunkelsten Geheimnisse enthüllt“, weil jedermensch lügt?
    • Oder liegt die Dating-Plattform OkCupid eher richtig, die mit einem Augenzwinkern titelt: „Wer wir sind – wenn wir denken, dass niemand zuschaut?“.

    Wir stellen und beantworten die Frage, ob diese Big Data Analysen gedacht sind, oder zumindest genutzt werden können, das Wissen über uns Menschen und unser Verhalten auch im wissenschaftlichen Sinne zu mehren. Oder nur vermittelt werden soll, dass unser Verhalten, als Big Data gesammelt, eher Futter für erschreckendes Clickbait oder auch Big Brother ist.

    Quellen

    • Anmerkung: Der im Podcast erwähnte Ford war der Edsel – eine Automarke, die von Ford 1957 eingeführt wurde, und aus vielerlei Gründen scheiterte. Eigentlich ist die Geschichte eine ganze Folge wert. Robert Daines hat diese Industriegeschichte niedergeschrieben.
      Robert Daines: „Edsel – The Motor Industry’s Titanic„. Academic Books 1994
      In Wikipedia finden Sie eine längere Ausführung zum Thema
      https://de.wikipedia.org/wiki/Edsel abgerufen 7.1.2023
    • „Falsche Erinnerungen?“ Alleen Oeberst arbeitet gemeinsam mit Forscher*innen zu diesem Thema. Auf der Plattform ResearchGate kann man sich einen guten Überblick dieser Studien verschaffen. Hinweis: ResearchGate ist eine Quellensammlung wissenschaftlicher Publikationen und erst nach Anmeldung (kostenfrei) erreichbar. abgerufen 2.1.2023
      https://www.researchgate.net/publication/337697263_Collectively_biased_representations_of_the_past_Ingroup_Bias_in_Wikipedia_articles_about_intergroup_conflicts
    • Ein Klassiker zum Thema:
      Julia Shaw: „Das trügerische Gedächtnis. Wie unser Gehirn Erinnerungen fälscht„. Aus dem Englischen. Hanser Verlag München 2016
    • Und noch ein Klassiker, ein Sammelband von:
      Paul Watzlawick (Hrsg.): „Die erfundene Wirklichkeit. Wie wissen wir, was wir zu wissen glauben? Beiträge zum Konstruktivismus“ Piper Verlag München 1985 (4. Auflage 2008)
    • Medizinische Forschung
      • Artikel von Paul Glasziou und Iain Chalmers: „Is 85% of health research really “wasted”?“
        Mit weiteren Quellen zur Metastudie inkl. Kritische Analysen in:
        https://blogs.bmj.com/bmj/2016/01/14/paul-glasziou-and-iain-chalmers-is-85-of-health-research-really-wasted/ abgerufen 2.1.2023
        Zitat:“If research was a transport business, we would be appalled by these data. Half the goods carried would be badly designed, half lost in shipping, and half of the remainder broken by the time they arrived—a truly heart breaking waste. The “good news” is that there is vast potential gain from salvage operations! Either rescuing sunken trials from the bottom of the ocean, or repairing the damaged ones, might retrieve up to 75% of the waste (we cannot retrospectively fix poor design).“
      • Kampagne von The Lancet zur Verbesserung der Qualität medizinischer Forschung: The Lancet REWARD (REduce research Waste And Reward Diligence) Campaign invites everyone involved in biomedical research to critically examine the way they work to reduce waste and maximise efficiency. abgerufen 2.1.2023
        https://www.thelancet.com/campaigns/efficiency
    • Psychologische Forschung
      • Nuijten, M.B., Hartgerink, C.H.J., van Assen, M.A.L.M. et al. The prevalence of statistical reporting errors in psychology (1985–2013). „The prevalence of statistical reporting errors in psychology (1985-2013)“ Abstract und weitere Studien. abgerufen 2.1.2023
        https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/26497820/
      • Nuijten, M.B., Hartgerink, C.H.J., van Assen, M.A.L.M. et al. The prevalence of statistical reporting errors in psychology (1985–2013).
        Behav Res 48, 1205–1226 (2016). Ursprüngliche Veröffentlichung. abgerufen 2.1.2023
        https://doi.org/10.3758/s13428-015-0664-2

    Big Data is it?

    • OkCupid erklärt Verhalten
      • Christian Rudder: „Dataclysm: Who We Are (When We Think No One’s Looking)“, 2014
        „Our personal data has been used to spy on us, hire and fire us, and sell us stuff we don’t need. In Dataclysm, Christian Rudder uses it to show us who we truly are.“
      • Interview mit Christian Rudder, Data Scientist und Co-Founder der Partnerbörse OkCupid
        https://mixpanel.com/blog/christian-rudder-on-okcupid-user-data-and-the-impending-ai-takeover/ abgerufen 2.1.2023
      • Video Interview mit Christian Rudder mit einigen Beispielen seiner Analysen, Youtube, abgerufen 7.1.2023
        https://www.youtube.com/watch?v=U0-PFWGQEAA
    • Tonnen von Data – Kaggle hat sie alle (fast). Datensätze zum Üben, Hypothesen testen, Spielen
      https://www.kaggle.com
    • Hier findet man die Quelle für die Anekdote von Thomas Wirth – der MMPI mit eingebauter „Lügen-Skala“:
      „MMPI (Minnesota Multiphasic Personality Inventory) ist das am weitesten verbreitete und am besten erforschte klinische Beurteilungsinstrument, das von psychiatrischen Fachkräften zur Diagnose von psychischen Störungen eingesetzt wird„. Quelle siehe Link zum Abschnitt, übersetzt aus dem Englischen.

    Das Episodenbild 

    Jan Vermeer hat das Gemälde „Briefleserin am offenen Fenster“ von 1657 bis 1659 erschaffen.
    Bis 1979 war das Original verschwunden – und hing doch in den Museen direkt vor den Augen des Publikums. Wie das geht?
    Das erste Bild ist eine – nicht von Jan Vermeer – veränderte Fassung, in der das „Bild im Bild“ eines Cupido (Liebesgott / Amor) fehlt. Das zweite Bild ist das Original, wie es 1979 beim Röntgen entdeckt wurde.
    Die Untersuchungen zeigten, dass der Cupido im 18.Jhd. – in Paris – übermalt wurde. Im Jahr 2017 wurde dann durch Restaurierung der Originalzustands wieder hergestellt.
    Ab September 2021 ist das Bild nach fast 300 Jahren wieder „wie neu“ öffentlich zu sehen: Genaue Analysen helfen, das „Big Picture“ wieder zu ent-decken.

    Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Briefleserin_am_offenen_Fenster

  • Was weißt Du über Clickbait…?

    Was weißt Du über Clickbait…?

    …das ist nicht nur eine gute Frage, die man sich gelegentlich wirklich stellen sollte, sondern auch höchst selbstreferentiell eben das: Clickbait. Das Formulieren von Fragen, die den/die Leser/in direkt aufs Korn nehmen, ist nämlich eine der Köder-Methoden, mit denen windige Anbieter versuchen, uns von unseren Zielen abzulenken und zum Klicken zu ermuntern – auf der Suche nach mehr oder weniger sensationellen, in vielen Fällen aber schlussendlich überhaupt nicht vorhandene Informationen.

    Und was uns da so angeboten wird, ist aber auch einfach zu verlockend:

    • „Nachdem du diese Fakten gelernt hast, wirst du deine Katze nie wieder anfassen wollen.“
    • „Dieser Mann ging spazieren, doch plötzlich passierte etwas Unglaubliches!“
    • „Sie war eine ganz normale Frau, doch dann geschah DAS“
    • …und wenn Dich das nicht interessiert: SO sieht Michael Schumacher heute aus…!“ „

    Also gut: Clickbait, das ist toxischer Gehirn-SPAM, dem wir auf lange Sicht kaum entkommen. Weil die idiotischen Köder überall lauern und unendlich Geduld haben, müssen sie nur lange genug warten, bis unsere Widerstandskraft nachlässt und unsere eigentlichen Absichten ermüden – schon ist es passiert! Ein Klick genügt und dann geschieht – um es in adäquater Sprache zu formulieren – etwas Unfasssbares: Wir bekommen die in Aussicht gestellten Dinge nämlich gar nicht zu sehen! Und das ist kein „kranker Irrsinn“, sondern hat gute Gründe (…die wir natürlich erklären).

    In der 6. Folge der 2. Staffel unseres Podcasts gehen wir diesem typischen Phänomen der digitalen Transformation nach und auf den Grund. Es wird dabei weniger wissenschaftlich zitiert als gründlich nachgedacht: Wie kann so etwas Idiotisches wie Clickbaiting überhaupt funktionieren? Was findet dabei in den Opfern statt? Welche Köder kann man unterscheiden? Welche psychologischen Prinzipien stecken dahinter? Wieso funktioniert das, obwohl wir die Köder ja sofort als solche erkennen? Mit diesen Fragen beschäftigen wir uns. Und anstatt Studien zu zitieren, machen wir diesmal kurzerhand selbst eine: Den ultimativ-krassen Clickbait-Contest!

    …und Du wirst nicht glauben, wer dabei gewinnt!

    Der ultimativ-krasse Clickbait-Contest:

    Genau: In unserem Clickbait-Contest haben wir nämlich ausprobiert, wie sich unsere Reichweite vermittels Clickbait turboladen lässt. Die folgende Galerie zeigt die drei Kandidaten, die dabei gegeneinander angetreten sind. Die bisher erfolgreichste Content-Anzeige unseres Podcasts, (nämlich die Ghosting-Folge, die wir als Instagram-Beitrag promotet haben) tritt dabei als Vergleichsmessung gegen zwei handgeschnitzte Clickbait-Vorlagen an, die die Macher von achwasfm.janlucash.com/ in edlem Wettstreit erstellt haben:

    Die Details erklären wir ausführlich im Podcast. Die Ergebnisse des Vergleichs sind folgende:

    AnzeigeTageEuroViewsKlicksKosten/Klick
    Vergleich55010.00012545 Ct.
    von Hawe221,066.8225638 Ct.
    von Thomas223,106.69220111 Ct.

    Man erkennt: Beide Clickbait-Anzeigen sind der Vergleichs-Version überlegen. Für die beste Anzeige (von Thomas mit Clickbait aufgepimpt) kostet die Reichweite nur ein Viertel der gewöhnlichen Vergleichsanzeige!

    Quod erat demonstrandum: Clickbait funktioniert!

    Das Episodenbild

    Das Bild zur Folge wurde von einer künstlichen Intelligenz Namens DALL-E erzeugt, und zwar auf den Prompt (Eingabestring): „a intensely colored painting of a young woman as victim of clickbait digital art“. Mehr zu DALL-E in der aktuellen Podcast-Folge. Der Link zur KI: https://openai.com/dall-e-2/

    Quellen

  • Kognitive Verzerrung oder Verhaltensmuster?

    Kognitive Verzerrung oder Verhaltensmuster?

    (S2/E05) Es gibt ein ganzes Universum menschlicher Entscheidungen, die sich irgendwann als Fehlverhalten herausstellen könnten: Kennen Sie das, wenn von draussen oder drinnen die kraftzehrenden Gedanken irrlichtern? „Wie konntest Du nur?“ „Ich bin so blöd“  „Hätte ich doch bloß“, „Denk doch vorher nach!“. Nach dieser Folge lautet Ihre Antwort auf all‘ diese Rat-Schläge: „Nachgedacht – Habe ich. Und dabei das schnellste und hocheffiziente „System 1″ genutzt“.

    Denn dank der Forschung von Nobelpreisträger Daniel Kahneman und Amos Tversky wissen wir: wir nutzen zwei Gehirne. Die meiste Arbeit erledigt unser schnelles Denken, das System 1. Ohne dieses würden wir noch mittags da sitzen und über die Auswahl der angemessenen Socken, ob Müsli oder Brot, Kaffee oder Tee, Bus oder S-Bahn nachdenken – und verzweifeln. Schnelles Denken hat uns dahin gebracht, wo wir heute sind. Aber – wird es uns auch in die Zukunft bringen? Dem schnellen Denken haftet der Makel an, uns immer wieder in „Denkfallen“ zu steuern. Kognitive Verzerrungen werden diese unfreundlich genannt und bescheinigen uns Individuen Gedankenlosigkeit.

    Was uns da die Natur beschert hat, sind eher Verhaltensmuster, Intuitionen. Die gute Nachricht: Diese bekommen tatsächlich Unterstützung durch das langsamen Denken, unser System 2. Man sollte diesem die Chance geben, um uns auch in schwierigen Zeiten zivilisiert gegenüber Menschen zu verhalten.

    Was passiert, wenn es nicht passiert, zeigen wir deutlich am Beispiel der Ereignisse des 6. Januar 2021, als „plötzlich“ hunderte von gewalttätigen Menschen das Capitol in Washington erstürmen, sich im Recht fühlen, viele Menschen zu Schaden kommen und fünf getötet werden. Wir zeigen, dass es Instanzen gibt, die unsere intuitiven Verhaltensmuster als Cognitive Biases missbrauchen und diese sind als "Social Media" getarnt weltweit unterwegs. Sie könnten unsere Zivilisation zerstören. Warnen Sie Familie und Freunde. Erzählen Sie von dieser Folge von achwasfm.janlucash.com/!

    Quellen zur Episode

    • Das Experiment zum „Wahrheitseffekt“ (Illusory Truth Effect). Wenn man eine Aussage nur oft genug wiederholt, wird sie als „wahr“ betrachtet: „Die gestohlene Wahl, die Flüchtlingsschwemme, der Blackout, verleumderische Aussagen in Trip-Advisor, Twitter oder auch in „klassischen Medien“ legen Zeugnis ab.
      Lynn Hasher, David Goldstein und Thomas Toppino: „Frequency and the Conference of Referential Validity“, Journal of Verbal Learning an Verbal Behavior 1977
      https://doi.org/10.1016/S0022-5371(77)80012-1

    • Menschen werden aufgehetzt und kommen in Rage. Werden zu einem marodierenden Mob. Diagnose: Moral Panic. Stanley Cohen hat dieses Phänomen 1972 beschrieben und dabei einen Vorfall aus dem Jahr 1964 diagnostiziert. Könnte jederzeit genau so wieder passieren.
      Umfassend und interessant aufbereitet mit vielen Beispielen – auch zum Thema „Corona“
      Frothingham, M.B. (2021, Oct 28). „Folk Devils and Moral Panics (Cohen 1972).“
    • https://www.simplypsychology.org/folk-devils-and-moral-panics-cohen-1972.html
    • Stanley Cohen: „Folk Devils and Moral Panics„,  Thirtieth Anniversary Edition, (2002 by Routledge; first published May 17th 1973)
    • Eine Liste von 117 Behavior Patterns / Kognitiven Verzerrungen tabellarisch, geordnet, mit Quellenangaben findet sich in:
      Philipp Spreer: PsyConversion ® „117 Behavior Patterns für eine noch bessere User Experience und höhere Conversion-Rate im E-Commerce“, 2021, SpringerGabler

      Die „Klassiker“ zum Thema von: Daniel Kahneman und Amos Tversky
    • D. Kahneman, A. Tversky: Prospect theory: An analysis of decision under risk. In: Econometrica, Band 47, 1979, Nr. 2, S. 263–291.
    • A. Tversky, D. Kahneman: „Advances in prospect theory: cumulative representation of uncertainty. In: D. Kahneman, A. Tversky (Hrsg.): „Choices, values and frames“. Cambridge University Press, Cambridge 2000, S. 44–66.
    • D. Kahneman: „Thinking, fast and slow. Allen Lane, London 201
      Deutsche Ausgabe: D. Kahneman: „Schnelles Denken, langsames Denken“. Siedler, München 2012

      Weiterführende Texte
    • Eine sehr umfangreiche Sammlung von Denkfallen und Paradoxa hat Timm Grams auf seiner Website zusammengestellt, kommentiert und mit einer famosen Quellensammlung versehen. Empfehlenswert für Menschen, die Spaß am „langsamen Denken“ haben. Es ist zudem auch eine „Denkschule“, die fit für das Leben macht.
      Trigger Warnung: Kann auf Schnellurteilende verstörend wirken.
      https://www2.hs-fulda.de/~grams/dnkfln.htm
    • Das Buch zuer Website
      Timm Grams: „Klüger irren – Denkfallen vermeiden mit System“ Springer 2016
      https://link.springer.com/book/10.1007/978-3-662-50280-8

    Zum Episodenbild

    Manchmal ist das Leben tatsächlich zum Haare raufen.

    20.11.2022. Manchmal ist das Leben tatsächlich zum Haare raufen. Wir haben DALL-E 2 gebeten, uns dazu ein Bild zu erstellen. Im Stil des französischen Malers Gustave (Désiré) Courbet sollte es sein und einen verzweifelten Mann zeigen. Was man sieht, ist das Ergebnis der Interpretation einer Künstlichen Intelligenz, die abermillionen Bilder durchsucht und geordnet hat und daraus eine Melange des verzweifelten Haareraufens erstellte.
    In S2/E06 erzählen wir mehr zu diesem Thema.

    https://openai.com/dall-e-2/

    Ursprünglich, da gab es doch ein anderes Bild?

    Genau, zur Erstveröffentlichung am 6.11.2022 haben wir das ein Originalgemälde genutzt. Text: „Manchmal ist das Leben tatsächlich zum Haare raufen. In dieser verzweifelten, verängstigten Stimmung malt der französische Maler Gustave (Désiré) Courbet sein Selbstportrait mit dem Titel „Le Désespéré“ (Der Verzweifelte, um 1843). Courbets Leben und Werk wäre für einen Historienroman geeignet. Seine Herkunft aus einer wohlhabenden Bauernfamilie, sein Kampf um Anerkennung in der Pariser Kunstszene, sein politisches Engagement in revolutionären Zeiten in Frankreich und die finanziellen und gesundheitlichen Folgen dieser Zeit sind es wert, nicht nur eine Randnotiz zum Episodenbild zu sein.
    Zum Einstieg empfiehlt sich der Wikipedia Beitrag: https://de.wikipedia.org/wiki/Gustave_Courbet

    Das ursprüngliche Bild, Jean Gustave Courbet: „Le Désespéré“, um 1843

    Jean Gustave Courbet: "Le Desepere" um 1843

    https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Gustave_Courbet_-_Le_D%C3%A9sesp%C3%A9r%C3%A9_(1843).jpg

  • Zoom-Fatigue und Selbstaufmerksamkeit

    Zoom-Fatigue und Selbstaufmerksamkeit

    (S2/E04) Eine signifikante Veränderung in unserem Leben haben die Jahre der Pandemie mit sich gebracht: Wir verbringen – gefühlt – unendlich viel Zeit in Videokonferenzen. Adobe Connect, Big Blue Button, Clickmeeting, Google Meet, Microsoft Teams, webex, ZOOM … Ja, das Kommunizieren über briefmarkengroße Fensterchen, in denen sich Familienmitglieder und Freund/innen, Kolleg/innen, Lehrende und Lernende tummeln, ist für uns zum Alltag geworden.

    Unsere Meinung hierzu: Auch wenn uns Videokonferenzen über die Corona-Krise hinweggerettet haben, müssen wir sie ja noch nicht mögen – jedenfalls nicht immer und überall. Und unser Verdacht, dass etwas nicht stimmen kann, wenn Menschen sich Tag um Tag und Stunde um Stunde vor dem Rechner postieren, um mit Webcam und Mikro an Meetings teilzunehmen, hat sich bestätigt. Das ist einfach ungesund! Und es waren wieder einmal die amerikanischen Wissenschaftler – diesmal vom Virtual Human Computer Interaction Lab der Universität Stanford -, die das Problem als erste erkannt und dingfest gemacht haben: „ZOOM-Fatique“ nennt man dieses Gefühl von Leere und Erschöpfung, das eintritt, wenn sich Menschen in einer Situation finden, in der sie anscheinend stundenlang von anderen beobachtet werden und sich obendrein zwangsweise noch selbst betrachten müssen. Und wie alle anderen Varianten von Fatique, auf die wir auch kurz eingehen, ist dies letztlich eine digitale Zivilisationskrankheit, man könnte auch sagen: ein Thema für die Krankenkassen. Wir gehen diesem Phänomen auf den Grund, berichten über Studien, Messinstrumente, erste Erkenntnisse zu den Ursachen und mögliche Gegenmaßnahmen.

    Das zweite Thema, mit dem wir uns beschäftigen, hat ganz unmittelbar hiermit zu tun. Es geht um Selbstaufmerksamkeit – ein Wort, das seine Bedeutung ahnen lässt, nicht aber seine Auswirkungen. Wir klären, was das ist und kommen zu dem Schluss, dass die schöne neue Wirklichkeit der Sozialen Medien und Videokonferenzen eben genau diese Selbstaufmerksamkeit auslöst. Es scheint plausibel: Wer permanent beobachtet wird und sich selbst permanent beobachtet, wird automatisch und unbedingt in einen Zustand erhöhter Selbstaufmerksamkeit versetzt. Das wäre nun halb so schlimm, wenn es nicht eigenartige Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge rund um Selbstaufmerksamkeit gäbe. In der Geschmacksrichtung „öffentlich“ korreliert Selbstaufmerksamkeit nämlich mit sozialer Angst (Mein Gott, was mögen die nur von mir denken?) in der Geschmacksrichtung „privat“ mit Depressivität (Oh Gott, wer bin ich denn und was bin ich überhaupt wert?). Merke: Wenn Du Deine gute Laune nicht verlieren willst, dann schau‘ nicht zu lange in Spiegel – und meide Videokonferenzen!

    Quellen:

    zum Episodenbild

    Ramon Casas (1866-1932) war ein katalanischer Maler und Grafiker, der als Mitbegründer und wichtiger Vertreter des katalanischen Modernismus gilt, einer künstlerischen Bewegung, der auch der weltberühmte Architekt Antoní Gaudi angehörte. Für das Bild „Müde“, das zwischen 1895 und 1900 entstand, malte er eines seiner häufiger portraitierten weiblichen Modelle in einem eigenartig modern wirkenden Mobiliar. Und sie ist sehr überzeugend müde, fanden wir. Ein schönes Sinnbild für unsere Folge über Fatigue.

    Bildquelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:18_sep_13_rodin_belle.jpg

  • Ich knipse mich, also bin ich. Über Selfies.

    Ich knipse mich, also bin ich. Über Selfies.

    (S2/E02) Wir vermuten ja, dass das Bedürfnis des Homo Sapiens sich selbst zu betrachten und/oder irgendwie bildlich zu verewigen, angeboren ist. Anders wäre kaum zu erklären, dass es durch die Jahrhunderte immer wieder neue Ausdrucksformen gefunden hat – von den Graffiti-Händen der Steinzeit über die mit hoher Kunstfertigkeit geschaffenen Selbstbildnisse klassischer Künstler bis zum buchstäblich milliardenfach geschossenen digitalen Pixelportrait des 21. Jahrhunderts. Natürlich: wir sprechen vom Selfie.

    Dieser Frage gehen wir nach und legen einige verborgene Schichten frei, berichten unter anderem von „Selfiegates“, heldenhaften, geschmacklosen, tödlichen und „Disaster-Selfies“. Und wir kommen zu dem Schluss, dass Selfies vielschichtig und überhaupt keine harmlosen Zufallsprodukte sind. Sie können im Dienst von Beziehungen stehen. Paare fotografieren sich gemeinsam. Promis oder Influencer/innen, die sich an bestimmten Orten in bestimmten Posen ablichten, werden oftmals von hunderten oder gar tausenden Fans oder Follower/innen imitiert. Gnade dem einsamen romantischen Ort, der zur Kulisse eines solchen Follower-Rituals wird! Dabei gilt: Je spektakulärer und exklusiver der Ort und/oder die anwesenden Personen, desto wertvoller werden die geschossenen Trophäen. All dies dient dem „Self-Branding“ und der Selbstvergewisserung. Wir meinen, es geht noch um mehr: Selfies haben magische Qualitäten, sind Rituale der symbolischen Inbesitznahme von Menschen, Orten und Situationen. Also: Zeige mir Deine Selfies und ich sage Dir, wer Du bist!

    Quellen zur Episode

    zum Episodenbild

    Natürlich wäre – wie am Ende der Podcastfolge angekündigt – ein klassisches Selbstbildnis ein schönes Motiv für eine Episode zum Thema Selfies gewesen, irgendwas von Rembrandt oder van Gogh… Dann ist uns ein Gemälde über den Bildschirm gelaufen, dass uns noch besser gefällt: Eine elegante Dame, die sich sehr intensiv (und verrenkt) mit ihrem Anblick beschäftigt und dabei simultan einen Hand- und einem Wandspiegel benutzt – ziemlich „selfiemäßig“, fanden wir. Das Original des Bildes hängt im Metropolitan Museum of Modern Art in New York und wurde 1911 von Frederick Carl Frieseke gemalt – ein Maler des amerikanischen Impressionismus (…von dem wir bis zu unserem Fund ehrlicherweise auch noch nie gehört hatten).

    Bildquelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Woman_with_a_Mirror_(Femme_qui_se_mire)_MET_DP161210.jpg