Kategorie: Psychologie

  • Influencer*innen: echte oder falsche Freunde…?

    Influencer*innen: echte oder falsche Freunde…?

    (S1/E28) Was haben ein Fußballer, zwei schwäbische Zwillinge und eine siebenköpfige Familie aus Utah gemeinsam? Richtig: gar nichts – auf den ersten Blick. Löst man unsere Rätselfiguren aber in passende Namen auf, wird die Sache schnell klar: Toni Kroos, Lisa und Lena und Familie Butler aus Utah sind allesamt Influencer/innen und um diese spezielle Spezies, die ihre Entstehung natürlich dem Internet und der Digitalisierung verdankt, kümmern wir uns in unserer 28. Folge.

    Und es wir höchste Zeit, denn unter den vielen digitalen Erscheinungen, die unser Leben und vor allem das Leben der jüngeren Menschen in unserer Kultur bestimmen, gehört das Phänomen der Influencer/innen sicherlich – Achtung, Wortspiel! – zu den einflussreichsten. Dabei begegnet uns Toni Kroos als erste Variante von Influencing: Star- oder Celebrity-Influencer, sind Personen, die mehr als „influencen“. Sie werden zuerst und auch außerhalb der sozialen Medien zum Vorbild, zur Identifikationsfigur und nutzen diesen Status dann zum Aufbau einer – übrigens im Fall von Herrn Kroos mit einer Reichweite von 30 Millionen Follower/innen nicht eben kleinen – digitalen Community.

    Lisa und Lena Mantler haben als „lisaandlena“ auf Instagram „nur“ 16,5 Millionen Follower – aber immerhin mehr als Bündnis 90 / Die Grünen in der Bundestagswahl 2021 an Wähler/innen-Stimmen gewinnen konnten. Womit? Nun, das ist für Menschen unseres Alters – wir gestehen es offen – nicht leicht nachzuvollziehen. Popsongs mit sorgfältig einstudierten Tanzeinlagen und lippensynchronen Mundbewegungen zu begleiten, Selfies in verschiedenen idyllischen und interessanten Orten zu schießen, mit dem Hund Spazierengehen, verschiedene Outfits anzuziehen, sich Frisieren, eben mal rasch über das Leben nachdenken… Überträgt man dem alten Mediziner/innen-Grundsatz „Wer heilt, hat Recht“, dann haben Lisa und Lena Recht, sprich: Erfolg.

    Und Familie Butler? Die gewinnt die Herzen ihrer 4,5 Millionen Follower auf YouTube, indem sie kurzerhand ihr ganzes Familienleben in astreinen „Content“ verwandeln oder umsetzen. Mutti, Vati und fünf Kinder verreisen und haben Geburtstage und spielen sich lustige Streiche und gehen ins Schwimmbad und Gassi mit dem Hund und wenn sich das anzuschauen nicht lohnt, wenn das zu sehen keine Lebenszeit wert ist, dann wissen wir auch nicht…

    In unserer Influencer/innen-Folge werden wir noch mehr Exemplare dieser Spezies besichtigen und darüber nachdenken, wie all das funktioniert und was es für uns bedeutet.

    Quellen zum Beitrag

    • Derek Muller klärt auf seinem YT Kanal „veritasium“ über ständig optimierte Algorithmen auf YouTube auf.
      Sein Video darüber geht viral und wird über 4,6 Mio. mal angesehen (Stand 10.1.2022).
      https://youtu.be/fHsa9DqmId8

    Zum Episodenbild

    Beim Episodenbild war diesmal nicht lange zu grübeln: Natürlich ist das Trojanische Pferd die beste Allegorie, das beste „Meme“, um das Prinzip des digitalen „Influencing“, also die Injektion von Werbung und Propaganda in eine scheinbar authentische Beziehung, darzustellen. Und schon damals gab es einige Trojaner, die das Ding einfach die Klippen hinunterstürzen wollten. Kluge Leute…

    Die hier zu sehende Variante des Trojanischen Pferdes wurde von Henri Motte 1874 in Öl gemalt. 

    Bildquelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Henri-Paul_Motte_-_Le_Cheval_de_Troie.jpg

  • Süchtig nach sozialen Medien, Teil 3 – Dopamin!

    Süchtig nach sozialen Medien, Teil 3 – Dopamin!

    (S1/E27) Im Teil 3 unserer Trilogie gehen wir den Dingen auf den Grund. Was passiert eigentlich, wenn man beginnt, an einer verhaltensbezogenen Sucht wie Social Media Sucht oder Spielsucht zu leiden? Dass es sich um Leid handelt, daran kann kein Zweifel bestehen. Wir beleuchten also einerseits Theorien, die Sucht als Ergebnis eines speziellen Lernvorgangs – „Belohnungslernen“ erklären und betrachten uns dann den gleichen Vorgang im Gehirn.

    Dass Internet-Sucht quasi im Aufwind ist, hatten wir ja schon in der ersten Folge unserer Trilogie erklärt. Es gibt immer mehr Forschende, die sich mit dem Thema beschäftigen. Hier können wir jetzt einen schönen Beleg nachreichen: Den Verlauf der wissenschaftlichen Publikationen zum Thema Internet-Sucht seit 1996. Man sieht: es geht bergauf!

    Die Anzahl der wissenschaftlichen Publikationen zum Thema Internet-Sucht von 1996 bis 2019 nach Moreno-Guerrero et al. (2020), Quellenangabe s.u.

    Was uns wirklich beeindruckt hat, erzählen wir in der zweiten Hälfte unserer dritten Sucht-Episode: Man kann nämlich zeigen, dass…

    (a) …die Aktivität im Belohnungszentrum des menschlichen Gehirns von positivem sozialen Feedback (…analog zu „Likes“) intensiv angeregt wird, und

    (b) …dass die Intensität der Nutzung sozialer Medien bei Personen mit besonders starker Reaktion im Belohnungszentrum besonders hoch ist. (Wenn hingegen andere Personen positiv bewertet werden, interessiert das unser Belohnungs-System – verständlicherweise – relativ wenig.)

    Bleibt noch anzumerken, dass genau dies – das „Antriggern“ unserer Belohnungszentren mit suchtinduzierenden Folgen und das dringliche Vermeiden aller verhaltensunterbrechenden Hinweisreize einschließlich der Implementierung dringlich-quengelnder „Notifications“ – im ureigensten Interesse von Tinder, Facebook, Instagram & Co ist. Auf dass wir ohne Unterlass klicken und liken und teilen, auf dass unsere Kinder es schwer haben mögen, ohne Smartphone einzuschlafen…

    Quellen zum Beitrag

    • Das Literatur-Review, in dem die Anzahl der Publikationen über Internet und Addiction über die Zeit seit Mitte der 90er Jahre erfasst wird, hat folgende Quellenangabe:
      Moreno-Guerrero, A. J., Gómez-García, G., López-Belmonte, J., & Rodríguez-Jiménez, C. (2020). Internet addiction in the web of science database: a review of the literature with scientific mapping. International journal of environmental research and public health, 17(8), 2753.
      https://www.mdpi.com/1660-4601/17/8/2753/pdf
    • Der im Podcast zusammengefasste Beitrag der Berliner Forschenden über Facebook und Aktivierung des mesolimbischen Belohnungs-Systems im Gehirn: Meshi, D., Morawetz, C., & Heekeren, H. R. (2013). Nucleus accumbens response to gains in reputation for the self relative to gains for others predicts social media use. Frontiers in human neuroscience, 7, 439.
      https://www.frontiersin.org/articles/10.3389/fnhum.2013.00439/full

    Die wirklich sehr empfehlenswerte Dopamin-Reihe von ARTE auf YouTube:

    https://www.youtube.com/watch?v=21CKkv4J8KA&list=PLhGeNYH-50KYc_zLP_g3dTozj6gm-yTsJ

    Zum Beitragsbild:

    Natürlich haben wir darüber nachgedacht, wie man eine Sucht, die so modern ist, wie die nach sozialen Medien, durch ein geeignetes historisches Meme bzw. einen Bildverweis passend illustrieren könnte. Doch da wir im 3. Teil unserer Serie bis ins Gehirn vordringen und dort den Wirkungen von Drogen nach-recherchiert haben, ist es im Grund ganz einfach: Alle Bilder, in denen es um „psychotrope“ Substanzen geht, können in Frage kommen. Also können wir uns gleich zur Wurzel vorarbeiten, zu einer von dem französischen Maler Georges Moreau gemalten, fast fotografisch präzisen und direkt wirkenden Darstellung zweier Morphinistinnen aus der französischen Gründerzeit. Eine ist schon im Morphiumrausch entschlafen, die andere blickt den/die Betachter/in offensiv an: „Hast Du ein Problem?“

  • Süchtig nach Sozialen Medien: Teil 2. Spielsucht, Kaufsucht

    Süchtig nach Sozialen Medien: Teil 2. Spielsucht, Kaufsucht

    (S1/E26) Im Teil 2 der …achwas?!® Trilogie zur Sucht im Web helfen uns zwei Studien besser zu verstehen, weshalb zum einen Spielen im Internet süchtig machen kann. Und klären, ob die Kaufsucht „online“ und „in-store“ vielleicht zwei Paar Schuhe sind.

    Weil wir diesem „Mega-Thema“ Sucht einigermaßen gerecht werden wollen, haben wir vorsichtshalber mehr als eine Podcast-Folge dafür reserviert. Es wird also nicht nur quer durch die Disziplinen gehen (Medizin, Verhaltensforschung, Lernpsychologie, Neurobiologie) sondern auch tief hinein in Zahlen, Fakten und anekdotische Evidenz.

    In der zweiten Folge…

    • …tragen wir Erkenntnisse zur ersten Folge nach, die zum besseren Verständnis der Studienergebnisse von Prävalenz beitragen
    • …berichten wir von den Ergebnissen einer methodisch sehr gut durchgeführten empirischen Studie bei Spielern des Online Games „EverQuest“. Und begegnen dabei dem bekannten Phänomen „Socializing“
    • … stellen wir das Konzept „Sucht im Web“ auf den Prüfstand einer aktuellen Studie aus der Schweiz, die sich dem Thema „Kaufsucht – online und instore“ widmet. Die Ergebnisse erhellen: Es gibt nicht nur Süchtige und Nichtsüchtige. Die Kaufsüchtigen im Web unterscheiden sich von denen im Geschäft. Und mit einigen Vorurteilen wird aufräumt, wer denn wohl eher kaufsüchtig ist.

    Quellen zur Folge

    • Allgemein: Der Lesetipp auf Deutsch für alle, die sich mit überschaubarem Aufwand einen fundierten Überblick über das Thema verschaffen wollen:
      Müller, K. W. (2017). Internetsucht. Springer Fachmedien Wiesbaden. Online unter https://link.springer.com/content/pdf/10.1007/978-3-658-16460-7.pdf
    • Nicholas Yee (2001) The Norrathian Scrolls: A Study of EverQuest.
      Die Studie ist online verfügbar: http://www.nickyee.com/eqt/report.html
    • Buying/Shopping Disorder Study (2020) von Mareike Augsburger, Andreas Wenger, Severin Haug, Sophia Achab, Yasser Khazaal, Joel Billieux, Michael P. Schaub
      Vollständiger Titel: The concept of buying-shopping disorder: Comparing latent classes with a diagnostic approach for in-store and online shopping in a representative sample in Switzerland.
       in:  Journal of Behavioral Addictions · September 2020
      (DOI: 10.1556/2006.2020.00051)
    • The Bergen Shopping Addiction Scale: reliability and validity of a brief screening test
      von: Cecilie S. Andreassen, Mark D. Griffiths, Ståle Pallesen, Robert M. Bilder, Torbjørn Torsheim, Elias Aboujaoude.
      in: Frontiers in Psychology. Quantitative Psychology and Measurement (17 September 2015); BSAS
      https://www.frontiersin.org/articles/10.3389/fpsyg.2015.01374/full#h4

    Zum Beitragsbild:

    Die Suche nach einem Beitragsbild mit Spielsüchtigen führte uns in ein Social Media Room des 17. Jahrhunderts – ein Wirtshaus in Flandern: Ein Ort zum Reden, Trinken, Essen und der Ort, um miteinander, oder doch eher gegeneinander, Karten zu spielen.
    Technologischer Fortschritt bescherte bereits im 15. Jhd. die verbesserte Herstellung von Papier und Karton (Arabien) und den Buchdruck (Mainz). Dadurch konnten Kartenspiele preiswerter hergestellt werden und rasch Verbreitung finden – und die Karten-Spielsucht befiel im Mittelalter genauso schnell Jung und Alt und alle Bevölkerungsschichten. Es wurde um Geld und Gut gespielt. Spiel und Alkohol führten häufiger zu Streithändeln und Raufereien – und konnten Menschen und ihre Familien ruinieren. Das wiederum hatte vielerorts ein Verbot des Kartenspiels in Wirtshäusern zufolge – und es durfte nur noch in öffentlichen Spielhäusern „gedroschen“ werden.

    Das Bild zeigt eine handfeste Schlägerei. Die Karten, um die es geht, liegen auf einem halben Faß als Tisch. Ein Tonkrug schwebt gefährlich über einem Kopf, ein Messer wird wohl gleich gezückt.

    Es wurde von dem flämischen Zeichner und Maler Andriaan Brouwer ca 1630/1640 gemalt. Adriaan Brouwer malte gerne das, was man gemeinhin „Sittenbilder“ nennt – zum Teil deftige Szenen aus Spelunken und Wirtshäusern genauso wie Bilder vom Leben der „unteren Stände“.

    Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Adriaen_Brouwer,Bauernrauferei_beim_Kartenspiel(c._1630–1640).jpg

  • Süchtig nach Sozialen Medien: Teil 1

    Süchtig nach Sozialen Medien: Teil 1

    (S1/E25) Im Jahr 1993 schaltete das Europäische Kernforschungszentrum CERN das World-Wide-Web für die Weltöffentlichkeit frei. Schon drei Jahre später gab es die ersten wissenschaftlichen Veröffentlichungen zum Thema „Internet-Addiction“. Und tatsächlich: mittlerweile gehört diese Sucht – einschließlich Toleranz, Entzugserscheinungen und Kolatteralschäden in Berufs- und Privatleben – zum Alltag für viele Menschen, die soziale Medien nutzen. Und wie bei jeder Sucht sind nicht nur die Betroffenen betroffen, sondern auch ihre Angehörigen, Eltern und Freunde.

    Weil wir diesem „Mega-Thema“ einigermaßen gerecht werden wollen, haben wir vorsichtshalber mehr als eine Podcast-Folge dafür reserviert. Es wird also nicht nur quer durch die Disziplinen gehen (Medizin, Verhaltensforschung, Lernpsychologie, Neurobiologie) sondern auch tief hinein in Zahlen, Fakten und anekdotische Evidenz.

    In der ersten Folge…

    • …berichten wir von den Ergebnissen einer der ersten kontrollierten Studien zum Thema;
    • …stellen wir fest, dass es eigentlich nicht eine einzelne Sucht geben kann und denken über Varianten nach;
    • …erkundigen wir uns nach den derzeit üblichen Diagnoseschlüsseln und Kriterien und wundern uns dabei ein wenig;
    • …versuchen wir die Frage zu klären, wie hoch der Anteil der Internet- oder Social-Media-Süchtigen in der Bevölkerung sein mag und entdecken dabei aufschlussreiche Unterschiede zwischen verschiedenen Ländern.

    Quellen zur Folge:

    • Die klinische Psychologin Kimberly Young hat sich als eine/r der ersten Wissenschaftler/innen mit Internet-Sucht beschäftigt. Hier ist der TED-Talk eingebettet, den wir im Podcast erwähnen:
    Der TED-Vortrag über Internet-Sucht von Kimberly Young
    • Das „Center for Internet Addiction“, das Kimberly Young 1995 geründet hat, ist mit einem eigenen Informationsangebot im Netz:
      http://netaddiction.com/
    • Die Studie von Kimberly Young, die wir im Podcast zusammenfassen (Young, K. S. (1998). Internet addiction: The emergence of a new clinical disorder. Cyberpsycholoy & Behavior, 1, 237-244.), wurde schon 1996 auf dem 104th annual meeting of the American Psychological Association in Toronto präsentiert.
    • Die Meta-Analyse von Studien zur Prävalenz von Internet-Sucht ist in der Zeitschrift „Addictive Behaviors“ erschienen:
      Cheng, C., Lau, Y. C., Chan, L., & Luk, J. W. (2021). Prevalence of social media addiction across 32 nations: Meta-analysis with subgroup analysis of classification schemes and cultural values. Addictive Behaviors, 117, 106845.
      https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0306460321000307
    • Dies ist die Quellenangabe zur norwegische Studie zur Entwicklung der „Bergen Facebook Addiction Scale“:
      Andreassen, C. S., Torsheim, T., Brunborg, G. S., & Pallesen, S. (2012). Development of a Facebook addiction scale. Psychological reports, 110(2), 501-517.
      https://psycoperu.org/wp-content/uploads/2021/03/andreassen2012.pdf
    • Über die – übrigens sehr prominenten – Dimensionen des Kulturvergleichs von Geert Hofstede, die wir am Ende des Podcast-Folge heranziehen, um uns über Kollektivismus vs. Individualismus zu unterhalten, kann man sich hier informieren:
      https://www.hofstede-insights.com/product/compare-countries/

    Zum Beitragsbild:

    Es gibt natürlich jede Menge fröhliche Besäufnisse aus allen Stilepochen und Jahrhunderten, aber die schienen uns als Episodenbild für Social Media Sucht nicht wirklich geeignet. Mit viel Fleiß und Mühe haben wir aber ein Bild von Edgar Degas (1834-1917) gefunden, das uns spontan überzeugt hat. Degas war ein Maler im Umfeld des französischen Impressionismus in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Obwohl er wohl nicht zu den „echten“ Impressionisten gezählt wird, war er mit Malern wie Renoir, van Gogh, Gaugin, Monet oder Toulouse-Lautrec bestens bekannt.

    Die beiden Figuren auf dem Bild sind übrigens keine anonymen Alkoholiker, sondern Freunde von Degas, die bereit gewesen waren, für das Bild zu posieren: rechts Marcellin Desboutin, selbst ein Maler, und links bzw. in der Mitte des Bildes Ellen Andreé, eine Schauspielerin, die für damals für mehrere Maler des Impressionismus – u.a. auch Renoir – Modell gestanden, gesessen und gelegen hat. Auch der Ort, an dem Pärchen sitzt, ist überliefert: das Café de la Nouvelle Athènes an der Place Pigalle in Paris.

    Was ist das Besondere? Uns hat an dem Bild vor allem die Stimmung und der wirklich unglaublich triste Gesichtsausdruck von Ellen Andreé beeindruckt, der uns für Personen, die sich lange Zeit mit einer Suchterkrankung auseinandersetzen, irgendwie typisch erscheint. Sie blickt ins Leere und man sieht ihr das Unglück und die Entfremdung von der Welt und ihrem ebenfalls ziemlich abwesend und teilnahmslos vor sich hin brütenden Partner zur Rechten an.

    Quelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Absinth-drinkers_-_Edgar_Degas.png

  • Mehr über Dark Patterns – No te escaparás!

    Mehr über Dark Patterns – No te escaparás!

    (S1/E23) Wir greifen ein Thema auf, das in der dritten Folge unseres Podasts mit dem Titel „Dark Patterns. Die Einführung, oder: der kochende Frosch“ schon vorbereitet wurde. Es geht also wieder um betrügerische Muster und Manöver, mit denen Spieler/innen und Nutzer/innen weltweit aufgehalten, abgelenkt, ausgenommen, mindestens aber genervt werden. Und diesmal werden wir enzyklopädisch: Wie viele solcher Dark Patterns gibt es nun eigentlich? Woher kommt das Konzept? Wie kann man es definieren? Was kann die Wissenschaft derzeit dazu sagen? Gibt es vergleichbare, verwandte Phänomene?

    Drei sehr unterschiedliche wissenschaftliche Quellen haben wir diesmal ausgewertet, und am Ende der Folge werden wir 19 (in Worten neunzehn) Muster benannt und erklärt haben.

    Erstens gebührt dem britischen User Experience Designer Harry Brignull die Ehre, das Konzept zwar nicht erfunden, aber doch immerhin erstmals benannt zu haben. Das war im Jahr 2010. Damit war eine Möglichkeit geschaffen, es zum Gegenstand einer Diskussion zu machen. Ohne den Begriff oder das sprachliche Etikett wäre die Suche nach Dark Patterns und ihren Hintergründen natürlich sehr viel schwieriger – Umschreibungen helfen da nicht. Die wichtigsten Pattern aus der Sammlung von Harry Brignull stellen wir vor.

    Zweitens promovierte – im Jahr 2012 – ein junger Wissenschaftler namens Chris Lewis an der California State University zum Thema „Motivational Patterns“ – wohlgemerkt: nicht „dark“. Er verarbeitete seine Dissertation zu einem Buch weiter, das den verräterischen Titel „Irresistible Apps“ trägt (Quellenangabe s.u.). Es gibt zwei Unterschiede zu Brignull: Lewis betrachtet vor allem Muster aus dem Bereich Computerspiele und während Harry Brignull das Thema eher über konventionelle Anwendungen und im e-Commerce erklärt. Und während Brignull andererseits eher etwas oberflächlich, man könnte sagen: phänomenologisch, vorgeht, erstellt Lewis einen theoretischen Unterbau. Das gefällt uns, zumal er im Hintergrund mit Motivationen argumentiert. Auch seine Definition von Dark Patterns ist interessant. Demnach liegt ein Dark Pattern vor, wenn Benutzer/innen bei einer Transaktion im Web mehr (a) monetäre, (b) zeitliche oder (c) soziale Ressourcen verlieren, als sie vorher erwartet haben.

    Drittens hat ein Autoren-Team der US-amerikanischen Purdue University im Jahr 2018 damit begonnen, Dark Patterns empirisch zu untersuchen, sprich: zu sammeln und zu klassifizieren. Die Situation ist ähnlich der eines Zoologen, der im Urwald umherkraucht, Insekten einfängt, sammelt, klassifiziert und über ihre Verwandtschaftsbeziehungen nachdenkt. Im Mittelpunkt steht hier also nochmals die Frage nach der Klassifikation: Welche Patterns gibt es?

    Übrigens: Das Thema ist damit noch nicht erschöpft. In einem dritten Beitrag werden wir uns um die rechtlichen Aspekte und die aktuelle Wahrnehmung des Phänomens Dark Patterns in der politischen und medialen Öffentlichkeit kümmern.

    Quellen zum Thema:

    • Mittlerweile klassisch: Die Website von Harry Brignull zu Dark Patterns:
      https://www.darkpatterns.org/
    • Der „Talk“, auf dem er das Konzept erstmals vorgestellt hat, findet sich auf dem YouTube Kanal von Harry Brignull – soweit es sich nachvollziehen lässt, ist dies also die Geburtsstunde des Begriffs „Dark Patterns“.
      https://www.youtube.com/watch?v=zaubGV2OG5U
    • UI-Patterns.com ist die überaus praktische und umfangreiche Musterbibliothek für Interface-Designer/innen, die wir am Anfang der Folge erwähnen. Was wir nicht erwähnen: Es gibt hier auch Überredungsmuster oder motivational Patterns!
      http://ui-patterns.com/

    • Zu dem Artikel on Gray et al. zu empirisch klassifizerten Dark Patterns, den wir im letzten Drittel der Podcast-Folge besprechen, gehört folgende Literaturangabe (kann auf Google Scholar gefunden werden):
      Gray, C. M., Kou, Y., Battles, B., Hoggatt, J., & Toombs, A. L. (2018, April). The dark (patterns) side of UX design. In Proceedings of the 2018 CHI Conference on Human Factors in Computing Systems (pp. 1-14).
    • Schließlich das Buch von Christopher Lewis über „Irresistible Apps“:
      Lewis, C. (2014). Irresistible Apps: Motivational design patterns for apps, games, and web-based communities. Apress.

    Das Bild zur Folge:

    Der spanisch-französische Maler und Grafiker Francisco Goya war für seine Zeit ein sehr kritischer und avantgardistischer Geist, der sich u.a. mit Anti-Kriegs-Bildern, die trotz der zeitlichen Distanz bis heute wirklich ergreifend sind. Seine Sonderrolle in der Kunstgeschichte wird durch die oft wiederholte Aussage unterstrichen, dass er der letzte alte Meister und zugleich der erste Maler der Moderne gewesen sei.

    In einer Serie von Radierungen, die er um das Jahr 1799 hergestellt hat, betitelt „Los Capricios“ (Einfälle), findet sich das Bild einer jungen Frau, die von Dämonen umringt wird. Noch scheint sie sich frei und schwerelos zu bewegen, aber man ahnt, was geschehen wird… Uns schien das Bild sehr gut geeignet die Idee von „Dark Patterns“ zu visualisieren. No te escaparás! (Du wirst uns nicht entkommen!)

    Bildquelle: https://es.wikipedia.org/wiki/No_te_escapar%C3%A1s#/media/Archivo:No_te_escapar%C3%A1s.jpg

  • Soziale Vergleiche und supernormale Attrappen

    Soziale Vergleiche und supernormale Attrappen

    (S1/E21) Mal ehrlich: Woher wissen Sie eigentlich, wie attraktiv Sie für‘s andere Geschlecht, besser gesagt: eine zur eigenen sexuellen Orientierung adäquate Partnerperson, sind? Gibt es vielleicht ein „Attraktometer“, das man für diesen Zweck nutzen könnte? Eher nicht. Oder sieht man das nicht einfach so, im Spiegel? Auch schwierig – wenn man sich nicht gerade in einem passenden Märchen der Gebrüder Grimm aufhält (Spieglein, Spieglein…). Trotzdem gelingt es uns ziemlich zuverlässig eine Ahnung zu haben, wie unser Marktwert auf Tinder zu bewerten wäre. Wir wissen auch, wie virtuos unsere Tanz-Videos auf TikTok gemacht sind und wieviel Anerkennung durch ihr Publikum sie verdienen. Wir können zudem jederzeit Auskunft darüber geben, wie beliebt unsere Posts und Bilder sind, wenn wir sie mit denen unserer Freund/innen vergleichen – wozu gibt es schließlich Likes und Shares! Und wenn unsere Bilder und Posts beliebt sind, sind wir es dann nicht auch…? Die Grundlage für diese überhaupt nicht trivialen Urteile sind – unter anderem – soziale Vergleiche. 

    In Folge 21 unseres Podcasts kümmern wir uns eben hierum: „soziale Vergleichsprozesse“ – eine weitere tragende Säule der Psychologie – und ihre Bedeutung in sozialen Medien. Oder besser: wir kratzen an der Oberfläche des Themas. Und wir müssen eigentlich gar nicht erklären, was das ist, denn wir alle kennen das aus eigener Erfahrung. Man beobachtet permanent andere Menschen, setzt sich zu ihnen in Beziehung und vergleicht sich in vielerlei Hinsicht mit ihnen – ob man will oder nicht. Mitunter ist das sehr offen erkennbar, beispielsweise, wenn Zensuren vergeben werden und der Notenspiegel dann dazu dient, die eigene Leistung zu beurteilen – nicht absolut oder normativ (mit einer Note), sondern auch relativ zu den anderen. Bei einem Durchschnitt von 3.5 ist eine 2.5 ziemlich gut, liegt der Schnitt bei 1.2, ändert das die Situation grundlegend. Das ist also ein typischer und offensichtlicher sozialer Vergleichsprozess. Es mag sein, dass das automatisch geschieht, sodass es uns nicht wirklich bewusst wird, doch es geht nicht anders: viele unserer eigenen Eigenschaften oder Merkmale können wir nur sinnvoll bewerten, wenn wir Vergleichsmenschen zur Verfügung haben. Möglichst viele, möglichst repräsentative -und möglichst adäquate! 

    Mit diesem Wissen betrachtet man die Inhalte und die Akteure und Autor/innen in sozialen Medien noch einmal ganz neu: Es sind eben nicht einfach nur unsere mehr oder weniger unverbindlichen „Freunde“ oder „Follower“, sondern die repräsentativen Vergleichsstichproben, das Beobachtungsmaterial, das unser Verstand nutzt, automatisch und unabweisbar, um zu beurteilen, was erlaubt oder unerlaubt ist, geschmacklos oder feinfühlig, aggressiv oder friedlich, sexy oder prüde, attraktiv oder unattraktiv. Will man die Wirkung sozialer Medien auf ihre Bewohner/innen besser verstehen, lohnt es, hierüber nachzudenken. 

    Und dann gibt es da auch noch inadäquate soziale Vergleiche, für die wir einen Begriff aus der vergleichenden Verhaltensforschung ausleihen: Supernormale Attrappen! Neugierig, was das ist? Hören Sie unsere Folge 21!

    Quellen zur Folge:

    Das Bild zu Folge 21

    Die britischen Industriellentöchter Kate und Grace Hoare wurden kurz vor ihrem 20. Geburtstag von dem englischen Maler John Everett Millais portraitiert. Er malte acht Monate an dem Bild und es gilt als eines der Meisterwerke der britischen Porträtmalerei. Beim ersten Hinsehen scheinen die beiden jungen Frauen gleich auszusehen, auf den zweiten Blick erkennt man subtile Unterschiede im Ausdruck: Eine scheint verwegener, die andere wirkt zurückhaltend, fast ängstlich. Dies war wohl vom Künstler beabsichtigt, um das Temperament bzw. den Charakter der jungen Damen wirklichkeitsgetreu wiederzugeben. Zwillinge sind für das Thema des sozialen Vergleichens natürlich ein ganz besonders interessanter Fall. Wen sehen sie eigentlich in ihrem Gegenüber, wenn sie sich gegenseitig ansehen: sich selbst oder eine Variante von sich selbst oder jemand anderen oder alles gleichzeitig? Sicherlich sind Zwillinge in Bezug auf soziale Vergleiche in einer ganz besonderen Situation. 

    Das Bild ist veröffentlicht unter Creative Commons Lizenz 4.0 und die schönste digitale Version, die wir auch als Episodenbild verwenden, findet sich auf der Website des Fitzwilliams Museums in Cambridge

    https://beta.fitz.ms/learning/look-think-do/twins

    Das Bild war und ist immer wieder Gegenstand kunsthistorischer Analysen und Projekte. Eines der bestdokumentierten und interessantesten findet sich unter dieser URL:

    https://www.museums.cam.ac.uk/lookingatcollections/projects/the-twins-1

  • Wir haben Sie schon erwartet! Predictive Policing.

    Wir haben Sie schon erwartet! Predictive Policing.

    (S1/E20) Der Roman „Minority Report“ spielt im Jahr 2054: Eine Spezialabteilung der Polizei in Washington ist in der Lage, Morde weit im Vorfeld vorauszusagen – und die zukünftigen Mörder frühzeitig auszuschalten. Verurteilen ohne Tat? Im Jahr 2020 erscheint ein Bericht über SKALA , das in NRW eingesetzte Computerprogramm für Predictive Policing. Ist das jetzt 2054 in der Bundesrepublik? In dieser Folge erzählen wir, wie grundverschieden in Deutschland und den USA Predictive Policing eingesetzt wird und was die Gründe dafür sind.

    Der bereits 1956 erschienene Roman „Minority Report“ von Philip K. Dick schickt die Leser in ein Dilemma: Darf man Menschen, die noch keinen Mord begangen haben, als potentielle Mörder „ausschalten“? Es wird ein Mord verhindert, die einzelne Tat von drei Medien vorhergesagt – mehr noch: Es gibt deshalb keine Morde mehr. Aber was ist, wenn diese „Hellseher“ irren?

    In dieser Folge von achwas?! sehen wir uns die Situation in Nordrhein-Westfalen im Jahr 2021 an. Zum Einsatz kommt hier ein Prognosetool namens SKALA. Morde sind – als seltene Ereignisse und zudem eher im privaten Umfeld angesiedelt – nicht das Feld dieses Tools, sondern Einbrüche in Wohnungen, Gewerbeobjekte und Kfz-Diebstahl. Von seinen Prognosemöglichkeiten beschäftigen wir uns im Podcast mit dem Deliktfeld „Wohnungseinbruch“ und erfahren mehr über die Grundlagen der Prognosen und Polizeiarbeit: Diese sind Informationen und Daten über den Ablauf und die Umstände eines Einbruchs, die Psychologie von Tätern und Massnahmen, die Einbrüche verhindern können.

    Der Minority Report spielt in den USA. Wir springen daher – zum Vergleich mit Deutschland – abschliessend in die USA 2021 und finden dort eine deutlich unterschiedliche Situation: Spitzelnde Polizisten, Sensoren zur Schusserkennung, Nummernschildleser an jedem Polizeifahrzeug und Drohnenflüge liefern Big Data für die Prognosen von Verbrechen – und zur Überwachung der gesamten Bevölkerung. Die Ähnlichkeit zum System „Social Credit“ ist augenscheinlich. Ein technologisches Menetekel für die Welt?

    Quellen zur Folge

    • Philip K. Dick, „Minority Report“, 1956 (Buch)
    • Minority Report, Regisseur Steven Spielberg, Hauptrolle Tom Cruise, USA 2002 (Film)
    • Shot Spotter – The First End-to-End Precision Policing PlatformTM. Selbstdarstellung des Unternehmens auf der Homepage – mit einem Ticker zu „false claims“, abgerufen zuletzt 14.11.2021
      https://www.shotspotter.com

    Zum Beitragsbild


    Der Wunsch, in die Zukunft zu schauen wurde im antiken Griechenland von einem Orakel erfüllt. Pythia, so der Name der jeweils amtierenden weissagenden Priesterin im Orakel von Delphi, verkündete in veränderten Bewusstseinszuständen ihre Prophezeiungen. Ihre Kunst war unter anderem die, so zu formulieren, dass zumindest eine mögliche Interpretation der Prophezeiung zutraf.
    Unser Bild zeigt Pythia im Zustand der Entrückung in einem Ausschnitt des Gemäldes von John Collier mit dem Namen „Priestess of Delphi“ aus dem Jahr 1891.
    John Maler Collier (1850 – 1934) war ein britischer Schriftsteller und Maler und gehörte zur Gruppe der Präraffaeliten.

    Das Bild ist Public Domain und auf Wikimedia Commons unter dieser URL zu finden:

    https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Collier-priestess_of_Delphi.jpg

  • Wie Prinzen aus Nigeria „false positive“ vermeiden

    Wie Prinzen aus Nigeria „false positive“ vermeiden


    (S1/E18) True Crime 1925: Victor Lustig verkauft den Eiffelturm und betrügt einen Schrotthändler. True Crime 2021: Nigerianische Prinzen bitten via Email arglose Bürger in einer finanziellen Angelegenheit um einen kleinen, aber durchaus lukrativen Gefallen. Und gestalten diese Mail so, dass möglichst viele Menschen erkennen, dass da was nicht mit rechten Dingen zugeht. Mit Logik, Statistik und Psychologie ausgestattet erzählen wir heute eine Geschichte über Betrüger, die nur auf den ersten Blick sehr einfältig scheinen.

    Hohe Öffnungsraten, ein Mega-Response innerhalb kurzer Zeit – das wünschen sich normaler Weise die Versender von gewerblichen Emails. Sorgfältig und mathematisch korrekt werden Emails komponiert, um dieses Ziel zu erreichen. Dazwischen erreichen uns hanebüchene Schrott-Mails mit leicht zu erkennender Absicht: Ah – Betrüger sind am Werk! Ohne genauer hinzusehen, mit einem Klick landen diese im Papierkorb. Keinen zweiten Blick wert. Denkt man. Cormac Herley ist Wissenschaftler bei Microsoft. Er sieht genauer hin und zeigt in seinem Bericht, dass die „einfältigen Trottel“ in Wirklichkeit sehr geschickte Betrüger sind.  Aber eben anders, als wir denken…

    Quellen zur Episode:

    • WIKIPEDIA Victor Lustig war ein Trickbetrüger (Confidence man) und Hochstapler österreichisch-ungarischer Herkunft. Er wurde weltweit bekannt als „der Mann, der den Eiffelturm verkaufte“.
      https://de.wikipedia.org/wiki/Victor_Lustig
    • Geschichten aus der Geschichte GAG275: Eine Folge über Victor Lustig von den Machern des von uns sehr geschätzten und regelmässig verschlungenen (insofern das mit den Ohren geht) Podcasts „Geschichten aus der Geschichte“, Folge 275. Auch alle weiteren Folgen machen schlauer und meistens klüger.
      https://www.geschichte.fm/podcast/gag275/
    • 419 Scam Bait – die betrogenen Betrüger. Eine Warnung vorweg: So attraktiv es erscheinen mag, es diesen Betrügern mal richtig zu zeigen – tu’n Sie es nicht. Wir wir gesehen haben, es sind keine „Trottel“, die zufällig auch mal auf ein Opfer treffen, sondern industrielle organisierte Profis in einem kriminellen Netzwerk mit weitreichenden Verbindungen. Angefügt ist ein Wikipedia-Artikel, der in das Thema einführt und in der Quellenliste auch PRO-Scambaiter zeigt.
      https://en.wikipedia.org/wiki/Scam_baiting
    • Signalentdeckungstheorie
      Egal, ob man Mails versendet, eine Diagnose von Covid19 vornehmen oder Waffen am Security Gate des Flughafens entdecken will: Ziel ist, genau die Personen zu identifizieren, die bestimmte Merkmale aufweisen oder auch nicht aufweisen. Das sind zwei Paar Schuhe, und es gibt vier unterschiedliche Ergebnisse.
    Merkmal
    vorhanden
    Merkmal nicht vorhanden
    Merkmal entdecktTreffer (engl. hit)falscher Alarm (falsch positiv, engl. false positive, false alarm)
    Merkmal nicht entdecktVerpasser (falsch negativ, engl. miss / false rejection)korrekte Ablehnung (engl. correct rejection)
    nach John A. Swets und David M. Green https://de.wikipedia.org/wiki/Signalentdeckungstheorie

    In der Statistik werden die Zellen dieser Tafel genutzt, um bei Analysen und Schätzungen zwei Arten von Fehlern zu unterscheiden:

    • Sensitivität: Der Anteil (%-Wert) der Treffer wird auch als Sensitivität oder Trennschärfe eines Tests bezeichnet.
      Beispiel Sars-Cov-2 Selbsttest: Eine Sensitivität von 97% bedeutet, dass im Mittel 97 von 100 Erkrankten erkannt werden. 3 von 100 Erkrankten werden fälschlich verpasst (falsch negativ).
    • Spezifität: Dieser Wert bezieht sich auf die korrekte Erkennung der nicht Erkrankten: Eine Spezifität von 90% bedeutet, das 9/10 nicht Erkrankte erkannt werden (korrekte Ablehnung) aber 10% falsch positiv sind (falscher Alarm, false positive).
    • Wenn es um die Sicherheit von Leib und Leben (Medizin, Flughafen Sicherheit) geht, nimmt man eher eine hohe Sensitivität mit Fehlalarmen in Kauf, als tatsächliche Gefahren zu verpassen. Ärgern Sie sich also nicht, wenn Sie mal wieder die Schuhe im Sicherheits-Gate ausziehen müssen. Better safe than sorry. Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste.
    • Wenn es um Rechtsprechung geht, gibt es dasselbe Problem: Verurteilt man möglichst viele Angeklagte (obwohl ein unbekannter Anteil nicht schuldig ist, false positiv) oder versucht man die Verurteilung von Unschuldigen zu vermeiden, und nimmt Fehlurteile bei Schuldigen in Kauf (false negativ).
    • In unserem Podcast zeigen wir, dass von der Nigeria Connection Wert auf hohe Spezifität gelegt wird: Übrig bleiben sollen die „pflegeleichten Opfer“ (Treffer), „falsch positive“ (Interesse am Geld, aber nicht leichtgläubig, potentiell keine Opfer) werden abgeschreckt.

    Zum Episodenbild

    Unser Episodenbild zeigt eine Szene aus Das Märchen vom falschen Prinzen von Wilhelm Hauff (Original: Mährchen für Söhne und Töchter gebildeter Stände 1869): Der Schneidergeselle Labakan präsentiert sein teuer erspartes Gewand. Der Täuschungsversuch misslingt, zu offensichtlich ist Labakan kein Prinz.
    Die Skizze wurde von dem französischen Zeichner Bertal (Comics, Karikaturen, Illustrationen) für die Erstausgabe des „Mährchenbuchs“ ausgeführt.

    Bertal, der als Charles Constant Albert Nicolas, Vicomte d’Arnoux, Count of Limoges-Saint-Saëns geboren wurde, war zwar kein Prinz, aber immerhin von umfassendem Adel.
    https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Bertall_-_Der_vornehme_Schneidergeselle_Labakan.jpg

  • Flow: die optimale Erfahrung

    Flow: die optimale Erfahrung

    Diese Folge widmen wir dem Psychologen
    Mihály Csíkszentmihályi.
    Er verstarb am 20.10.2021 in Claremont, Kalifornien.


    (S1/E17) Nachdem wir in den bisherigen Folgen viel über die dunklen Seiten des Netzes und der digitalen Transformation berichtet und nachgedacht haben, gibt es in dieser Folge einen Lichtblick: Natürlich ist das Netz auch eine Quelle von Unterhaltung, Inspiration, Spiel, hochwertiger Information, guter Laune (…wir sagen nur: Katzen!) und freundlicher sozialer Begegnung. Aber auch hier brauchen wir als Wissenschaftler/innen Begriffe, die diese Erfahrungen präzise beschreiben, das eine vom anderen unterscheiden und schließlich für eine Messung oder Beobachtung zugänglich machen können.

    Einem solchen Begriff nähern wir uns heute: Flow!

    Flow ist allerdings kein spezielles Internet-Phänomen, sondern eine menschliche Ur-Erfahrung – einmal mehr. Gemeint ist der selbstvergessene, zeitlose Bewusstseinszustand, der bei hoher Konzentration auf eine Aufgabe, beispielsweise beim Klettern – oder auch beim Spiel entsteht. Und der Begriff hat – wie dies mitunter der Fall ist – einen identifizierbaren Vater, nämlich den aus Ungarn stammenden Psychologen Mihály Csíkszentmihályi.

    Wie man Mihaly Csikszentmihalyi ausspricht,
    hier in der Originalstimme des Eigentümers des Namens vom 5. Januar 2014
    Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Mihály_Cs%C3%ADkszentmihályi.ogg
    konvertiert 20.10.21 in MP3 mit GarageBand von den Autoren

    Quellen zur Episode:

    Zum Episodenbild:

    Elijah Walton war ein Landschaftsmaler des 19. Jahrhunderts, der während seiner ausgedehnten Reisen – wie damals im englischen Adel und Bürgertum üblich – in den Alpen und auch im Orient auf Motivsuche war. Das Bild hat den Titel „Alpine Climbers“ (Alpine Kletterer). Da Klettern eine der ersten Tätigkeiten war, die von Csikszentmihalyi untersucht wurden, ist das Bild natürlich sehr gut als Schlüsselbild für unsere Podcast-Folge geeignet. Und wenn man das Bild betrachtet, ahnt man etwas von der Konzentration der Protagonisten.
    Die grundsätzliche Voraussetzung für Flow, dass nämlich Fähigkeiten und die Schwierigkeit der Aufgabe im Gleichgewicht sein müssen, ist hier – hoffentlich – gegeben, ebenso die absolute und selbstvergessene Konzentration. Wer sich jetzt noch fragt, ob die Frisur richtig sitzt, hat verloren.

    Bildquelle:
    Elijah Walton (1832–1880), Public domain, via Wikimedia Commons


    https://en.wikipedia.org/wiki/Elijah_Walton


    Sie können sich ein Bild von Professor Mihaly Csikszentmihalyi machen, wenn Sie den folgenden Satz in eine Websuche Ihrer Wahl eingeben und auf „Bildersuche“ ckicken (wir respektieren: das Bild ist geschützt und darf nicht direkt eingebunden werden).

    Professor Mihaly Csikszentmihalyi jokingly makes a scowling face wiith Professor Jeanne Nakamura

  • Social Media und Depression. 10.904 Jugendliche geben Auskunft.

    Social Media und Depression. 10.904 Jugendliche geben Auskunft.

    (S1/E16) Kennen Sie diese Nachrichten, dass Facebook depressiv macht? Schriften über Digitale Demenz? Ist das Fake, Meinung oder Tatsache? Die Antwort von …achwas?!®: Wozu gibt es Wissenschaft, die diese Meinung gründlich untersuchen kann. Die Studie mit dem Titel „Social Media Nutzung und jugendliche psychische Gesundheit“ wertete dazu Informationen von 10.904 vierzehnjährigen Heranwachsenden aus. Sowohl die Menge von Daten wie auch die angewandten Untersuchungsmethoden bringen Licht ins Dunkle der Vermutungen. Es ist nicht kompliziert. Und doch: Es bleiben Fragen offen.

    Facebook macht (nicht direkt) krank!

    Tatsächlich ist die Behauptung „Facebook macht depressiv“ zu kurz gedacht. Die Auswertung der Daten aus der großangelegten Milleniums Studie zeigen: Der direkte Zusammenhang ist relativ gering (2018).
    Der Weg zu psychischen Problemen führt bei der Gruppe der 14jährigen Mädchen und Jungen über wenig Schlaf, Cybermobbing, niedriges Selbstwertgefühl und eine geringe Wertschätzung des eigenen Körperbildes. Dabei sind Mädchen deutlich häufiger betroffen als Jungen: Das bedeutet, dass jedes 4. Mädchen (23,6%) der Studie Symptome einer depressiven Verstimmung zeigt, etwa dreimal so häufig im Vergleich zu Jungen (8,4%). Mädchen sind laut Selbstauskunft nicht nur häufiger als Jungen von Cybermobbing betroffen, sondern gehören auch deutlich mehr als Jungen zu denjenigen, die aktiv sind.

    Erst solch differenzierte Studien erlauben es, wissenschaftlich fundierte Empfehlungen zum sicheren Umgang mit Social Media zu definieren- und, als Beispiel den Anbietern wie Facebook, Instagram, TikTok etc. eine Regulierung der zeitlichen Nutzung bevorzugt in den Abend- und Nachtstunden dringend zu empfehlen.

    Quellen zum Beitrag:

    • Die erwähnte Studie von Yvonne Kelly, Afshin Zilanawala, Cara Booker, Amanda Sacker. Social Media Use and Adolescent Mental Health: Findings From the UK Millennium Cohort Study. “ Background: Evidence suggests social media use is associated with mental health in young people but underlying processes are not well understood. This paper i) assesses whether social media use is associated with adolescents‘ depressive symptoms, and ii) investigates multiple potential explanatory pathways via online harassment, sleep, self-esteem and body image.“
      https://www.thelancet.com/journals/eclinm/article/PIIS2589-5370(18)30060-9/fulltext
    • MEDLINE – die medizinische (internationale) Studiendatenbank in der USA mit über 26 Mio. Einträgen. Die Sammlung begann 1879 – im aktuellen Bestand gibt es Studien seit 1946. Aktuell (9.9.2021) wird die Datenbank täglich auf Stand gebracht, und dabei 2.000-4.000 Referenzen und Artikel aufgefrischt oder neu eingestellt.
      https://www.nlm.nih.gov/medline/index.html
    • Facebook reagiert auf Studien. Der Guardian berichtet in einem Artikel vom 15.12.2017:
      „Facebook hat eingeräumt, dass die Nutzung sozialer Medien sich negativ auf die psychische Gesundheit der Nutzer auswirken kann. Dies ist ein Zeichen dafür, dass das Unternehmen den Druck einer wachsenden Zahl von Kritikern spürt, die sich über die Auswirkungen der Plattform auf die Gesellschaft beschweren.“ Forscher des sozialen Netzwerks räumten in einem Blogpost am Freitag ein, dass Studien ergeben haben, dass die Zeit, die man auf Facebook mit dem „passiven Konsum von Informationen“ verbringt, dazu führen kann, dass man sich „schlechter fühlt“. Übersetzt mit DeepL. Facebooks Lösung? Länger auf Facebook bleiben und selber posten, aktiv werden.
      https://www.theguardian.com/technology/2017/dec/15/facebook-mental-health-psychology-social-media

    Zum Beitragsbild

    Jedes 4. Mädchen in der Studie berichtet depressive Symptome. Der Zustand der Melancholie beschrieb in historischen Dokumenten recht genau Symptome einer Depression. Albrecht Dürer hat in seinem Kupferstich „Melencolia I“ von 1504 die Körperhaltung und Mimik eines melancholischen Wesens, einem Genius / Engel, sehr detailliert festgehalten. Der Engel steht für Künstler, die sich im Zustand mit „dem Willen zum Schaffen, aber unfähig, etwas zu tun“ erleben.
    Das Bild zu dieser Episode gibt es auf
    Wikimedia Commons.
    https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Melencolia_I_(Durero).jpg