Kategorie: Psychologie

  • Social Engineering. Machtvolles Wissen

    Social Engineering. Machtvolles Wissen

    S2E39 Manchmal könnten wir in unserem Podcast den Eindruck erweckt haben, dass das „Web“ ein ebenso machtvolles wie auch zerbrechliches Land ist. Eher ähnelt es den europäischen Fürstentümer und Königreichen im 15. und 16. Jhd., als modernen, demokratischen und hochtechnisierten Staaten, die auch von Partizipation der Bürgerschaft, Menschenrechten und dem Austausch von Wirtschaft und Wissenschaft geprägt werden.

    S2E39 Social Engineering. Machtvolles Wissen.

    Diese Folge kann den Eindruck verstärken, zeigt sie doch die aktuelle Situation und eine daraus erwachsende Bedrohung auf, die sich aller gerade erst entstandenen Kräfte bedient, um Markt und Meinungen durch das Web so stark zu beeinflussen, wie es noch nie in der neueren Geschichte möglich gewesen sein wird.

    Der Geheimnistuerei ein Ende: Wir berichten von nichts Geringerem, als dem Kampf um das Wissen über einzelne Menschen. Nicht ein akademisches Wissen oder einem mit fürsorglichen Aspekten. Eher dem einer zu neugierigen und übelwollenden Nachbarschaft in repressiven politischen Systemen, achwas: Frei heraus – dem was Organisiertes Verbrechen für seine schändliche Taten nutzt.

    Das Mittel der Wahl ist Social Engineering: wenn Technik- und IT- Wissen beim Einbruch auf Server, in Netzwerke oder einzelne private Rechner nicht mehr ausreichen – da muss der Mensch her. Als schwächstes Glied in der Sicherungskette. Ein Mensch, der niemals auf die Idee käme, irgendjemandem zu erzählen, dass der Haustürschlüssel unter der Fußmatte liegt und wo die Schalter für die Alarmanlage (samt Pin Code) zu finden sind.

    Nachdem, auch wenn man es nicht glauben mag, technische Systeme immer sicherer sein könnten, gewinnt dieser Mensch an Bedeutung. Ohne ihn blieben technische Einbrüche oder Raubzüge zumeist ergebnislos.

    Im Podcast machen wir selbst ein kleines Gedanken-Experiment zur Einstimmung und berichten von einem großen wissenschaftlichen Experiment mit erschreckenden Ergebnissen:
    Social Engineering, die menschliche Domäne schlechthin des Aushorchens und der Manipulation der eigenen Spezies, könnte durch die unheilige Allianz von Datenhandel und Künstlicher Intelligenz im Dienste des organisierten Verbrechens machtvoll Wissen missbrauchen.
    Nicht irgendwann in einer fernen Zukunft – es geht jetzt bereits, wie eine fundierte wissenschaftliche Studie aus dem März 2024 zeigt.

    Quellen

    Eine verständliche Beschreibung des „Social Engineering“ in vielen Facetten findet sich auf einer Webseite des Bundesamts für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI)

    https://www.bsi.bund.de/DE/Themen/Verbraucherinnen-und-Verbraucher/Cyber-Sicherheitslage/Methoden-der-Cyber-Kriminalitaet/Social-Engineering/social-engineering_node.html

    Eine Übersicht der aktuellen Bedrohungslage (gut aufbereitet und aktuell mit Tipps) ist ebenfalls auf den Seiten des BSI zu finden
    https://www.bsi.bund.de/DE/Themen/Verbraucherinnen-und-Verbraucher/verbraucherinnen-und-verbraucher_node.html

    „Cybersicherheitsmonitor 2024: Menschen zunehmend sorglos gegenüber Cyberkriminalität – Betroffenheit jedoch weiterhin hoch„ Wenn diese im Podcast erwähnte Studie des BSI von Interesse ist -. die findet sich auf dem folgenden Link.
    https://www.bsi.bund.de/DE/Themen/Verbraucherinnen-und-Verbraucher/Leistungen-und-Kooperationen/Digitaler-Verbraucherschutz/Digitalbarometer/digitalbarometer_node.html

    Wir erwähnen den Cambridge Analytica (CA) Skandal. CA rühmte sich damit, dass sie über Microtargeting die Einblicke in die Psyche von Menschen in Stimmen für den Brexit gewonnen hätten (und für Donald Trump und so manche Oligarchen, Plutokraten oder dikatorische Regime). Und dabei selbst lasche Datenschutzgesetze missachtet haben. Mehr dazu in der Staffel 1, Episode 1 von achwasfm.janlucash.com/; inkl. aller Links.

    Die passende 1. Folge zur 79. Folge von achwasfm.janlucash.com/

    Das Stasi Archiv war im staatlichen Rahmen, was global und nicht nur unter primär wirtschaftlichen Aspekten aus den Regalen von Databrokern (Datenhändlern) angeboten wird.
    Die schier unfassbare Geschichte wurde auf netzpolitik.org in mehreren Kapiteln aufgearbeitet. Und leider zu wenig beachtet.
    Auch hier haben wir eine achwasfm.janlucash.com/ Folge zu. Auf der Blogseite dazu finden Sie alle Dokumente, die wir ausgewertet haben.

    „Die Studie“ „On the Conversational Persuasiveness of Large Language Models: A Randomized Controlled Trial“ von Francesco Salvi, Manoel Horta Ribeiro, Riccardo Gallotti, Robert West,
    21 Mar 2024, lässt sich über verschiedene Quellen aufrufen:

    https://doi.org/10.48550/arXiv.2403.14380
    „Die Ewige URL“

    Die Studie bei der Cornell University, Zusammenfassung, (Paper als PDF, zum Download oben rechts clickbar)
    https://arxiv.org/abs/2403.14380

    Folgenbild

    Caravagio (1571 – 1610) hat vor über 429 Jahren (1595) das Bild zu unserer Folge gemalt. Es zeigt einen doppelt betrügerischen Kartenspieler, der auf das Zeichen des um die Karten des Opfers wissenden „Social Engineers“ wartet, um versteckte Trümpfe auszuspielen. Dem Opfer wurde wohl Hilfe angeboten, und es zeigte so seine Karten her.
    Die Bildbeschreibung in wikipedia beschreibt zwei Variationen zu dem Thema.

    Mehr zu Caravaggio findet sich im Wikipedia Eintrag https://de.wikipedia.org/wiki/Michelangelo_Merisi_da_Caravaggio

    Bild-Quelle auf wikimedia: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Caravaggio_(Michelangelo_Merisi)-_The_Cardsharps-_Google_Art_Project.jpg#file
    Caravaggio, Public domain, via Wikimedia Commons


  • Stolpersteine – Stufen der Moral im Netz

    Stolpersteine – Stufen der Moral im Netz

    Heinz überlegte, ob er jetzt in die Apotheke einbrechen sollte. Eigentlich war ja ein ein unbescholtener Bürger, aber seine Frau brauchte eben dringend dieses Medikament, es ging um Leben und Tod! Und der Apotheker hatte es abgelehnt, ihm einen Preisnachlass zu geben. Heinz hätte nur die Hälfte zahlen können. Was sollte er tun? Was würdet Ihr / würden Sie tun? Die Rechte des Apothekers respektieren, die Straftat des Einbruchs vermeiden, aber die geliebte Frau sterben lassen…? Oder eine Straftat zu begehen mit dem Risiko erwischt zu werden…?

    Niemand weiß, was Heinz wirklich getan hat, denn die ganze Geschichte inklusive des Dilemmas wurden eigentlich nur erfunden, damit sich Menschen eine moralisch mehrdeutige Situation vorstellen, sodass man sie dann danach fragen kann, wie sie ihre Entscheidung begründen. Es stammt aus dem "Defining Issues Test", von dem in dieser Episode von achwasfm.janlucash.com/ ausführlich erzählt wird. Und es gibt darin noch mehr Dilemmata:

    • Soll der Arzt der Frau das tödliche Medikament geben, wenn sie ihn darum bittet?
    • Soll der Rektor die Studentenzeitung verbieten, weil ich Eltern beschweren?
    • Soll der Werkstattbesitzer den asiatischen Mitarbeiter einstellen, obwohl ihn das Kunden kosten könnte?
    • Soll man einen tugendhaft lebenden und bestens in die Gesellschaft integrierten Nachbarn verraten, weil man zufällig erfährt, dass er vor Jahren aus dem Gefängnis ausgebrochen war?

    Mit Hilfe des DIT kann man bestimmen, auf welche Ebene oder Stufe der Argumentation sich ein Mensch bewegt. Und das ist ein weiterer Schwerpunkt unserer Podcast-Folge. Wir beziehen uns hier speziell auf den US-Psychologen Lawrence Kohlberg, dessen Stufen der Moral eine Art Standard für die Bewertung moralischer Argumente definieren. Von unten nach oben sortiert kann man diese Stufen folgendermaßen benennen:

    • Präkonventionelle Moralität
      (Stufe 1): Gehorsam und Strafvermeidung.
      (Stufe 2): Eigeninteresse und Belohnungen.
    • Konventionelle Moralität
      (Stufe 3): Soziale Konformität und Anerkennung.
      (Stufe 4): Autorität und soziale Ordnung
    • Postkonventionelle Moralität
      (Stufe 5): Sozialer Vertrag und individuelle Rechte.
      (Stufe 6): Universelle ethische Prinzipien.

    Das klingt theoretisch, ist sehr praktisch, denn man kann in dieses Raster sowohl das Denken und Handeln von Menschen als auch das Verhalten von Firmen einordnen. Was man mit so etwas anfängt? Nun, wir Universelle Ethische Prinzipien

    …und dann war da noch die Frage, wieso es sein kann, dass immer mehr Menschen immer weniger Manieren haben. Fake-News-Produzenten kommen uns da angesichts der immer häufiger und handfester werdenden Angriffe auf politisch Andersdenkende fast schon harmlos vor. Doch wie kann es denn sein, dass man sich derart daneben benehmen und trotzdem ruhig schlafen kann? Das ist eine Frage, mit der sich unser zweiter wissenschaftlicher Protagonist, Albert Bandura, beschäftigt. Seine Prinzipien des moral disengagement (zu übersetzen als Auflösen von Moral) sind nicht ganz so prominent wie die Kohlberg’schen Stufen, aber mindestens so praktisch:

    • Entschuldigende Vergleiche: Wir sollen schlimm sein? Die anderen sind ja noch schlimmer!
    • Moralische Rationalisierung: Man wird ja quasi dazu gezwungen, wenn man seiner Bürgerpflicht genüge tun will.
    • Euphemistisches Labeling: Wir pöbeln nicht, wir sind einfach emotional engagiert.
    • Falsches Konstruieren von Folgen: Das ist doch nur Spaß, das tut niemandem weh.
    • Entmenschlichung: Die kommen ja daher wie ein Heuschreckenschwarm.
    • Schuldzuweisung: Hätten sie sich nicht gewehrt, wäre gar nichts passiert.
    • Verschieben der Verantwortung: Der Chef hat nichts dagegen unternommen.
    • Diffusion der Verantwortung: Die anderen haben ja auch mitgemacht, ich war das nicht alleine.

    Und wir haben den Eindruck, all dies kürzlich irgendwo gehört zu haben

    Quellen

    • Auf dem Landesbildungsserver des Landes Baden-Württemberg findet man sehr reichhaltiges Material rund um das Thema „Moralische Dilemmadiskussion“
      https://www.schule-bw.de/faecher-und-schularten/gesellschaftswissenschaftliche-und-philosophische-faecher/ethik/methodik-didaktik/methodik-ethik/dilemma-diskussion
    • Absolut hörens- und sehenswert ist in diesem Zusammenhang ein Interview mit Traudl Junge, der Privatsekretärin von Adolf Hitler, in dem sie u.a. erklärt, wie Hitler durch die Aussage, er selbst übernehme die Verantwortung für alles Fragwürdige, was Angehörige der SS oder der Wehrmacht tun könnten, eine Art moralische Ausnahmesituation kreierte. Das Manöver war genau dazu gedacht, Verbrechen ohne Skrupel zu ermöglichen. Unser wissenschaftlicher Protagonist Albert Bandura würde das als „Verschiebung“ von Verantwortung bezeichnen. Übrigens: Eine Taktik, mit der es auch verschiedenen geistlichen Würdenträgern in der Zeit der Kreuzzüge immer wieder gelungen ist Situationen herzustellen, in denen ihre Follower völlig enthemmte Massaker unter der Zivilbevölkerung anrichteten. Der Dispens wurde hier raffinierterweise sogar auf die Zeit nach dem Ableben ausgedehnt – erinnert an die zweiundsiebzig Jungfrauen, die Dschihad-Kriegern in Aussicht gestellt werden, wenn sie sich unzweifelhaft absolut verbrecherisch verhalten.

      Das Interview mitr Traudl Junge wurde von André Heller geführt und unter dem Titel „Im toten Winkel“ veröffentlicht. Frau Junge ist als geläuterte Anhängerin und Mitarbeiterin Hitlers, die in der Rückschau sehr reflektiert und klug über die Zeit des Nationalsozialismus nachdenkt, überzeugender als viele Dokus und Faktenchecks. Wir verlinken hier das ganze eineinhalb Stunden dauernde Interview:
      – Teil 1: https://www.youtube.com/watch?v=-5D2U7GPkpw
      – Teil 2: https://www.youtube.com/watch?v=hB2c8sJBfGs

    zum Episodenbild:

    Unser Episodenbild ist ein Ausschnitt aus einem Gemälde von Carl Spitzweg aus dem Jahr 1857. Es passt gleich in mehrerer Hinsicht zum Thema Moral. Die Göttin der Gerichtigkeit, die mit der Augenbinde und der Waage… mehr Moral geht kaum, fanden wir. Um das Bild gibt es auch eine komplizierte Geschichte, denn es wurde gehörte ursprünglich einem wohlhabenden jüdischen Kunstliebhaber namens Leo Bendel, der es 1937 an eine ebenfalls jüdisch betriebene Kunsthandlung verkaufte, die 1939 „arisiert“ wurde. Es handelte sich damit um Beutekunst der Nazis. Wir können die ganze Geschichte hier nicht erzählen, bemerkenswert ist allerdings noch, dass das Bild erst nach 2007 – nachdem die FOCUS und Cicero darüber berichtet hatten – an die Erben Bendels zurückgegeben wurde. Im Jahr 2020 wurde es für 550.000 Euro versteigert.

    Bildquelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Spitzweg-justitia.jpg

  • Der Orientierungsreflex – mehr über Aufmerksamkeit

    Der Orientierungsreflex – mehr über Aufmerksamkeit

    (S02/E35) Ich arbeite gerade konzentriert an dieser wichtigen Recherche zu meiner Vorlesung als ein leiser Ton mich auf mein Smartphone aufmerksam macht das da auf dem Tisch liegt der Bildschirm leuchtet auf ich gucke natürlich nach was könnte das sein eine Mail-Notification! ich öffne und lese zu meinem Mobilfunkvertrag gibt es jetzt neue Konditionen ich kann mir fette Rabatte sichern wenn ich schnell genug reagiere ich klicke natürlich auf den Link der Browser öffnet sich… Zack mit dem Sonderangebot kann ich zwar nichts anfangen aber Moment…da am Seitenanfang eine Meldung aus dem News-Gedärm Tronald Dump wird endlich angeklagt wird er noch kandidieren können das will ich jetzt aber wissen ich lese atemlos da huscht diese Anzeige der digitalen Spiegelreflex an mir vorbei für die ich mich vorgestern interessiert habe ich erinnere mich mein Gott das wollte ich doch noch machen Preise vergleichen und so natürlich das könnte ich jetzt gleich erledigen also auf in den Shop im Stillen tadele ich mich dafür dass ich immer wieder Dinge unerledigt oder halbfertig liegen lasse nun ja die Kameras sind ziemlich happig …aber Moment da zuckt doch dieses rote Icon rechts oben ist da etwas im Warenkorb natürlich das hatte ich vergessen das Geburtstagsgeschenk für meine Älteste dieser schicke Rucksack… den hatte ich ja in den Warenkorb gelegt aber aus irgend einem Grund nicht gekauft könnte ich rasch erledigen das Shop-System macht mich mit einem freundlichen aber bestimmten Popup darauf aufmerksam dass meine Zahlungsinformationen nicht mehr aktuell sind stimmt ja meine Kreditkarte ist abgelaufen wo ist nur die Neue …und so weiter, und so weiter, und so weiter. Eine Stunde später habe ich…

    • meine Recherche nicht beendet,
    • keine Schnäppchen ergattert,
    • Tronald Dumps Schicksal nicht verstanden,
    • keine Spiegelreflexkameras verglichen,
    • kein Geburtstagsgeschenk gekauft,
    • keine Zahlungsinformation erneuert
    • und noch ein Dutzend andere Ziele nicht erreicht.

    Wir alle kennen diese oder ähnliche Erfahrungen und wir können unseren Hörerinnen und Hörern versichern: Es liegt nicht an Ihnen, nicht an Euch, nicht an uns! Es sind fest verdrahtete Reflexbögen in unserem Gehirn, die immer wieder dafür sorgen, dass Alarm ausgelöst, das Handeln unterbrochen und die nächste verlockende Absicht in Angriff genommen wird. „Orientierungsreflex“ nennt man diese automatisch angetriggerte Alarmreaktion, die immer auftritt, wenn es etwas Neues und / oder Relevantes zu sehen oder zu hören gibt. Und, seien wir ehrlich: gibt es das nicht permanent?

    Was bedeutet das? In einer Welt, die mit Störern gespickt ist, erreichen wir unsere Ziele nicht – oder nur langsamer oder unvollständiger. Die Folge ist nicht nur eine desolate Verhaltenssteuerung, sondern auch: schlechte Laune. Genau diese Zusammenhänge interessieren uns und es gibt Hinweise auf eine zusätzliche toxische Komponente, nämlich Mindwandering (das könnte man übersetzen als Gedankenwandern). Das sind alle die für unser aktuelles Handeln eigentlich irrelevanten Gedanken, die uns zwischendrin und im Anschluss an ungebetene und unkontrollierte Störungen immer wieder beschäftigen. Die Studie, über die wir im zweiten Teil der aktuellen Episode unseres Podcasts sprechen, weist also – wieder einmal – etwas Offensichtliches nach: Unterbrechungen machen Menschen unglücklich.

    Quellen zur Episode:

    Das Bild zur Episode

    Es mag eigenartig klingen, aber ein Stierkampf ist tatsächlich eine gute Analogie zu dem, was unsere Aufmerksamkeit im Web geschieht. Während das bedauernswerte Tier einerseits versucht, ein bestimmtes Ziel – das rote Tuch – festzunageln, wird es andererseits sofort abgelenkt, wenn es richtig brenzlich wird. „Banderillieros“ nennt man die Leute, die das mit dem Ablenken in der Arena übernehmen, mit HIlfe so genannter Banderillas – farbige Stäbe mit eiserner Spitze, die sie dem Stier in den Nacken pieksen. Eine ganze „Guadrilla“ von Helfern ist versammelt, um das Tier von seinem eigentlichen Gegner abzulenken und im Bedarfsfall helfend einzugreifen. Die Kräfteverhältnisse sind eindeutig und so erscheint es uns auch mitunter, wenn es um die Verteidigung unserer Aufmerksamkeit gegen Übergriffe von Anzeigen, Lock-Angeboten, Fake News, SPAM und irrelevanten Sensationen geht. Das Bild ist von Èdouard Manet (1832-1883) und wurde 1865 gemalt. Manet war von Stierkämpfen fasziniert und hielt ganz unterschiedliche Szenen, die er in der Arena beobachtet hatte, mit dem Pinsel fest.

    Bildquelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:%C3%89douard_Manet_-Combat_de_taureau(Mus%C3%A9e_d%27Orsay).jpeg

  • Festhalten und Loslassen – über Aufmerksamkeit

    Festhalten und Loslassen – über Aufmerksamkeit

    Aufmerksamkeit , das ergibt natürlich genug Stoff für mindestens einen Zweiteiler oder gar eine Miniserie. Wir lassen uns überraschen, was daraus wird. Hier und jetzt geht es um unsere Eröffnungs-Episode zum Thema.

    …und was meinen wir mit „Festhalten und Loslassen? Nun, jeder lebende Organismus vom Bakterium bis zum Rhinozeros hat zwei widersprüchliche Aufgaben, die er lösen muss.

    (a) Er muss ein Mindestmaß an Stabilität aufrechterhalten, sowohl in seinen inneren Strukturen als auch in der Auseinandersetzung mit der Umwelt. Fehlt diese Stabilität, kommt es in weitestem Sinn zu „Wucherungen“. Dinge geraten aus den Fugen und verändern sich zu schnell. Auch um sich geordnet verhalten zu können, brauchen wir Stabilität – im Erinnern einer aktuellen Absicht genauso wie im Ablauf einer Handlung.

    (b) Das Gegenteil ist merkwürdigerweise genauso richtig. Ohne Flexibilität geht es nämlich auch nicht. Situationen weichen voneinander ab, die Erfordernisse der Umwelt ändern sich permanent, also? Wir müssen reagieren und unsere Gedanken und Pläne und Handlungen jederzeit an die veränderten Bedingungen anpassen. Das bedeutet zugleich: Wir müssen jederzeit loslassen können.

    Reichlich abstrakte Gedanken für einen harmlosen Podcast zur Digitalen Transformation, oder? Aber es scheint abstrakter als es ist. Die Dualität von Stabilität und Flexibilität, Festhalten und Loslassen gilt genauso für Gesellschaften und Kulturen. Wenn sich Werte und Regeln zu schnell ändern, läuft eine Gesellschaft in die Instabilität, geht es zu langsam, wird sie erstarren – auch eine prima Strategie, zugrunde zu gehen.

    Hat man einmal damit angefangen hat, kann man kaum damit aufhören: Stöbern in einem Shop, die Netflix-Startseite, Bezahlen bei Amazon, Usability-Testings, Suchen und Lesen, Notifications… Man kann gerade die Vorgänge in der Welt der Digitalen Transformation so betrachten, dass sie durch Stabilität und Flexibilität bestimmt werden.

    Quellen zum Thema

    • Der Beitrag aus dem Time Magazine, in dem wir zu unserer Verblüffung erfahren, dass wir in Sachen Aufmerksamkeit von Goldfischen geschlagen werden.
      https://time.com/3858309/attention-spans-goldfish/
    • Und der dazu gehörende Faktencheck der BBC mit dem vielsagenden Titel „Busting the Attention Span Myth“:
      https://www.bbc.com/news/health-38896790
    • Neil Bradbury hat einen knappen und sehr überzeugenden Beitrag über die immerhin auf 10-15 Minuten geschätzte Aufmerksamkeitsspanne von Studierenden verfaßt: https://journals.physiology.org/doi/pdf/10.1152/advan.00109.2016?
    • Das Online-Lexikon für Psychologie und Pädagogik von Hubert Stangl ist eine gute Referenz, um besser zu verstehen, was es mit der Aufmerksamkeitsspanne eigentlich auf sich hat. Und der/die geneigter Leser/in kann dem Artikel entnehmen, dass die im Blog erwähte Goldfisch-Performance von 9 Sekunden dann doch ziemlich zuverlässig überboten wird – schon von 5-7jährigen Kindern:
      https://lexikon.stangl.eu/6553/konzentrationsspanne
    • Das YouTube-Video mit dem Gorilla-Test zur fokussierten Aufmerksamkeit ist hier zu finden:
      https://www.youtube.com/watch?v=vJG698U2Mvo
    • Wie erforschte man in den Neurowissenschaften so etwa wie Ganglienzellen auf der Retina? Hier ein Vorschlag für einen klassischen Artikel: Barlow, H., Hill, R. M., & Levick, W. R. (1964). Retinal ganglion cells responding selectively to direction and speed of image motion in the rabbit. The Journal of physiology, 173(3), 377.
      https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC1368915/pdf/jphysiol01195-0058.pdf
    • Die wahrscheinlich umfassendste und recht früh publizierte Grundlage für die im Podcast dargelegte Unterscheidung von stabiler und flexibler Aufmerksamkeit findet man in diesem – leider online nicht verfügbaren Artikel:
      Tucker, D. M., & Williamson, P. A. (1984). Asymmetric neural control systems in human self-regulation. Psychological review, 91(2), 185.

    Episodenbild

    Nein, wir haben keine Anleihe in der Kunstgeschichte gemacht. Der Grund: Wir konnten der Versuchung nicht widerstehen das Bild zu zeigen, das DALL-E auf den Prompt „zeichne und beschreibe die sehbahn beginnend mit x und y zellen bis zum hippocampus“ ausgegeben hat. Es ist eine anatomische Darstellung, die im Prinzip richtig aussieht, sich bei genauerer Kenntnis der Materie aber eine Art Anatomy From Hell entpuppt. Wir meinen: Sehenswert!

  • Wie wir verblöden – oder auch nicht. Digitale Demenz vs. extended Mind

    Wie wir verblöden – oder auch nicht. Digitale Demenz vs. extended Mind

    Mitunter gibt es auch in der Wissenschaft so ganz spezielle ikonische Sätze. „Wo endet unser Verstand und wo beginnt die Außenwelt…?“ Mit dieser vielzitierten und eigentlich ganz harmlos klingenden Frage beginnen die Autoren Andy Clark und David Charms einen Aufsatz, in dem sie interessante Ideen vorstellen. Was wäre, wenn unsere intuitiven Antworten auf diese Frage – die natürlich etwas damit zu tun haben, dass unser Verstand gefälligst in unserem Gehirn, mindestens aber in unserem Körper ist und nirgendwo sonst – nicht stimmt?

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    Als Clark und Charms im Jahr 1998 ihre Gedankenexperimente über die Grenzen von Innen- und Außenwelt beschrieben, gab es noch nicht einmal annähernd das, was wir heute als digitale Transformation erleben – von künstlicher Intelligenz ganz zu schweigen. Auch das Smartphone wurde erst ein knappes Jahrzehnt später so richtig erfunden. Trotzdem können die Autoren uns mit ihren Ideen bei der Bewertung dessen, was da gerade mit uns geschieht, helfen. Kurz zusammengefasst: Menschen haben eine angeborene Tendenz, sich auf Werkzeuge zu verlassen, sofern welche vorhanden sind. Vereinfacht und beschleunigt ein Werkzeug das Erreichen eines Ziels, nutzen wir es also, und zwar einfach deshalb, weil wir nicht blöd sind. Punkt. Clark und Charmers vertreten von hier ausgehend die Auffassung, dass wir zusammen mit unseren Wissen schaffenden oder verarbeitenden Werkzeugen als „Coupled System“ betrachtet werden sollten. Demnach bilde ich zusammen mit meiner Navi-App ein System, das ziemlich gut darin ist Routen zu planen und zu verfolgen und das obendrein in der Lage ist, die aktuelle Verkehrssituation zu berücksichtigen. Es wäre nun nicht sehr intelligent, mit Kompass, Sonnenstand, Verkehrsfunk und Karte langsamer, mühsamer und mit mehr Fehlern unterwegs zu sein. Der Preis für die Nutzung der intelligenten Technologie ist – natürlich -, dass die eigene Orientierungsfähigkeit nun nicht mehr gefordert und damit womöglich wie ein ungenutzter Muskel geschwächt wird. Das Coupled System wird besser, der unbewaffnete Verstand schwächer.

    Damit stellen sich grundsätzliche Fragen: Sollen wir die Zeit zurückdrehen und wieder zu Fuß navigieren? Was wird denn am Ende aus dem Gehirn, wenn immer mehr Gedächtnis und Informationsverarbeitung an digitale Werkzeuge delegiert wird? Ist das nicht …gefährlich? Man kann es so sehen und deshalb wird auch gerne mit viel öffentlicher Anteilnahme die Idee vorgetragen, dass wir im Begriff seien, uns und unsere Kinder zu verblöden, weil es da allenthalben jene teuflischen digitalen Werkzeuge gebe. Und alles dies sei von Übel und führe früher oder später zu einer allgemeinen „Digitalen Demenz“ (!). Prominentester Vertreter dieser Theorie ist Prof. Dr. Dr. Manfred Spitzer, seines Zeichens Neuro-Wissenschaftler und Bestsellerautor – und als solcher alles andere als ungeübt im Spielen auf der Tastatur der medialen Aufmerksamkeit.

    Was stimmt denn nun: Digitale Demenz (wir verblöden) oder Extended Mind (wir verwenden immer intelligentere Werkzeuge)…? Wir finden, die Frage ist zu einfach gestellt. Was machen wir mit den durch die Digitalisierung frei werdenden Kräften? Wie bereiten wir die nachwachsende Generation, die ihrem natürlichen Drang zur Verwendung digitaler Medien und Werkzeuge hemmungslos nachzugeben scheint, auf die Herausforderungen dieser Situation vor? Was müssen wir an unserem Framing der Situation ändern?

    Quellen zur Episode

    Aus der Intro:

    Quellen zur Digitalen Demenz

    Quellen zum Thema Extended Mind

    Das Bild zur Episode

    Wie immer können wir feststellen: irgendwie ist alles schon einmal da gewesen. Hilfsmittel zum Ausführen komplexer Denk-Operationen gab es schon bei den Inkas, den alten Römern und im antiken China. Ein nahe liegendes Beispiel ist der Abakus, der sowohl beim Rechnen als auch beim Merken von Zahlen hilft. Allerdings gab es in der Geschichte auch sehr viel raffiniertere Rechenhilfen. Niemand geringeres als der berühmte Adam Riese (eigentlich Adam Ries), ein im 16. Jahrhundert lebender Mathematiker, Autor und Lehrer, arbeitete mit einer durchaus raffinierten Version eines „Extended Mind“, einem Rechentisch. Damit konnte man nicht nur Addieren und Subtrahieren, sondern auch komplexere Operationen ausführen. Unser Episodenbild zeigt einen Ausschnitt des Titels seines Bestsellers „Rechnung auf der Linien und Federn – auff allerley Hantierung / gemacht durch Adam Risen“ aus dem Jahr 1547.

    Bildquelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Theo_Zasche_Schweinchen_in_der_Schule.jpg

  • Deepfakes – Erinnerungen werden lebendig.

    Deepfakes – Erinnerungen werden lebendig.

    S2/E31 Homer ließ Odysseus in seinen Erzählungen lebendig werden. Aber die Möglichkeiten, sich an Menschen und Ereignisse zu erinnern sind längst digitalisiert. Dabei meinen wir nicht nur digitale Bilder, die in ihrer Vielzahl „geschossen“ in unseren Speichern im Rechner oder der Cloud im Wortsinne festgehalten wurden.

    Wenn wir uns erinnern wollen an Ereignisse von Familie, Städten, Vereinen, Technologien können uns Fotoalben weiterhelfen. Auch auf öffentlichen Speicherplattformen wie Vimeo oder YouTube „leben wir bewegt“ und lassen von uns hören in Podcasts – wie dem von achwas?!

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    So war es nur eine Frage der Möglichkeiten, der Fantasie und Handwerkskunst diese Fülle von Bildern, Texten und Sprache zusammen zu führen. Daraus ein lebendig erscheinendes Abbild von Menschen zu erstellen.

    Das „zum Leben erwecken“ lässt sich bei digitalisierten Medien relativ einfach gestalten. In immer schnellerer Folge begegnen wir in den Medien Wesen, deren Stimme, Gesicht und Mimik uns vertraut erscheinen, wo der Inhalt allerdings abweicht von dem, was wir kennen und erwarten.

    Ein aktuelles Beispiel wurde vom „Zentrum für politische Schönheit“ erstellt. Da verkündet Bundeskanzler Olaf Scholz Ende 2023 das Verbot der AfD. Wie sich schnell herausstellte, war das ein Deepfake.

    Was denn nun Deepfakes genau sind, und woher der Begriff kommt? Spoiler: aus den Begriffen „Deep Learning“ (mehrschichtiges Lernen) und „fake“ (Fälschung) gebildet bezeichnet dies mittels Künstlicher Intelligenz erstellte Bilder und Videos. Deep Learning ist eine Methode, die aus – für den Rechner vom ersten Schritt – „verwirrenden“ Pixeln z.B. eines Bildes – in vielen nachgelagerten Schichten von Mustererkennung etwas dekodiert, was sich in den eingelesenen Daten (Bsp. Bilder von Hunden) als ein maschinenlesbares „Urbild Hund“ immer wieder bestätigt. Diese Bilder können parametrisiert werden, d.h. durch Befehle oder auch Regler in Farbe oder Form oder Bewegungen verändert werden. So wird aus einer Mücke ein Elefant, der fliegen kann und dabei Löwengebrüll ausstößt. Meistens sind es allerdings „Promis“, die uns scheinbar verwirren.

    In unseren Quellen finden sich einige Beispiele für Deepfakes. Wir weisen in dieser Folge einen weiteren Aspekt von Deepfake hin – die Möglichkeit, Angehörige und Freunde oder auch Personen und Zeugen der Zeitgeschichte, ja, fast zum Leben zu erwecken. Oder zumindest über sich und Ereignisse Auskunft zu geben. Dies wurde möglich gemacht für Menschen, die der Shoah (Holocaust) entkamen und Zeugnis geben über Schrecken und Unmenschlichkeit einer unermeßlicher Dimension.
    Aber diese Technologie kann für jegliche Erinnerung verwendet werden. Am Beispiel von vier Unternehmungen machen wir deutlich, wie dies die Trauerarbeit unterstützen, aber vielleicht auch ver- und zerstören kann.

    Quellen

    Upload (Amazon Streaming Serie zur Zeit in drei Staffeln)
    „Upload spielt im Jahr 2033. Menschen können sich in in eine virtuelle Welt hochladen lassen. Der Kontakt zur „echten“ Welt findet über Telefonate, SMS, Videokonferenzen oder auch holographische Repräsentanzen statt. Auch in der virtuellen Welt begegnen die Hochgeladenen Bannern und Cookies und einem gewissen Zwang mit Sternen Leistung zu bewerten. Da der Aufenthalt von Lebenden finanziert wird, ist das verfügbare Datenvolumen die Währung für ein angenehmes Leben nach dem Tod.

    Beitrag der BBC: Forscher der Universität von Washington haben den ehemaligen US-Präsidenten Barack Obama fotorealistisch als Deepfake nachgebildet.
    Mithilfe künstlicher Intelligenz wurde genau modelliert, wie Herr Obama seinen Mund bewegt, wenn er spricht.
    Ihre Technik ermöglicht es ihnen, ihrem synthetischen Barack Obama beliebige Worte in den Mund zu legen. (Übersetzt mit DeepL aus der folgenden Quelle:)
    https://www.youtube.com/watch?v=AmUC4m6w1wo

    Eine Keynote zu KI auf Amazon re:MARS 2022 von Rohit Prasad, SVP and Head Scientist, Alexa AI, Amazon

    /https://www.youtube.com/watch?v=22cb24-sGhg&t=3733s

    Seine Keynote beginnt hier 43:36 (zum Schluß die gute Nacht Geschichte, von Alexa mit der Stimme der Großmutter erzählt.

    Mehr zu Deepfake und mehr Videos auf „Deutsche Welle“. Sehr gut eine Zusammenstellung, wie man Deepfakes erkennen kann
    https://www.dw.com/de/faktencheck-wie-erkenne-ich-deepfakes/a-60192155

    Das „Zentrum für Politische Schönheit (ZPS)„, Website
    https://politicalbeauty.de

    Die Beispiele aus dem Podcast


    Storyfile: Tell me, Inge! Reden Sie mit der Holocaust Überlebenden Inge Auerbacher. Etwas scrollen, bis zu den Demos ist die App mit Inge die erste in einer Reihe von Beispielen. Clicken, Lautsprecher einschalten und mit Inge sprechen.
    https://storyfile.com

    Mehr dazu vom „Macher“ des „Deepfakes“

    https://www.elmhurst.edu/news/usc-shoah-foundations-stephen-smith-to-give-holocaust-lecture-on-april-24/

    Project December: Simulate the Dead.

    Project December is the first system in the world of its kind. Using patent-pending technology, in conjunction with deep AI running on one of the world’s most sophisticated super-computers, we can now simulate a text-based conversation with anyone. Anyone. Including someone who is no longer living.
    Selbstaussage von Project December

    https://projectdecember.net

    WDR 5, Neugier genügt: Das kalifornische Startup „HereAfter AI“ hat eine App entwickelt, die mithilfe von KI „Gespräche“ mit unseren Liebsten ermöglicht – auch nach deren Tod. Nils Dampz hat das Startup besucht, dessen Mitgründer getroffen und die App ausprobiert. Hilft ein KI-Sprachbot bei der Trauer?
    https://www1.wdr.de/mediathek/audio/wdr5/wdr5-neugier-genuegt-freiflaeche/audio-sprechen-mit-verstorbenen–dank-kuenstlicher-intelligenz-100.html

    Die Hereafter App
    „Preserve memories with an app that interviews you about your life. Then, let loved ones hear meaningful stories by chatting with the virtual you.“
    https://www.hereafter.ai

    Trigger Warnung.
    Auf den Videokanälen der Munhwa Broadcasting Corporation (MBC), einem der drei größten Rundfunksender Süd-Koreas, findet man die Mutter/Tochter Geschichte, die mittels VR Brille und Deepfakes ein (einseitiges) Wiedersehen der Mutter mit der verstorbenen Tochter ermöglicht. Das Video endet mit dem symbolischen Tod der Tochter, die sich von der Mutter verabschiedet und als Schmetterling davon fliegt.
    https://www.youtube.com/watch?v=uflTK8c4w0c&t=35s

    Dieses Video wird in einem umfassenderen Bericht zum Thema am 6.11.2022 auf der schweizerischen Website watson erwähnt.
    https://www.watson.ch/wissen/digital/446276751-wenn-tote-reden-start-ups-schaffen-digitale-versionen-von-verstorbenen

    Der juristische Teil (Bald ehr dazu auf diesem Kanal achwasfm.janlucash.com/).

    AI-Act der EU
    Zusammenfassung (deutsch)
    https://www.europarl.europa.eu/news/de/headlines/society/20230601STO93804/ki-gesetz-erste-regulierung-der-kunstlichen-intelligenz

    Zusammenfassung (englisch)
    https://www.europarl.europa.eu/news/en/press-room/20231206IPR15699/artificial-intelligence-act-deal-on-comprehensive-rules-for-trustworthy-ai

    Die Suchseite zum Thema (EU Parlament)
    https://www.europarl.europa.eu/news/de/search?searchQuery=AI+Act+document

    Datenschutzgrundverordnung (DSVGO)
    Hier die Übersicht zur DSGVO (Europaparlament). Hier findet sich nicht nur „das Gesetz“ und die Erläuterungen, sondern auch Artikel, Gerichtsurteile und mehr. Auch FaceBook / Meta / Zuckerberg taucht auf.

    https://www.europarl.europa.eu/news/de/search?searchQuery=DSGVO

    Folgen-Bildquelle

    Zugleich ein Familienbild, und eine Fakenachricht und ein Fake in der Darstellung von Menschen der Geschichte oder vielleicht Fiktion? Lassen Sie sich nicht verwirren:
    Es zeigt ein Gemälde von Jean Auguste Dominique Ingres. Benannt ist es als die „Apotheosis Homers“ und stammt aus dem Jahr 1827. Als Apotheose wird die Gottwerdung eines Menschen bezeichnet.
    Wir empfehlen, das Bild auf der Wikimedia aufzusuchen. Zum einen gibt es mehr Infos und: alle abgebildeten Wesen werden identifiziert und man erfährt ihre Namen. Wenn Sie Zeit haben und Lust dazu – vielleicht probieren Sie so viele wie möglich selbst zu erkennen.

    https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Jean_Auguste_Dominique_Ingres,_Apotheosis_of_Homer,_1827.jpg

  • Hass im Hirn – rund um die Amygdala

    Hass im Hirn – rund um die Amygdala

    Mit modernen bildgebenden Verfahren der Neurowissenschaften, die auf so einprägsame Namen hören wie Magnet-Resonanz-Tomographie oder Positronen-Emissions-Tomographie, kann man dem Gehirn bei allen möglichen Tätigkeiten zusehen und etwas darüber in Erfahrung bringen, was unsere innerste Welt zusammenhält. Natürlich gilt das auch im Web. Es kann gar nicht anders sein. Deshalb wirken Likes auf Belohnungszentren, Swipen und Scrollen versetzt uns in Trance und auch das gefährlichste Internet-Phänomen überhaupt, nämlich Hass, wird im Gehirn gemacht.

    Hass erscheint uns gelassenen Durchschnitts-Menschen ja nicht wirklich nachvollziehbar, oder? Ein Troll, der ohne jede Rücksicht auf Rechtschreibung obszöne Drohungen stammelnd, geifernd, schäumend über ein Opfer herfällt, Drohungen ausstoßend, Angst verbreitend bis zur Gewaltandrohung, ja bis zum Mord, wirkt wie ein Wesen von einem anderen Stern. Man wundert sich, ist einmal nur angewidert, mal unfreiwillig amüsiert, gelegentlich fassungslos. Was treibt solche Leute nur an? Kann es sein, dass sie nicht bemerken, wie toxisch, destruktiv und – nennen wir die Dinge mal beim Namen – dumm ihr Verhalten ist? Kann es sein, dass sie nicht nur jede Vernunft verlieren sondern anscheinend auch gleichgültig dafür werden, wie entsetzlich uncool, unsympathisch und abstoßend sie werden? Es ist ganz offensichtlich so.

    Andererseits: Vieles wird hier einfacher, sobald man die Idee aufgibt, man müsse anonyme Morddrohungen oder Hassrede genauso verstehen können, wie zivilisierte menschliche Verhaltensweisen. Wenn unser „psychischer Apparat“ (Sigmund Freud) ein Gebäude wäre, dann kommt der Hass aus den unteren Stockwerken, genauer: aus dem Kellergeschoss. Und, wo wir schon bei Freud sind: Er meinte, dass diese Dinge aus den unteren Stockwerken ein Eigenleben haben und dass wir sie nicht uneingeschränkt kontrollieren können. Ja, auch das ist ganz offensichtlich so.

    Wir beschäftigen uns also in unserer zweiten Hass-Folge auf achwasfm.janlucash.com/ genau mit diesem Themenbereich und treten zunächst einmal pflichtschuldig den Beweis an, dass es sich mit Hass auch nicht besser verhält als mit Lügen und moralischer Panik: Er ist erfolgreich und wird sehr gerne "viral". Auch die Hassenden scheinen spezielle Menschen zu sein. Vor allem ihr Fleiß ist interessant. In der Studie, die wir in der aktuellen Folge unseres Podcasts berichten, erzeugen etwa 0,5% einer Community etwa 20% der Posts und Kommentare, die mit Hass-Begriffen kontaminiert sind. Ein/e Hater/in arbeitet also für die schlechte Laune von für 40 normalen Community-Mitgliedern!

    Quellen zur Episode

    zum Episodenbild

    Nachdem wir in der Vergangenheit schon den einen oder anderen prominenten Künstler zur Bebilderung der Ideen und Inhalte unserer Podcastfolgen zitieren konnten, ist heute ein wahrhafter Gigant dran. Seine Bedeutung für die Kunst entspricht dem Gewicht des Themas: Leonardo da Vinci. Bekanntlich hat er sich ausführlich mit Anatomie beschäftigt und dabei natürlich auch das Gehirn, Hirnnerven, den Schädel und sorgfältig präpariert und gezeichnet.

    Bildquelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Leonardo_Da_Vinci%27s_Brain_Physiology.jpg

  • Geschichten zwischen den Kulturen

    Geschichten zwischen den Kulturen

    „Der Amerikaner, der den Columbus zuerst entdeckte, machte eine böse Entdeckung!“ So spottete Georg Christoph Lichtenberg in seinen „Sudelbüchern“ (1765 bis 1799). Schon damals konnte ein unabhängig und nüchtern denkender Mensch wie er ohne Weiteres verstehen, dass die Entdeckung der neuen Welt am Ende am Ende eine moralische Katastrophe war und eine klare Einteilung in Gewinner/innen und Verlierer/innen zur Folge hatte. Die einen wurden betrogen und massakriert, die anderen kamen zu Wohlstand und vererbten den geraubten Besitz so lange ihren Kindern und Kindeskindern, bis diese endlich das Gefühl hatten, alles habe schon immer ihnen gehört.

    Gut, wir geben zu; das ist lange her und eigentlich gelaufen – vielleicht abgesehen von einigen Finanzfonds oder Förderprojekten für indigene Kulturen, mit denen sich die Ur-Enkel der Täter von damals ihr Gewissen erleichtern. Aber wie verhält sich das heute, im Zeitalter der Globalisierung? Gibt es noch so etwas wie Kulturen, sind wir nicht alle digital gleichgemacht?

    Die Anwort kann man einfach und mit Sicherheit geben: nein! Zwei Jahrzehnte Browser, Social Media und Suchmaschinen konnten Jahrhunderte kultureller Entwicklung und Identität noch nicht egalisieren. Noch sind die gewachsenen Unterschiede zwischen Ethnien und Subkulturen größer als die narkotische Wirkung von You-Tube und TikTok. (Ehrlich gesagt: Wir hoffen, das das so bleibt, denn auch im im dritten Jahrtausend scheint uns kulturelle Diversität ein Garant fürs Überleben zu sein.)

    In unserer Podcast-Episode gehen wir der Frage nach, mit der sich Anthropologen und Ethnologinnen schon lange beschäftigen: Gibt es so etwas wie universelle Begriffe, mit denen wir alle Kulturen beschreiben und vergleichen können? Wir beschreiben eines der Modelle, die in diesem Kontext entwickelt wurden: die kulturellen Dimensionen des niederländischen Anthropologen und Sozialpsychologen Geert Hofstede:

    1. Machtdistanz (Power Distance Index, PDI): In Kulturen mit hoher Machtdistanz wird erwartet, dass Macht ungleich verteilt ist, und diese Ungleichheit wird als normal angesehen.
    2. Individualismus vs. Kollektivismus (Individualism, IDV): In individualistischen Gesellschaften werden individuelle Rechte und Freiheiten betont.
    3. Maskulinität vs. Femininität (Masculinity vs. Femininity, MAS): Maskuline Kulturen betonen Wettbewerb, Leistung und Erfolg.
    4. Unsicherheitsvermeidung (Uncertainty Avoidance Index, UAI): Kulturen mit hoher Unsicherheitsvermeidung versuchen, Unsicherheit durch strenge Regeln und Glaubenssysteme zu minimieren.
    5. Langzeit- vs. Kurzzeitorientierung (Long-Term Orientation, LTO): Kulturen mit einer langfristigen Orientierung planen für die Zukunft und zeigen Respekt für Tradition.
    6. Genuss vs. Zurückhaltung (Indulgence vs. Restraint, IVR): Indulgente Kulturen erlauben Freizeit und Genuss, während zurückhaltende Kulturen diese Bedürfnisse durch strenge soziale Normen regulieren.

    …und dann kümmern wir uns neben allerlei anekdotischen Anmekungen über kulturelle Missverständnisse um die Frage, was das mit dem Internet zu tun haben könnte. „Culturability“ und „kulturelle Marker“ sind in diesem Zusammenhang zwei interessante Stichworte. Aber wir beschäftigen uns auch mit der Frage, wie die neuen Möglichkeiten, die das Netz bietet, für interkulturelle Forschung genutzt werden.

    Die Quellen zur Episode

    • Eine wirklich GROSSE Artikelsammlung zum Thema Kulturpsychologie: The Online Readings in Psychology and Culture (ORPC) is designed to serve as a resource for researchers, teachers, students, and anyone who is interested in the interrelationships between Psychology and Culture. https://scholarworks.gvsu.edu/orpc/contents.html

    zum Episodenbild:

    Der französische Maler Paul Gaugin (1848-1903) war einer der berühmtesten Reisenden zwischen den Kulturen. Während seiner Aufenthalte auf Tahiti malte er Einheimische – meist weibliche Modelle – und kolorierte die Bilder so, wie er sich den Klang der Karibik vorstellte. Allerdings war schon damals nicht mehr viel dran, am Traum von der Südsee. Viele Einwohner/innen der Insel waren verarmt und arbeitslos – aber immerhin: sie waren christianisiert! Das Episodenbild wurde 1988 oder 1889 gemalt und hängt heute in der schottischen Nationalgalerie.

    Bildquelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Paul_Gauguin_134.jpg

  • Jumping To Conclusion – Verschwörungstheorien II.

    Jumping To Conclusion – Verschwörungstheorien II.

    Angesichts der immer weiter grassierenden – meist toxischen – Wirkung von Verschwörungstheorien nehmen die neuro-, psycho-, sozio-, techno- interdisziplinären Anstrengungen, dieses Phänomen irgendwie zu erklären und hoffentlich zu bremsen, permanent zu. Dabei gewinnt man den Eindruck, dass die Wissenschaft im Wettrennen nicht gerade die Nase vorn hat…

    In dieser Folge von achwasfm.janlucash.com/ geht es trotzdem (oder deshalb) genau darum: Was gibt es bisher an konkreten Fakten zum Thema? Wir arbeiten das Thema durch und gelangen auf unserer Reise durch die Wissenschaft von Unterschieden zwischen Verschwörungstheorien und paranoiden Wahnvorstellungen (Spoiler: es gibt kaum welche), verschwörungsförderlichen Persönlichkeitseigenschaften und Denkfehlern bis zu den Methoden, mit denen man Verschwörungstheoretiker/innen vielleicht beikommen kann. Was dabei auffällt ist, dass Menschen, die an Verschwörungstheorien glauben, auf eine bestimmte Art wie "Du und ich" sind. Wie das sein kann? Nun: wenn ich einmal von etwas überzeugt bin, mache ich mir nicht mehr übermäßig viele Gedanken darum. Die Erde ist rund, Elvis ist mausetot, Nine-Eleven war ein schrecklicher Terroranschlag, die USA sind 1969 auf dem Mond gelandet, es gibt natürlich keine Reptilienmenschen undsoweiterundsofort. Anscheinend sind unsere verschwörungsgläubigen Mitmenschen von ihren abwegigen Vorstellungen genauso überzeugt, sodass sie dann kurzerhand zu Denken aufhören. "Jump to Conclusion" nennt man diese Vorwegnahme von Schlussfolgerungen, also nicht Nachdenken, nicht Hinterfragen, nicht ein zweites Mal Hinsehen.

    Was uns aus unserer Recherche am meisten beeindruckt hat: Es geht gar nicht ums Klingenkreuzen mit haarscharf formulierten Argumenten, nach dem Motto: wer die besseren Argumente hat, gewinnt! Nein, die Forschung legt nahe, dass es schon längst zu spät ist, wenn man mit dem Faktencheck beginnt. Wer glaubt, der glaubt. Wer verhindern möchte, dass größere Teile unserer Gesellschaft irgendwann jeden Mumpitz glauben, der ihnen in einschlägigen Kanälen von Pseudo-Expert/innen und Evangelist/innen präsentiert wird, muss vorher anfangen: in der Schule. Was Hänschen oder Gretchen nicht anzuzweifeln lernen, zweifeln Hans oder Grete nimmermehr. Wir vermeiden es ausdrücklich, darüber nachzudenken, was Lehrermangel und ein marodes Schulsystems in diesem Zusammenhang bedeuten könnten.

    Quellen:

    • Die Studie zum „Jump to Conclusion Bias“, der dieser Folge den NAmen gegeben hat, finden man in folgender Quelle: Pytlik, N., Soll, D., & Mehl, S. (2020). Thinking preferences and conspiracy belief: Intuitive thinking and the jumping to conclusions-bias as a basis for the belief in conspiracy theories. Frontiers in psychiatry, 11, 568942.
      https://www.frontiersin.org/articles/10.3389/fpsyt.2020.568942/full
    • Der aktuelle Übersichtsartikel zur Intervention, den wir zusammenfassen: O’Mahony, C., Brassil, M., Murphy, G., & Linehan, C. (2023). The efficacy of interventions in reducing belief in conspiracy theories: A systematic review. Plos one, 18(4), e0280902.
      https://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371/journal.pone.0280902&s=03
    • Einer der besten und umfassendsten Zusammenfassungen zum Thema und unsere Leseempfehlung für alle, die einen breiten Überblick suchen, ist – nicht ganz zufällig – in „Political Psychology“ erschienen. Douglas, K. M., Uscinski, J. E., Sutton, R. M., Cichocka, A., Nefes, T., Ang, C. S., & Deravi, F. (2019). Understanding conspiracy theories. Political psychology, 40, 3-35.
      https://onlinelibrary.wiley.com/doi/pdf/10.1111/pops.12568?ref=quillette

    Das Bild zur Episode

    Seit Jahrhunderten arbeiten sich Verschwörungstheoretiker/innen an der Ikonographie rund um die Staatssymbole der Vereinigten Staaten von Amerika ab. Es ist aber auch zu verlockend. Wenn wir einmal davon absehen, dass das Washington Monument in einer Box aus einem unbekannten Metall Inschriften für (…oder von?) Außerirdische(n) enthält, dass hierbei obendrein die Illuminati, Reptilienmenschen, MacDonalds oder die CIA federführend waren (Moment, ist das alles nicht das Gleiche?) , dann ist da noch dieses Staatssiegel, das sich schon dadurch verdächtig macht, dass auf ihm irgendwas Lateinisches steht (…sehr verdächtig!). Und dann ist da noch das allsehende Auge Gottes abgebildet. Was will man mehr?

    Bildquelle:
    https://commons.wikimedia.org/File:Dollarnote_siegel_hq.jpg

    Wer sich genauer informieren möchte, es gibt natürllich eine umfangreiche Website mit allen Details rund um das US-Siegel: http://www.greatseal.com/mottoes/coeptis.html

  • I hope you are not concerned – ChatGPT und die Emergenz einer Theory Of Mind

    I hope you are not concerned – ChatGPT und die Emergenz einer Theory Of Mind

    David Premack und Guy Woodruff waren sich sicher: Sarah hatte gleich bemerkt, dass mit dem Kerl etwas nicht stimmte. Und offensichtlich hatte sie nun keine Zweifel mehr: Der Kerl würde ihr ganz sicher immer die falsche Lösung zeigen und – schlimmer noch – am Ende die Belohnung einfach für sich behalten. Der spielte mit gezinkten Karten! Ein Betrüger! Sarah wurde schnell misstrauisch. Kurz danach verweigerte sie dann jede weitere Zusammenarbeit. Konsequent. Mit dem Betrüger wollte sie nichts mehr zu tun haben. Sarah war eine ziemlich nachtragende Schimpansendame.

    Premack und Woodruff konnten Ende der 70er Jahre in ihren bahnbrechenden Untersuchungen mit Schimpansen – wie Sarah – zeigen, wie überaus konsequent und genau diese Primaten Artgenossen und auch Menschen beobachten, um etwas über deren Innenleben in Erfahrung zu bringen. Die Forscher mussten einen Begriff hierfür finden und nannten die Fähigkeit, Motive, Absichte, Emotionen und Persönlichkeitsmerkmale von anderen zu erkennen und in das eigene Verhalten einzubeziehen…

    Theory Of Mind

    Haben Schimpansen also …Theorien? Premack und Woodroff argumentieren hier sehr klar: Offensichtlich waren ihre Primaten dazu in der Lage, Dinge, die nicht direkt und offen beobachtet, sondern nur geschlussfolgert werden können, für die Vorhersage eines zukünftigen Geschehens zu berücksichtigen. So ist eine Absicht als solche ja nicht sichtbar, sondern nur aus den Konsequenzen eines Verhaltens zu erschließen. Dass jemand mit gezinkten Karten spielt, setzt eine „innere mentale Repräsentation“ dieser Eigenschaft voraus und Annahmen darüber, was in einer Situation geschehen wird. Genau das macht aber eine Theorie.

    Die „Theory of Mind“ wurde etwa zehn Jahre später in der Entwicklungspsychologie aufgegriffen – das ist die Teildisziplin, die sich um die Frage kümmert, wie sich Menschen im Verlauf ihrer Lebensspanne verändern. Verschiedene Wissenschaftler/innen begannen mit speziellen Aufgaben das Vorhandensein von Theories of Mind bei Kindern zu untersuchen. Beim einigermaßen berühmten „Sally-and-Ann-Problem“ muss ein Kind verstehen, dass Ann in einem von Sally unbeobachteten Moment eine Situation so manipuliert, dass Sally eine falsche Entscheidung treffen muss, genauer: Ihre Murmel in der falschen Kiste suchen wird… Theory of Mind Aufgaben gibt es mittlerweile im Dutzend und auch Befunde, dass autistische Kinder eben mit diesem Typ von Fragestellung besondere Schwierigkeiten haben.

    Warum ist das interessant? Nun, neuere Untersuchungen an Large Language Bot-Systemen – speziell CharGTP – legen nahe, dass auch diese über Theories of Mind verfügen, und zwar in einer Qualität, die man in etwa bei 9jährigen Kindern findet. Die Details berichten wir im Podcast. Wenn dem wirklich so wäre – und mit Sicherheit kann das im Moment noch niemand sagen – hätte sich etwas abgespielt, was man in den Lebenswissenschaften mit einem speziellen Begriff bezeichnet, nämlich:

    Emergenz

    Emergenz bezeichnet den gerade angedeuteten Sachverhalt: Ein System wird größer, die Breite, Tiefe und Anzahl der Elemente nimmt zu, dann kann man regelmäßig (sozusagen naturgesetzlich) beobachten, dass neue Eigenschaften entstehen, die sich aus den Merkmalen der Einzelelemente nicht mehr herleiten lassen. „Selbstorganisation“ ist hier ein anderer wichtiger Begriff. Lebende Systeme organisieren sich selbst, ordnen sich, regulieren sich, bilden Schichten und Sub-Strukturen…

    • Termiten bilden emergent Termitenvölker
    • Hirnzellen bilden emergent Strukturen höherer Ordnung bis zum Gehirn
    • Korallentierchen bilden emergent riesige Ökosysteme
    • Bienen bilden emergent komplexe Bienenvölker
    • Körperzellen bilden Gewebe, Organe, Organismen
    • usw.

    Damit ist unser Vokabular für diese Podcastfolge endlich komplett: Wir fragen uns, ob es wirklich sein kann, dass ChatGPT eine Theory Of Mind entwickelt hat oder – anders formuliert – was es bedeuten könnte, dass er/sie/es die entsprechenden Aufgaben, mit der Theories of Mind bei Menschen untersucht werden, mit Leichtigkeit löst.

    Quellen:

    • Das erwähnte und sehr empfohlene Online-Lexikon für Psychologen und Pädagogen, das von dem österreichischen Psychologen Werner Stangl geschrieben und gepflegt wird, findet man unter dieser URL: https://lexikon.stangl.eu/

      Und hier speziell den Artikel zur Definition der Theory of Mind:
      https://lexikon.stangl.eu/511/theory-of-mind
    • Der erste wissenschaftliche Artikel, in dem der Begriff „Theory of Mind“ verwendet wird, stammt aus der Primatenforschung:
      Premack, D., & Woodruff, G. (1978). Does the chimpanzee have a theory of mind?. Behavioral and brain sciences, 1(4), 515-526.
      Online abrufbar auf der Researchgate-Profilseite von Guy Woodroff: https://www.researchgate.net/profile/Guy-Woodruff/publication/232003352_Does_a_chimpanzee_have_a_theory_of_mind/links/61e7fad48d338833e37df26a/Does-a-chimpanzee-have-a-theory-of-mind.pdf
    • Die Studie zu den Theory of Mind Fähigkeiten autistischer Kinder, in der die Sally and Ann Aufgabe eingeführt wurde, hat folgende Quelleninfo:
      Baron-Cohen, S., Leslie, A. M., & Frith, U. (1985). Does the autistic child have a “theory of mind”?. Cognition, 21(1), 37-46.
      Online abrufbar auf einer Website „Autismtruths.org“ unter der URL: http://autismtruths.org/pdf/3.%20Does%20the%20autistic%20child%20have%20a%20theory%20of%20mind_SBC.pdf
    • Francesca Happè’s Artikel zum Messen von Theories of Mind mit einem komplexen Aufgaben-Set:
      Happé, F. G. (1994). An advanced test of theory of mind: Understanding of story characters‘ thoughts and feelings by able autistic, mentally handicapped, and normal children and adults. Journal of autism and Developmental disorders, 24(2), 129-154.
      Der Artikel ist leider nicht offen im Web zugänglich.
    • Holterman, B., & van Deemter, K. (2023). Does ChatGPT have Theory of Mind?. arXiv preprint arXiv:2305.14020.
      https://arxiv.org/pdf/2305.14020.pdf
    • Der Artikel von Michael, der Anlass zu unseren Spekulationen in Sachen Theory of Mind war:
      Kosinski, M. (2023). Theory of mind may have spontaneously emerged in large language models. arXiv preprint arXiv:2302.02083.
      https://arxiv.org/pdf/2302.02083.pdf
    • #Der Beitrag aus den Microsoft Research Labs zu „Funken von allgemeiner künstlicher Intelligenz“, untersucht an verschiedensten Aufgabentypen.
      Bubeck, S., Chandrasekaran, V., Eldan, R., Gehrke, J., Horvitz, E., Kamar, E., … & Zhang, Y. (2023). Sparks of artificial general intelligence: Early experiments with gpt-4. arXiv preprint arXiv:2303.12712.
      https://arxiv.org/pdf/2303.12712.pdf?utm_source=webtekno
    • Die Fabel „The Owl Was God“ von James Thurber, die in unserer Diskussion erwähnt wird, kann im Original hier nachgelesen werden:
      https://readandripe.com/the-owl-who-was-god/

    Quelle zum Episodenbild:

    Wir können der Versuchung nicht widerstehen, die allerklassischste aller Geschichten zum Freisetzen ungeahnter Kräfte für unser Episodenbildes heranzuziehen: die Büchse der Pandora. Sie brachte das Unglück über die Welt, weil sie der Versuchung nicht widerstehen konnte, ein Gefäß zu öffnen, in dem alles Leid und Laster der Menschheit eingeschlossen waren. Ein Racheakt von Zeus an der Menschheit – dafür, dass Prometheus (Pandoras Schwager) den Göttern das Feuer gestohlen hatte.

    Es gibt Dutzende von Pandora-Darstellungen, viele davon sind hunderte Jahre alt. Wir haben uns für eine Version von Dante Gabriel Rossetti aus dem Jahr 1871 entschieden. Rossetti (1828 -1882) war mitnichten ein italienischer Renaissancekünstler, wie der Name nahelegt, sondern ein britischer Dichter und Maler. Er war die treibende Kraft der Schule der Präraffaeliten, die sich in ihrer Arbeit an den großen Malern der Renaissance – namentlich Raffael – orientierten.

    Quelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Dante_Gabriel_Rossetti_-_Pandora.jpg