Kategorie: Studien

  • Social Media und Depression. 10.904 Jugendliche geben Auskunft.

    Social Media und Depression. 10.904 Jugendliche geben Auskunft.

    (S1/E16) Kennen Sie diese Nachrichten, dass Facebook depressiv macht? Schriften über Digitale Demenz? Ist das Fake, Meinung oder Tatsache? Die Antwort von …achwas?!®: Wozu gibt es Wissenschaft, die diese Meinung gründlich untersuchen kann. Die Studie mit dem Titel „Social Media Nutzung und jugendliche psychische Gesundheit“ wertete dazu Informationen von 10.904 vierzehnjährigen Heranwachsenden aus. Sowohl die Menge von Daten wie auch die angewandten Untersuchungsmethoden bringen Licht ins Dunkle der Vermutungen. Es ist nicht kompliziert. Und doch: Es bleiben Fragen offen.

    Facebook macht (nicht direkt) krank!

    Tatsächlich ist die Behauptung „Facebook macht depressiv“ zu kurz gedacht. Die Auswertung der Daten aus der großangelegten Milleniums Studie zeigen: Der direkte Zusammenhang ist relativ gering (2018).
    Der Weg zu psychischen Problemen führt bei der Gruppe der 14jährigen Mädchen und Jungen über wenig Schlaf, Cybermobbing, niedriges Selbstwertgefühl und eine geringe Wertschätzung des eigenen Körperbildes. Dabei sind Mädchen deutlich häufiger betroffen als Jungen: Das bedeutet, dass jedes 4. Mädchen (23,6%) der Studie Symptome einer depressiven Verstimmung zeigt, etwa dreimal so häufig im Vergleich zu Jungen (8,4%). Mädchen sind laut Selbstauskunft nicht nur häufiger als Jungen von Cybermobbing betroffen, sondern gehören auch deutlich mehr als Jungen zu denjenigen, die aktiv sind.

    Erst solch differenzierte Studien erlauben es, wissenschaftlich fundierte Empfehlungen zum sicheren Umgang mit Social Media zu definieren- und, als Beispiel den Anbietern wie Facebook, Instagram, TikTok etc. eine Regulierung der zeitlichen Nutzung bevorzugt in den Abend- und Nachtstunden dringend zu empfehlen.

    Quellen zum Beitrag:

    • Die erwähnte Studie von Yvonne Kelly, Afshin Zilanawala, Cara Booker, Amanda Sacker. Social Media Use and Adolescent Mental Health: Findings From the UK Millennium Cohort Study. “ Background: Evidence suggests social media use is associated with mental health in young people but underlying processes are not well understood. This paper i) assesses whether social media use is associated with adolescents‘ depressive symptoms, and ii) investigates multiple potential explanatory pathways via online harassment, sleep, self-esteem and body image.“
      https://www.thelancet.com/journals/eclinm/article/PIIS2589-5370(18)30060-9/fulltext
    • MEDLINE – die medizinische (internationale) Studiendatenbank in der USA mit über 26 Mio. Einträgen. Die Sammlung begann 1879 – im aktuellen Bestand gibt es Studien seit 1946. Aktuell (9.9.2021) wird die Datenbank täglich auf Stand gebracht, und dabei 2.000-4.000 Referenzen und Artikel aufgefrischt oder neu eingestellt.
      https://www.nlm.nih.gov/medline/index.html
    • Facebook reagiert auf Studien. Der Guardian berichtet in einem Artikel vom 15.12.2017:
      „Facebook hat eingeräumt, dass die Nutzung sozialer Medien sich negativ auf die psychische Gesundheit der Nutzer auswirken kann. Dies ist ein Zeichen dafür, dass das Unternehmen den Druck einer wachsenden Zahl von Kritikern spürt, die sich über die Auswirkungen der Plattform auf die Gesellschaft beschweren.“ Forscher des sozialen Netzwerks räumten in einem Blogpost am Freitag ein, dass Studien ergeben haben, dass die Zeit, die man auf Facebook mit dem „passiven Konsum von Informationen“ verbringt, dazu führen kann, dass man sich „schlechter fühlt“. Übersetzt mit DeepL. Facebooks Lösung? Länger auf Facebook bleiben und selber posten, aktiv werden.
      https://www.theguardian.com/technology/2017/dec/15/facebook-mental-health-psychology-social-media

    Zum Beitragsbild

    Jedes 4. Mädchen in der Studie berichtet depressive Symptome. Der Zustand der Melancholie beschrieb in historischen Dokumenten recht genau Symptome einer Depression. Albrecht Dürer hat in seinem Kupferstich „Melencolia I“ von 1504 die Körperhaltung und Mimik eines melancholischen Wesens, einem Genius / Engel, sehr detailliert festgehalten. Der Engel steht für Künstler, die sich im Zustand mit „dem Willen zum Schaffen, aber unfähig, etwas zu tun“ erleben.
    Das Bild zu dieser Episode gibt es auf
    Wikimedia Commons.
    https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Melencolia_I_(Durero).jpg

  • Über Trolling

    Über Trolling

    (S1/E15) Jede/r Nutzer/in Digitaler und Sozialer Medien wird früher oder später mit ihnen Bekanntschaft schließen: Trolle. Diese possierliche Spezies von wirklich sehr speziellen Internet-Nutzer/innen ist so alt wie das Netz. In dieser Folge gehen wir also dem Begriff „Trolling“ auf den Grund und versuchen zu verstehen, was es mit diesem Netz-Phänomen auf sich hat.

    Dabei können wir davon ausgehen, dass die Meinungen geteilt sind: Die einen sehen im Troll einen elegant-intelligenten Provokateur mit – letztlich – positiver Wirkung auf seine Opfer, die er durch absurde oder auf Schwachstellen zielende Kommentare herausfordert. Die anderen kennen Trolle als unangenehme Störenfriede, Produzenten von Lügen, Gerüchten und Verschwörungserzählungen im Dienst populistischer Organisationen. Hier liegt eines der Probleme, auf das wir in unserem Beitrag ausführlich eingehen:

    Troll ist nicht gleich Troll!

    Wir halten also in unserer Podcast-Folge drei Troll-Geschmacksrichtungen auseinander und erklären, wie sie entstehen und so man sie findet. Doch immerhin eines haben Trolle gemeinsam: Sie agieren im Verborgenen. Weder der Reddit-Troll, der sich immer wieder durch geschmacklose Initiativen, Hashtags und Kommentare hervortut, noch derjenige, der Kommentierende in einem Newsportal mit seinen Rechtschreib-Tipps beglückt, mögen es, wenn Ihre Identität ans Tageslicht kommt – und der Profi aus der russischen Trollfabrik schon gar nicht…

    Quellen zum Beitrag:

    Zum Beitragsbild

    Auf der Suche nach einem passenden Bild zu dieser Episode sind wir auf Wikimedia Commons fündig geworden: ein Bild aus der Website der National Oceanic and Atmospheric Administration (NOAA), in dem das Trolling von Thunfisch dargestellt wird. Der/die unbekannte Künstler/in hat das Verhältnis von Troll und Beute sehr anschaulich visuell inszeniert. Wer hier anbeißt, wird es bereuen. Man kann angesichts der Darstellung nicht umhin, parteiisch zu sein: Es lebe der Thunfisch, nieder mit den Trollen!
    https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Trolling_drawing.jpg

  • Die Macht der Deindividuation

    Die Macht der Deindividuation

    (S1/E10) Es geht heute um die Frage, wie es denn eigentlich sein kann, dass die Nutzer*innen sozialer und digitaler Medien einerseits ganz nette und normale Menschen sind, die sich aber andererseits höchst aggressiv und destruktiv verhalten. „Online-Disinhibition-Effect“ wurde dieses Phänomen schon im Jahr 1998 von John Suler benannt und es ist so alt wie die computervermittelte Kommunikation.

    Damit untertreiben wir natürlich, denn der Kampf zwischen Gut und Böse in einer Person ist allerspätestens seit Robert L. Stevenson’s berühmter Erzählung von Doktor Jeckyll und Mr. Hyde ein klassischer Topos, ein immer wiederkehrendes Erzähl-Thema: zwei Egos die sich in einer Person treffen und bekriegen, eines edel, hilfreich und gut, das andere dämonisch, böse und gewalttätig… In der klinischen Psychologie kennt man dieses Phänomen unter der Diagnose „Multiple Persönlichkeit“. Das gibt es selten, kommt aber vor.

    Auf der Suche nach den Ursachen für die sich große Zahl der sich allenthalben fröhlich vermehrenden Mr. Hydes im Web werden wir in Folge 10 kurz im 19. Jahrhundert auf den Schultern von Riesen stehen und uns dann drei experimentelle Studien genauer ansehen: Die berühmte „Stanford Prison Studie“ von Richard Zimbardo, der wir den Begriff des „Luzifer Effekts“ verdanken, dann eine durchaus nicht unbekannte und sehr clever geplante Studie über die Ehrlichkeit von Halloween-Kindern („trick or treat“), die im Wesentlichen die gleiche Erkenntnis liefert: Menschen neigen in Anonymität und in Gruppen dazu, sich schlecht zu benehmen. Schließlich wenden wir uns wieder dem Web zu und berichten über ein beeindruckendes „Real World-Experiment“, das von Psychologen beim Relaunch der Kommentarfunktion der Huffington Post durchgeführt wurde – das Ergebnis ist wieder das Gleiche.

    Wir können die Schlussfolgerung vorwegnehmen: Bringe Menschen in Gruppen, mache sie anonym, sperre Autorität aus, sorge dafür, dass niemand bestraft wird. Dann wird es früher oder später Täter und Opfer geben und es werden Trolling, Mobbing und Lynch-Szenen entstehen. Das ist normal. Menschen funktionieren so, aus Dr. Jeckyl wird – statistisch gesehen – Mr. Hyde. Nicht normal ist und verboten gehört aber, dass Social-Media-Anbieter mit solchen Dingen zündeln und dann ins Feuer blasen, um Traffic zu erhöhen, Marktanteile zu gewinnen, Aktionäre und Investoren zufriedenzustellen und – natürlich – Geld zu verdienen.

    Die Geschichte zum Beitragsbild:

    Wie soll man so etwas wie Deindividuation visualisieren? Uns erschien nach reiflicher Recherche das Konzept der Maske interessant. Wer maskiert ist, ist natürlich anonym und wie in unserer aktuellen Podcast-Folge ausführlich erklärt wird, ist Anonymität genau einer der Schlüsselfaktoren, wenn es um das Erzeugen von „deindividuierten“ Situationen geht. Die Suche nach einem passenden Bild führte uns über weite Umwege (nein, Maskenball in Venedig ist zu trivial…) zu einem belgischen Maler Namens Jean-François Portaels (1818 bis 1895). Er ist ein Vertreter der belgischen akademischen Malerei und war seinerzeit erfolgreich. In seinen Werken findet sich der in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Kunstkreisen verbreitete und romantisch-sehnsuchtsvoll aufgeladene Hang zum Orientalismus (aus heutiger Sicht vielleicht eher befremdlich) In einem seiner Bilder portraitierte er eine junge Frau, die sich nachdenklich eine Maske ansieht und dieses Motiv erschien uns endlich sowohl ästhetisch als auch inhaltlich passend für unseren zehnten Podcast-Beitrag.

    Bildquelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/7/72/Jean-Fran%C3%A7ois_Portaels_-_Portrait_of_a_young_girl_with_a_mask.jpg

    Quellen:

    • Über das „Stanford Prison Experiment“ ist sehr viel geschrieben worden. Der beste Einstieg in das Thema bietet die englischsprachige Original-Website zum Projekt mit sehr viel Material zum Thema und auch Links zu Sekundärquellen.
      https://www.prisonexp.org/

  • Viralität, Moral und Social Media: Wer Wut sät, wird mehr Wut ernten.

    Viralität, Moral und Social Media: Wer Wut sät, wird mehr Wut ernten.

    (S1/E09) In dieser Folge lüften wir eines der 100-Million-Dollar-Geheimnisse der politischen Kommunikation rund um soziale Medien und klären eine der meistgestellten und trotzdem nur selten schlüssig beantworteten Fragen: Wie und woher und von wem und durch welche Inhalte bekommt man mehr Reichweite? Unsere Antwort fällt… nun, sagen wir: „ernüchternd“ aus.

    Warum ernüchternd? Es scheint, dass eine der besten Strategien für die virale Ausbreitung von Inhalten im Bereich von News und Politik das Auslösen, das Triggern von etwas ist, das man vielleicht am besten als „moralische Entrüstung“ bezeichnen könnte. Ein im angelsächsischen Sprachraum geprägter Begriff gefällt uns besser:

    Moral Panic!

    Das bedeutet: Menschen erzählen besonders gerne das weiter, was sie schlecht, störend, skandalös, intrigant oder FALSCH oder DUMM finden – vor allem dann, wenn sie wissen, dass die Menschen, denen sie ihre Erkenntnis oder Beobachtung mitzuteilen im Begriff sind, diese Ansicht exakt teilen. Vielleicht machen so die ebenso unerklärlichen wie unglaublichen Erfolgszahlen querdenkender Wutbürger/innen in sozialen Medien nun plötzlich Sinn, denn Wut, Empörung, Entrüstung und Hass sind zwar nicht unbedingt sympathische Reaktionen, aber anscheinend ein hoch wirksamer Brennstofffür für das goldene Kalb der Redakteur/innen „Teilen!“. Wobei dieser Begriff natürlich völlig irreführend ist. Was wir teilen, wird weniger, was wir auf sozialen Medien veröffentlichen – genau dies wäre der korrekte Begriff für „sharing“ – wird aber ganz im Gegenteil vermehrt. Und Wut bedeutet dann mehr Wut und das wiederum bedeutet noch mehr Wut.

    In der 9. Folge von …achwas!? bewegen wir uns in diesen Untiefen. Und wir möchten unseren Leserinnen und Lesern die entscheidende Grafik aus unserer eigenen Auswertung der Daten zu Facebook-Reactions bei politischen Parteien nicht vorenthalten. Sie zeigt die Anzahl der Shares (y-Achse) und die Anzahl wütender Reaktionen pro Post (x-Achse) für die Facebook-Seite der „Alternative für Deutschland“. Bei anderen Parteien ist dieser Zusammenhang nicht vorhanden oder zu vernachlässigen.

    Der Zusammenhang zwischen Wut-Reaktionen und der Tendenz für das Sharen oder Teilen der jeweiligen Posts auf der Facebook-Seite der „Alternative für Deutschland“ (eigene Abbildung auf der Grundlage von Daten aus den Jahren 2016-2020)

    Die Geschichte zum Beitragsbild:

    Normalerweise können wir aufgehetzte, moralisch empörte, aggressiv-rechthaberische, Hass verbreitende Social Media Communities ja nicht sehen. Trotzdem haben wir ein – vielleicht nur halb bewußtes – Vorstellungsbild von ihnen. Unser eigenes haben wir einmal mehr in einem Gemälde von Hieronymus Bosch gefunden. „Die Kreuztragung Christi“ wurde durch die Jahrhunderte in Dutzenden Kunstwerken immer wieder dargestellt. Bei Bosch interessiert weniger die Christusfigur, die in ihr Schicksal ergeben und unter ihrem Kreuz leidend in der Mitte des Bildes dargestellt wird, auch die Heilige Veronika am linken Bildrand ist nicht interessant. Beide dienen letztlich nur als Kontrast zu den eigentlichen Helden des Bildes: die verzerrten, dämonischen, mit verschiedensten Tönungen von Verachtung, Ekel, Häme, Hass und Wut aufgeladenen Figuren, die sich in dem Bild drängeln. Ein aufgehetzter Mob aus der Phantasie eines flämischen Malers aus der Renaissance des 16. Jahrhunderts funktioniert also ganz ausgezeichnet für unsere Vorstellung von Shitstorms, Cybermobbing oder anderer wenig erfreulicher Begleiterscheinungen von Online-Communities.

    Bildquelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/b/bb/Hieronymus_Bosch_055.jpg

    Quellen:

    • Dies ist der Artikel zur Ausbreitung von Inhalten über moralingeschwängerte Posts in Twitter wurde von Brady, W. J., Wills, J. A., Jost, J. T., Tucker, J. A., & Van Bavel, J. J. (2017). Emotion shapes the diffusion of moralized content in social networks. Proceedings of the National Academy of Sciences, 114(28), 7313-7318. Online erreichbar unter https://www.pnas.org/content/114/28/7313.long

    …und hier sind die versprochenen Katzenvideos!

  • Darf’s ein bisschen mehr sein? Die banale Geschichte vom Infinite Scrolling.

    Darf’s ein bisschen mehr sein? Die banale Geschichte vom Infinite Scrolling.

    (S1/E07) Du bist heute lange auf youtube, TikTok und Pinterest unterwegs gewesen. Du hast auch eigentlich schon seit dem Mittag nichts mehr getrunken und – seien wir ehrlich – eigentlich weißt Du gar nicht so recht, was Du heute gemacht hast. Das ist kein Zufall. Es gibt Muster in der Gestaltung von Internet-Plattformen, die ziemlich unauffällig aber trotzdem sehr mächtig sind. Und die halten Dich, ohne dass Du es bemerkst, länger fest als Du denkst…

    Eines dieser Muster ist „Infinite Scrolling“ oder „Endless Scrolling“. Natürlich wissen wir alle, was damit gemeint ist: Wir kommen am Ende einer Seite mit Inhalten (auf Pinterest, Facebook, Google, Reddit, Tumblr…) an und stellen fest… es gibt gar kein Ende. also Scrollen wir weiter, denn das ist doch irgendwie nahe liegend, oder nicht? Andere Beispiele: während der letzte Film noch läuft, wird der Vorspann für den nächsten Film schon geladen (Netflix) oder gleich abgespielt (youtube)… Zugegeben: das ist kein Endless Scrolling, aber der Mechanismus ist sehr ähnlich. Wir sind in einer für Menschen in den vergangenen 150.000 Jahren doch eher ungewöhnlichen Situation, denn etwas, das wir konsumieren, ist in unendlicher Fülle vorhanden. Warum passiert das ausgerechnet heute und ausgerechnet in sozialen Medien?

    Die Geschichte zum Beitragsbild:

    Das Schlaraffenland, in dem Milch und Honig fließen, in dem gebratene Tauben umherfliegen oder Spanferkel gleich mit dem für ihren Verzehr passenden Besteck herumlaufen, wird seit Jahrhunderten in Erzählungen und Bildern dargestellt. Die wahrscheinlich berühmteste Darstellung wurde von Pieter Breughel (d. Älteren) 1567 gemalt. Die unausgesprochene Frage hinter dem Bild: Was mag aus den Menschen werden, wenn sie über die zur Stillung ihrer Bedürfnisse erforderlichen Dinge in unendlicher Menge verfügen…? Brueghel war daran gelegen, den Betrachter*innen das zu zeigen, worin sich alle Erzählungen zum Schlaraffenland einig sind: seine Bewohner’innen werden eher das Gegenteil von aktiv, intelligent, agil, gesund, attraktiv und sportlich.

    Zu unserem Episodenbild gab es einen schönen Beitrag auf ZDFKultur in der Rubrik „Geheimnis der Bilder“. Der Beitrag ist leider nicht mehr online.

    Quellen:

    • Der am Ende des Podcasts erwähnte Beitrag von Ludmila Lupinacci, „Absentmindedly scrolling through nothing„, erschienen in der Zeitschrift Media, Culture & Society, ist ebenfalls im Internet auffindbar. Auf der Website der Bibliothek der London School of Economics.
  • Experimente, AB-Tests, Multivariantentests – die normative Kraft des Faktischen

    Experimente, AB-Tests, Multivariantentests – die normative Kraft des Faktischen

    (S1/E05) Abermals werfen wir einen Blick unter die Haube und hinter die Pixel. Diesmal geht es um eine sehr weit verbreitete Technik oder Methode, die von vielen Firmen genutzt wird, um Web-Auftritte, Spiele, Formulare, Shop-Systeme, aber auch E-Mail-Newsletter oder Anzeigen im Internet zu optimieren. Experimente – im Jargon der Online-Marketing-Profis werden sie auch „AB-Testing“ oder „Multivariantentests“ genannt.

    Während sich normale Menschen vielleicht gerade noch an die Experimente aus dem Chemie und Physik-Unterricht erinnern, die sozusagen in Handarbeit hergestellt wurden, werden die umfangreichen Online-Experimente, von denen wir in dieser Folge berichten, am Fließband von Webservern, Algorithmen und Skripten gemacht und teils an tausenden Besucher*innen ausprobiert. Von hier ist es dann nicht mehr weit zu einem Internet, das ganz von selbst auf die Informationsbedürfnisse spezieller Zielgruppen optimierte Echokammern hervorbringt…

    Eine besondere Rolle in der heutigen Folge spielt ein Experiment, das die Fa. „Optimizely“ für die Wahlkampagne von Barack Obama im Jahr 2012 durchgeführt hat. Das folgende Bild zeigt das Objekt, mit dem experimentiert wurde:

    Bildausschnitt der Kampagnen-Website von Barack Obama 2012
    Standard-Version des Screen-Elements, das in 24 unterschiedlichen Versionen gezeigt wurde.
    Bildquelle: http://blog.optimizely.com/wp-content/uploads/2010/11/Obama_Homepage_original.png

    Was damit genau gemacht wurde? Das erzählen wir im Podcast…

    Die Geschichte zum Beitragsbild

    Das 18. Jahrhundert war eine Zeit des Aufbruchs in den Naturwissenschaften. In ganz Europa, vorwiegend England, Frankreich und Deutschland, machten sich Wissenschaftler daran, die Gesetze der Physik und die Geheimnisse des Lebens zu ergründen. Nicht wenige waren Aristokraten, wie Robert Boyle , der es sich als Sohn einer der reichsten Familien Englands leisten konnte, allerlei Gerätschaften für Experimente anzuschaffen und diese auch zu nutzen. Ihm gelang der unzweifelhafte Nachweis, dass Lebewesen Luft zum Atmen brauchen! Die Methode wirkt aus heutiger Sicht mehr als grausam: Versuchstiere wurden in Vakuum-Glasglocken eingesperrt, aus denen die Luft herausgepumpt werden konnte…

    Die Szene und das Ergebnis möchten wir uns lieber nicht ausmalen – ganz im Gegensatz zu dem englischen Maler Joseph Wright of Durby, der etwa ein Jahrhundert später genau dieses Experiment in einem berühmten Kerzenlicht-Bild darstellte. Ein Papagei wird von einem fanatisch quasi in die Kamera blickenden Naturforscher in einer Glasglocke erstickt, während die umstehenden Personen sehr unterschiedlich reagieren – die meisten eigenartigerweise ziemlich desinteressiert. Es gibt Autoren, die dieses Desinteresse als symbolhaften Ausdruck der beginnenden Gefühllosigkeit der Menschen gegenüber der Schöpfung interpretieren. Wie spätere Generationen unsere modernen Internet-Experimente bewerten werden, das ist natürlich nicht sicher vorherzusagen. Aber wir haben einen Verdacht, dass es sich vielleicht ähnlich fremdartig ausnehmen wird…

    Bildquelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:An_Experiment_on_a_Bird_in_an_Air_Pump_by_Joseph_Wright_of_Derby,_1768.jpg

    Quellen:

  • Den Fährtenlesern auf der Spur

    Den Fährtenlesern auf der Spur

    (S1/E02)  Am 27. Januar 2018 um 19:24 Ortszeit teilte der 20 jährige Nathan Ruser aus Canbera, Australien, in einem Tweet brandgefährliche Informationen: Auf der frei zugänglichen Landkarte einer Fitness App sind geheime US Militär Standorte deutlich zu identifizieren. Vermeintlich harmlose, anonymisierte Bewegungsdaten zeichnen ein Bild von Laufwegen und Strassennetzen.

    In dieser Folge nimmt …achwas?! selbst die Spur der (un-) heimlichen Fährtenleser auf, die in unseren Apps und im Web werkeln. Wir erzählen, wie wenig es braucht, um sehr viel über uns und unser Leben zu erfahren.

    Unsere Spurenaufnahme führt uns weiter auf die Fährte des kalifornischen Unternehmens SafeGraph*, das wahre Informationsschätze aus wenigen anonymisierten Geolokationen (also Ortung eines Smartphones mit Zeit und Standort) unter Wahrung des strengen kalifornischen Datenschutzes macht. Wie passiert das, ohne irgendwelche persönlichen Daten abzufragen? Wie macht SafeGraph* das, dass die Käufer der Datensätze trotzdem erfahren können, wo Menschen wohnen, einkaufen, ihre Freizeit verbringen, ob sie italienische Restaurants oder den Schnellimbiss bevorzugen, welche Automarke sie fahren – oder ob eher Frauen oder Männer öffentliche Verkehrsmittel nutzen, um ins Büro oder die Fabrik zu kommen?

    Manchmal werden diese Infromationen nicht gekauft, sondern „ge-leakt“, kommen über eine undichte Stelle (Leak) an interessierte Kreise. Ein solches Leak ereilte die Zuhörer der Brand-Rede Donald Trumps vor dem Capitol. Als am 6.1.2021 hunderte Menschen das Capitol erstürmten, hinterließen ihre Smartphones Datenspuren und „petzten“ eine Menge sehr persönlicher Informationen** an die New York Times.

    Anmerkungen :
    *SafeGraph ist nicht im Geltungsbereich der DSGVO (EU) tätig.
    ** Ein Leak dieser Art an die Presse wird durch unsere Datenschutzgesetze und die DSGVO verhindert. Die Nutzung von Geolokationen durch Polizei und Staatsanwaltschaft bedarf eines Richterlichen Beschlusses.

    Die Geschichte zum Beitragsbild: 

    Wo bin ich – wohin muss ich laufen, reiten, fahren, gehen, um mein Ziel zu erreichen? Unser Wunsch nach Orientierung über unsere Sinne (Auge, Ohr, Tastsinn, Gleichgewichtssinn) und unseres Gedächtnisses bekam schon früh Prothesen durch Zeichnungen und Landkarten. Eine der umfassendsten Landkarten war die Tabula Peutingeriana, deren Original um 345 n.Chr. erstellt wurde. Sie wurde als Wege-, Orts- und Strassenverzeichnis des gesamten Römischen Reichs gezeichnet. Landmarken und Strassen sind nicht massstabgetreu, sondern eher wie die Schemazeichnungen von „London Tube“ oder „Metro Paris“ angelegt.

    Bildquelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Tabula_Peutingeriana

    Quellen

    Nathans’s Tweet
    vom 27.1.2018 über geheimnisvolle Spuren auf der Landkarte einer Fitness-App https://twitter.com/Nrg8000/status/957326421684207616

    Mehr über Nathan Ruser
    https://money.cnn.com/2018/01/29/technology/strava-nathan-ruser/index.html

    https://taz.de/Menschenrechtsverletzungen-in-China/!5735542/

    Die Karte der Fitness App STRAVA
    https://www.strava.com/heatmap#7.00/-120.90000/38.36000/hot/allDie Fitness App STRAVA weisst darauf hin, dass die Nutzung als Mapping Tool optional ist.

    SafeGraph Inc. – brilliant, wie man aus Standort, Zeit und Offenen Daten Informationen ernten kann.
    https://www.safegraph.com/blog

    Please Rob Me: Das Projekt ist fast schon als historisch zu bezeichnen (aus dem Jahr 2011), das Problem der Privatheit des eigenen Standorts ist aber heute so aktuell wie damals. Auf der Seite sind durchaus lesenswerte Artikel zum Thema „Locational Privacy“ verlinkt. https://pleaserobme.com/

    New York Times: They Stormed the Capitol. Their Apps Tracked Them.
    Times Opinion was able to identify individuals from a trove of leaked smartphone location data.     https://www.nytimes.com/2021/02/05/opinion/capitol-attack-cellphone-data.html?sara_ecid=nl_upd_1jtzCCtmxpVo9GAZr2b4X8GquyeAc9&nlid=h0s9e6sz

    Bonus Material:

    SPIEGEL ONLINE
    Wo die schöne Welt der neuen Mobilität endet

    Carsharing-Anbieter wie WeShare, Share Now oder Miles meiden ärmere Stadtteile. Dafür fluten sie mit ihren Wagen angesagte Innenstadtviertel – und verschärfen dort manche Verkehrsprobleme, anstatt sie zu lösen.

    https://www.spiegel.de/auto/carsharing-share-now-weshare-miles-und-co-wo-die-welt-der-neuen-mobilitaet-endet-a-5c431f05-95b5-46d9-a24d-27e3dfda0d3c