Kategorie: Studien

  • Jumping To Conclusion – Verschwörungstheorien II.

    Jumping To Conclusion – Verschwörungstheorien II.

    Angesichts der immer weiter grassierenden – meist toxischen – Wirkung von Verschwörungstheorien nehmen die neuro-, psycho-, sozio-, techno- interdisziplinären Anstrengungen, dieses Phänomen irgendwie zu erklären und hoffentlich zu bremsen, permanent zu. Dabei gewinnt man den Eindruck, dass die Wissenschaft im Wettrennen nicht gerade die Nase vorn hat…

    In dieser Folge von achwasfm.janlucash.com/ geht es trotzdem (oder deshalb) genau darum: Was gibt es bisher an konkreten Fakten zum Thema? Wir arbeiten das Thema durch und gelangen auf unserer Reise durch die Wissenschaft von Unterschieden zwischen Verschwörungstheorien und paranoiden Wahnvorstellungen (Spoiler: es gibt kaum welche), verschwörungsförderlichen Persönlichkeitseigenschaften und Denkfehlern bis zu den Methoden, mit denen man Verschwörungstheoretiker/innen vielleicht beikommen kann. Was dabei auffällt ist, dass Menschen, die an Verschwörungstheorien glauben, auf eine bestimmte Art wie "Du und ich" sind. Wie das sein kann? Nun: wenn ich einmal von etwas überzeugt bin, mache ich mir nicht mehr übermäßig viele Gedanken darum. Die Erde ist rund, Elvis ist mausetot, Nine-Eleven war ein schrecklicher Terroranschlag, die USA sind 1969 auf dem Mond gelandet, es gibt natürlich keine Reptilienmenschen undsoweiterundsofort. Anscheinend sind unsere verschwörungsgläubigen Mitmenschen von ihren abwegigen Vorstellungen genauso überzeugt, sodass sie dann kurzerhand zu Denken aufhören. "Jump to Conclusion" nennt man diese Vorwegnahme von Schlussfolgerungen, also nicht Nachdenken, nicht Hinterfragen, nicht ein zweites Mal Hinsehen.

    Was uns aus unserer Recherche am meisten beeindruckt hat: Es geht gar nicht ums Klingenkreuzen mit haarscharf formulierten Argumenten, nach dem Motto: wer die besseren Argumente hat, gewinnt! Nein, die Forschung legt nahe, dass es schon längst zu spät ist, wenn man mit dem Faktencheck beginnt. Wer glaubt, der glaubt. Wer verhindern möchte, dass größere Teile unserer Gesellschaft irgendwann jeden Mumpitz glauben, der ihnen in einschlägigen Kanälen von Pseudo-Expert/innen und Evangelist/innen präsentiert wird, muss vorher anfangen: in der Schule. Was Hänschen oder Gretchen nicht anzuzweifeln lernen, zweifeln Hans oder Grete nimmermehr. Wir vermeiden es ausdrücklich, darüber nachzudenken, was Lehrermangel und ein marodes Schulsystems in diesem Zusammenhang bedeuten könnten.

    Quellen:

    • Die Studie zum „Jump to Conclusion Bias“, der dieser Folge den NAmen gegeben hat, finden man in folgender Quelle: Pytlik, N., Soll, D., & Mehl, S. (2020). Thinking preferences and conspiracy belief: Intuitive thinking and the jumping to conclusions-bias as a basis for the belief in conspiracy theories. Frontiers in psychiatry, 11, 568942.
      https://www.frontiersin.org/articles/10.3389/fpsyt.2020.568942/full
    • Der aktuelle Übersichtsartikel zur Intervention, den wir zusammenfassen: O’Mahony, C., Brassil, M., Murphy, G., & Linehan, C. (2023). The efficacy of interventions in reducing belief in conspiracy theories: A systematic review. Plos one, 18(4), e0280902.
      https://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371/journal.pone.0280902&s=03
    • Einer der besten und umfassendsten Zusammenfassungen zum Thema und unsere Leseempfehlung für alle, die einen breiten Überblick suchen, ist – nicht ganz zufällig – in „Political Psychology“ erschienen. Douglas, K. M., Uscinski, J. E., Sutton, R. M., Cichocka, A., Nefes, T., Ang, C. S., & Deravi, F. (2019). Understanding conspiracy theories. Political psychology, 40, 3-35.
      https://onlinelibrary.wiley.com/doi/pdf/10.1111/pops.12568?ref=quillette

    Das Bild zur Episode

    Seit Jahrhunderten arbeiten sich Verschwörungstheoretiker/innen an der Ikonographie rund um die Staatssymbole der Vereinigten Staaten von Amerika ab. Es ist aber auch zu verlockend. Wenn wir einmal davon absehen, dass das Washington Monument in einer Box aus einem unbekannten Metall Inschriften für (…oder von?) Außerirdische(n) enthält, dass hierbei obendrein die Illuminati, Reptilienmenschen, MacDonalds oder die CIA federführend waren (Moment, ist das alles nicht das Gleiche?) , dann ist da noch dieses Staatssiegel, das sich schon dadurch verdächtig macht, dass auf ihm irgendwas Lateinisches steht (…sehr verdächtig!). Und dann ist da noch das allsehende Auge Gottes abgebildet. Was will man mehr?

    Bildquelle:
    https://commons.wikimedia.org/File:Dollarnote_siegel_hq.jpg

    Wer sich genauer informieren möchte, es gibt natürllich eine umfangreiche Website mit allen Details rund um das US-Siegel: http://www.greatseal.com/mottoes/coeptis.html

  • I hope you are not concerned – ChatGPT und die Emergenz einer Theory Of Mind

    I hope you are not concerned – ChatGPT und die Emergenz einer Theory Of Mind

    David Premack und Guy Woodruff waren sich sicher: Sarah hatte gleich bemerkt, dass mit dem Kerl etwas nicht stimmte. Und offensichtlich hatte sie nun keine Zweifel mehr: Der Kerl würde ihr ganz sicher immer die falsche Lösung zeigen und – schlimmer noch – am Ende die Belohnung einfach für sich behalten. Der spielte mit gezinkten Karten! Ein Betrüger! Sarah wurde schnell misstrauisch. Kurz danach verweigerte sie dann jede weitere Zusammenarbeit. Konsequent. Mit dem Betrüger wollte sie nichts mehr zu tun haben. Sarah war eine ziemlich nachtragende Schimpansendame.

    Premack und Woodruff konnten Ende der 70er Jahre in ihren bahnbrechenden Untersuchungen mit Schimpansen – wie Sarah – zeigen, wie überaus konsequent und genau diese Primaten Artgenossen und auch Menschen beobachten, um etwas über deren Innenleben in Erfahrung zu bringen. Die Forscher mussten einen Begriff hierfür finden und nannten die Fähigkeit, Motive, Absichte, Emotionen und Persönlichkeitsmerkmale von anderen zu erkennen und in das eigene Verhalten einzubeziehen…

    Theory Of Mind

    Haben Schimpansen also …Theorien? Premack und Woodroff argumentieren hier sehr klar: Offensichtlich waren ihre Primaten dazu in der Lage, Dinge, die nicht direkt und offen beobachtet, sondern nur geschlussfolgert werden können, für die Vorhersage eines zukünftigen Geschehens zu berücksichtigen. So ist eine Absicht als solche ja nicht sichtbar, sondern nur aus den Konsequenzen eines Verhaltens zu erschließen. Dass jemand mit gezinkten Karten spielt, setzt eine „innere mentale Repräsentation“ dieser Eigenschaft voraus und Annahmen darüber, was in einer Situation geschehen wird. Genau das macht aber eine Theorie.

    Die „Theory of Mind“ wurde etwa zehn Jahre später in der Entwicklungspsychologie aufgegriffen – das ist die Teildisziplin, die sich um die Frage kümmert, wie sich Menschen im Verlauf ihrer Lebensspanne verändern. Verschiedene Wissenschaftler/innen begannen mit speziellen Aufgaben das Vorhandensein von Theories of Mind bei Kindern zu untersuchen. Beim einigermaßen berühmten „Sally-and-Ann-Problem“ muss ein Kind verstehen, dass Ann in einem von Sally unbeobachteten Moment eine Situation so manipuliert, dass Sally eine falsche Entscheidung treffen muss, genauer: Ihre Murmel in der falschen Kiste suchen wird… Theory of Mind Aufgaben gibt es mittlerweile im Dutzend und auch Befunde, dass autistische Kinder eben mit diesem Typ von Fragestellung besondere Schwierigkeiten haben.

    Warum ist das interessant? Nun, neuere Untersuchungen an Large Language Bot-Systemen – speziell CharGTP – legen nahe, dass auch diese über Theories of Mind verfügen, und zwar in einer Qualität, die man in etwa bei 9jährigen Kindern findet. Die Details berichten wir im Podcast. Wenn dem wirklich so wäre – und mit Sicherheit kann das im Moment noch niemand sagen – hätte sich etwas abgespielt, was man in den Lebenswissenschaften mit einem speziellen Begriff bezeichnet, nämlich:

    Emergenz

    Emergenz bezeichnet den gerade angedeuteten Sachverhalt: Ein System wird größer, die Breite, Tiefe und Anzahl der Elemente nimmt zu, dann kann man regelmäßig (sozusagen naturgesetzlich) beobachten, dass neue Eigenschaften entstehen, die sich aus den Merkmalen der Einzelelemente nicht mehr herleiten lassen. „Selbstorganisation“ ist hier ein anderer wichtiger Begriff. Lebende Systeme organisieren sich selbst, ordnen sich, regulieren sich, bilden Schichten und Sub-Strukturen…

    • Termiten bilden emergent Termitenvölker
    • Hirnzellen bilden emergent Strukturen höherer Ordnung bis zum Gehirn
    • Korallentierchen bilden emergent riesige Ökosysteme
    • Bienen bilden emergent komplexe Bienenvölker
    • Körperzellen bilden Gewebe, Organe, Organismen
    • usw.

    Damit ist unser Vokabular für diese Podcastfolge endlich komplett: Wir fragen uns, ob es wirklich sein kann, dass ChatGPT eine Theory Of Mind entwickelt hat oder – anders formuliert – was es bedeuten könnte, dass er/sie/es die entsprechenden Aufgaben, mit der Theories of Mind bei Menschen untersucht werden, mit Leichtigkeit löst.

    Quellen:

    • Das erwähnte und sehr empfohlene Online-Lexikon für Psychologen und Pädagogen, das von dem österreichischen Psychologen Werner Stangl geschrieben und gepflegt wird, findet man unter dieser URL: https://lexikon.stangl.eu/

      Und hier speziell den Artikel zur Definition der Theory of Mind:
      https://lexikon.stangl.eu/511/theory-of-mind
    • Der erste wissenschaftliche Artikel, in dem der Begriff „Theory of Mind“ verwendet wird, stammt aus der Primatenforschung:
      Premack, D., & Woodruff, G. (1978). Does the chimpanzee have a theory of mind?. Behavioral and brain sciences, 1(4), 515-526.
      Online abrufbar auf der Researchgate-Profilseite von Guy Woodroff: https://www.researchgate.net/profile/Guy-Woodruff/publication/232003352_Does_a_chimpanzee_have_a_theory_of_mind/links/61e7fad48d338833e37df26a/Does-a-chimpanzee-have-a-theory-of-mind.pdf
    • Die Studie zu den Theory of Mind Fähigkeiten autistischer Kinder, in der die Sally and Ann Aufgabe eingeführt wurde, hat folgende Quelleninfo:
      Baron-Cohen, S., Leslie, A. M., & Frith, U. (1985). Does the autistic child have a “theory of mind”?. Cognition, 21(1), 37-46.
      Online abrufbar auf einer Website „Autismtruths.org“ unter der URL: http://autismtruths.org/pdf/3.%20Does%20the%20autistic%20child%20have%20a%20theory%20of%20mind_SBC.pdf
    • Francesca Happè’s Artikel zum Messen von Theories of Mind mit einem komplexen Aufgaben-Set:
      Happé, F. G. (1994). An advanced test of theory of mind: Understanding of story characters‘ thoughts and feelings by able autistic, mentally handicapped, and normal children and adults. Journal of autism and Developmental disorders, 24(2), 129-154.
      Der Artikel ist leider nicht offen im Web zugänglich.
    • Holterman, B., & van Deemter, K. (2023). Does ChatGPT have Theory of Mind?. arXiv preprint arXiv:2305.14020.
      https://arxiv.org/pdf/2305.14020.pdf
    • Der Artikel von Michael, der Anlass zu unseren Spekulationen in Sachen Theory of Mind war:
      Kosinski, M. (2023). Theory of mind may have spontaneously emerged in large language models. arXiv preprint arXiv:2302.02083.
      https://arxiv.org/pdf/2302.02083.pdf
    • #Der Beitrag aus den Microsoft Research Labs zu „Funken von allgemeiner künstlicher Intelligenz“, untersucht an verschiedensten Aufgabentypen.
      Bubeck, S., Chandrasekaran, V., Eldan, R., Gehrke, J., Horvitz, E., Kamar, E., … & Zhang, Y. (2023). Sparks of artificial general intelligence: Early experiments with gpt-4. arXiv preprint arXiv:2303.12712.
      https://arxiv.org/pdf/2303.12712.pdf?utm_source=webtekno
    • Die Fabel „The Owl Was God“ von James Thurber, die in unserer Diskussion erwähnt wird, kann im Original hier nachgelesen werden:
      https://readandripe.com/the-owl-who-was-god/

    Quelle zum Episodenbild:

    Wir können der Versuchung nicht widerstehen, die allerklassischste aller Geschichten zum Freisetzen ungeahnter Kräfte für unser Episodenbildes heranzuziehen: die Büchse der Pandora. Sie brachte das Unglück über die Welt, weil sie der Versuchung nicht widerstehen konnte, ein Gefäß zu öffnen, in dem alles Leid und Laster der Menschheit eingeschlossen waren. Ein Racheakt von Zeus an der Menschheit – dafür, dass Prometheus (Pandoras Schwager) den Göttern das Feuer gestohlen hatte.

    Es gibt Dutzende von Pandora-Darstellungen, viele davon sind hunderte Jahre alt. Wir haben uns für eine Version von Dante Gabriel Rossetti aus dem Jahr 1871 entschieden. Rossetti (1828 -1882) war mitnichten ein italienischer Renaissancekünstler, wie der Name nahelegt, sondern ein britischer Dichter und Maler. Er war die treibende Kraft der Schule der Präraffaeliten, die sich in ihrer Arbeit an den großen Malern der Renaissance – namentlich Raffael – orientierten.

    Quelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Dante_Gabriel_Rossetti_-_Pandora.jpg

  • Alles nur Bullshit Bingo –  Fake News II.

    Alles nur Bullshit Bingo – Fake News II.

    In der ersten Fake News Folge haben wir ja bereits einige der geradezu wahnwitzigen Geschichten erzählt, die als Fake News verbreitet werden und dabei an der Oberfläche dessen gekratzt, was man als „die Historie der Lügengeschichte“ bezeichnen könnte. Nun ist aber Schluss mit lustig: wir kümmern wir uns um die Wissenschaft! Das ist gar nicht so einfach, denn mittlerweile haben sich Fake News zu einem veritablen Forschungsthema ausgewachsen. Mittlerweile werden jedes Jahr 30.000 Artikel, Bücher, Buchkapitel zum Thema Fake News veröffentlicht.

    Dabei ist sicherlich unstrittig – egal in welcher Disziplin – dass Fake News toxisch sind und dass sie eigentlich verboten gehören – ein Sachverhalt übrigens, den der Schöpfer der „10 Gebote“ schon bei ihrem ersten Launch vor mehr als zweitausend Jahren ganz klar auf dem Schirm hatte.

    Dass Fake News aber mehr als ein Special-Interest-Thema für Netzaktivisten sind, wird schnell klar, wenn man sich vor Augen hält, welche Disziplinen dabei gerade mitforschen und welche Forschungsfragen dabei jeweils im Mittelpunkt stehen:

    • Pädagogik – wie kann man Kinder davor schützen, Fake zu glauben?
    • Medienwissenschaften – wie erreicht man, dass die Wirkung von Fake News neutralisiert werden kann?
    • Journalismus – welche Regeln sollten Journalist/innen befolgen, welches Verhältnis zur Wahrheit sollten sie haben?
    • Psychologie – was unterscheidet echte von falschen News, wer ist anfällig, sie zu glauben?
    • Politikwissenschaften – wie wirkt sich die Flut an Falschinformationen von politischen Akteuren auf die Zivilgesellschaft aus?
    • Kommunikationswissenschaften – wie funktioniert Propaganda mit Fake News?
    • Informatik – wie können Fake News durch Skripte und Bots verbreitet werden?
    • KI-Forschung: kann man Fake News durch maschinelles Lernen identifizieren?

    Mindestens einige dieser Fragen werden wir in unserer Folge adressieren und es kann kein Zweifel bestehen, dass die Antworten für uns alle relevant sind. Im Mittelpunkt der Folge steht dabei eine mittlerweile fast schon berühmte Forschungsarbeit aus dem Jahr 2018, in der die Ausbreitungsgeschwindigkeit von Fake News mit echten News verglichen wurde. Und das Ergebnis entspricht ganz klar dem geflügelten Wort…

    Eine Lüge ist bereits dreimal um die Erde gelaufen, bevor sich die Wahrheit die Schuhe anzieht.

    unbekannt

    Obwohl die Herkunft dieses Sinnspruchs nicht wirklich klar ist, wird es gerne wahlweise Mark Twain oder Winston Churchill zugeschrieben. Das wiederum klingt plausibel, ist aber nicht wahr – womit schon einige wichtige Zutaten für eine Fake News vorhanden sind. Einfacher gesagt: Die Fakes sind überall.

    Auf eine Wendung unserer Episode möchten wir ausdrücklich hinweisen, mit der wir uns selbst überrascht haben – und die die Idee für ihren Titel gestiftet hat: Neuerdings gibt es ernst zu nehmende Hinweise, dass Menschen, die bereit sind „Bullshit“ zu glauben, besonders anfällig für die Einwirkung von Fake News sind. Bullshit ist dabei nicht einfach dummes Zeug, sondern so etwas wie schwulstiges Geschwätz, dass sich den Anschein von Wichtigkeit und Wissenschaftlichkeit gibt, eigentlich aber ziemlich sinnlos ist. Wir folgen diesem Gedanken und überlegen, was das mit Verschwörungstheorien und ihrem kometenhaften Erfolg in den letzten Jahren zu tun haben könnte…

    Quellen zu Episode:

    Das Episodenbild:

    Neben dem Baron Münchhausen gibt es vor allem eine literarische Figur, die als Verkörperung der Probleme, in die man sich mit Lügen verstricken kann, weltweit bekannt geworden ist. Natürlich: wir meinen den berühmten „Pinocchio“ des italienischen Schriftstellers Carlo Collodi. Wir haben allerdings auf die süßlich-dümmliche Variante von Walt Disney verzichtet und gleich auf das Original aus einer der ersten Ausgaben des Pinocchio aus dem 19. Jahrhundert zurückgegriffen. Sie wurde von dem italienischen Techniker und Cartoonist Enrico Mazzanti illustriert und unser Bild wurde aus dem Titel der Ausgabe entnommen: Bildquelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Pinocchio.jpg

  • Neulich hinter der großen Mauer: Das Web in China

    Neulich hinter der großen Mauer: Das Web in China

    Von China ist viel die Rede dieser Tage. Sei es die neue Seidenstraße, das chinesische Engagement in Afrika, die Hafenterminals in Hamburg oder diverse Olympiaden. Auch in der Welt der Digitalisierung ist das Reich der Mitte immer für eine Schlagzeile gut: Ausschluss von HUAWEI beim Ausbau des 5G-Netzes für Großbritannien, chinesische Hacker kapern Microsoft… Die Zeiten, in denen man Wolken von Chinesinnen und Chinesen im blauen Einheitslook radelnd auf leergefegten achtspurigen Straßen sehen konnte, sind schon lange vorbei.

    In dieser Folge von achwasfm.janlucash.com/ widmen wir uns vor allem dem geheimnisvollen Punkte-System, mit dem chinesische Bürgerinnen und Bürger zuerst bewertet und dann belohnt oder bestraft werden. In der westlichen Öffentlichkeit besteht weitgehende Einigkeit darüber, dass das sozusagen ein Orwell'scher Super-GAU ist, eine fleischgewordene Black-Mirror-Vision. "China’s rulers aim to implement an Orwellian system premised on controlling virtually every facet of human life…“ wußte der amerikanische Vizepräsident Mike Pence im Jahr 2019 zu berichten. Moment: Black Mirror? Das ist eine ziemlich dystopische Netflix-Serie, in der verschiedene Aspekte digitaler Technologien von künstlicher Intelligenz über Kampfroboter bis soziale Medien dargestellt und sozusagen in eine beängstigende Zukunft weitergedacht werden. Nun, wer sich einmal mit interkultureller Kommunikation und Kulturvergleich beschäftigt hat, ahnt, dass da möglicherweise etwas nicht ganz stimmt.

    Das ist das Thema unserer China-Folge. Blickt man durch die individualistische Silicon-Valley-Brille auf Projekte aus kollektivistischen Kulturen, kann leicht das eine oder andere Missverständnis entstehen – umgekehrt übrigens ganz genauso. Aber die chinesische Kultur ist viertausend Jahre alt und vielleicht ist die Art und Weise, wie man dort mit Digitalisierung, vernetzten Rechnern und Smartphones umgeht nicht uninteressant für uns. Dieser Frage gehen wir nach. Durchaus interessant ist dabei noch eine andere Frage, ob es sich bei der allenthalben anzutreffenden Vorsicht gegenüber den Chinesen (Stichwort: gelbe Gefahr) um…

    (a) berechtigte Vorsicht gegenüber einer imperialistischen Supermacht oder

    (b) ein Echo unserer eigenen Bemühungen, Produkte möglichst billig zu produzieren und deshalb ihre Herstellung in Billigstlohnländer zu verlagern oder

    (c) schlichten Rassismus

    …handelt.

    Wir meinen: Es lohnt, diese Aspekte zu unterscheiden und sich beim Nachdenken und vor allem beim öffentlichen Diskutieren aller drei Möglichkeiten bewusst zu sein.

    Nachtrag zu (c) Rassismus: Die Glutamat Unterstellung

    In den späten 60ern des 20.Jhds standen Chinarestaurants unter Druck: Sie wurden verdächtigt, tonnenweise mit einem chemischen Stoff die US Bevölkerung zu malträtieren. Hitzewallungen, Herzrasen, Übelkeit, Benommenheit, Ohnmachtsanfälle wurden in einem Artikel von Dr. Robert Ho Man Kwok im „New England Journal of Medicine (NEJM)“ veröffentlicht.
    Auch schon davon gehört – oder erlebt? Das Chinarestaurant-Syndrom!
    Nun ja, es war allerdings kein Artikel, sondern ein Brief an den Herausgeber. Auch lag dem Ganzen keine Studie zu Grunde, sondern, wie Dr Ho Man Kwok es ausdrückte, seine Wahrnehmung etwa 20 Minuten nach dem Besuch eines Chinarestaurants. Nachdem die Presse und die Major Networks (TV) diese Information ungeprüft weitergaben, verbreitete sich das wie ein Lauffeuer weltweit. Und Chinarestaurants sahen sich gezwungen, Speisen ohne Glutamat anzubieten, um die Kundschaft nicht zu verlieren.
    Schaut man genauer hin, zeigt sich: Es wurden in einer Reihe von Studien keine Effekte der beschriebenen Art festgestellt. Der Verdacht lag nahe, dass Erdnüsse oder Shrimps in Saucen die Übeltäter sein könnten – allerdings eines Effektes, der überhaupt nicht nachzuweisen war. Ein weiterer Aspekt wurde so formuliert: „Leiden über 1 Mrd. Asiaten an ständigem Kopfweh, Übelkeit, Ohnmachtsanfällen und Herzrasen“?
    Dieses Natriumglutamat ist auch in europäischer Würze (Maggi, Fondor, …) enthalten, und auch Nahrungsmittel enthalten „von Natur aus“ diese natürliche Würze.

    Und: „Umami“ ist neben salzig, bitter, süß und sauer der 5. Geschmackssinn. Und dieser Geschmack wird von Lebensmitteln bereitgestellt, die Natriumglutamat enthalten.

    War es eine rassistische Entgleisung, die bereitwillig aufgegriffen wurde?
    Eine genauere Untersuchung dieser Geschichte wurde unter dem Aspekt von Medienpolitik und dem Titel „Never let a good story get in the way of the truth“ ein Blogbeitrag von anecdote.com in 2019 veröffentlicht.
    https://www.anecdote.com/2019/03/good-story-truth/

    Quellen:

    • Die Website des Projekts „Center for Humane Technology“ unseres Protagonisten Tristan Harris:
      https://www.humanetech.com/

      und hjer spricht Tristan Harris über TikTok in China und im Rest der Welt:

    Das Bild zur Episode:

    Wir zeigen als Episodenbild eine Postkarte aus den USA, die 1907 von dem amerikanischen Verlegers, Grafiker und Karikaturisten Fred C. Lounsbury gemalt bzw. hergestellt und vertrieben wurde. Schon damals war allenthalben von einer gelben Gefahr die Rede und die Idee, die heute unter dem unsäglichen Tump’schen Mantra „They steal our jobs“ diskutiert wird, war in der Öffentlichkeit überaus beliebt. Natürlich war sie auch damals falsch, denn die USA waren auf die billigen Arbeitskräfte aus Asien angewiesen, um ihre Wirtschaft am Laufen zu halten.

    Zur Übersetzung des Textes auf der Karte: „Chink“ bedeutet so viel wie Schlitz oder Spalt und war im frühen 20. Jahrhundert eine geringschätzige und beleidigende Bezeichnung für asiatische Menschen. Man kann es vielleicht mit unserem „Schlitzauge“ gleichsetzen.

  • Du ahnst es nicht! Datamining rockt.

    Du ahnst es nicht! Datamining rockt.

    (S2/E07) Gehören Sie auch zu den langweiligen, für Geheimdienste und fremde Staaten uninteressanten Menschen? Und auch Ihre Nutzung von Social Media oder Streaming Diensten  kann und darf jeder und jede sehen? Und doch bleibt ein leichtes Grummeln – da könnte ja was dran sein, an den Warnungen vor Big Data Datenanalysen, die manchmal mehr über Sie wissen als gute Freunde oder gar Ihr Mann oder Ihre Frau?

    In dieser Folge beschäftigen wir uns ausschliesslich mit einer einzigen Studie, die zudem eine gewisse Bekanntheit erlangt hat: Das „Spiegel Mining“ von David Kriesel.

    Über drei Jahre hat er seine Crawler, flinke unermüdliche Software-Datensammler, nach Stundenplan Informationen von der Spiegel-Online Website “saugen” lassen. Alles legal und legitim, nicht belästigend.

    Was er rausfindet gehört in die Kategorie: Hätten Sie’s gewusst? Oder besser noch: „Du ahnst es nicht” Wir klären auf, was man so braucht, um ein Mining durchzuführen.

    Und übrigens: Das Thema Datamining kann auch zum Informationssammeln genutzt werden für Firmenrepräsentanzen im Web. Manchmal gibt man mehr preis, als man will. Auch für Firmen eine lohnenswerte Folge. 

    Das Episodenbild 

    Das Bild zur Folge wurde von einer künstlichen Intelligenz namens DALL-E erzeugt. Es trägt passenderweise den Titel „Du ahnst es nicht!“. Es wurde von der KI aus der Phrase/ dem Prompt: „impressionist style painting „3 persons in the garden say_ you do not guess!“„,

    Phrase, Prompt und Auswahl von Hans-Werner Klein. 12/2022 
    Mehr zu DALL-E in der achwasfm.janlucash.com/ Podcast-Folge "Was weißt Du über Clickbait…?" S2/E06.

    Quellen

  • Beethovens Tod und Social Media

    Beethovens Tod und Social Media

    (S2/E01) Zu den weniger bewundernswerten Eigenschaften von Menschen gehört es, bei Nachrichten oder Meldungen nicht genau hinzuschauen, wenn nur die Story einigermaßen „catchy“ ist. Sind dazu noch diese Nachrichten „negativ“, ein Aufreger, dann haben diese gute Chancen schnell und durchschlagend verbreitet zu werden. Nehmen wir als Beispiel mal:
    – Beethoven’s Leidensgeschichte: War der Wein war sein Tod?
    – Folgen des Lockdowns: Social Media macht unsere Kinder kran
    k!
    – Beethovens Porträt: Gemalt von einem Fake-News-Troll in Staatsdiensten?
    Wir gestehen: die letzte Meldung ist nicht im Podcast aufgeklärt. Informationen dazu gibt es beim „Episodenbild“.

    Verspüren Sie als Hörende des Podcasts, als Lesende des Blogs nun nicht auch das Bedürfnis, jetzt die Geschichten hinter den Pixeln zu erfahren?

    Machen wir, dabei hilft uns zum Thema „Social Media und Jugendliche“ eine wahre Goldgrube an Daten und Informationen: Die Millennium Cohort Study (MCS). Diese wird durchgeführt als Längsschnittstudie. Das bedeutet, man begleitet seit dem Jahr 2000 über 19.000 Kinder bei ihrer Entwicklung durch die Kindergartenzeit bis zum heutigen Tag. Das lässt tiefe Einblicke zu, welche Bedingungen das Wohlbefinden, schulische Leistungen, die körperliche und seelische Gesundheit beeinflussen, und wie es heute damit steht.
    Und noch mehr: Um die Basis für politische Entscheidungen zu erweitern, wurden die Teilnehmenden in dieser Längsschnittstudie zusätzlich befragt: Wie zum die zur Social Media genutzt wird – oder wie sich die Jugendlichen während des Corona Lockdowns verhalten haben.

    Was Beethovens Tod wahrscheinlich (mit) verursachte, folgt der selben forensischen Logik: Wir schauen genauer hin, suchen Quellen, werten dieses aus und stellen fest: Die wahre Geschichte es ist ein wenig anders, als man es zu wissen glaubt.

    Quellen zur Episode

    Die erwähnte Studie basiert auf der Millennium Cohort Study (MCS) des Centre for Longitudinal Studies. Mehr zu dieser Einrichtung – und weitere aktuelle Ergebnisse auch früherer Studien finden sich dort:
    https://www.ucl.ac.uk/ioe/departments-and-centres/centres/centre-longitudinal-studies

    Das Centre for Longitudinal Sudies veröffentlich immer wieder Ergebnisse der insgesamt vier Längsschnittstudien, beginnend mit der ersten Welle im Jahr 1958.
    Hier zum Beispiel die aktuellen Ergebnisse „Next Steps“ der „Longitudinal Study of Young People in England (LSYPE)“. Diese begleitet das Leben von rund 16.000 Menschen in England, die 1989-90 geboren wurden.
    https://cls.ucl.ac.uk/cls-studies/next-steps/

    Basisquelle dieser Folge ist:
    Whitney Crenna-Jennings (sie ist federführend): Young people’s mental and emotional health: Trajectories and drivers in childhood and adolescence. 2021 (PDF Download möglich).
    https://epi.org.uk/publications-and-research/young-peoples-mental-and-emotional-health

    Weiterführende Quellen

     Georg Franck: Ökonomie der Aufmerksamkeit 1998
    https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/oekonomie-der-aufmerksamkeit/978-3-446-19348-2/

    UlrikeReisach: The responsibility of social media in times of societal and political manipulation. 2020
    https://reader.elsevier.com/reader/sd/pii/S0377221720308249?token=CA776BF7BE84754343F89545A9BD68F3273A3E8C67C53D2C2CB68CFA979D90B6E6D7E8DCF89920090CE5E247B8DA4B49&originRegion=eu-west-1&originCreation=20220911203516

    Episodenbild

    Unser Episodenbild zeigt ein eher unbekanntes Porträt von Ludwig van Beethoven im Alter von 35 Jahren (in 1805). Die Besonderheit ist, dass es bis zu seinem Tod in Beethovens Besitz war. Gemalt wurde es von Joseph Willibrord Mähler. Mähler hat unter anderem an der „Wiener Akademie der bildenden Künste“ studiert.
    Bei der Wahl des Episodenbildes spielte für uns Mählers eigentlicher Beruf fast eine ebenso große Rolle wie das Porträt Beethovens.
    Nach seinem Studium wurde Mähler Offizier des Geheimdienstes Geheime Kabinettskanzlei in Wien. „Die Geheime Kabinettskanzlei“ in Wien war die wohl bekannteste und eine der effizientesten „Schwarzen Kammern“, deren Aufgabe im 18. Jahrhundert war, heimlich Post mit zu lesen. Also den Schriftverkehr zu „überwachen“. Im Laufe der Zeit kam auch immer stärker die Dekodierung verschlüsselter Nachrichten hinzu sowie die Verfälschung der Informationen, also die „Desinformation des Empfängers.“
    Die Geheime Kabinettskanzlei war eine Überwachungsmaschinerie plus etwas, was man heute als „Troll-Fabrik“ bezeichnen würde. Es ist anzunehmen, dass die zeichnerischen Fähigkeiten von Mähler beim „faken“ von Texten eingesetzt wurden.
    Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Geheime_Kabinettskanzlei abgerufen am 12.9.2022 4:32.

    Malerei und Komposition betrieb Mähler seitdem nebenbei.

    https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Josef_Willibrord_Mähler,Ludwig_van_Beethoven(Komponist),_um_1804–1805,_Sammlung_Wien_Museum_Inv._Nr._104650,_Foto_Birgit_und_Peter_Kainz,_Wien_Museum.jpg

  • Anwesenheit von Abwesenheit: Phubbing

    Anwesenheit von Abwesenheit: Phubbing

    (S1/E42) Vor zehn Jahren wurde im Rahmen einer Kampagne für das australische Maquarie Dictionary ein neues Wort geboren: Phubbing. Es bezeichnete – und bezeichnet noch heute – eine geradezu prototypische Situation unserer neuen digitalen Welt: Menschen entziehen sich ihrer sozialen Umwelt, seien es Freunde, Partner oder Familienangehörige, um sich mit den wahrhaft wichtigen Dingen zu beschäftigen, die natürlich in ihren Smartphones stattfinden. Also versenken sie sich, meist ohne zu fragen oder sich zu entschuldigen, und – „phubben“ was das Zeug hält.

    Mittlerweile ist das Wort zum festen Bestandteil des Vokabulars geworden, mit dem man soziale Situationen oder Begegnungen von Menschen mit mobilen Endgeräten beschreibt. Es gibt dabei verschiedene Varianten: Eine Gruppe von Jugendlichen (oder auch Menschen beliebigen Alters, machen wir uns nichts vor) stehen im Kreis, irgendwo in einer Stadt, vor einer Schule, in einem Park, vor einem Club und anstatt sich scherzend und fröhlich oder auch ernst und konzentriert oder meinetwegen auch nur albern und dümmlich zu unterhalten, starren sie stumm in ihre Smartphones. Am charakteristischen Knickhals erkennt jeder Eingeweihte, was hier gerade vor sich geht… Jeder phubbt jeden, könnte man hierzu sagen. Ein anderes Szenario: Menschen sitzen am Tisch in einem Restaurant und wiederum an den charakteristischen Knickhälsen einiger wortloser Mitglieder der Gesellschaft wird deutlich, dass man sich hier gerade mitnichten um die Tischnachbarinnen und -nachbarn kümmert, sondern um die neuesten Notifications aus den Social Media Feeds. Es gibt viele Varianten dieser Situation: Eltern phubben ihre Kinder (oder umgekehrt), Frauen ihre Männer (oder umgekehrt) wir phubben Euch (oder umgekehrt), Vorgesetzte ihre Untergebenen (oder umgekehrt). Dass es sich hierbei nicht um ein Kavaliersdelikt, sondern um eine Plage, ein in jeder Hinsicht massiv gestörtes Verhalten handelt, werden wir in unserer 42. Folge von achwasfm.janlucash.com/ erklären. Es geht u.a. um die erste Phubbing-Kampagne aus dem Jahr 2012, eine Übersicht der momentan gehandelten Studienergebnisse und eine spezielle Studie aus dem Jahr 2018, in der Phubbing in einer cleveren Imaginations-Studie untersucht wurde. Schließlich suchen wir nach möglichen Regeln (gibt es möglicherweise sozialverträgliches Phubbing?) und versuchen eine Analyse ähnlicher Phänomene. Haben Sie schon einmal das Meer mit Sternchen bewertet?

    Quellen zur Episode

    • Die Website des Macquarie Dictionary, das die Phubbing-Kampagne in Auftrag gegeben hat:
      https://www.macquariedictionary.com.au/
    • Die Studie über die Ursachen und Wirkungen von Phubbing: Chotpitayasunondh, V., & Douglas, K. M. (2018). The effects of “phubbing” on social interaction. Journal of Applied Social Psychology, 48(6), 304-316. Online unter https://kar.kent.ac.uk/65777/

    Zum Episodenbild

    Die prototypischen Phubbing-Kontexte, also Konversationen, Gespräche, Begegnungen und Gesellschaften sind natürlich in der Geschichte der Kunst leicht zu finden. Nur: niemand darauf phubbt! Nach einer längeren verzweifelten Recherche durch die Jahrhunderte und Stilepochen ist es uns dann gelungen, ein Bild zu finden, das junge Mädchen aus der Mitte des 19. Jahrhunderts in einer ländlichen Umgebung zeigt – mit verräterischem Knickhals…! Es wurde von dem nicht unbekannten französischen Maler Jules Breton gemalt. Das Bild trägt den Titel „Jetons d’amour“ (Liebespfänder) und zeigt, was man mit Liebespfändern damals anscheinend so gemacht hat: Phubben!

    https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Jules_Breton_-_Love_Tokens.jpg

  • Die bizarre Welt der Shitstorms

    Die bizarre Welt der Shitstorms

    (S1/E40) Mit Shitstorms stimmt etwas nicht, finden wir. Das Wort ist falsch – mindestens, wenn man es Englisch verstehen möchte (fragen Sie eine/n Muttersprachler/in)! Auch der Vorgang als solcher, das Bilden von anonymen Kollektiven, um in gemeinschaftlicher Wut über Andere (Menschen, Politiker, Promis und beliebige Organisationen oder Marken) herzufallen, scheint uns nicht der Gipfel der moralischen Reife zu sein. Wohlgemerkt: Gar nichts ist gegen das Bilden von Gruppen und das Planen und Durchführen von Aktionen einzuwenden, wenn alles einigermaßen im Rahmen des gesunden Menschenverstandes bleibt. 15.000 Kommentare zu einem Werbespot wegen einer Scheibe Wurst? …sind eher nicht mehr im Rahmen. Genauso, wenn eine Frau wegen eines schlechten Witzes ins Licht der Weltöffentlichkeit gezerrt, beschimpft, bedroht und von ihrem Arbeitgeber entlassen wird.

    In unserer neuen Episode betrachten wir einige der Klassiker dieses Genres, u.a. den Wurstkrieg, der 2011 auf der Facebook-Seite der ING Diba zwischen Vegetariern und Fleischkonsumenten ausbrach, nachdem deren Kommunikationsverantwortliche unvorsichtigerweise einen Werbespot veröffentlicht hatten, in dem eine Scheibe Wurst über die Theke einer Metzgerei gereicht wird. (…damit Du groß und stark wirst.) Während hier eher der Begriff eines Krieges passend erscheint, gibt es auch digitale Auseinandersetzungen, in denen Goliath gegen David vorgeht – besser gesagt: Es sind mehrere Goliaths, ein ganzes Rudel, und es ist auch nur ein winzigkleiner David und wieder ist das Ergebnis anders als in der Bibel: David verliert seinen Job, seine Reputation und wird am Ende unglücklich und krank. Justine Sacco, die aufgrund eines politisch unkorrekten Tweets von einem Flug digital gesteinigt wurde und obendrein auch noch ihren Job los war, ist so ein David und auch ihre Geschichte erzählen wir.

    Und wir berichten dann noch von einer interessanten wissenschaftlichen Studie: Die Arbeit von Kimberly Legocki, Kristen L. Walker und Meike Eilert lässt uns verstehen, dass man zwei Typen von Tweets in Shitstorms unterscheiden muss: die moralisch empörten und auf rasche Verbreitung ohne viel Aufwand erstellten „Ashes“, die 70% der Tweets im Shitstorm ausmachen, und die auf Aktion und aktive Weiterverbreitung orientierten „Sparks“ (20% der Tweets). Wie man dies verstehen und was man eventuell daraus schlussfolgern kann hören Sie / hört Ihr im Podcast. Übrigens: an den kreativen Bezeichnungen erkennt man, dass es im Englischen gar keine Shit- sondern eben nur „Firestorms“ gibt!

    Diesmal möchten wir unsere Leserinnen und Leser hier im Blog darauf hinweisen, dass es hier wichtige Querverbindungen zu anderen Podcast-Episoden gibt, an erster Stelle zu Folge 009: Moral und Social Media: Wer Wut sät, wird mehr Wut ernten, Verbindungen gibt es aber auch zu Folge 010: Über Deindividuation. Leser/innen, die sich ein vollständigeres Bild von den Ursachen und Voraussetzungen der Vorgänge machen möchten, die man unserer Auffassung nicht beschönigend als „Shitstorm“, sondern als das bezeichnen sollte, was sie in Wahrheit sind: kollektive Gewalttaten.

    Quellen

    Das Bild zur Folge:

    Die Tatsache, dass es das Wort „Shitstorm“ ja eigentlich gar nicht gibt, machte es uns leichter, geeignetes Bildmaterial auszuwählen. Wir möchten dies aus Gründen des guten Geschmacks nicht weiter ausführen. Und natürlich ist es einfach, in den Dutzenden Bildern, die im Verlauf der Geschichte von Bränden, insbesondere brennenden Städten gemalt wurden, etwas Hübsches zu finden. Auch Schiffe im Sturm findet man massenhaft und selbst die Kombination, also „brennende Schiffe im Sturm“ funktioniert ausgezeichnet. Als wir bei der Bildrecherche dann auf das „Il Fuoco“ (der Brand, das Feuer) gestoßen sind, war die Sache klar. Unser Episodenbild wurde 1566 von Giuseppe Archimboldo gemalt, das Original hängt im kunsthistorischen Museum in Wien.

    Quelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Archimboldo-krieg-feuer.jpg

  • Nur Katzengold am Ende des Regenbogens? Daten nutzen.

    Nur Katzengold am Ende des Regenbogens? Daten nutzen.

    (S1/E39) Daten. Sie sind das neue Öl – oder passender: Das Neue Gold. Das Data-Mining nimmt immer mehr die Züge eines Goldrausch an. Big Data versprechen noch mehr, als nur Daten. Startups wachsen aus dem Boden und erreichen als „Unicorns“ Milliardenwerte an den Börsen. Wir stellen uns heute der Frage, ob die Analogie zum Goldrausch trägt? Oder lassen wir uns nur von dem Ursprung beider “Mining Gebiete” (Gold, Data Driven Companies), dem Staate Kalifornien, zu einem Trugschluß verführen?


    Was erwartet uns am Ende des Regenbogens – wirklich der Goldtopf, oder nur Pyrit, auch Narren- oder Katzengold genannt? Es kommt darauf an, aus welcher Perspektive man die Angelegenheit betrachtet: Wer macht das Geld? Vielleicht die Hersteller von Hardware, Servern, Netzen, Analysesoftware. Oder auch die Unternehmen, die dieses Equipment einsetzen, um die eigenen Daten zu analysieren. Aber: haben sie denn die Daten, die sie brauchen? Können Sie die richtigen Fragen stellen, um Gold regnen zu lassen?

    Wir werden uns auch um die Frage kümmern, wo wie viel Datengold zu finden ist, und ob dieses adäquat geschürft, gewaschen und geschmolzen werden kann, damit „man“ es wirklich nutzen kann.

    Antworten auf unsere Fragen fanden wir unerwartet auch bei einem Anbieter von Software und Beratungen, dessen Produkte „Gotham“ und „Foundry“ heissen, bei Palantir. Sagenumwoben? Das würde zum Gesamtbild passen.

    Eine Schlußfolgerung sei bereits an dieser Stelle bekannt gemacht: Big Data sorgt oft nicht für mehr Wissen, sondern für höhere Umsätze. Und wenn aus Daten geschöpfte Wissensnuggets ungenutzt bleiben, haben sie den Wert von – Katzengold.

    Quellen zur Episode (aktualisiert am 13.6.2022 zu Palantir)

    DATUMIZE – ein Anbieter von Hardware erklärt „Dark Data“ und verweist auf die passende IBM Studie. Quelle abgerufen am 11.6.2022, 19:30
    https://blog.datumize.com/evolution-dark-data

    David Lazer, Ryan Kennedy, Gary King, and Alessandro Vespignani:
    The Parable of Google Flu: Traps in Big Data Analysis
    2014. Science, 343, 14 March, Pp. 1203-1205. Copy at https://tinyurl.com/y3r58os
    Originalquelle in SCIENCE:
    https://www.science.org/doi/10.1126/science.1248506

    BMW Smart Data Analytics: Industrie 4.0 / Digitalisierung
    Beispiele der tatsächlichen Nutzung von Daten in der Produktion/ Fertigung von Fahrzeugen: Vermessene und gekennzeichnete Bleche steuern Blechpressen und erhöhen die Qualität und Lebensdauer. Einen Einblick in diese gelungene Digitalisierung ermöglicht BMW auf dieser Webseite:
    Lasermarkierte Karosserieteile: Feinsteuerung der Pressen, jederzeit verfolgbare Karosserieteil
    https://www.press.bmwgroup.com/deutschland/article/detail/T0273931DE/smart-data-analytics:-die-bmw-group-setzt-auf-intelligente-nutzung-von-produktionsdaten-fuer-effiziente-prozesse-und-premiumqualitaet

    Häufigste Todesursache 2021 in den USA bei Kindern und Jugendlichen: Schußwaffengebrauch. Quelle FAZ abgerufen am 12.6. 2022, 19:21
    https://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/usa-schusswaffen-sind-nun-die-haeufigste-todesursache-von-kindern-17973578.html

    Palantir in der Presse (Quellenabrufe am 12.6.2022 und 13.6.2022*)

    Meldung der Tagesschau am 3.6.2022* Schafft die Polizei den gläsernen Bürger?
    Nach Hessen, NRW und Bayern prüfen der Bund und weitere Bundesländer den Einsatz des Polizei-Analysetools der US-Firma Palantir, wie BR-Recherchen zeigen. Datenschützer stufen die Software als problematisch ein.
    https://www.tagesschau.de/investigativ/br-recherche/polizei-analyse-software-palantir-101.html

    FAZ Gespräch mit Jan Hiesserich, Palantir Strategie Europa (Paywall)
    https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/digitec/warum-palantir-ein-unternehmen-fuer-krisenzeiten-ist-17919386.html

    10xDNA Research Prozess (Frank Thelen): Inside Palantir. Gespräch mit Jan Hiesserich, Palantir Strategie Europa
    https://youtu.be/XEVYOf0LLTg

    Yahoo Finance
    https://de.finance.yahoo.com/nachrichten/geheimnisvolle-palantir-konzern-peter-thiel-074800082.html

    Zum Episodenbild

    Das Episodenbild zeigt eine Segelkarte, also ein Ticket einer Transport-Company, die mit dem Hinweis wirbt, wie schnell und sicher kalifornische Häfen angesteuert werden. Geworben wird mit Bildern, den „Impressionen“ aus dem Alltag der Goldgräber. Im Bild über der Beschriftung, zwischen dem „I“ und dem „F“ des Schriftzuges „CALIFORNIA“ ist die berühmte blitzblanke Schaufel, das Standardwerkzeug der Goldgräber:innen, zu sehen.

    Das Bild stammt von dem Drucker der Segelkarte, G.F. Nesbitt & Co. und ist auf das Jahr 1850 datiert.

    Die vollständige Unterschrift:
    „A NEW AND MAGNIFICENT CLIPPER FOR SAN FRANCISCO. MERCHANT’S EXPRESS LINE OF CLIPPER SHIPS! Loading none but First-Class Vessels and Regularly Dispatching the great number. THE SPLENDID NEW OUT-AND-OUT CLIPPER SHIP CALIFORNIA, HENRY BARBER, Commander, AT PIER 13 EAST RIVER . This elegant Clipper Ship was built expressly for this trade by Samuel Hall, Esq., of East Boston, the builder of the celebrated Clippers “SURPRISE,” “GAMECOCK,” “JOHN GILPIS,” and others, She will fully equal them in speed!
    Unusually prompt dispatch and very quick trip may be relied upon. Engagements should be completed at once. Agents in San Francisco. Msmmrs, DE WITT KITTLE & CO. RANDOLPH M. COOLEY, 88 Wall Street, Tontine Building“

    https://commons.wikimedia.org/wiki/File:California_Clipper_500.jpg

    Nachweis Wikimedia
    https://commons.wikimedia.org/wiki/File:California_Clipper_500.jpg

  • Nudging und Dark Pattern. Nicht schubsen!

    Nudging und Dark Pattern. Nicht schubsen!

    (S1/E35) Da sind sie wieder: Die Folgen 3 und 23 brachten Erkenntnisse zum Thema „Dark Pattern“. Schändliches Tun, dem man gerade im Web nahezu hilflos ausgeliefert scheint. Aber halt – da gibt es doch noch „Nudging“ – sozialverträglich, nützlich für den einzelnen Menschen und die Gesellschaft, egal ob off- oder online. Nudging, so Thaler und Sunstein, die 2008 den Begriff prägten ist ein Methodenkoffer, um das Verhalten von Menschen zu beeinflussen. Im Gegensatz zu Dark Patterns unter der Maßgabe: keine Verbote, keine Gebote, keine Veränderung ökonomischer Anreize.

    Liest sich klar und deutlich abgegrenzt. Hört sich ethisch an. Und scheint nützlich. Wir halten das Thema in’s Licht und entdecken dabei Flecken in Definition und Ausführung, Muster, die uns bemerkenswert bekannt erscheinen.

    Und dann taucht da auch noch ein aktueller (2022) Forschungsbericht auf, der sich mit dem einem Experiment in der digitalen Welt einer Hotelbuchungsplattform bewegt und im Titel den Begriff „Nudging“ trägt. „Backfiring von Digital Nudges: Experimentelle Studie zur Reaktanz durch Scarcity-Nudges“.

    Den erfahrenen Hörer:innen könnte bei diesem Titel ein „achwas?!“ entfahren. War solch eine Plattform nicht bereits in unseren Podcasts als Dark Pattern infiziert bezeichnet worden?

    Eine überraschende Zwischenbilanz zum Thema erwartet Sie in diesem Podcast. Und, als Bonus, wissen Sie auch mehr über Kantineneinrichtungen, die Entschärfung von Haarnadelkurven und was Zigarettenstummel mit den besten Fussballspielern zu tun haben.

    Die Quellen zur Episode

    Richard Thaler, Cass Sunstein: Nudge. Improving Decisions About Health, Wealth, and Happiness
    (Nudging – Wie man kluge Entscheidungen anstößt. 5. Auflage. Econ, Berlin 2008)

    Richard Thaler, Cass Sunstein, Jihn P. Balz:  CHOICE ARCHITECTURE. (2010)

    Harry Brignull’s Website mit einer umfangreichen Sammlung von Deceptive (trügerischen) Patterns online – fomerly known as darkpatterns.org
    https://www.deceptive.design

    Karolina Schabert, Laura Raschle, Anna Fredholm, Lorenzo Pedrazzoli, Georgine Settelen, Annamina Rieder und Reinhard Jung:
    Backfiring von Digital Nudges: Experimentelle Studie zur Reaktanz durch Scarcity-Nudges (Conference Paper · February 2022)

    Zeliadt, Steven B., Scott D. Ramsey, David F. Penson, Ingrid J. Hall, Donatus U. Ekwueme, Leonard Stroud, and Judith W. Lee. “Why Do Men Choose One Treatment over Another?” Cancer 106 (2006): 1865–74.

    Zum Episodenbild

    Das Episodenbild aus dem Jahre 1821 zeigt eine Schaukel mit dem Geschwisterpaar Alexander II, dem späteren Zar Alexander II, und seiner jüngeren Schwester Maria Nikolaevna.

    Der Maler ist George Dawe, ein in seiner Zeit berühmter britischer Potraitmaler (1781-1829).

    Eine Schaukel ist eine passende Metapher für Nudging: Manchmal braucht es einen leichten Schubs einer zweiten Person, um die Schaukel zum Schwingen zu bringen. Dann lernt man schnell, wie man sich ohne Schubs bewegt, wenn eine hilfreiche Person einen mit einem „bis in den Himmel“ anspornt.

    Quelle Wikimedia
    https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Alexander_ii_and_maria_nikolaevna.jpg

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