Kategorie: Emotionen

  • Nichts Gutes, außer man tut es – Handlungspsychologie

    Nichts Gutes, außer man tut es – Handlungspsychologie

    Wir werden mal ganz grundsätzlich in dieser Folge und denken darüber nach, was die Welt im innersten zusammenhält – sozusagen. In der Psychologie, die ja letztlich versucht, menschliches Verhalten zu beschreiben, zu erklären und vorherzusagen, sind dies so Begriffe wie Motivationen, Handlungen, Absichten, Ziele und – last not least – Emotionen!

    Die Psychologische Theorie, der wir diesmal in wesentlichen Zügen folgen, enthält bzw. verbindet alle diese Begriffe. Sie stammt von zwei amerikanischen Autoren: Michael Scheier und Charles Carver. Die beiden haben sich über viele Jahre hinweg kluge Gedanken um sehr grundlegende Vorgänge gemacht, nämlich die Regelungsmechanismen, die bei der Steuerung und Kontrolle von Handlungsvorgängen wirksam sind. In einem „Handbuch Stress und Kultur“ formulieren es Klaus-Helmut Schmidt und Stefan Diestel so:

    Eigene Verhaltensweisen zu unterbrechen, zu unterdrücken oder in anderer Weise zu verändern, Pläne zu schmieden und langfristig auch gegen innere und äußere Widerstände eigene Ziele zu verfolgen sowie Versuchungen oder Ablenkungen zu widerstehen gehört zu den beeindruckendsten psychischen Funktionen des Menschen.

    Schmidt, K. H., & Diestel, S. (2013). Selbstkontrolle: Kosten und Nutzen in unterschiedlichen Settings. Handbuch Stress und Kultur: Interkulturelle und kulturvergleichende Perspektiven, 139-150.

    Genau!

    Da wir der Überzeugung sind – wie wir in vorigen Episoden unsere Podcasts wiederholt betont haben -, dass das Nutzen von Onlinemedien in vielen Bereichen eben nicht nur als Medienkonsum, sondern als Handeln beschrieben und erklärt werden kann, kommen uns solche Denkansätze überaus gelegen.

    Nur: Stimmt das denn, das mit dem Handeln? Kann man das wirklich in dieser Eindeutigkeit behaupten? Nun, wenn man bedenkt, was im Web, auf Apps und in Games so alles möglich ist, nämlich…

    • Schuhe kaufen;
    • eine/n Partner/in finden;
    • diese/n wieder loswerden;
    • eine Steuererklärung machen;
    • eine Anzeige aufgeben;
    • einen Tisch bestellen;
    • jemanden beleidigen;
    • sich verschönern;
    • nach unten (oder oben) springen;
    • nach der Post sehen;
    • einen Text veröffentlichen;
    • ein Hotel bewerten;
    • eine Fahrrad-Tour planen;
    • etwas verschenken;
    • ….

    …dann könnte man durchaus diesen Verdacht hegen.

    Es scheint also interessant, den angedeuteten Gedanken einmal wirklich zu Ende zu denken, und das heißt in dieser Folge, dass wir die Theorie der Selbst- und Handlungsregulation von Carver & Scheier auf das Web übertragen und dann nachsehen, was daraus wird. In diesem Zusammenhang werden wir nicht nur über Warenkörbe und Formulare, sondern unter anderem auch über Absichten, Ablenkungen, und Abschirmung genauso wie über Reibung, Feedback, Spiel-Design, Drop-Down-Listen, Wartezeiten, passende und unpassende Vorschläge und „New Work“ nachdenken.

    Wesentlich ist, dass es hier keinesfalls um trockene Theorie geht, sondern um sehr praktische Hinweise und Regeln, die sehr gut für die Gestaltung und Bewertung von Online-Produkten und -Erlebnissen angewendet werden können. Was den Ansatz übrigens auch qualifiziert: er liefert Ergebnisse, die dem gesunden Menschenverstand entsprechen. Es ist mitnichten so, dass es geheimnisvolle psychologische Gesetzmäßigkeiten und Mechanismen gibt, die einem wachen Verstand nicht zugänglich wären. So gesehen befassen wir uns – einmal mehr – mit der Wissenschaft vom Offensichtlichen.

    Quellen zum Beitrag

    Die Ideen von Carver & Scheier sind in vielen Publikationen und Folgepublikationen erschienen und vielfach kommentiert worden. Die folgenden Beiträge ragen heraus:

    Zum Episodenbild

    Es ist nicht leicht, ein Meme zu so einer abstrakten Idee wie „Handeln“ zu finden. Wir haben uns auf die Suche in der Kunstgeschichte gemacht und sind schließlich mit einem Begriff fündig geworden: Die Ärmel hochkrempeln! „Roll up sleeves“ heißt das im Englischen. Die Bildrecherche lieferte uns neben diversen Agit-Plakaten aus der Arbeiterbewegung u.a. eine Litographie des höchst ehrenwerten Schmiedes Mr. Robert Davies aus dem britischen Wakefield, das auf das Jahr 1837 datiert. Wir haben ihm hier ein digitales Denkmal gesetzt, da er sich bei den Wahlen zum Borough von Wakefield Verdienste um freiheitliche Werte erworben hat. Uns erschien dies höchst beeindruckend (auch wenn wir die Details dieses Geschehens nicht wirklich verstanden haben) und zudem verkörpert Mr. Wakefield für uns in seiner ganzen Haltung wahrhaft entschlossene Handlungsbereitschaft!

    Bildquelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Robert_Davies._(BM_1872,0511.964).jpg

  • Auf den Hund gekommen: klassisches Konditionieren

    Auf den Hund gekommen: klassisches Konditionieren

    (S1/E36) Das Assoziieren von emotionalen Reaktionen und Bedeutungen mit neutralen Gegenständen oder Inhalten ist ein Lebensvorgang wie das Atmen oder Verdauen. Das Thema dieser Folge ist also in dieser Hinsicht ein Klassiker: Wir können bestimmten Dingen oder Inhalten durch das Koppeln mit schon etablierten Gefühle auslösenden Dingen die Macht verleihen, diese nun ihrerseits selbst auszulösen. Dieser Vorgang wird als klassische Konditionierung bezeichnet. Wieder einmal gilt, dass dieses Prinzip eigentlich seit Jahrhunderten bekannt sein dürfte, doch die Wissenschaft hat es erst im frühen 20. Jahrhundert entdeckt und systematisch erforscht. Die Werbepsychologie kennt es seit langem und auch im Web und in sozialen Medien ist es allgegenwärtig.

    Drei Facetten des Themas nehmen wir uns vor: Die erste betrifft die historische Entdeckung und wissenschaftliche Beschreibung des Vorgangs, bei dem ein neutraler Reiz durch wiederholte Kombination mit einer reflexauslösenden Situation die Fähigkeit erwirbt, selbst zum Auslöser zu werden. Erstmals beschrieb dieses Phänomen Iwan Petrovitch Pavlow, ein russischer Arzt und Physiologe (und Nobelpreisträger 1902). Knapp 20 Jahr später beobachtete auf der anderen Seite des Atlantiks der Psychologe John Watson was geschieht, wenn ein man ein Kleinstkind in dem Moment erschreckt, wo es beispielsweise ein kleines Tier sieht. Es bekommt Angst vor dem Tier und auch hier haben wir es mit einer klassischen Konditionierung zu tun.

    Eine Studie von Gerald Gorn aus dem Jahr 1982 gilt als Paradebeispiel der Nutzung dieses Prinzips in der Werbung und ist unser zweites Beispiel. Wer sich das vorstellen will, kann vielleicht einmal bei einem Film den Ton abdrehen – um dann zu beobachten, wie die emotionale Tiefe des Geschehens unmittelbar verflacht. Mit Musik kann man alle möglichen Dinge emotional einfärben und genau dieses Prinzip – das dem einer klassischen Konditionierung entspricht – interessierte Gorn. Und er konnte beobachten, dass Menschen, die dem ausgesetzt sind, sich u.U. überhaupt nicht darüber im Klaren sind, dass sie beeinflusst werden.

    Celebrities sind ebenfalls Objekte, die – wie man es so schön formuliert – „emotional besetzt“ sind. Und die Autoren unseres 4. Studien-Beispiels untersuchten genau deren Wirkung auf die „Brand Attitude“. Nach 5 Darbietungen eines Fake-Produkts mit Jennifer Aniston war die Einstellung der Proband/innen zu diesem Produkt merklich (um 8%) positiver und diese Wirkung war auch nach 2 Wochen noch nachweisbar. Für uns, die wir uns für die Geschichten hinter den Pixeln interessieren, ist hier natürlich der naheliegende Transfer ins Influencer-Marketing relevant.

    Den Abschluss bildet ein raffiniertes Experiment, in dem mit extrem kurzen Darbietungszeiten Bildmaterial aus Facebook verwendet wurde, um sehr schnelle reflexartige Reaktionen der Proband/innen erfassen zu können. Auch hier war sich niemand dieser Prozesse bewusst und es zeigte sich, dass vor allem Intensiv-Nutzer/innen und suchtgefährdete Personen zu emotionalen Reflexen auf Facebook-Symbole neigten.

    Die Quellen zur Podcast-Folge

    Zum Episodenbild

    Klassisches Konditionieren ist nach unserem Wissen niemals der Gegenstand einer künstlerischen Darstellung gewesen. Also haben wir uns dafür entschieden, den namenlosen Haupt-Protagonisten der (übrigens durchaus grausamen) Konditionierungsexperimente von Pavlow ein Denkmal zu setzen. Bilder von Hunden gibt es nun reichlich, meist in den Varianten dekadenter Schoßhund oder edles Windspiel. 1801 malte der belgische Maler Henri Van Assche ein wahrscheinlich von einem liebenden Herrchen oder Frauchen beauftragtes Hundeportrait, dem wir wegen des virtuos beobachteten und gemalten herzzerreißenden Hundeblicks nicht widerstehen konnten.

    Bildquelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Portrait_of_a_dog,_seated_on_a_red_cushion,_by_Henri_van_Assche,_1801.jpg

  • Ziemlich berechnende Dating-Apps

    Ziemlich berechnende Dating-Apps

    (S1/E33) Nach der Dating/Ghosting-Folge 32 gehen wir den Dating-Plattformen und Apps auf den Grund – sich einer Dating App anzuvertrauen, kann sogar viele Gründe haben. Ein Ziel könnte sein, einen / eine Lebensabschnittgefährt:in zu „gewinnen“. Wobei dieser Lebensabschnitt auch zeitlich beliebige Zielgrößen annehmen kann, die von „bis fast zum Frühstück“ oder „für immer und ewig“ reichen könnten.

    Sich einer Dating App anzuvertrauen bedeutet auch, sich in die Hände von mehr oder minder guten Rechenregeln oder Matching Algorithmen zu begeben. Denn die werden doch bestimmt aus den Daten die richtigen Traumpartner:innen „backen“, oder?

    Nun hängt es aber nicht nur von diesen Rechenregeln ab, wen man vorgestellt bekommt. Sondern, erstaunlicherweise, auch
    1. von den eigenen Wünschen, dem eigenen Verhalten, Vorlieben, Ehrlichkeit, …
    2. genau diesen Aspekten auch des potentiellen Gegenstücks und
    3. den Zielen der Dating App / der Dating Plattform.

    Genau darum geht es, um die Innereien und das Wirken einer solchen Plattform / App.
    Wir stellen die Arbeiten eines Teams von drei Wissenschaftler:innen der FU Berlin vor: Lucas Friedrich Mertens, Erik Christian Müller, und Johanna Sebastian haben sich fundiert mit dem Thema beschäftigt, eine Plattform gebaut und das Treiben auf dieser Plattform systematisch und empirisch beobachtet. Es geht dabei nicht nur um’s „Matchen“, sondern vor allem um die „Happiness“ mit dem Match.
    Anmerkung: Es sind weder Mensch noch Tier zu Schaden gekommen – die Maschine ist von „Agenten“ besiedelten, so heißen die elektronischen Repräsentant:innen von Partner(schaft) Suchenden.
    Die Suche selbst fand sodann als Simulationen auf dieser Maschine statt.

    So gestattet „Der Einfluss von Matching-Algorithmen auf den Erfolg einer Dating-App“ (so der Titel der Arbeit) weit mehr als den Einblick in das Wirken von Parship, Tinder und Co. Denn diese öffnet für die Sozialwissenschaften einen faszinierenden Blick in maschinelle Experimente mittels Agenten mit menschlichen Eigenschaften.

    Die Quellen zur Episode

    • Lucas Friedrich Mertens, Erik Christian Müller, Johanna Sebastian: „Der Einfluss von Matching-Algorithmen auf den Erfolg einer Dating-App„
      15th International Conference on Wirtschaftsinformatik, March 08-11, 2020, Potsdam, Germany (Konferenzpapier).
    • Das folgende Chart (aus dem Konferenzpapier) zeigt die Systemkomponenten der Simulations-Plattform.

    Weiteres…

    • Das Video „Unsere Dating App“ des Aachener Youtubers und Filmemachers Julien Bam von März 2017 stellt die optimale Dating-Maschine vor. War Julien Bam der Zeit voraus?
    © Julien Bam „Unsere Dating App“ 3. März 2017

    • Bemerkenswert süchtelnd: Die Dopamin Videos auf ARTE.
      Wir empfehlen die berühmt berüchtigte Tinder Folge.
      Swipen kurz unterbrechen, hier gibt es Brainfood und tiefe Einblicke in’s allzu menschliche Gehirn.
      Das Erfolgspotential von Personen mit einem sehr hohen Elo-Score wird auch in Folge 21 von achwasfm.janlucash.com/ behandelt. („Sozialer Vergleich und supernormale Attrappen„).
    https://www.youtube.com/watch?v=21CKkv4J8KA
    Du bist besessen von Tinder, verbringst deine Nächte auf YouTube und flippst aus, wenn der Akku leer ist. Keine Sorge, das ist normal. … Diese Apps beruhen auf dem Prinzip, dich richtig süchtig zu machen, indem in deinem Gehirn das Molekül für Lust, Motivation und Sucht freigesetzt wird: Dopamin.
    © ARTE September 2019

    • Wir erwähnten, dass Parship sich neu erfunden hat. Natürlich trauen wir unserem geschätzten Publikum zu, selbständig die Webseiten aufzusuchen. Das brächte uns aber um das Vergnügen, unseren Funde passend zur Folge stolz zu präsentieren. Was für ein Match, achwasfm.janlucash.com/ und diese Seite….
      https://www.parship.de
      Keine Werbung (unbezahlt und ungezwungen), sondern Dokumentation:
    https://youtube.com/watch?v=7heZ7BoR2BE
    Quelle ©2022 Das Parship Manifest https://www.parship.de

    Zum Episodenbild

    Das Episodenbild zeigt ein um 1480 entstandenes Tafelbild mit dem Titel: „Liebespaar“, genannt das  Gothaer Liebespaar. Über den Köpfen sind zwei Spruchbänder in Alemannisch zu sehen, die in ihrer Länge in einen Tweet oder eine WhatsApp passen würden und heutzutage wohl als eine Konversation nach einem „Match“ auf einer Datingplattform zu lesen wären.

    • Frau (Spruchband der rechten Bildseite): Sye hat uch nyt gantz veracht Dye uch daß schnurlin hat gemacht.
    • Mann (Spruchband der linken Bildseite): vn byllich het Sye eß gedan want Ich han eß sye genissē lan.

    Ins heutige Deutsch übertragen lautet das Spruchband in etwa wie folgt:

    • Frau: Sie hat Euch nicht ganz verachtet, die Euch das Schnürlein hat gemacht. (frei übersetzt: Sie, die Euch das Schnürlein hat gemacht, hat Euch sehr gern.)
    • Mann: Und billig hätt´ sie es getan, weshalb ich habe es sie genießen lassen. (frei übersetzt: Und mit Recht hat sie es getan, weshalb ich habe es ihr wohl ergehen lassen.)

    Das erwähnte „Schnürlein“ war eine golddurchwirkte Kordel, die eine ähnliche Symbolik wie ein Verlobungsring hatte.
    Quelle: Wikipedia Artikel, abgerufen am 20.3.2022, 11:30.

    Es gibt einige Besonderheiten dieses Tafelbildes die sich u.a. bei Wikipedia und einem Ausstellungskatalog der Stiftung Schloß Friedenstein Gotha / Schloßmuseum nachlesen lassen. Es lohnt sich, denn Wissenschaftler wissen nicht genau, wen es zeigt – und auch der Künstler bleibt geheimnisvoll: Es wird dem Zeichner, Maler und Kupferstecher „Hausbuchmeister“ (Zeichnerhand II, siehe Quellen zu Beginn des Absatzes) zugeschrieben. Der Name des Zeichners ist nicht bekannt, seine spätmittelalterlichen Werke schon.

    https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Gothaer_Liebespaar.jpg

  • Nobelpreis für 2 Gehirne. Vorurteil & Launen.

    Nobelpreis für 2 Gehirne. Vorurteil & Launen.

    (S1/E31) Die Überschrift scheint eindeutig irritierend, wir lösen auf. Die beiden Gehirne gehören Daniel Kahneman und Amos Tversky. Ihre Expertise: Die Rolle der Psyche bei – auch ökonomischen – Entscheidungen. Den Nobelpreis in Wirtschaftswissenschaften nahm Daniel Kahneman 2002 entgegen – für die Forschung zu den funktionalen Gehirnen in jedem von uns: System 1, dem schnellen – und System 2, dem langsamen Denken. Amos Tversky erlebte die Ehrung nicht, er ist 1996 verstorben.

    Weshalb nun der Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften? Tversky und Kahneman führten mit ihrer Forschung die Psyche in die Theorien von ökonomischen Entscheidungen ein. Bis dato war es der „Homo Oeconomicus“, der zweckrational, bilanziert, weder von Gefühlen noch Launen beeinflusst, sich auf dem Markt entscheidet.

    Kahneman hat zusammen mit den Kollegen Cass Sunstein und Olivier Sibony zu einem weiteren Phänomen unseres Denkens geforscht: „Noise“ (übersetzt mit Rauschen, Störgeräuschen) fügt schnellem und langsamen Denken als systematisierbare Dimensionen eine weitere hinzu: Heuristiken sind wiederverwendbare Muster, während „Noise“ ebenfalls unser Handeln unbewusst, aber zufällig, beeinflussen kann. Wir „sind schlecht drauf“, „ungerecht“, „launisch“ nicht als Persönlichkeitsmerkmal, sondern weil uns gerade eine Laus über die Leber gelaufen ist oder der Blick aus dem Fenster zeigt: Heute Grillen fällt wegen Regens aus.

    Unser Fazit: Trau! Schau! Wem?“ (Volksmund). Und: „Zuerst hatten wir kein Glück, dann kam auch noch Pech dazu“ (Jürgen Wegmann). Und eine Frage an die werte Leser-/Hörerschaft: tun wir gut daran, der Künstlichen Intelligenz nur unsere Heuristiken, das System 1, zu schenken?

    Was das mit Web und App, Zimmerbuchungen unter Druck und digitalen Stimmungsaufhellern zu tun hat, erzählen wir in dieser Folge.

    Die Quellen zur Episode

    Zunächst die bekanntesten erwähnten Werke zum Thema

    • „Schnelles Denken, langsames Denken“ Daniel Kahneman. 2016
    • „Noise: Was unsere Entscheidungen verzerrt – und wie wir sie verbessern können“ Daniel Kahneman, Olivier Sibony, Cass R. Sunstein. 2021
    • Daniel Kahneman, Paul Slovic, Amos Tversky (Hrsg.): Judgment under Uncertainty: Heuristics and Biases. Cambridge University Press, New York 1982
    • Fairness versus Reason in the Ultimatum Game, Martin A. Nowak, Karen M. Page, Karl Sigmund (Institut for Advanced Studies, Princeton September 2000. Science Vol 289
    • Ende gut, alls gut! Der Recency Effekt.
      Quelle: Kahneman, Daniel; Fredrickson, Barbara L.; Schreiber, Charles A.; Redelmeier, Donald A. (1993). “When More Pain Is Preferred to Less: Adding a Better End”. Psychological Science. 4 (6): 401–405. doi:10.1111/j.1467-9280.1993.tb00589.x.
    • Russell J. Fuller: Amos Tversky, Behavioral Finance, and Nobel Prizes in Financial Analysts Journal, Band 52, No. 4 (Jul./Aug. 1996), S. 7–8.

    Zum Episodenbild:

    Wenzel Hollar 1607 – 1677 wurde in Prag geboren und starb in London. Er war ein angesehener Kupferstecher.
    Das Episodenbild zeigt ein Vexierbild, ein Bild mit je nach Wahrnehmung unterschiedlichen Inhalten. Oftmals wurden solche Bilder von den Künstlern genutzt, um neben dem Offensichtlichen auch noch Inhalte darzustellen, „auf die man erst einmal kommen musste“ -sowohl System 1, das schnelle Erfassen, wie auch System 2, das gründliche Denken werden von Vexierbildern angesprochen.

    Leider wissen wir bis auf den offensichtlichen Titel „Landschaft in Form eines Gesichts“ und den Künstler wenig über das Episodenbild. Nur: Vexierbilder waren ein im 17. Jhd, beliebtes Genre.

    https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/0/04/Wenceslas_Hollar_-Landscape_shaped_like_a_face%28State_1%29.jpg?uselang=de

  • Das Starwars Twitter Botnet

    Das Starwars Twitter Botnet

    (S1/E29) Schauen Sie ab und an mal auf den Twitter Kanälen von Sportlern, Wissenschaftlern, Influencern oder halt „Promis“ vorbei? Interessant was da ge-zwitschert wird, nicht wahr? Scrollen Sie weiter zu dem, was unter dem Tweet steht, kann es haarig werden, eklig in Ausdruck und Emotion. Sie denken: Vielleicht schreibt da kein Mensch, sondern eine Maschine. Kann sein. Was da geschrieben wird, passiert meistens mit Absicht. Denn diese „Mitspieler“ erweisen sich oftmals als Betrüger an Ihrer Meinung und Ihrem Wissen.

    Diese Meinungs-Maschinen hören auf den netten Namen „Bot“, abgeleitet von „Robot“. Man kann die Dienstbarkeit der betrügerischen Mitspieler kaufen. Sie twittern alles, was man ihnen aufgibt. In großer Zahl, können diese Bots die zutreffenden Informationen von Accounts vergiften, als Dreckschleuder für Lüge, Fehl- und Missinformation, ja, für Propaganda missbrauchen.

    In dieser ersten Folge zum Thema „Social Bots“ widmen wir uns der Entdeckung eines gigantischen Social Media Bot-Netzwerks. Über 300.000 einzelne Bots wurden erschaffen, steuerbar als Ganzes, in kleineren Gruppen oder als Einzelne. Entdeckt wurden sie wegen ihrer Eigenheit: Merkwürdig waren sowohl deren Tweets, ausschliesslich Texte aus Star Wars Büchern. Aber auch deren Standorte lassen uns fragend den Kopf neigen: Gleichmässig verteilt über Nordamerika und Europa leben diese besonderen Tweeter in Stadt, Land, Fluß, dem Meer, Wüsten und auf Eisschollen. Wir erzählen die Geschichte hinter den Pixeln und klären auf, wie es dazu kam.

    In unserer Influencer/innen-Folge (Folge 28) haben wir über deren riesige Gefolgschaft und deren Einfluß berichtet. Es wird uns blümerant, wenn wir kurz über mögliche betrügerische Mitspieler auf deren Accounts nachdenken.

    Quellen zum Beitrag

    • Ein beachtlich großes Twitter-Botnetz ist den Forschern Juan Echeverria und Shi Zhou des London University College 2016/17 ins Netz gegangen. Der Umstand, dass die zugehörigen Accounts ausschließlich Auszüge und Textbausteine aus dem Star-Wars-Universum posteten, trug zu seiner Entdeckung bei und stiftete zugleich den Namen. Ihr Bericht erzählt über die Entdeckung ist gleichzeitig ein Kompendium für Big Data Analysen.
      https://arxiv.org/pdf/1701.02405v1.pdf
    • Ein Interview mit dem Sozialwissenschaftler und Internet-Experten Dirk Helbing. Wird die Demokratie im Zeitalter der Digitalisierung bestehen? Im Dezember 2015 warnten neun Wissenschaftler in einem exklusiv auf ‚Spektrum.de‘ publizierten Digital-Manifest eindringlich vor Gefahren durch Verhaltenssteuerung auf Grundlage digitaler Technologien. Mit welchem Widerhall?
      https://www.spektrum.de/news/wie-social-bots-den-brexit-verursachten/1423912

    Zum Episodenbild

    Das Episodenbild zu finden, führte uns von Comic Bildern gar schrecklicher Roboter über Blechspielzeuge und dem allseits bekannten Online Spiel „Minecraft“.

    Eisengolem in Minecraft © 2022 Elias Klein

    Wir kamen in der Welt von Golem an. Was hat diese, ….“ ab dem frühen Mittelalter in Mitteleuropa existierende Bezeichnung für eine Figur der jüdischen Literatur und Mystik“ mit Bots zu tun? Nun, bei einem Golem handelt es sich um ein von Menschenhand aus Lehm erschaffenes, menschenähnliches Wesen, das Aufträge ausführen kann. In einem nur in „Fragmenten erhaltenen Text wird ein Ritual erwähnt, das durch bestimmte Kombinationen von Buchstaben und Zahlen unbelebte Materie zum Leben erwecken sollte“. Eine gute Einführung zum Thema findet sich im Wikipedia Beitrag, dem auch einige der Zitate dieses Abschnitts stammen.
    https://de.wikipedia.org/wiki/Golem

    Das Folgenbild „Der Golem“ ist eine Zeichnung von Gerd Küveler in dem Buch Gustav Meyrinks: Der Golem, (Titelblatt, erschienen 1915).

    https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Wiki_Loves_Jules_Verne_Gustav_Meyrink_Der_Golem_1915_(Gerd_Kueveler).jpg#/media/File:Wiki_Loves_Jules_Verne_Gustav_Meyrink_Der_Golem_1915_(Gerd_Kueveler).jpg

  • Süchtig nach Sozialen Medien: Teil 2. Spielsucht, Kaufsucht

    Süchtig nach Sozialen Medien: Teil 2. Spielsucht, Kaufsucht

    (S1/E26) Im Teil 2 der …achwas?!® Trilogie zur Sucht im Web helfen uns zwei Studien besser zu verstehen, weshalb zum einen Spielen im Internet süchtig machen kann. Und klären, ob die Kaufsucht „online“ und „in-store“ vielleicht zwei Paar Schuhe sind.

    Weil wir diesem „Mega-Thema“ Sucht einigermaßen gerecht werden wollen, haben wir vorsichtshalber mehr als eine Podcast-Folge dafür reserviert. Es wird also nicht nur quer durch die Disziplinen gehen (Medizin, Verhaltensforschung, Lernpsychologie, Neurobiologie) sondern auch tief hinein in Zahlen, Fakten und anekdotische Evidenz.

    In der zweiten Folge…

    • …tragen wir Erkenntnisse zur ersten Folge nach, die zum besseren Verständnis der Studienergebnisse von Prävalenz beitragen
    • …berichten wir von den Ergebnissen einer methodisch sehr gut durchgeführten empirischen Studie bei Spielern des Online Games „EverQuest“. Und begegnen dabei dem bekannten Phänomen „Socializing“
    • … stellen wir das Konzept „Sucht im Web“ auf den Prüfstand einer aktuellen Studie aus der Schweiz, die sich dem Thema „Kaufsucht – online und instore“ widmet. Die Ergebnisse erhellen: Es gibt nicht nur Süchtige und Nichtsüchtige. Die Kaufsüchtigen im Web unterscheiden sich von denen im Geschäft. Und mit einigen Vorurteilen wird aufräumt, wer denn wohl eher kaufsüchtig ist.

    Quellen zur Folge

    • Allgemein: Der Lesetipp auf Deutsch für alle, die sich mit überschaubarem Aufwand einen fundierten Überblick über das Thema verschaffen wollen:
      Müller, K. W. (2017). Internetsucht. Springer Fachmedien Wiesbaden. Online unter https://link.springer.com/content/pdf/10.1007/978-3-658-16460-7.pdf
    • Nicholas Yee (2001) The Norrathian Scrolls: A Study of EverQuest.
      Die Studie ist online verfügbar: http://www.nickyee.com/eqt/report.html
    • Buying/Shopping Disorder Study (2020) von Mareike Augsburger, Andreas Wenger, Severin Haug, Sophia Achab, Yasser Khazaal, Joel Billieux, Michael P. Schaub
      Vollständiger Titel: The concept of buying-shopping disorder: Comparing latent classes with a diagnostic approach for in-store and online shopping in a representative sample in Switzerland.
       in:  Journal of Behavioral Addictions · September 2020
      (DOI: 10.1556/2006.2020.00051)
    • The Bergen Shopping Addiction Scale: reliability and validity of a brief screening test
      von: Cecilie S. Andreassen, Mark D. Griffiths, Ståle Pallesen, Robert M. Bilder, Torbjørn Torsheim, Elias Aboujaoude.
      in: Frontiers in Psychology. Quantitative Psychology and Measurement (17 September 2015); BSAS
      https://www.frontiersin.org/articles/10.3389/fpsyg.2015.01374/full#h4

    Zum Beitragsbild:

    Die Suche nach einem Beitragsbild mit Spielsüchtigen führte uns in ein Social Media Room des 17. Jahrhunderts – ein Wirtshaus in Flandern: Ein Ort zum Reden, Trinken, Essen und der Ort, um miteinander, oder doch eher gegeneinander, Karten zu spielen.
    Technologischer Fortschritt bescherte bereits im 15. Jhd. die verbesserte Herstellung von Papier und Karton (Arabien) und den Buchdruck (Mainz). Dadurch konnten Kartenspiele preiswerter hergestellt werden und rasch Verbreitung finden – und die Karten-Spielsucht befiel im Mittelalter genauso schnell Jung und Alt und alle Bevölkerungsschichten. Es wurde um Geld und Gut gespielt. Spiel und Alkohol führten häufiger zu Streithändeln und Raufereien – und konnten Menschen und ihre Familien ruinieren. Das wiederum hatte vielerorts ein Verbot des Kartenspiels in Wirtshäusern zufolge – und es durfte nur noch in öffentlichen Spielhäusern „gedroschen“ werden.

    Das Bild zeigt eine handfeste Schlägerei. Die Karten, um die es geht, liegen auf einem halben Faß als Tisch. Ein Tonkrug schwebt gefährlich über einem Kopf, ein Messer wird wohl gleich gezückt.

    Es wurde von dem flämischen Zeichner und Maler Andriaan Brouwer ca 1630/1640 gemalt. Adriaan Brouwer malte gerne das, was man gemeinhin „Sittenbilder“ nennt – zum Teil deftige Szenen aus Spelunken und Wirtshäusern genauso wie Bilder vom Leben der „unteren Stände“.

    Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Adriaen_Brouwer,Bauernrauferei_beim_Kartenspiel(c._1630–1640).jpg

  • Wie Prinzen aus Nigeria „false positive“ vermeiden

    Wie Prinzen aus Nigeria „false positive“ vermeiden


    (S1/E18) True Crime 1925: Victor Lustig verkauft den Eiffelturm und betrügt einen Schrotthändler. True Crime 2021: Nigerianische Prinzen bitten via Email arglose Bürger in einer finanziellen Angelegenheit um einen kleinen, aber durchaus lukrativen Gefallen. Und gestalten diese Mail so, dass möglichst viele Menschen erkennen, dass da was nicht mit rechten Dingen zugeht. Mit Logik, Statistik und Psychologie ausgestattet erzählen wir heute eine Geschichte über Betrüger, die nur auf den ersten Blick sehr einfältig scheinen.

    Hohe Öffnungsraten, ein Mega-Response innerhalb kurzer Zeit – das wünschen sich normaler Weise die Versender von gewerblichen Emails. Sorgfältig und mathematisch korrekt werden Emails komponiert, um dieses Ziel zu erreichen. Dazwischen erreichen uns hanebüchene Schrott-Mails mit leicht zu erkennender Absicht: Ah – Betrüger sind am Werk! Ohne genauer hinzusehen, mit einem Klick landen diese im Papierkorb. Keinen zweiten Blick wert. Denkt man. Cormac Herley ist Wissenschaftler bei Microsoft. Er sieht genauer hin und zeigt in seinem Bericht, dass die „einfältigen Trottel“ in Wirklichkeit sehr geschickte Betrüger sind.  Aber eben anders, als wir denken…

    Quellen zur Episode:

    • WIKIPEDIA Victor Lustig war ein Trickbetrüger (Confidence man) und Hochstapler österreichisch-ungarischer Herkunft. Er wurde weltweit bekannt als „der Mann, der den Eiffelturm verkaufte“.
      https://de.wikipedia.org/wiki/Victor_Lustig
    • Geschichten aus der Geschichte GAG275: Eine Folge über Victor Lustig von den Machern des von uns sehr geschätzten und regelmässig verschlungenen (insofern das mit den Ohren geht) Podcasts „Geschichten aus der Geschichte“, Folge 275. Auch alle weiteren Folgen machen schlauer und meistens klüger.
      https://www.geschichte.fm/podcast/gag275/
    • 419 Scam Bait – die betrogenen Betrüger. Eine Warnung vorweg: So attraktiv es erscheinen mag, es diesen Betrügern mal richtig zu zeigen – tu’n Sie es nicht. Wir wir gesehen haben, es sind keine „Trottel“, die zufällig auch mal auf ein Opfer treffen, sondern industrielle organisierte Profis in einem kriminellen Netzwerk mit weitreichenden Verbindungen. Angefügt ist ein Wikipedia-Artikel, der in das Thema einführt und in der Quellenliste auch PRO-Scambaiter zeigt.
      https://en.wikipedia.org/wiki/Scam_baiting
    • Signalentdeckungstheorie
      Egal, ob man Mails versendet, eine Diagnose von Covid19 vornehmen oder Waffen am Security Gate des Flughafens entdecken will: Ziel ist, genau die Personen zu identifizieren, die bestimmte Merkmale aufweisen oder auch nicht aufweisen. Das sind zwei Paar Schuhe, und es gibt vier unterschiedliche Ergebnisse.
    Merkmal
    vorhanden
    Merkmal nicht vorhanden
    Merkmal entdecktTreffer (engl. hit)falscher Alarm (falsch positiv, engl. false positive, false alarm)
    Merkmal nicht entdecktVerpasser (falsch negativ, engl. miss / false rejection)korrekte Ablehnung (engl. correct rejection)
    nach John A. Swets und David M. Green https://de.wikipedia.org/wiki/Signalentdeckungstheorie

    In der Statistik werden die Zellen dieser Tafel genutzt, um bei Analysen und Schätzungen zwei Arten von Fehlern zu unterscheiden:

    • Sensitivität: Der Anteil (%-Wert) der Treffer wird auch als Sensitivität oder Trennschärfe eines Tests bezeichnet.
      Beispiel Sars-Cov-2 Selbsttest: Eine Sensitivität von 97% bedeutet, dass im Mittel 97 von 100 Erkrankten erkannt werden. 3 von 100 Erkrankten werden fälschlich verpasst (falsch negativ).
    • Spezifität: Dieser Wert bezieht sich auf die korrekte Erkennung der nicht Erkrankten: Eine Spezifität von 90% bedeutet, das 9/10 nicht Erkrankte erkannt werden (korrekte Ablehnung) aber 10% falsch positiv sind (falscher Alarm, false positive).
    • Wenn es um die Sicherheit von Leib und Leben (Medizin, Flughafen Sicherheit) geht, nimmt man eher eine hohe Sensitivität mit Fehlalarmen in Kauf, als tatsächliche Gefahren zu verpassen. Ärgern Sie sich also nicht, wenn Sie mal wieder die Schuhe im Sicherheits-Gate ausziehen müssen. Better safe than sorry. Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste.
    • Wenn es um Rechtsprechung geht, gibt es dasselbe Problem: Verurteilt man möglichst viele Angeklagte (obwohl ein unbekannter Anteil nicht schuldig ist, false positiv) oder versucht man die Verurteilung von Unschuldigen zu vermeiden, und nimmt Fehlurteile bei Schuldigen in Kauf (false negativ).
    • In unserem Podcast zeigen wir, dass von der Nigeria Connection Wert auf hohe Spezifität gelegt wird: Übrig bleiben sollen die „pflegeleichten Opfer“ (Treffer), „falsch positive“ (Interesse am Geld, aber nicht leichtgläubig, potentiell keine Opfer) werden abgeschreckt.

    Zum Episodenbild

    Unser Episodenbild zeigt eine Szene aus Das Märchen vom falschen Prinzen von Wilhelm Hauff (Original: Mährchen für Söhne und Töchter gebildeter Stände 1869): Der Schneidergeselle Labakan präsentiert sein teuer erspartes Gewand. Der Täuschungsversuch misslingt, zu offensichtlich ist Labakan kein Prinz.
    Die Skizze wurde von dem französischen Zeichner Bertal (Comics, Karikaturen, Illustrationen) für die Erstausgabe des „Mährchenbuchs“ ausgeführt.

    Bertal, der als Charles Constant Albert Nicolas, Vicomte d’Arnoux, Count of Limoges-Saint-Saëns geboren wurde, war zwar kein Prinz, aber immerhin von umfassendem Adel.
    https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Bertall_-_Der_vornehme_Schneidergeselle_Labakan.jpg

  • Flow: die optimale Erfahrung

    Flow: die optimale Erfahrung

    Diese Folge widmen wir dem Psychologen
    Mihály Csíkszentmihályi.
    Er verstarb am 20.10.2021 in Claremont, Kalifornien.


    (S1/E17) Nachdem wir in den bisherigen Folgen viel über die dunklen Seiten des Netzes und der digitalen Transformation berichtet und nachgedacht haben, gibt es in dieser Folge einen Lichtblick: Natürlich ist das Netz auch eine Quelle von Unterhaltung, Inspiration, Spiel, hochwertiger Information, guter Laune (…wir sagen nur: Katzen!) und freundlicher sozialer Begegnung. Aber auch hier brauchen wir als Wissenschaftler/innen Begriffe, die diese Erfahrungen präzise beschreiben, das eine vom anderen unterscheiden und schließlich für eine Messung oder Beobachtung zugänglich machen können.

    Einem solchen Begriff nähern wir uns heute: Flow!

    Flow ist allerdings kein spezielles Internet-Phänomen, sondern eine menschliche Ur-Erfahrung – einmal mehr. Gemeint ist der selbstvergessene, zeitlose Bewusstseinszustand, der bei hoher Konzentration auf eine Aufgabe, beispielsweise beim Klettern – oder auch beim Spiel entsteht. Und der Begriff hat – wie dies mitunter der Fall ist – einen identifizierbaren Vater, nämlich den aus Ungarn stammenden Psychologen Mihály Csíkszentmihályi.

    Wie man Mihaly Csikszentmihalyi ausspricht,
    hier in der Originalstimme des Eigentümers des Namens vom 5. Januar 2014
    Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Mihály_Cs%C3%ADkszentmihályi.ogg
    konvertiert 20.10.21 in MP3 mit GarageBand von den Autoren

    Quellen zur Episode:

    Zum Episodenbild:

    Elijah Walton war ein Landschaftsmaler des 19. Jahrhunderts, der während seiner ausgedehnten Reisen – wie damals im englischen Adel und Bürgertum üblich – in den Alpen und auch im Orient auf Motivsuche war. Das Bild hat den Titel „Alpine Climbers“ (Alpine Kletterer). Da Klettern eine der ersten Tätigkeiten war, die von Csikszentmihalyi untersucht wurden, ist das Bild natürlich sehr gut als Schlüsselbild für unsere Podcast-Folge geeignet. Und wenn man das Bild betrachtet, ahnt man etwas von der Konzentration der Protagonisten.
    Die grundsätzliche Voraussetzung für Flow, dass nämlich Fähigkeiten und die Schwierigkeit der Aufgabe im Gleichgewicht sein müssen, ist hier – hoffentlich – gegeben, ebenso die absolute und selbstvergessene Konzentration. Wer sich jetzt noch fragt, ob die Frisur richtig sitzt, hat verloren.

    Bildquelle:
    Elijah Walton (1832–1880), Public domain, via Wikimedia Commons


    https://en.wikipedia.org/wiki/Elijah_Walton


    Sie können sich ein Bild von Professor Mihaly Csikszentmihalyi machen, wenn Sie den folgenden Satz in eine Websuche Ihrer Wahl eingeben und auf „Bildersuche“ ckicken (wir respektieren: das Bild ist geschützt und darf nicht direkt eingebunden werden).

    Professor Mihaly Csikszentmihalyi jokingly makes a scowling face wiith Professor Jeanne Nakamura

  • Social Media und Depression. 10.904 Jugendliche geben Auskunft.

    Social Media und Depression. 10.904 Jugendliche geben Auskunft.

    (S1/E16) Kennen Sie diese Nachrichten, dass Facebook depressiv macht? Schriften über Digitale Demenz? Ist das Fake, Meinung oder Tatsache? Die Antwort von …achwas?!®: Wozu gibt es Wissenschaft, die diese Meinung gründlich untersuchen kann. Die Studie mit dem Titel „Social Media Nutzung und jugendliche psychische Gesundheit“ wertete dazu Informationen von 10.904 vierzehnjährigen Heranwachsenden aus. Sowohl die Menge von Daten wie auch die angewandten Untersuchungsmethoden bringen Licht ins Dunkle der Vermutungen. Es ist nicht kompliziert. Und doch: Es bleiben Fragen offen.

    Facebook macht (nicht direkt) krank!

    Tatsächlich ist die Behauptung „Facebook macht depressiv“ zu kurz gedacht. Die Auswertung der Daten aus der großangelegten Milleniums Studie zeigen: Der direkte Zusammenhang ist relativ gering (2018).
    Der Weg zu psychischen Problemen führt bei der Gruppe der 14jährigen Mädchen und Jungen über wenig Schlaf, Cybermobbing, niedriges Selbstwertgefühl und eine geringe Wertschätzung des eigenen Körperbildes. Dabei sind Mädchen deutlich häufiger betroffen als Jungen: Das bedeutet, dass jedes 4. Mädchen (23,6%) der Studie Symptome einer depressiven Verstimmung zeigt, etwa dreimal so häufig im Vergleich zu Jungen (8,4%). Mädchen sind laut Selbstauskunft nicht nur häufiger als Jungen von Cybermobbing betroffen, sondern gehören auch deutlich mehr als Jungen zu denjenigen, die aktiv sind.

    Erst solch differenzierte Studien erlauben es, wissenschaftlich fundierte Empfehlungen zum sicheren Umgang mit Social Media zu definieren- und, als Beispiel den Anbietern wie Facebook, Instagram, TikTok etc. eine Regulierung der zeitlichen Nutzung bevorzugt in den Abend- und Nachtstunden dringend zu empfehlen.

    Quellen zum Beitrag:

    • Die erwähnte Studie von Yvonne Kelly, Afshin Zilanawala, Cara Booker, Amanda Sacker. Social Media Use and Adolescent Mental Health: Findings From the UK Millennium Cohort Study. “ Background: Evidence suggests social media use is associated with mental health in young people but underlying processes are not well understood. This paper i) assesses whether social media use is associated with adolescents‘ depressive symptoms, and ii) investigates multiple potential explanatory pathways via online harassment, sleep, self-esteem and body image.“
      https://www.thelancet.com/journals/eclinm/article/PIIS2589-5370(18)30060-9/fulltext
    • MEDLINE – die medizinische (internationale) Studiendatenbank in der USA mit über 26 Mio. Einträgen. Die Sammlung begann 1879 – im aktuellen Bestand gibt es Studien seit 1946. Aktuell (9.9.2021) wird die Datenbank täglich auf Stand gebracht, und dabei 2.000-4.000 Referenzen und Artikel aufgefrischt oder neu eingestellt.
      https://www.nlm.nih.gov/medline/index.html
    • Facebook reagiert auf Studien. Der Guardian berichtet in einem Artikel vom 15.12.2017:
      „Facebook hat eingeräumt, dass die Nutzung sozialer Medien sich negativ auf die psychische Gesundheit der Nutzer auswirken kann. Dies ist ein Zeichen dafür, dass das Unternehmen den Druck einer wachsenden Zahl von Kritikern spürt, die sich über die Auswirkungen der Plattform auf die Gesellschaft beschweren.“ Forscher des sozialen Netzwerks räumten in einem Blogpost am Freitag ein, dass Studien ergeben haben, dass die Zeit, die man auf Facebook mit dem „passiven Konsum von Informationen“ verbringt, dazu führen kann, dass man sich „schlechter fühlt“. Übersetzt mit DeepL. Facebooks Lösung? Länger auf Facebook bleiben und selber posten, aktiv werden.
      https://www.theguardian.com/technology/2017/dec/15/facebook-mental-health-psychology-social-media

    Zum Beitragsbild

    Jedes 4. Mädchen in der Studie berichtet depressive Symptome. Der Zustand der Melancholie beschrieb in historischen Dokumenten recht genau Symptome einer Depression. Albrecht Dürer hat in seinem Kupferstich „Melencolia I“ von 1504 die Körperhaltung und Mimik eines melancholischen Wesens, einem Genius / Engel, sehr detailliert festgehalten. Der Engel steht für Künstler, die sich im Zustand mit „dem Willen zum Schaffen, aber unfähig, etwas zu tun“ erleben.
    Das Bild zu dieser Episode gibt es auf
    Wikimedia Commons.
    https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Melencolia_I_(Durero).jpg

  • Emotionale Ansteckung 2.0

    Emotionale Ansteckung 2.0

    (S1/E12) Emotionale Ansteckung kennen wir alle aus eigener Erfahrung. Sie ist ein so grundlegender sozialer Vorgang, dass man ihn mit Sicherheit sicherlich auch bei unseren tierischen Verwandten finden kann – sofern Sie ein Sozialleben haben.

    Und wir kennen das in verschiedenen Varianten, die Eingang in die Sprache gefunden haben: Wir werden durch die gute Laune anderer „angesteckt“, wir „teilen“ Freud und Leid, der Funke der Begeisterung „springt“ gelegentlich über oder jemand „zieht“ uns mit seiner impertinent schlechten Laune ‚runter.

    In dieser Podcast-Folge geht es um die Frage, ob und wie so etwas auch in sozialen Medien stattfindet, welche Mechanismen sich dahinter verbergen und wie man Ansteckungsphänomene wissenschaftlich nachweisen kann.

    Was wir – noch – NICHT im Podcast besprechen: Es gibt zwei widersprüchliche Möglichkeiten für emotionale Wirkung von sozialen Medien. Für beide gibt es Belege und beide stimmen mit unserem Alltagswissen überein. (a) Es kommt zu einer symmetrischen Ansteckung: wer das Glück anderer sieht, freut sich. (b) Es kommt zu einer spiegelbildlichen Wirkung: Wer das Glück anderer sieht, …wird neidisch! Beide Varianten sind interessant, aber sicherlich hat jede ihre eigene Folge verdient.

    Quellen

    • Der im ersten Teil des Podcasts beispielhaft zitierte Beitrag zur unbewussten Ansteckung von Mimik von dem schwedischen Autorentrio Ulf Dimberg, Monika Thunberg und Kurt Elmehedist in der Fachzeitschrift „Psychological Science“ erschienen. Er findet sich im Original im Netz und ist ziemlich kurz und knackig – wie es bei eindeutigen Ergebnissen in der Wissenschaft oft der Fall ist. Er trägt den Titel: „Unconscious Facial Reactions to Emotional Facial Expressions.“
      https://journals.sagepub.com/doi/pdf/10.1111/1467-9280.00221
    • Das unter der Bezeichnung „Facebook Emotion Study“ bekannt gewordene Experiment, das 2014 in dem Journal „PNAS“ (Proceedings of the National Academy of Sciences…) veröffentlicht wurde, ist ebenfalls im Original zugänglich.
      https://www.pnas.org/content/pnas/111/24/8788.full.pdf?
    • Der berühmteste, prominenteste Forscher im Bereich der Mimik, der Papst der „facial expression“ und Erfinder des Facial Action Coding Systems ist Paul Ekman. Wir verlinken hier seine Website, die für jeden, der sich für Mimik interessiert, ein ausgezeichneter Startpunkt für eine Recherche ist.
      https://www.paulekman.com/

    Die Geschichte zum Beitragsbild

    Wenn es ein Bild gibt, das beim Ansehen direkt emotional ansteckt, dann „Der Schrei“ des norwegischen Malers Edward Munch. Er hat das Motiv einer die Hände an die Schläfen pressenden und verzweifelt schreienden Figur zwischen 1893 und 1910 mehrfach gemalt, gezeichnet und lithografiert. Nimmt man dann noch den norwegischen und überaus onomatopoetischen Originaltitel „SKRIK“ hinzu, meint man beinahe, den Schrei nicht nur zu sehen, sondern auch hören zu können. In Zusammenhang mit dem Bild ist auch von der „deformierenden Kraft der Angst“ geschrieben worden, die sich in dem Bild auf den/die Betrachter/in überträgt. Ein Meisterwerk des Expressionismus und absolut überzeugend als Sinnbild emotionaler Übertragung. Angst und bang kann einem auch werden, wenn man hört, was das Bild wert ist. Auf einer Auktion bei Sotheby’s wurde es für 120 Millionen Dollar versteigert. Mehr zum Bild und zum Maler kann man auf der Wikipedia nachlesen:
    https://de.wikipedia.org/wiki/Der_Schrei