Kategorie: Emotionen

  • #WissPodWeihnacht 13

    #WissPodWeihnacht 13

    Gurke, Traube & The First Nations

    Diese weihnachtlich-angehauchte Folge ist das Türchen #13 im Wisspod-Adventskalender. Und alle 24 Folgen findet ihr unter dieser URL: https://wissenschaftspodcasts.de/themenseiten/wisspod-adventskalender-2025

    S03E1324 Wir erzählen zwei Geschichten, die den Brauch des Schenkens – auch zu Weihnachten – auf vielleicht ungewohnte Weise beleuchten.

    1. Lieber keine Gurke in der Hand als die Traube auf dem Dach!

    Verhalten als Austausch

    Fast alle Interaktionen zwischen Menschen enthalten eine Komponente von Geben und Nehmen.
    – Ich gebe Dir 45,21 Euro, dafür gibst Du mir 26,75 Liter Benzin.
    – Ich verzichte auf etwas, dafür bekomme ich Anerkennung.
    – Ich helfe dir beim Umzug, dafür hilfst du mir beim Renovieren.
    – Ich höre Dir zu, dafür hörst Du mir auch zu.
    – Ich liefere dir Daten, dafür bekomme ich kostenlose Dienste.
    – Ich poste ein Bild, dafür bekomme ich Likes.
    – Ich arbeite acht Stunden am Tag, dafür bekomme ich ein Gehalt.
    – Ich ziehe Dich groß und ernähre Dich, dafür zahlst Du meine Rente.

    Versucht man menschliches Verhalten zu verstehen oder zu erklären, bietet sich also der Begriff des Austauschs als erklärendes Moment. Tatsächlich gibt es gleich mehrere Austausch-Theorien, die jegliche menschliche Entscheidung in ein Kosten-Nutzen-Kalkül einpassen. Die älteste stammt von George Caspar Homans, dem Begründer der „Behavioral Sociology“ und einer der Hauptvertreter dieser Idee. Seine grundlegende Veröffentlichung dazu erschien 1958 mit dem Aufsatz „Social Behavior as Exchange.“

    Auch Weihnachten in einer typischen Familie ist in gewisser Weise nichts anderes als ein komplexer Austausch von materiellen und immateriellen Gütern. Die Kinder investieren Wohlverhalten (…sind „brav„) und vielleicht selbstgebastelte Geschenke, dafür erhalten sie Geschenke mit einem bestimmten materiellen Wert, die sie sich selbst nicht leisten könnten. Der Zauber der heiligen Nacht wird durch diese merkantile Betrachtungsweise zwar etwas gedämpft, aber nüchtern betrachtet trägt sie sehr weit, wenn man die verschiedenen glücklichen oder unglücklichen Situationen, die wir alle Heiligabend erleben, verstehen will.

    Gerechtigkeit

    Ein Bescherabend ist ja ein Geben und Nehmen, und nur wer ausreichend gibt, kann damit rechnen, in gleichem Maß nehmen zu können. Ein zweiter Gedanke, der dann unweigerlich ins Spiel kommt, ist: Gerechtigkeit. Wurden Torben und Pauline denn auch gleich behandelt? Man merkt es an der Laune und an der Kooperationsbereitschaft, die sich nach der Bescherung einstellen. Haben die Eltern es richtig gemacht, fühlt sich der Nachwuchs im gleichen Maß belohnt und beschenkt. Wenn man es falsch gemacht hat, fühlt sich ein Sprössling ungerecht behandelt und als Folge wird auch der Eifer beim Tischdecken und Aufräumen entsprechend bescheiden ausfallen – ganz zu schweigen von Wut und Tränen.

    Ergänzt man die Idee des Austauschs durch die – dem gesunden Menschenverstand eigentlich sehr plausible – der Gerechtigkeit, erhält man also einen zweiten theoretischen Rahmen, der unter dem englischen Begriff für Gleichheit oder Fairness gehandelt wird, nämlich „Equity“. Auch hier zitieren wir den Gründervater des entsprechenden Theoriegebäudes, den Organisations- und Sozialpsychologen John Stacy Adams:

    Für den Deep Dive in die Thematik eignet sich dieser vielzitierte Beitrag von Ernst Fehr und Klaus M. Schmidt aus dem Jahr 2006:

    Inequity Aversion im Tierversuch

    Tritt die angedeutete Situation ein, dass verschiedene Protagonisten ungerecht belohnt oder bezahlt werden – sagen wir es ganz abstrakt -, dann haben wir es mit „Inequity“ zu tun. Und wer hierauf negativ reagiert, zeigt ein Verhalten, das man „Inequity Aversion“ nennt. Wir wissen, wovon wir reden, denn wir alle sind schon einmal unfair behandelt worden und haben darauf mit Frustration und Ärger reagiert.

    Weihnachten ist in dieser Hinsicht ganz besonders gefährlich, denn es gibt kaum eine Situation, in der wir das, was wir einer schenkenden Person im wahrsten Sinn des Wortes „wert“ sind, so direkt miteinander vergleichen können. Socken, Diamant-Armbänder, Action-Figuren, Bücher, Playstations, Krawatten, selbstgemalte Bilder gelangen in eine komplexe Berechnung, in der nicht nur der materielle oder immaterielle Wert, sondern auch der zur Erlangung des Geschenks erforderliche Aufwand und der Nutzen für die beschenkte Person miteinander in Beziehung gesetzt werden. Das Ergebnis ist Entzücken, Überraschung, Enttäuschung, Wut – je nachdem wie die Kalkulation ausällt.

    Wenn solche grundlegenden Dinge verhandelt werden, interessieren natürlich immer auch Tierversuche, in denen Wale, Heuschrecken oder auch Pantoffeltierchen mit Modell-Situationen konfrontiert werden, die eine Analogie zu den komplexen „typisch menschlichen“ sind. Eine Leistung gilt dann als umso grundlegender, wichtiger und stärker biologisch verankert, je mehr Tierarten sich analog verhalten – eine einleuchtende Überlegung.

    Der niederländische Verhaltensforscher Frans De Waal hat sich hier besondere Verdienste erworben. Sein Lebenswerk und seine Schlussfolgerungen hat er in einem Buch mit dem vielsagenden Titel „Are we smart enough to know how smart animals are?“ zusammengefasst.

    Also: gibt es „Inequity Aversion“ bei Tieren? Kurze Antwort: ja. Längere Antwort: Es kommt auf die Tierart an. Primaten (v.a. Schimpansen) und Krähenvögel sind nachweislich empfindlich, wenn es unfair zugeht, genauso aber auch Elefanten und Delfine. Es scheint, dass eine gewissen Hirngröße und das Leben in einem sozialen Verband zusammenkommen müssen, damit Inequity Aversion entwickelt wird.

    In den legendären Experimenten, die am Anfang der Forschung zur Inequity Aversion (und im Mittelpunkt unserer Podcastfolge zum Wisspod-Adventskalender) stehen, wurden Kapuzineraffen untersucht:

    …und natürlich werden wir uns hüten, an dieser Stelle zu verraten, was bei diesem legendären Experiment geschah. Immerhin so viel können wir verraten: Es hatte sehr viel Ähnlichkeit mit einer weihnachtlichen Bescherung.

    Noch ein Tipp zum Zugucken: Frans de Waal zeigt in einem TED-Talk eben dieses legendäre Experiment, in dem ein Kapuzineraffe ziemlich schlecht gelaunt auf eine ungleiche Entlohnung reagiert.

    Genauso plausibel und menschlich: Inequity Aversion ist besonders ausgeprägt, wenn ein hoher Aufwand erforderlich war, um die Belohnung zu ergattern. dies berichten:

    Für den Deep Dive empfehlen wir hier den sehr gut zusammengestellten Artikel der englischsprachigen Wikipedia:

    2. Eine Einladung zum Potlatch bei den Kwakwaka’wakw

    Der Austausch von Geschenken sollte nicht nur zu Weihnachten gerecht und angemessen sein. Ganz drastisch wurde uns das von Frans de Waal gezeigt.
    Die Ethnologie erlaubt uns einen Blick auf eine soziale und, überraschend andere, zukunftsweisende Schenk-Tradition aus der Geschichte der First Nations aus Bakiotl (nun British Columbia , Nord Kanada). Wir haben uns mit dem Potlatch beschäftigt – auch geschrieben Potlach; gesprochen „potlätsch“.
    Kein einfaches Unterfangen – so faszinierend dieser Brauch ist, so unterschiedlich prägte die kulturelle Herkunft den Blick.
    Wir haben uns daher hauptsächlich die Geschichte aus der Sicht der Kwakwaka’wakw (auch „Kwakiutl“), einem Stamm der First Nations, erzählen lassen.

    Der Ursprung des Potlatch

    „Das Volk der Kwakwaka’wakw wanderten aus dem unwirtlichen Nordosten Sibiriens in ein Land, das sie „Bakiotl“ nannten. Voller Freude und Dankbarkeit ob der Fülle an Fisch, Fleisch, Beeren, Kräutern, Holz als Baumaterial für Kanus, ihre Langhäuser und rituelle Artefakte (Totempfähle) und dem angenehmeren Klima feierte man Feste der Dankbarkeit, an denen man die eigene Geschichte lebendig werden lies und wohlwollend der Ahnen gedachte.

    Eine Tradition entsteht
    Aus den Freuden-Festen entwickelte sich die Tradition des Potlatch, einem Fest des Schenkens. Potlatch ist ein Wort der pazifischen Nordwestregionen von Kanada und Amerika aus der universellen Handelssprache Chinook und bedeutet „Gabe“ oder „Geschenk“.
    In diesem Vererbungsritual wurden noch zu Lebzeiten der „Erblasser“ Namen, Privilegien, Masken, Schnitzereien, Totempfähle und Rituale weitergegeben.

    Auch spirituelle Handlungen, Lieder, Tänze und Methoden der Heilung wurden öffentlich gemacht. All‘ das sollte die Kontinuität zwischen der Welt der Ahnen, der Gegenwart und Zukunft sicherstellen.
    Die Anwesenheit hochrangiger Zeugen aus anderen Stämmen legitimierte diese Kontinuität: Diese konnten bezeugen, dass „alles mit rechten Dingen“ zugegangen war; dass die Erben rechtmäßig eingesetzt waren.
    Das wir keine Vererben von Land mit aufführen hat den Grund in der Regel dass Land nicht vererbbar war, sondern von Jedermann/-frau zu nutzen sein sollte.

    Das Ende des Potlatch?

    Ein vernünftiges und rauschendes Fest, wie es scheint.
    Einen ersten auch visuellen Eindruck gewinnt man auf der Website einer Wander- Ausstellung zum Thema: DIE MACHT DES SCHENKENS. DER POTLACH IM GROSSEN HAUS DER KWAKWAKA´WAWK FIRST NATION. Ausstellung zu Geschenk-Kulturen und Verschwendungs- Ökonomien.
    https://www.kulturstiftung-des-bundes.de/de/projekte/bild_und_raum/detail/der_grosse_potlatch.html

    Moment – was sind Verschwendungs-Ökonomien? Etwa der durch überbordende Geschenke Rituale zu Weihnachten getriebene Tsunami von „eitlem Tand“ und „unnützem Zeugs“?
    Nun, es gibt eine deutliche Differenz zwischen den Erzählungen der indigenen Bevölkerung und denen der eingewanderten Europäer, was denn nun ein Potlatch sei.
    Die übereinstimmenden Erzählungen der Kwakiutl zeigen: Grundlegend war die Idee, „etwas“ zu nutzen, aber nicht auf ewig (z.B. in der Familie) zu „besitzen“. Auch wollte man Erbstreitigkeiten verhindern und friedlich weiter gut leben, alles Wissen und Können, den gesamten Besitz zum Wohle aller weiter zu gegeben an die nächste Generation.
    In den Augen der eingewanderten, überwiegend protestantisch-calvinistisch geprägten Christen war das gotteslästerlich, höchst unvernünftig oder sogar geisteskrank. Beweis: Die Schenkenden gäben ja „alles“ weg, scheinen sich „in den Ruin geschenkt“ zu haben.

    Politiker und Missionare erklärten daher den Potlatch als das eigentliche Hindernis für die Christianisierung des Volkes der Kwakwaka’wakw. Weil christliche Missionare und Politiker die Tradition so gründlich missverstanden, fand er ein vorläufiges Ende und wurde im Jahr 1884 in Kanada verboten und kriminalisiert.
    Das Kulturerbe, einschliesslich von zum Teil über 300 Jahre alten Artefakte wurden beschlagnahmt, verschenkt, verkauft und konnten nur zum Teil in Museen gerettet werden.

    Potlatch und Weihnachten

    25.12.1921 Die Nähe von Potlatch und Weihnachten wird deutlich, als die Kwakwaka’wakw im Dorf Mimkwamlis (Village Island), 300 km nordwestlich von Vancouver, einen verbotenen Potlatch feierten. Mitveranstalter war der Chief (Häuptling) Cranmer.
    https://vancouversun.com/news/local-news/this-week-in-history-1921-mass-arrests-at-kwakwakawakw-potlatch-took-place-christmas-day

    Grandmother Gloria Cranmer Webster, eine Nachfahrin des Häuptlings Cranmer erzählt über diese Tradition der Vorfahren in diesem Video:
    Kwakwaka’wakw – The Potlatch Cermony & Traditions.

    https://www.youtube.com/watch?v=a_BE8dLDhVY


    Weil immer noch kolonialistisch geprägte Versionen durchs Web irrlichtern, sollte man auf sich mit wachem Blick den Quellen nähern.
    Empfehlenswert sind weitere Videos auf Youtube als Quelle.

    Mehr Informationen über den Potlatch und die First Nations gibt es bei: Kenneth Greg Watson: [_Native Americans of Puget Sound — A Brief History of the First People and Their Cultures._][1]
    HistoryLink.org, 29. Juni 1999.
    http://historylink.org/index.cfm?DisplayPage=output.cfm&file_id=1506

    Nahm der Bann des Potlatch ein Ende? Erst 1951 wurde die Kriminalisierung aus dem „Indian Act“ gestrichen. 1953 fanden erste Potlatches wieder statt, bei denen man die Sprache und Traditionen der First Nations wieder aufleben ließen und das alte Wissen weitergaben.
    https://www.thecanadianencyclopedia.ca/en/article/potlatch

    Überraschend kenntnisreich auch die englische Fassung der Wikipedia:
    https://en.wikipedia.org/wiki/Potlatch

    Das waren: Zwei Geschichten, die sich mit Schenken und Geschenken beschäftigen. 

    Die erste Geschichte aus der Verhaltenswissenschaft offenbart eindrücklich, wie wichtig und universell Fairness und Gerechtigkeit im Zusammenleben, auch bei Belohnungen und beim Schenken sind. 
    Also Obacht beim Schenken zum Fest. Heftige Reaktionen der Beschenkten sind nicht ausgeschlossen. 

    Die zweite Geschichte stammt aus der Ethnologie. Sie macht deutlich, wie das Unverständnis einer fremden (Schenk-) Kultur wirkmächtig (fast) zum Untergang derselben führt. 
    Man sollte verstehen, weshalb Menschen und Kulturen schenken: es kann eine andere Bedeutung haben, als man annimmt.


    Folgenbild

    Auch umfangreiche Recherchen gaben aus dem riesigen Fundus von Zeichnungen und Gemälden nichts her für ein passendes Folgenbild.
    Aber natürlich bietet das 21. Jhd. jegliche Unterstützung Bildgenerierender Modelle.
    Das Folgenbild stammt aus dem virtuellen Pinsel von Googles Gemini.
    Der Prompt* das Bild „Im Stile von René Margritte“ zu erstellen zauberte überbordende Trauben auf ein Dach, einen von einer ganzen Gurke enttäuschten Primaten und einen das Ganze freundlich betrachtenden Mann der First Nations in eine Illustration.
    Das Weihnachts-„Easteregg“ finden aufmerksame Betrachter:innen an einer exponierten, aber unerwarteten Stelle als Hommage an René Margritte.
    *Danke für den Prompt an Henry.


  • Über KI-Slop

    Über KI-Slop

    Aber zuvor eine Information zum Wisspod-Adventskalender

    Es gibt eine Sonderfolge von achwasfm.janlucash.com/:
    Am 13. Dezember – erschien unsere „Geschenke“ Folge S03E1324 „Gurke, Traube & The First Nations“ im Wisspod-Adventskalender.
    Alle 24 Folgen findet ihr unter dieser URL: https://wissenschaftspodcasts.de/themenseiten/wisspod-adventskalender-2025

    S03E14 Das Thema dieser Folge ist eigentlich ein altehrwürdiges, nämlich… das Schlaraffenland! Wirklich! Wie das sein kann? Nun, die Retorten der allenthalben entfesselten künstlichen Intelligenzen produzieren rund um die Uhr alle Arten von Inhalten – Pardon, „Content“. Sie tun dies in Mengen, für früher Tausende von Autor/innen hunderttausende Stunden hätten arbeiten müssen. Musik, Texte, Bilder quellen aus dem Browser wie gebratene Tauben.

    Und sie werden von findig entwickelten Bots optimiert und in die Trefferlisten der Suchmaschinen hineingepresst. Als Bewohner dieses zweifelhaften Schlaraffenlands müssen wir anscheinend nichts mehr tun, außer Konsumieren. Alles schreibt, komponiert, textet und gestaltet sich im Nu in beliebigen Mengen wie von Geisterhand. Dabei ist es einer KI natürlich völlig gleichgültig , ob es sich bei Ihren Produkten um Wahrheiten oder Lügen, Tatsachen, Fake News oder beliebigen erfundenen Mumpitz handelt. Was zählt ist Aufmerksamkeit und Reichweite, je mehr, desto besser und koste es, was es wolle.

    „AI-Slop“ oder „KI-Slop“ nennt man diesen lautlosen Content-Tsunami und so nimmt es nicht Wunder, wenn es mittlerweile Menschen gibt, die das Internet quasi für tot erklären oder seinen nahen Untergang voraussagen, tot und begraben unter … genau: KI-Slop. Also: Nach uns die Sintflut? Es scheint so. Und einmal mehr war es der zwangsgebührenfinanzierte linksversiffte Sender ARTE, der als eines der ersten reichweitenstarken Medien das Phänomen in einer wirklich sehenswerten Dokumentation aufgegriffen hat. Titel:

    Und dieser wissenschaftliche Beitrag von Renee Di Resta und Josh Goldstein ist einer der frühesten zur Bestimmung des Phänomens „AI-Slop“. Er geht dabei u.a. auch auf den notorischen „Shrimp Jesus“ ein.

    Unser Lesetipp zum Thema ist jedoch diesmal ein Blog-Artikel.

    Humbug und Bullshit

    Im Verlauf unseres Gesprächs über KI-Slop stellt sich heraus, dass Menschen – auch ohne KI – Slop erzeugen können. Der typische Auslöser für menschlichen Slop ist, dass Personen Wirkungen erzielen möchten, ohne Rücksicht auf die Wahrheit ihrer Aussagen zu nehmen. Alternativ entsteht Human-Slop, wenn Menschen gezwungen werden, über Dinge Auskunft zu geben, von denen sie nichts verstehen. Das wundervolle Essay über „Bullshitting“ des Philosophen Harry Gordon Frankfurt ist online verfügbar und es ist wirklich lesenswert. Vor dem inneren Auge sieht man schemenhaft Donald Trump Hand in Hand mit ChatGPT vorbeiziehen…

    Oberflächen und Tiefenstruktur

    Wir haben lange nach verständlichen und einfachen Quellen zu diesem Thema recherchiert und sind nicht wirklich fündig geworden. Natürlich: Quellen gibt es zuhauf, aber sie sind aus der Linguistik und das ist meist sehr schwere Kost zum Lesen und zum Verstehen. Wer sich für die Idee von Oberflächen- und Tiefenstrukturen von Aussagen oder Bedeutuungen im allgemeinen interessiert, mag behelfsmäßig bei der Wikipedia nachlesen:

    https://de.wikipedia.org/wiki/Oberfl%C3%A4chenstruktur
    und
    https://de.wikipedia.org/wiki/Tiefenstruktur

    Zurück zu unserer Erzählung: Einmal mehr fragen wir uns, woher das kommt und ob Inhalte ohne Ende und ohne Anstrengung wirklich eine gute Idee sind? Immerhin haben alle Utopien des Schlaraffenlands sich für die sehr zwiespältige Wirkung des Überflusses interessiert: Man könnte es so zusammenfassen: Es ist viel, es ist (a) einfach und (b) bequem, aber auch (c) ungesund und (d) degeneriert. Das haben schon die mittelalterlichen Autoren so geargwöhnt.

    Model Collapse

    Dass das wörtlich zu nehmen ist (das mit der Degeneration), weiß man, seitdem Forschende damit experimentieren, künstliche Intelligenzen mit ihren eigenen Produkten zu füttern. „Model Collapse“ ist der Fachbegriff. Und er bedeutet: Die über mehrere Generationen in Inzucht entwickelten Systeme beginnen Fehler zu machen, sie produzieren erratischen Unsinn, produzieren Fehlstellen und Webfehler, beginnen sich zu wiederholen und stammeln schließlich nur noch stereotyp noch noch stereotyp noch stereoptyp…

    Angesichts der Tatsache, dass das Phänomen für KI eigentlich erst seit wenigen Jahren bekannt ist, sträubt man sich ja ein wenig, von „klassischen“ Quellen zu sprechen, aber dieser Beitrag – den wir im Blog besprechen bzw. zitieren – gehört zu den meistzitierten und hätte vielleicht das Prädikat „klasisch“ verdient:

    Ein lesenswerter Preprint zum gleichen Thema, der genau zum gleichen Ergebnis kommt – mit Beispielen dafür, wie die Inhalte einer degenerierten KI konkret aussehen:

    • Gambetta, D., Gezici, G., Giannotti, F., Pedreschi, D., Knott, A., & Pappalardo, L. (2024). Characterizing Model Collapse in Large Language Models Using Semantic Networks and Next-Token Probability. arXiv preprint arXiv:2410.12341.
      https://arxiv.org/pdf/2410.12341

    Wie viel Slop darf’s denn sein?

    Das ist natürlich eine berechtigte und interessante Frage. Die Antwort ist – noch – nicht ganz einfach. Immerhin gehen alle Quellen, die wir finden konnten, von einem wachsenden Anteil von Slop in allen denkbaren Plattformen aus. Allerdings ist bei der Bewertung aller Studien, die derzeit mit maschinellen Mitteln solche Zahlen ergeben, große Vorsicht geboten. Es gibt derzeit keine zuverlässigen Methoden, KI-generierte Inhalte zu erkennen.

    Hier einige derzeit aktuelle Quellen zum Thema:

    • Der im Podcast erwähnte Beitrag zur Ausbreitung von KI-Inhalten in verschiedenen Text-Sorten: Liang, W., Zhang, Y., Codreanu, M., Wang, J., Cao, H., & Zou, J. (2025). The widespread adoption of large language model-assisted writing across society. 
      https://www.cell.com/patterns/fulltext/S2666-3899(25)00214-4

    Verschiedenes:

    Der Halloween-Parade-Hoax wurde – wie erwähnt – vor allem im angelsächsischen Raum rund um die Britischen Inseln wahrgenommen und in der Presse kommentiert.

    Das Schlaraffenland ist weit über die Erzählung, die man über Märchenbücher kennt hinaus, ein interessantes Thema. Und es macht Spaß und ist auf der anderen Seite auch etwas „creepy„, wenn man sieht, wie genau sich diese skurrile Geschichte als Allegorie auf unseren hochmodernen KI-Slop sozusagen „mappen“ lässt:

    Zum Episodenbild:

    Pieter Brueghel der Ältere hat diese weltberühmte Vision des Schlaraffenlands um 1576 herum gemalt. Ein Ritter, ein Bauer und ein Gelehrter (also Vertreter aller Stände) liegen – vom vielen Genuss schon leicht adipös aufgequollen – unter einem Baum und warten darauf, dass die dort bereitgestellten Köstlichkeiten sich von selbst auf den Weg zu ihnen machen. Im Hintergrund läuft ein gebratenes Ferkel und an Horizont ist die Mauer aus süßem Hirsebrei zu sehen, die das Schlaraffenland bekanntlich umgibt und durch die sich gerade jemand hindurchgefressen hat. Die Kombination von Überfluss und sündiger Trägheit entspricht natürlich der Moral des ausklingenden Mittelalters, doch als Allegorie für KI-Slop können wir uns kaum etwas Besseres vorstellen.

    Bildquelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Das_Schlaraffenland_(Bruegel)#/media/Datei:Pieter_Bruegel_d._%C3%84._(1525-1569)_-_Das_Schlaraffenland_-_8940_-_Bavarian_State_Painting_Collections.jpg

  • Die AI Blase platzt – zu hohe Kosten, niedrige Erträge

    Die AI Blase platzt – zu hohe Kosten, niedrige Erträge

    Staffel 3, Episode 13.
    Am aktuellen KI Wirbel geht kein Weg vorbei – und die Meinungen auseinander. Jeder und jede kann es, das Prompten, oder müsste es können, um nicht von denen ausgestochen zu werden, die es in 3 Wochen-Kursen gelernt haben.
    Oder wie eine von mir sehr geschätzte Person von KI-überzeugter Seite zu hören bekam: „Klar, KI wird dich nicht ersetzen – aber diejenigen werden es tun, die KI können!“ Sehen wir und hören wir, was da aktuell rumort. Und dann wem Hören und Sehen vergeht.

    Das ist eindeutig – und weißt auf einen gigantischen Markt für die Anbieter der KI hin. Und für Ausbildungen in KI. Und für Menschen, die mit KI endlich schneller, besser und weiter kommen.
    Aber ist es wirklich so, wie es dargestellt wird: Angst und Gier tanzen fröhliche Urstände, will doch jede und jeder bessere Liebesmails, eigene Werbetexte, Webseitentexte, passende Bewerbungen schreiben lassen. Mit Ideen, auf die man selbst nicht kam. Aber ganz authentisch „Ich“ sind. Es empfiehlt sich, zumindest den generierten Text auswendig zu lernen für das das Date oder das Bewerbungsgespräch. Oder für das Gespräch mit den gewonnenen Kunden das Beherrschen der KI zu einem Super Mega USP (Unique Selling Proposition, Alleinstellungsmerkmal) hochzujazzen und auf Verständnis zu hoffen, dass man das von seinem Laptop und einem 20$ Abo für ein „Großes Sprachmodell“ von einer „Generativen KI“ erledigen lässt, was man da anpreist.


    So toll es klingt. eine Studie des MIT kommt zu dem Schluss, das 95 % der Unternehmen noch keine messbaren finanziellen Erträge aus ihren Investitionen erzielen konnten“.
    Und weiter, eine Meldung vom 6.11.2025 „Neue Daten zeigen, dass Unternehmen ehemalige Mitarbeiter wieder einstellen, da KI hinter den Erwartungen zurückbleibt. Ein wiederkehrender „Entlassungs-Bumerang“ trotz KI-Investitionen der Unternehmen“. (2)
    Momentan scheint es was für Privatmenschen und wenige Branchen zu sein:

    Und genau diese „Generativen KIs“ sollen toxisch für die Wirtschaft werden.
    Im Podcast erklären wir, was es braucht um eine Maschine für Generative KI zu betreiben. Und was man aus diesem Betrieb erlösen kann.
    Aber von Anfang an, worum geht es in dieser Folge: Am 25. September 2025 veröffentlichte Techspot eine Notiz der Deutschen Bank ann Ihre Kunden. Aufmerksame Leser:innen lasen die folgende Titelzeile: „Die KI-Blase ist das Einzige, was die US-Wirtschaft aktuell zusammenhält“.

    Der Vollständigkeit halber mehr des Textes(Quelle 1):
    „Laut einer kürzlich von der Deutschen Bank an ihre Kunden versandten Forschungsnotiz trägt der KI-Boom derzeit dazu bei, dass die US-Wirtschaft eine Rezession vermeiden kann, aber er (der Boom, HWK) kann nicht unbegrenzt anhalten. George Saravelos, Global Head of FX Research bei der Deutschen Bank, sagte, dass die USA in diesem Jahr kurz vor einer Rezession stünden, wenn die großen Technologieunternehmen nicht so viel Geld in den Aufbau neuer KI-Rechenzentren investieren würden. (Übersetzt mit DeepL).

    9.10.2025 „Die Bank of England und der IWF (internationale Währungs Fonds) warnen vor einer KI-Blase, die Ähnlichkeiten mit dem Dotcom-Crash von 2000 aufweist – Goldman Sachs mahnt jedoch, dass wir „noch nicht“ so weit sind.“ Übersetzt mit DeepL

    Original: „Bank of England, IMF, warn AI bubble risk has shades of 2000 dotcom crash — Goldman Sachs cautions we’re not there ‚yet’“
    https://www.tomshardware.com/tech-industry/bank-of-england-imf-warn-ai-bubble-risk-has-shades-of-2000-dotcom-crash-goldman-sachs-cautions-were-not-there-yet

    Zu Peter Thiel
    Wikipedia gibt einen guten Überblick und verlinkt valide Quellen
    https://de.wikipedia.org/wiki/Peter_Thiel

    Quellen

    (1) Techspot.com 27.09.2025 The AI bubble is the only thing keeping the US economy together, Deutsche Bank warns. When the bubble bursts, reality will hit far harder than anyone expects.

    https://www.techspot.com/news/109626-ai-bubble-only-thing-keeping-us-economy-together.html

    (2) Bonus Information, nach unserer Aufnahme erschienen: Techspot.com 6.11.2025 New data shows companies are rehiring former employees as AI falls short of expectations. A rebounding „layoff boomerang“ despite corporate AI investments
    „…Her comments align with research from MIT, which shows that about 95 percent of organizations have yet to realize measurable financial returns from their AI investments. Steve Sosnick, chief strategist at Interactive Brokers, said recent spending patterns in the sector suggest that „maybe all this money is not actually being spent all that wisely.“
    Deutsch: „… Ihre Aussagen stimmen mit einer Studie des MIT überein, aus der hervorgeht, dass etwa 95 Prozent der Unternehmen noch keine messbaren finanziellen Erträge aus ihren KI-Investitionen erzielt haben. Steve Sosnick, Chefstratege bei Interactive Brokers, sagte, die jüngsten Ausgabengewohnheiten in diesem Sektor deuteten darauf hin, dass „vielleicht all dieses Geld nicht wirklich sinnvoll ausgegeben wird“.

    (3) die oben erwähnte MIT Studie aus August 2025, Details:
    „Trotz geschätzter Unternehmensausgaben in Höhe von 30 bis 40 Milliarden US-Dollar für generative KI-Tools und -Systeme kommt ein neuer Bericht des Massachusetts Institute of Technology (MIT) zu dem Ergebnis, dass 95 % der Unternehmen noch keine messbaren finanziellen Erträge aus ihren Investitionen erzielen konnten“.

    „Während Tools wie ChatGPT und Microsoft Copilot weit verbreitet sind – mehr als 80 % der Unternehmen haben sie getestet und fast 40 % geben an, sie in gewissem Umfang einzusetzen –, steigern diese Tools eher die individuelle Produktivität als dass sie zu Gewinnsteigerungen führen. Unternehmensweite Systeme, egal ob maßgeschneidert oder von Anbietern verkauft, stoßen auf deutlich größeren Widerstand“. Übersetzt mit DeepL.
    https://www.digitalcommerce360.com/2025/08/25/mit-report-no-return-on-generative-ai/

    Folgenbild

    1637: Am 7. Februar 1637 platzt die seit zirka 1634 andauernde Tulpenzwiebelspekulation in Holland. Der Wikipedia Artikel bietet eine gute Übersicht, wie es zur Blase kam und zeigt mehrere Erklärungsstränge, wie diese dann zum platzen kam. Dabei spielten überzogene Kurse, ungerechtfertigte Preise und seltsame Verträge eine Rolle, die Bietern auf Zwiebeln die Möglichkeit gaben, gegen ca 10% der Summe auf dieses Bid zu verzichten.
    Um die Dimensionen damals aufzuzeigen: Für seltene Tulpenzwiebeln wurden Preise im Wert eines Stadthauses in Amsterdam gezahlt.
    https://de.wikipedia.org/wiki/Tulpenmanie


    Unser Folgenbild

    zeigt das Symbol der Tulpenzwiebelblase, eine Blüte der Sorte „Semper Augustus“. Das Tulpenmuseum Amsterdam überschreibt dieses Bild folgendermaßen:

    „Die zweifellos berühmteste Tulpe der Geschichte ist die rot-weiße Semper Augustus – eine „gebrochene Tulpe“, von der eine Zwiebel während der Tulpenmanie angeblich für den Gegenwert von mehr als einem Stadthaus in Amsterdam verkauft wurde. (Übersetzung aus dem Englischen).

    Quelle: ⁠https://amsterdamtulipmuseum.com/pages/semper-augustus-most-famous-tulip⁠

  • Die Dunkle Seite der Macht – mehr über Ultraviralität

    Die Dunkle Seite der Macht – mehr über Ultraviralität

    S307 Eisberge bieten sich ja gerne als Vergleich an, wenn es verborgene Dinge gibt, die sich dem Betrachter oder der Öffentlichkeit entziehen. Dunkelziffern, Fehlversuche, unausgesprochene Erwartungen… Sie verbergen bekanntlich neun Zehntel ihrer Masse unter Wasser, nur zehn Prozent sind sichtbar. Wir leihen uns diese Metapher aus, um darüber nachzudenken, dass Faktoren, die in sozialen Netzwerken zu unerwartet großen Reichweiten führen, zum größeren Teil nicht-linear, anorganisch und schwer vorhersagbar sind – unter dem Wasserspiegel eben.

    Das ist schon einmal eine wichtige Erkenntnis. Wer also davon hört oder liest, dass man Informationen „teilt“, sollte sich bewusst sein, dass es in den Netzen, in denen wir leben, eigentlich um etwas ganz anderes geht, nämlich das Monetarisieren von viralen Reichweiten. Und hier gilt eine einfache Formel: je mehr, desto besser – oder? Wir teilen nicht, wir veröffentlichen, d.h. wir multiplizieren – und das ist so ziemlich das Gegenteil von einem intimen Vorgang, bei dem man etwas mit Freunden „teilt“. Der Kuchen, den ich zur Party mitbringe, wird mit jedem/r weiteren Freund/in, der/die davon nascht, kleiner. Das ist Teilen.

    Aufgrund der Netzwerkeigenschaften von sozialen Medien hat mein privates Video, in dem ich mich etwas ungeschickt verhalte oder vielleicht etwas über den Durst getrunken habe oder einen missverständlichen Witz mache, aber nicht nur theoretisch, sondern ganz wortwörtlich das Potential für eine weltweite, gigantische Reichweite. Jedes einzelne Video kann viral gehen, es gibt keine Limits, keine Bremsen. Das Teilen meines privaten Geschehens mit meinen Freunden und dem intimen Kreis meiner Follower/innen, sei es ein Maleur oder eine Heldentat, kann also ganz unvermittelt und ohne mein Zutun apokalyptisch anmutende Folgen nach sich ziehen. Wir nennen das „Ultraviralität“ und das ist keine Theorie, sondern ein an zahlreichen anekdotischen Beispielen belegbarer Sachverhalt.

    Die Beispiele

    Um die Idee von Ultraviralität zu illustrieren, haben wir einleitend im Podcast zwei Beispiele erwähnt.

    Das „Star Wars Kid„

    Eines der ersten richtig ultraviralen Videos ist Anfang der „Nuller“-Jahre von einem kanadischen Jugendlichen mit Namen Ghyzlain Raza gedreht und dann von einem tückischen Kameraden, der eben kein „Freund“ war, „geteilt“ worden. Die 900 Millionen Aufrufe, die es in den nächsten Jahren erzielt hat, haben die seelische Gesundheit des Protagonisten dann fast ruiniert. Man spricht in Zusammenhang mit der Scham, den Schuldgefühlen und darauf folgenden depressiven Reaktionen auch von einem „Medienopfersyndrom“.

    Dies ist das Video:

    Im Jahr 2022 wurde die Geschichte von Ghyzlain Raza in einem Dokumentarfilm erzählt:

    https://en.wikipedia.org/wiki/Star_Wars_Kid:_The_Rise_of_the_Digital_Shadows

    Chewbacca Mom

    Unser zweites virales Beispiel hat – tatsächlich eher zufällig – auch mit STARWARS zu tun, aber es ist diesmal eine positive Geschichte. Sie betrifft das legendäre „Chewbacca-Mom“-Video, das in drei Tagen 140 Millionen Views erzielt hat – ohne dass die Content Creatorin sich das hat träumen lassen.

    Auch das war Ultraviralität und zum Glück hat die Protagoistin das nicht nur gut überstanden, sondern auch in verschiedener Hinsicht von Ihrem unverschuldeten Celebrity-Status profitiert.

    andere Quellen

    Die Social Brain Hypothese, auf die wir zu Beginn der Episoide Bezug nehmen, wurde von Robin Dunbar Anfang der 90er Jahre erstmals formuliert bzw. entwickelt. Er hat in seiner Arbeit eine plausible und begründete Schätzung der Größe eines „natürlichen sozialen Netzwerks“ eines Menschen vorgenommen. Er kommt dabei auf die „Dunbar-Zahl“: 150-200 Menschen sind demnach ein einigermaßen organisches Netzwerk von Personen, die sich gegenseitig kennen können.

    Die anorganischen Netzwerk-Eigenschaften sozialer Medien und ihre Auswirkungen, über die wir uns im Podcast unterhalten, sind in einer Vielzahl von Publikationen belegt.

    Dass Lügen erfolgreicher sind als die Wahrheit ist mittlerweile Konsens. Der berühmte Erst-Befund zum Thema ist diese Arbeit:

    Wie politische Gruppierungen versuchen, das Netz, seine Anonymität und die besonderen unsichtbaren Netzwerk-Eigenschaften für Ihre Zwecke einzusetzen, zeigen verschiedene Geschehnisse und Veröffentlichungen.

    • Das „Handbuch für Medienguerillas“ ist ein Dokument, das aus dem rechtsextremen Spektrum stammt und Strategien für Online-Trolling, Infokriege und Meme Wars beschreibt. Es wurde 2017 von der Gruppe „D-Generation“ verfasst und geleakt. Es wurde insbesondere im Umfeld der „Identitären Bewegung“ und der Online-Community „Reconquista Germanica“ verbreitet.
      https://www.hogesatzbau.de/wp-content/uploads/2018/01/HANDBUCH-F%C3%9CR-MEDIENGUERILLAS.pdf

    Dass negative Informationen erfolgreicher sind als positive ist ebenfalls kein Punkt, über den man diskutieren muss. Exemplarisch:

    Der Artikel über die Bedeutung der topographischen Position eines Senders für die Reichweite in sozialen Netzwerken einschließlich der „K-Cell“ bzw. „K-Shell“ Metriken, der im zweiten Teil des Podcasts ausführlich beschrieben wird, hat uns sehr fasziniert. Er ist hier nachzulesen:

    • Die Quelle: Pei, S., Muchnik, L., Andrade, Jr, J. S., Zheng, Z., & Makse, H. A. (2014). Searching for superspreaders of information in real-world social media. Scientific reports, 4(1), 5547. Er ist online abrufbar unter der URL:
      https://www.nature.com/articles/srep05547.pdf

    Ein Befund, der direkt dafür spricht, dass die Nutzer mit ihrem Verständnis der Ausbreitung von Information daneben liegen, ist das Unterschätzen der eigenen Reichweite.

    Das Episodenbild

    Wenn wir schon Eisberge als Leitmotiv im Podcast haben, müssen natürlich entsprechende Bilder her. Das hier zu sehende hat uns ästhetisch besonders beeindruckt. Es ist von dem seinerzeit nicht unbekannten deutsch-amerikanischen Maler Albert Bierstadt im 19. Jahrhundert gemalt worden.

    Bildquelle:https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Albert_Bierstadt_-_The_Iceberg.jpg

  • Wie Reichweite zum Fluch wird – Ultraviralität

    Wie Reichweite zum Fluch wird – Ultraviralität

    S3 E06 Wir sollten uns klar machen, dass die gigantischen Abrufzahlen, die man in Plattformen wie YouTube oder TikTok findet, immer in einer speziellen Währung bezahlt werden: „investierte menschliche Lebenszeit“.

    Spätestens dann, wenn man es mit Millionen von Abrufen zu tun bekommt, handelt es sich bei dem in Frage stehenden Vorgang also nicht mehr um gewöhnliche menschliche Kommunikation, sondern um das Verbrennen astronomischer Mengen von Lebenszeit (letztlich zu Gunsten von Oligarchen und Aktiengesellschaften).
    Überhaupt lesen sich viele Wörter, wenn es um Reichweiten im Web geht, etwas …speziell. Dass die Abertausenden von Menschen, die auf sozialen Medien um uns herumschwirren, nicht wirklich unsere „Freunde“ sein können, hat sich vielleicht schon herumgesprochen. Trotzdem können wir Mark Zuckerberg diesen listigen linguistischen Angriff, der suggerieren sollte, wir seien auf Facebook „unter uns“ nicht verzeihen.

    Aber Toni Kroos hat auch keine 49 Millionen „Follower“ (das würde ihn sowohl auf der Autobahn als auch beim Einkaufen ziemlich beunruhigen). Es gibt auch nichts, was Christiano Ronaldo mit 650 Millionen Personen „teilen“ könnte. Wenn man bedenkt, dass „Teilen“ bedeutet, dass man den zu teilenden Gegenstand aufteilt, bliebe buchstäblich nichts mehr übrig.

    Wir schlagen vor, dass man vielleicht von "Ultraviralität" sprechen sollte, wenn die Reichweiten das natürliche menschliche Maß übersteigen, wenn es also – wieder einmal – "supernormal" zugeht. Wir meinen damit nicht etwa wichtige Informationen, die viele Menschen angehen , sondern den Mumpitz, der durch die Algorithmen sozialer Medien in totale Aufreger und "Trending Topics" verwandelt und in astronomischem Maßstab multipliziert wird. Den Hintergründen für Ultraviralität gehen wir in dieser Folge von achwasfm.janlucash.com/ nach und bedienen uns dabei einer höchst ehrbaren wissenschaftlichen Ideenwelt aus der Systemtheorie und Kybernetik.

    Quellen zur Folge

    • Einer DER Klassiker über Kybernetik, in dem alle von uns verwendeten Ideen dargestellt und sehr viel breiter und tiefer erklärt und entwicklt werden, stammt aus dem Jahr 1956. Und man sollte nun nicht denken, das sei „nicht mehr aktuell“. Das Buch wurde wurde von Ashby, W. Ross geschrieben. Titel: Introduction to Cybernetics. Erschienen ist das Buch in London bei Chapman and Hall und hier kann man es komplett downloaden:
      https://philpapers.org/archive/ASHAIT

    Unsere Fallstudien sus der Kategorie „ungeplant viral“

    Justine Sacco

    Der Fall der PR Managerin, die bei der Landung nach einem längeren Flug von einem gigantischen Firestorm erwischt wurde, ist – nach unserer Recherche – am besten in einem Beitrag des „Guardian“ nachzuvollziehen. Der Artikel ist auch deshalb interessant, weil sein Autor, der Partei für Justine Sacco ergriffen und das Absurde des Vorgangs kritisch kommentiert, selbst in einem Firestorm zweiter Ordnung attackiert wurde.
    https://www.theguardian.com/media/2015/dec/20/social-media-twitter-online-shame

    Das „Star Wars Kid“ Ghyslain Raza

    Der ahnungslose Teenager, der sich vor der Kamera eines Freundes als Yedi-Ritter produzierte und dann unfreiwillig zu einem Millionen-Klick-Weltstar avancierte, kann hier (in einer späteren Kopie mit „nur“ 38 Millionen Aufrufen) in Augenschein genommen werden:

    In dem kanadischen Dokumentarfilm „The Shadow of the Star Wars Kid“ aus dem Jahr 2022 wird von Ghyslains Schicksal erzählt. Der Film berichtet auch über Ghyzlains späteren Lebensweg. Er ist z.B. auf AppleTV oder AmazonPrime zu sehen, wir verlinken hier der Netralität halber auf die Wikipedia-Seite:
    https://en.wikipedia.org/wiki/Star_Wars_Kid:_The_Rise_of_the_Digital_Shadows

    „Charley Bit My Finger“

    hier ist das extrem nervenaufreibende Video von Harry und Charly, in dessen Betrachtung mehr als 800 Millionen Menschen zwei Minuten Lebenszeit investiert haben

    BBC Dad

    Dies ist das in unserer Episode erwähnte BBC-TV-Interview mit dem durch seine eigenen Kinder unfreiwillig überfallenen Politik-Experten. Seit 2017 haben 62 Millionen Menschen das Video gesehen.

    The Dress

    Über „The Dress“ gibt es dutzende von Artikeln und Videos, ein guter Ausgangspunkt ist der englischsprachige Wikipedia-Eintrag zum Thema https://en.wikipedia.org/wiki/The_dress. Wir zitieren hier außerdem ein Erklärvideo, das es alleine schon auf schlappe 10 Millionen Klicks gebracht hat:

    Und übrigens: es gibt da noch eine makabre Fortsetzung der Geschichte. Wir verlinken hierzu einen Beitrag zu der Anklage an den Bräutigam dessen Schwiegermutter das Kleid fotografiert hatte (wegen versuchten Mordes an seiner Frau):

    https://www.rnd.de/panorama/the-dress-debatte-urheber-wegen-versuchten-mordes-an-ehefrau-angeklagt-OSUPEEQMWNEPTC46SEKQ7U6URU.html

    zum Episodenbild

    Der Krieg gegen die „Vier Plagen“, der China Anfang der 50er Jahre in eine gigantische Hungersnot gestürzt hat, ist nicht nur beispielhaft für kompletten Unsinn, der durch Entscheider verursacht werden kann. Er zeigt auch, wie schon relativ einfache Systeme in der Natur durch unbedachte Eingriffe und falsches Justieren von Soll-Werten in ein tödliches Ungleichgewicht gebracht werden können.

    https://de.wikipedia.org/wiki/Ausrottung_der_vier_Plagen#/media/Datei:Kill_bird_and_insect.jpg

  • Haben Gefühle ein Gesicht? Universelle Mimik.

    Haben Gefühle ein Gesicht? Universelle Mimik.

    S3E01 Und plötzlich, mitten in einem eigentlich guten Gespräch fühlten Sie sich unwohl. Ihr Gegenüber hatte plötzlich so einen merkwürdigen Gesichtsausdruck. Jetzt guckt er wieder anders, aber das Gefühl bleibt. Was war das?

    Unsere erste Folge der 3. Staffel beschert Ihnen einen tieferen Einblick, welche Möglichkeiten uns die Natur mitgegeben hat, um in „Sozialen Einheiten“ (Familien, Gruppen, Vereinen, Dörfern, Städten) miteinander zu kommunizieren. Auch gibt sie die Möglichkeit für uns, die anderen „zu lesen“, Gefühle zu erkennen. Ja, selbst die blitzschnellen, flüchtigen Bewegungen der Gesichtsmuskulatur beeinflusst andere und bietet Einblicke in unseren aktuellen Gemütszustand. Und den der Anderen.

    Auch auf Apple Podcast und überall, wo es Podcasts gibt.
    Wir empfehlen:
    https://wissenschaftspodcasts.de/podcasts/

    Und das Immer. Auch wenn uns nicht bewusst wird, weshalb uns da jemand plötzlich suspekt ist, könnte es an der Mikroexpression, diesem blitzschnellen Minenspiel liegen. 

    Diese Fähigkeiten entwickelten wir, als wir uns noch in kleineren Gruppen und, vor allen Dingen, direkt begegnet sind. Auch wenn die dafür notwendigen Sinne „Fernsinne“ genannt werden – es war Auge in Auge oder Füstern, Geräusche und Reden. Damals bedeutet: Die Erfindung der „Tele“Kommunikation war noch mehr als 100.000 Jahre entfernt.

    Die Sinne und die Wahrnehmung sind geblieben. Unsere Reaktionen auch. Statt mit 10 – 30 Menschen können wir hunderte erreichen und hunderte sehen und hören. Und die uns in Social Media, Youtube, Instagram.

    Also: Schauen wir uns unsere Superkräfte einmal genauer an? Die erste von 42 weiteren Folgen der Staffel 3 des Podcasts, der die Antwort auf alle Fragen beantworten wird, lohnt sich. 

    Quellen

    Unsere „5 plus“ Sinne. Als es LLM noch nicht gab, war es etwas verpönt, wikipedia als Quelle für Quellen anzugeben.
    Aber – für einen ersten Überblick reicht es allemal, weiterführende Quellen sind vorhanden.
    https://de.wikipedia.org/wiki/Sinn_(Wahrnehmung)

    Marshall McLuhan. Die Gutenberg-Galaxis: Die Entstehung des typographischen Menschen. 1962, (2011 letzte Neuauflage).
    Gibt es im gut sortierten Archiven oder Hochschulbibliotheken oder hochpreisig als „Ausgabe im Schmuckschuber“.
    Marshall darf nicht auf das „Global Village“ reduziert werden. Von ihm stammen weitere fundamentale Erkenntnisse zur Thematik Kommunikation und Medien (Das Medium ist die Botschaft.) Als weiterer Appetithappen folgendes hellsichtiges Zitat:
    „Wenn eine neue Technologie einen oder mehrere unserer Sinne in die soziale Welt ausdehnt, werden sich neue Verhältnisse zwischen allen unseren Sinnen ergeben.“  Gutenberg Galaxy 1962, S. 41


    Giacomo Rizzolatti, Corrado Sinigaglia: Empathie und Spiegelneurone: Die biologische Basis des Mitgefühls. Frankfurt am Main.: Suhrkamp, 2008, ISBN 978-3-518-26011-1
    Giacomo Rizzolatti et. al. gelten als diejenigen, die die Entstehung von empathischem Verhalten durch Experimente mit Primaten als erste nachgewiesen haben.

    Der sogenannte „Carpenter Effekt“ (William Benjamin Carpenter, 1852): Beim Sehen oder bei der Vorstellung einer Bewegung können – bei der/dem Beobachter:in unbewusste Kontraktionen der für diese Bewegung benötigten Muskulatur ausgelöst werden (idiomotorische Reflexe).
    In seiner Zeit waren diese Effekte als plausible Erklärung von „übersinnlichen Phänomenen“ wie Tischerücken, Pendeln in Séancen bekannt.
    Vgl.: Wolfgang Prinz: „Ideomotorik und Isomorphie“ in Otmar Neumann (Hrsg): „Perspektiven der Kognitionspsychologie“ 1985.

    Ein Leckerbissen (für Kenner) ist die Originalschrift von 1852. „Carpenter, William Benjamin: On the influence of suggestion in modifying and directing muscular movement, independently of volition. In:  Royal Institution of Great Britain.1852. Weekly Evening Meeting, Friday, March, 12., 1852, S. 147‑153.“
    Unter dem folgenden Link das Original in Kopie zu finden (Abruf am 28.10.2024, 23:12).
    https://www.sgipt.org/medppp/psymot/carp1852.htm

    https://www.spektrum.de/lexikon/neurowissenschaft/ideomotorisches-training/5931

    Wird auch in der Filmwirtschaft genutzt:
    https://filmlexikon.uni-kiel.de/doku.php/c:carpenter8209effekt-9339

     Die Gefühlsansteckung
    Max Scheler: „Wesen und Formen der Sympathie.“ 2. Auflage. F. Cohen, Bonn 1923„
    Scheler verwendet den Begriff „Gefühlsansteckung“ ähnlich wie Carpenter (früher) und Rizzolati (später). Bekanntheit erlangte der Begriff „Gefühlsansteckung“ durch die Übersetzung durch die Psychologin Elaine Hatfield 1994.
    Elaine Hatfield, (Cacioppo, J. T., & Rapson, R. L) die in Ihrem Buch Hatfield, E
    .,. (1994). Emotional contagion. Cambridge University Press

    Kommentar HWK: Carpenter und -> Scheler müssen wiederentdeckt werden, um Kommunikation und Sozialität von Menschen auch neurophysiologisch besser zu verstehen.

    Charles Darwin
    Als Schlüsselwerk der Emotionspsychologie gilt sein Werk „The Expression of the Emotions in Man and Animals 1872 (Dtsch: Der Ausdruck der Gemütsbewegungen bei dem Menschen und den Tieren„).
    Das Buch erschien ein Jahr nach Herausgabe des bekannteren Werkes: „The descent of man (1871)“ (Dtsch: „Die Abstammung des Menschen„) und leitete über die Ähnlichkeit von Mimik bei Primaten und Menschen die Verwandschaft und geneinsame Abstammung statt.

    Geschenk Tipp: Das Buch „The Expression of the Emotions in Man and Animals 1872“
    wurde wieder aufgelegt bei Springer Nature im Oktober 2022.
    https://link.springer.com/chapter/10.1007/978-3-658-37869-1_12

    Daniel Kahneman (dtsch.:)
    Schnelles Denken, langsames Denken, Siedler, München 2012.
    In vielen unserer Podcasts zitiert (Bitte Suchfunktion nutzen). Entthronte zusammen mit seinem Kollegen Tversky den zweckrational entscheidenden „Homo Oeconomicus“ und führte das Modell der Entscheidungen als ein Zusammenspiel von intuitivem Denken / Handeln und gründlichem Nachdenken ein.

    Rolf Dobelli: „Die Kunst des klaren Denkens“2011, Hanser Verlag.
    In 52 kurzen Kapiteln werden Denkweisen beschrieben, die als systemstische „Denkfehler“ bezeichnet werden.
    In dem Wikipedia Artikel https://de.wikipedia.org/wiki/Die_Kunst_des_klaren_Denkens:_52_Denkfehler,_die_Sie_besser_anderen_überlassen
    werden diese gelistet. Aufmerksamen Hörer:innen und Leser:innen kommen diese bekannt vor, sind sie doch die „Cognitive Biases“ von denen auch im Podcast berichtet wurde – und sich auch „im Kahneman“ wiederfinden. Ideales Büchlein für die leichtfüssige Einführung ins Thema mit vielen Beispielen und Anekdoten.

    Paul Ekman
    Die empfehlenswerte Literaturliste von Ekman sprengt diesen Podcast. Daher unsere Empfehlung, sich auf der Seite der Ekman Group umzusehen:
    https://www.paulekman.com
    Um die eigene Fähigkeit, Micro-Expressions zu testen, gibt es kostenlos diese Seite…
    https://www.paulekman.com/quizzes/micro-expressions-test/
    Möchte man es lernen: Der Lehrgang ist nicht kostenlos.

    Lie to me
    Aus „Paul Ekman“ wurde die fiktive Figur „Cal Lightman“, aus der Ekman Group die Lightman Group. Besonders zu emfehlen die erste Staffel der Serie, weil es viele Erklärungen und Beispiele zu sehen sind.
    Mehr dazu hier in der IMDb:
    https://www.imdb.com/title/tt1235099/

    Mimikresonanz©
    Einen integrativen Ansatz (Körpersprache und Mimik) verfolgt Dirk. W. Eilert (Spandau). Seine Profibox ist eine lose Blatt Sammlung, die Kompendium und Übungsblätter gleichzeitig sind. Empfehlenswert für Trainer / Coaches / Interessierte.
    Dirk W. Eilert, „Körpersprache entschlüsseln & verstehen.
    Die Mimikresonanz-Profibox“

    Junfermann Verlag Paderborn 2020

    Gesichter erkennen
    oder auch nicht:
    Amazon’s face ID tool mismatched 28 members of Congress to mug shots: ACLU
    https://www.reuters.com/article/technology/amazons-face-id-tool-mismatched-28-members-of-congress-to-mug-shots-aclu-idUSKBN1KG1KN/

    Mimik mit KI erkennen – Anwendung Marktforschung
    „Die Mimikanalyse kann Emotionen in Echtzeit erfassen, ohne Verzerrungen durch nachträgliche Befragungen oder störende Verkabelung. Um die emotionalen Reaktionen auf Werbung oder Produkte in Erfahrung zu bringen, sind lediglich Webcam und Internetverbindung notwendig.
    Für die Mimikanalyse werden wichtige Gesichtsregionen wie Augen und Mundwinkel detektiert und Veränderungen in diesen Regionen im Hinblick darauf, wie angenehm bzw. unangenehm das gerade Erlebte empfunden wird, interpretiert“
    Die Methode hat das NIM gemeinsam mit dem Fraunhofer IIS in Erlangen und Emotionspsychologen der Universität Genf entwickel: .
    https://www.nim.org/forschung/uebersicht-forschungsprojekte/forschungsprojekt/mimikanalyse

    War nicht Bestandteil dieser Folge, trotzdem interessant – was zum Lesen und Ausprobieren.
    Fraunhofer IIS Erlangen
    „Zum Jubiläum neu aufgelegt: die Gesichtsanalyse mit Künstlicher Intelligenz. Kontaktlose Emotionsanalyse: Die Zukunft der Mensch-Technik-Interaktion.“
    https://www.iis.fraunhofer.de/de/ff/sse/affective-computing/facial-analysis-solutions.html

    Bildquelle

    Das Folgenbild, ein Selbstportrait, stammt von Judith Leyster (1609-1660), Schülerin von Frans Hals. Sie war eine der wenigen Künstlerinnen des Flämischen Barock, deren Bilder heute noch existieren. Sie war zu ihrer Zeit für Portraits bekannt, die in einem eigenen, fast schon impressionistischen Stil die Emotionen von Menschen zeigen – das Folgenbild malte sie 1630.

  • Deepfakes – Erinnerungen werden lebendig.

    Deepfakes – Erinnerungen werden lebendig.

    S2/E31 Homer ließ Odysseus in seinen Erzählungen lebendig werden. Aber die Möglichkeiten, sich an Menschen und Ereignisse zu erinnern sind längst digitalisiert. Dabei meinen wir nicht nur digitale Bilder, die in ihrer Vielzahl „geschossen“ in unseren Speichern im Rechner oder der Cloud im Wortsinne festgehalten wurden.

    Wenn wir uns erinnern wollen an Ereignisse von Familie, Städten, Vereinen, Technologien können uns Fotoalben weiterhelfen. Auch auf öffentlichen Speicherplattformen wie Vimeo oder YouTube „leben wir bewegt“ und lassen von uns hören in Podcasts – wie dem von achwas?!

    Kein Spotify-Link? Bitte Seite erneut laden.

    So war es nur eine Frage der Möglichkeiten, der Fantasie und Handwerkskunst diese Fülle von Bildern, Texten und Sprache zusammen zu führen. Daraus ein lebendig erscheinendes Abbild von Menschen zu erstellen.

    Das „zum Leben erwecken“ lässt sich bei digitalisierten Medien relativ einfach gestalten. In immer schnellerer Folge begegnen wir in den Medien Wesen, deren Stimme, Gesicht und Mimik uns vertraut erscheinen, wo der Inhalt allerdings abweicht von dem, was wir kennen und erwarten.

    Ein aktuelles Beispiel wurde vom „Zentrum für politische Schönheit“ erstellt. Da verkündet Bundeskanzler Olaf Scholz Ende 2023 das Verbot der AfD. Wie sich schnell herausstellte, war das ein Deepfake.

    Was denn nun Deepfakes genau sind, und woher der Begriff kommt? Spoiler: aus den Begriffen „Deep Learning“ (mehrschichtiges Lernen) und „fake“ (Fälschung) gebildet bezeichnet dies mittels Künstlicher Intelligenz erstellte Bilder und Videos. Deep Learning ist eine Methode, die aus – für den Rechner vom ersten Schritt – „verwirrenden“ Pixeln z.B. eines Bildes – in vielen nachgelagerten Schichten von Mustererkennung etwas dekodiert, was sich in den eingelesenen Daten (Bsp. Bilder von Hunden) als ein maschinenlesbares „Urbild Hund“ immer wieder bestätigt. Diese Bilder können parametrisiert werden, d.h. durch Befehle oder auch Regler in Farbe oder Form oder Bewegungen verändert werden. So wird aus einer Mücke ein Elefant, der fliegen kann und dabei Löwengebrüll ausstößt. Meistens sind es allerdings „Promis“, die uns scheinbar verwirren.

    In unseren Quellen finden sich einige Beispiele für Deepfakes. Wir weisen in dieser Folge einen weiteren Aspekt von Deepfake hin – die Möglichkeit, Angehörige und Freunde oder auch Personen und Zeugen der Zeitgeschichte, ja, fast zum Leben zu erwecken. Oder zumindest über sich und Ereignisse Auskunft zu geben. Dies wurde möglich gemacht für Menschen, die der Shoah (Holocaust) entkamen und Zeugnis geben über Schrecken und Unmenschlichkeit einer unermeßlicher Dimension.
    Aber diese Technologie kann für jegliche Erinnerung verwendet werden. Am Beispiel von vier Unternehmungen machen wir deutlich, wie dies die Trauerarbeit unterstützen, aber vielleicht auch ver- und zerstören kann.

    Quellen

    Upload (Amazon Streaming Serie zur Zeit in drei Staffeln)
    „Upload spielt im Jahr 2033. Menschen können sich in in eine virtuelle Welt hochladen lassen. Der Kontakt zur „echten“ Welt findet über Telefonate, SMS, Videokonferenzen oder auch holographische Repräsentanzen statt. Auch in der virtuellen Welt begegnen die Hochgeladenen Bannern und Cookies und einem gewissen Zwang mit Sternen Leistung zu bewerten. Da der Aufenthalt von Lebenden finanziert wird, ist das verfügbare Datenvolumen die Währung für ein angenehmes Leben nach dem Tod.

    Beitrag der BBC: Forscher der Universität von Washington haben den ehemaligen US-Präsidenten Barack Obama fotorealistisch als Deepfake nachgebildet.
    Mithilfe künstlicher Intelligenz wurde genau modelliert, wie Herr Obama seinen Mund bewegt, wenn er spricht.
    Ihre Technik ermöglicht es ihnen, ihrem synthetischen Barack Obama beliebige Worte in den Mund zu legen. (Übersetzt mit DeepL aus der folgenden Quelle:)
    https://www.youtube.com/watch?v=AmUC4m6w1wo

    Eine Keynote zu KI auf Amazon re:MARS 2022 von Rohit Prasad, SVP and Head Scientist, Alexa AI, Amazon

    /https://www.youtube.com/watch?v=22cb24-sGhg&t=3733s

    Seine Keynote beginnt hier 43:36 (zum Schluß die gute Nacht Geschichte, von Alexa mit der Stimme der Großmutter erzählt.

    Mehr zu Deepfake und mehr Videos auf „Deutsche Welle“. Sehr gut eine Zusammenstellung, wie man Deepfakes erkennen kann
    https://www.dw.com/de/faktencheck-wie-erkenne-ich-deepfakes/a-60192155

    Das „Zentrum für Politische Schönheit (ZPS)„, Website
    https://politicalbeauty.de

    Die Beispiele aus dem Podcast


    Storyfile: Tell me, Inge! Reden Sie mit der Holocaust Überlebenden Inge Auerbacher. Etwas scrollen, bis zu den Demos ist die App mit Inge die erste in einer Reihe von Beispielen. Clicken, Lautsprecher einschalten und mit Inge sprechen.
    https://storyfile.com

    Mehr dazu vom „Macher“ des „Deepfakes“

    https://www.elmhurst.edu/news/usc-shoah-foundations-stephen-smith-to-give-holocaust-lecture-on-april-24/

    Project December: Simulate the Dead.

    Project December is the first system in the world of its kind. Using patent-pending technology, in conjunction with deep AI running on one of the world’s most sophisticated super-computers, we can now simulate a text-based conversation with anyone. Anyone. Including someone who is no longer living.
    Selbstaussage von Project December

    https://projectdecember.net

    WDR 5, Neugier genügt: Das kalifornische Startup „HereAfter AI“ hat eine App entwickelt, die mithilfe von KI „Gespräche“ mit unseren Liebsten ermöglicht – auch nach deren Tod. Nils Dampz hat das Startup besucht, dessen Mitgründer getroffen und die App ausprobiert. Hilft ein KI-Sprachbot bei der Trauer?
    https://www1.wdr.de/mediathek/audio/wdr5/wdr5-neugier-genuegt-freiflaeche/audio-sprechen-mit-verstorbenen–dank-kuenstlicher-intelligenz-100.html

    Die Hereafter App
    „Preserve memories with an app that interviews you about your life. Then, let loved ones hear meaningful stories by chatting with the virtual you.“
    https://www.hereafter.ai

    Trigger Warnung.
    Auf den Videokanälen der Munhwa Broadcasting Corporation (MBC), einem der drei größten Rundfunksender Süd-Koreas, findet man die Mutter/Tochter Geschichte, die mittels VR Brille und Deepfakes ein (einseitiges) Wiedersehen der Mutter mit der verstorbenen Tochter ermöglicht. Das Video endet mit dem symbolischen Tod der Tochter, die sich von der Mutter verabschiedet und als Schmetterling davon fliegt.
    https://www.youtube.com/watch?v=uflTK8c4w0c&t=35s

    Dieses Video wird in einem umfassenderen Bericht zum Thema am 6.11.2022 auf der schweizerischen Website watson erwähnt.
    https://www.watson.ch/wissen/digital/446276751-wenn-tote-reden-start-ups-schaffen-digitale-versionen-von-verstorbenen

    Der juristische Teil (Bald ehr dazu auf diesem Kanal achwasfm.janlucash.com/).

    AI-Act der EU
    Zusammenfassung (deutsch)
    https://www.europarl.europa.eu/news/de/headlines/society/20230601STO93804/ki-gesetz-erste-regulierung-der-kunstlichen-intelligenz

    Zusammenfassung (englisch)
    https://www.europarl.europa.eu/news/en/press-room/20231206IPR15699/artificial-intelligence-act-deal-on-comprehensive-rules-for-trustworthy-ai

    Die Suchseite zum Thema (EU Parlament)
    https://www.europarl.europa.eu/news/de/search?searchQuery=AI+Act+document

    Datenschutzgrundverordnung (DSVGO)
    Hier die Übersicht zur DSGVO (Europaparlament). Hier findet sich nicht nur „das Gesetz“ und die Erläuterungen, sondern auch Artikel, Gerichtsurteile und mehr. Auch FaceBook / Meta / Zuckerberg taucht auf.

    https://www.europarl.europa.eu/news/de/search?searchQuery=DSGVO

    Folgen-Bildquelle

    Zugleich ein Familienbild, und eine Fakenachricht und ein Fake in der Darstellung von Menschen der Geschichte oder vielleicht Fiktion? Lassen Sie sich nicht verwirren:
    Es zeigt ein Gemälde von Jean Auguste Dominique Ingres. Benannt ist es als die „Apotheosis Homers“ und stammt aus dem Jahr 1827. Als Apotheose wird die Gottwerdung eines Menschen bezeichnet.
    Wir empfehlen, das Bild auf der Wikimedia aufzusuchen. Zum einen gibt es mehr Infos und: alle abgebildeten Wesen werden identifiziert und man erfährt ihre Namen. Wenn Sie Zeit haben und Lust dazu – vielleicht probieren Sie so viele wie möglich selbst zu erkennen.

    https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Jean_Auguste_Dominique_Ingres,_Apotheosis_of_Homer,_1827.jpg

  • Hass im Hirn – rund um die Amygdala

    Hass im Hirn – rund um die Amygdala

    Mit modernen bildgebenden Verfahren der Neurowissenschaften, die auf so einprägsame Namen hören wie Magnet-Resonanz-Tomographie oder Positronen-Emissions-Tomographie, kann man dem Gehirn bei allen möglichen Tätigkeiten zusehen und etwas darüber in Erfahrung bringen, was unsere innerste Welt zusammenhält. Natürlich gilt das auch im Web. Es kann gar nicht anders sein. Deshalb wirken Likes auf Belohnungszentren, Swipen und Scrollen versetzt uns in Trance und auch das gefährlichste Internet-Phänomen überhaupt, nämlich Hass, wird im Gehirn gemacht.

    Hass erscheint uns gelassenen Durchschnitts-Menschen ja nicht wirklich nachvollziehbar, oder? Ein Troll, der ohne jede Rücksicht auf Rechtschreibung obszöne Drohungen stammelnd, geifernd, schäumend über ein Opfer herfällt, Drohungen ausstoßend, Angst verbreitend bis zur Gewaltandrohung, ja bis zum Mord, wirkt wie ein Wesen von einem anderen Stern. Man wundert sich, ist einmal nur angewidert, mal unfreiwillig amüsiert, gelegentlich fassungslos. Was treibt solche Leute nur an? Kann es sein, dass sie nicht bemerken, wie toxisch, destruktiv und – nennen wir die Dinge mal beim Namen – dumm ihr Verhalten ist? Kann es sein, dass sie nicht nur jede Vernunft verlieren sondern anscheinend auch gleichgültig dafür werden, wie entsetzlich uncool, unsympathisch und abstoßend sie werden? Es ist ganz offensichtlich so.

    Andererseits: Vieles wird hier einfacher, sobald man die Idee aufgibt, man müsse anonyme Morddrohungen oder Hassrede genauso verstehen können, wie zivilisierte menschliche Verhaltensweisen. Wenn unser „psychischer Apparat“ (Sigmund Freud) ein Gebäude wäre, dann kommt der Hass aus den unteren Stockwerken, genauer: aus dem Kellergeschoss. Und, wo wir schon bei Freud sind: Er meinte, dass diese Dinge aus den unteren Stockwerken ein Eigenleben haben und dass wir sie nicht uneingeschränkt kontrollieren können. Ja, auch das ist ganz offensichtlich so.

    Wir beschäftigen uns also in unserer zweiten Hass-Folge auf achwasfm.janlucash.com/ genau mit diesem Themenbereich und treten zunächst einmal pflichtschuldig den Beweis an, dass es sich mit Hass auch nicht besser verhält als mit Lügen und moralischer Panik: Er ist erfolgreich und wird sehr gerne "viral". Auch die Hassenden scheinen spezielle Menschen zu sein. Vor allem ihr Fleiß ist interessant. In der Studie, die wir in der aktuellen Folge unseres Podcasts berichten, erzeugen etwa 0,5% einer Community etwa 20% der Posts und Kommentare, die mit Hass-Begriffen kontaminiert sind. Ein/e Hater/in arbeitet also für die schlechte Laune von für 40 normalen Community-Mitgliedern!

    Quellen zur Episode

    zum Episodenbild

    Nachdem wir in der Vergangenheit schon den einen oder anderen prominenten Künstler zur Bebilderung der Ideen und Inhalte unserer Podcastfolgen zitieren konnten, ist heute ein wahrhafter Gigant dran. Seine Bedeutung für die Kunst entspricht dem Gewicht des Themas: Leonardo da Vinci. Bekanntlich hat er sich ausführlich mit Anatomie beschäftigt und dabei natürlich auch das Gehirn, Hirnnerven, den Schädel und sorgfältig präpariert und gezeichnet.

    Bildquelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Leonardo_Da_Vinci%27s_Brain_Physiology.jpg

  • Hass – Die Digitale Pandemie

    Hass – Die Digitale Pandemie

    Wir meinen, ARS Covid-19 war ein laues Lüftchen gegen das, was sich seit einigen Jahren in den digitalen Netzen abspielt. Man könnte es eine Hass-Pandemie nennen und sie hat alle Eigenschaften, die sich für einen tüchtigen Virus gehören: Schnelle Vermehrung, Ausbreitung, Ansteckung und toxische Wirkung. Aber während COVID-19 mittlerweile – hoffentlich – einigermaßen im Abklingen zu sein scheint, hat das Zeitalter des Hasses gerade angefangen – die internationale Lage spricht für sich.

    Und weil es sich zu einem guten Teil um ein Netz-Phänomen handelt, das man sich ohne digitale Transformation kaum vorstellen kann, ist das natürlich ein Thema für achwasfm.janlucash.com/. Im ersten Teil unserer Hass-Episoden – geplant sind zwei – kümmern wir uns also zum einen um Begriffliches (…was ist "Hass" eigentlich?) und um Juristisches, wobei wir feststellen mussten, das eine ohne das andere nicht gut denkbar ist. Anders gesagt: Ohne Strafgesetzbuch kommt man nur schwer zu einem sinnvollen Verständnis von Hass.

    Darüber hinaus erzählen wir beispielhaft für die aktuelle Situation die Hintergründe einer fast schon episch zu nennenden Auseinandersetzung, die Renate Künast – als prominente Politikerin von Bündnis 90 / die Grünen – gegen einen rechtsextremen Blogger und eine Schar durchgeknallter Kommentator/innen von der Facebook-Seite eben dieses Bloggers führen musste. In tragenden Rollen mit dabei: das Amtsgericht in Halle, das Kammergericht Berlin, und schlussendlich (!) das Bundesverfassungsgericht.

    Das Ganze liefert prima anekdotische Evidenz für Probleme unseres Rechts-Systems, die wir lieber nicht hätten. Das eigentlich Spektakuläre an dem Fall Künast war und ist nämlich, dass es einem deutschen Gericht tatsächlich allen Ernstes möglich war, Äußerungen wie „Drecksau“ oder „Stück Scheiße“ (das waren im übrigen noch die milderen Ausdrücke in den Tiraden der fidelen Facebook-Freunde) in den Schutz der freien Meinungsäußerung zu stellen.

    Quellen zur Episode

    Das Bild zur Episode:

    Wenn es um Gerechtigkeit geht, ist die Motivwahl eigentlich nicht schwer: Justitia als römische Göttin der Gerechtigkeit, traditionell mit Waage und Schwert ausgestattet, mitunter auch mit Augenbinde. Gemalt wurde sie seit Jahrtausenden, wir haben uns für ein besonders schönes Examplar ohne Augenbinde entschieden, das der niederländische Maler Gerard de Lairesse Mitte des 17. Jahrhunderts in Öl gemalt hat. A propos Schwert: Wir meinen, die Dame könnte eigentlich auch mal direkt eingreifen…

    Bildquelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:SA_7360.6-Justitia_-_Allegorische_voorstelling_van_de_verzorging_van_leprozen_en_onnozelen.jpg

  • I hope you are not concerned – ChatGPT und die Emergenz einer Theory Of Mind

    I hope you are not concerned – ChatGPT und die Emergenz einer Theory Of Mind

    David Premack und Guy Woodruff waren sich sicher: Sarah hatte gleich bemerkt, dass mit dem Kerl etwas nicht stimmte. Und offensichtlich hatte sie nun keine Zweifel mehr: Der Kerl würde ihr ganz sicher immer die falsche Lösung zeigen und – schlimmer noch – am Ende die Belohnung einfach für sich behalten. Der spielte mit gezinkten Karten! Ein Betrüger! Sarah wurde schnell misstrauisch. Kurz danach verweigerte sie dann jede weitere Zusammenarbeit. Konsequent. Mit dem Betrüger wollte sie nichts mehr zu tun haben. Sarah war eine ziemlich nachtragende Schimpansendame.

    Premack und Woodruff konnten Ende der 70er Jahre in ihren bahnbrechenden Untersuchungen mit Schimpansen – wie Sarah – zeigen, wie überaus konsequent und genau diese Primaten Artgenossen und auch Menschen beobachten, um etwas über deren Innenleben in Erfahrung zu bringen. Die Forscher mussten einen Begriff hierfür finden und nannten die Fähigkeit, Motive, Absichte, Emotionen und Persönlichkeitsmerkmale von anderen zu erkennen und in das eigene Verhalten einzubeziehen…

    Theory Of Mind

    Haben Schimpansen also …Theorien? Premack und Woodroff argumentieren hier sehr klar: Offensichtlich waren ihre Primaten dazu in der Lage, Dinge, die nicht direkt und offen beobachtet, sondern nur geschlussfolgert werden können, für die Vorhersage eines zukünftigen Geschehens zu berücksichtigen. So ist eine Absicht als solche ja nicht sichtbar, sondern nur aus den Konsequenzen eines Verhaltens zu erschließen. Dass jemand mit gezinkten Karten spielt, setzt eine „innere mentale Repräsentation“ dieser Eigenschaft voraus und Annahmen darüber, was in einer Situation geschehen wird. Genau das macht aber eine Theorie.

    Die „Theory of Mind“ wurde etwa zehn Jahre später in der Entwicklungspsychologie aufgegriffen – das ist die Teildisziplin, die sich um die Frage kümmert, wie sich Menschen im Verlauf ihrer Lebensspanne verändern. Verschiedene Wissenschaftler/innen begannen mit speziellen Aufgaben das Vorhandensein von Theories of Mind bei Kindern zu untersuchen. Beim einigermaßen berühmten „Sally-and-Ann-Problem“ muss ein Kind verstehen, dass Ann in einem von Sally unbeobachteten Moment eine Situation so manipuliert, dass Sally eine falsche Entscheidung treffen muss, genauer: Ihre Murmel in der falschen Kiste suchen wird… Theory of Mind Aufgaben gibt es mittlerweile im Dutzend und auch Befunde, dass autistische Kinder eben mit diesem Typ von Fragestellung besondere Schwierigkeiten haben.

    Warum ist das interessant? Nun, neuere Untersuchungen an Large Language Bot-Systemen – speziell CharGTP – legen nahe, dass auch diese über Theories of Mind verfügen, und zwar in einer Qualität, die man in etwa bei 9jährigen Kindern findet. Die Details berichten wir im Podcast. Wenn dem wirklich so wäre – und mit Sicherheit kann das im Moment noch niemand sagen – hätte sich etwas abgespielt, was man in den Lebenswissenschaften mit einem speziellen Begriff bezeichnet, nämlich:

    Emergenz

    Emergenz bezeichnet den gerade angedeuteten Sachverhalt: Ein System wird größer, die Breite, Tiefe und Anzahl der Elemente nimmt zu, dann kann man regelmäßig (sozusagen naturgesetzlich) beobachten, dass neue Eigenschaften entstehen, die sich aus den Merkmalen der Einzelelemente nicht mehr herleiten lassen. „Selbstorganisation“ ist hier ein anderer wichtiger Begriff. Lebende Systeme organisieren sich selbst, ordnen sich, regulieren sich, bilden Schichten und Sub-Strukturen…

    • Termiten bilden emergent Termitenvölker
    • Hirnzellen bilden emergent Strukturen höherer Ordnung bis zum Gehirn
    • Korallentierchen bilden emergent riesige Ökosysteme
    • Bienen bilden emergent komplexe Bienenvölker
    • Körperzellen bilden Gewebe, Organe, Organismen
    • usw.

    Damit ist unser Vokabular für diese Podcastfolge endlich komplett: Wir fragen uns, ob es wirklich sein kann, dass ChatGPT eine Theory Of Mind entwickelt hat oder – anders formuliert – was es bedeuten könnte, dass er/sie/es die entsprechenden Aufgaben, mit der Theories of Mind bei Menschen untersucht werden, mit Leichtigkeit löst.

    Quellen:

    • Das erwähnte und sehr empfohlene Online-Lexikon für Psychologen und Pädagogen, das von dem österreichischen Psychologen Werner Stangl geschrieben und gepflegt wird, findet man unter dieser URL: https://lexikon.stangl.eu/

      Und hier speziell den Artikel zur Definition der Theory of Mind:
      https://lexikon.stangl.eu/511/theory-of-mind
    • Der erste wissenschaftliche Artikel, in dem der Begriff „Theory of Mind“ verwendet wird, stammt aus der Primatenforschung:
      Premack, D., & Woodruff, G. (1978). Does the chimpanzee have a theory of mind?. Behavioral and brain sciences, 1(4), 515-526.
      Online abrufbar auf der Researchgate-Profilseite von Guy Woodroff: https://www.researchgate.net/profile/Guy-Woodruff/publication/232003352_Does_a_chimpanzee_have_a_theory_of_mind/links/61e7fad48d338833e37df26a/Does-a-chimpanzee-have-a-theory-of-mind.pdf
    • Die Studie zu den Theory of Mind Fähigkeiten autistischer Kinder, in der die Sally and Ann Aufgabe eingeführt wurde, hat folgende Quelleninfo:
      Baron-Cohen, S., Leslie, A. M., & Frith, U. (1985). Does the autistic child have a “theory of mind”?. Cognition, 21(1), 37-46.
      Online abrufbar auf einer Website „Autismtruths.org“ unter der URL: http://autismtruths.org/pdf/3.%20Does%20the%20autistic%20child%20have%20a%20theory%20of%20mind_SBC.pdf
    • Francesca Happè’s Artikel zum Messen von Theories of Mind mit einem komplexen Aufgaben-Set:
      Happé, F. G. (1994). An advanced test of theory of mind: Understanding of story characters‘ thoughts and feelings by able autistic, mentally handicapped, and normal children and adults. Journal of autism and Developmental disorders, 24(2), 129-154.
      Der Artikel ist leider nicht offen im Web zugänglich.
    • Holterman, B., & van Deemter, K. (2023). Does ChatGPT have Theory of Mind?. arXiv preprint arXiv:2305.14020.
      https://arxiv.org/pdf/2305.14020.pdf
    • Der Artikel von Michael, der Anlass zu unseren Spekulationen in Sachen Theory of Mind war:
      Kosinski, M. (2023). Theory of mind may have spontaneously emerged in large language models. arXiv preprint arXiv:2302.02083.
      https://arxiv.org/pdf/2302.02083.pdf
    • #Der Beitrag aus den Microsoft Research Labs zu „Funken von allgemeiner künstlicher Intelligenz“, untersucht an verschiedensten Aufgabentypen.
      Bubeck, S., Chandrasekaran, V., Eldan, R., Gehrke, J., Horvitz, E., Kamar, E., … & Zhang, Y. (2023). Sparks of artificial general intelligence: Early experiments with gpt-4. arXiv preprint arXiv:2303.12712.
      https://arxiv.org/pdf/2303.12712.pdf?utm_source=webtekno
    • Die Fabel „The Owl Was God“ von James Thurber, die in unserer Diskussion erwähnt wird, kann im Original hier nachgelesen werden:
      https://readandripe.com/the-owl-who-was-god/

    Quelle zum Episodenbild:

    Wir können der Versuchung nicht widerstehen, die allerklassischste aller Geschichten zum Freisetzen ungeahnter Kräfte für unser Episodenbildes heranzuziehen: die Büchse der Pandora. Sie brachte das Unglück über die Welt, weil sie der Versuchung nicht widerstehen konnte, ein Gefäß zu öffnen, in dem alles Leid und Laster der Menschheit eingeschlossen waren. Ein Racheakt von Zeus an der Menschheit – dafür, dass Prometheus (Pandoras Schwager) den Göttern das Feuer gestohlen hatte.

    Es gibt Dutzende von Pandora-Darstellungen, viele davon sind hunderte Jahre alt. Wir haben uns für eine Version von Dante Gabriel Rossetti aus dem Jahr 1871 entschieden. Rossetti (1828 -1882) war mitnichten ein italienischer Renaissancekünstler, wie der Name nahelegt, sondern ein britischer Dichter und Maler. Er war die treibende Kraft der Schule der Präraffaeliten, die sich in ihrer Arbeit an den großen Malern der Renaissance – namentlich Raffael – orientierten.

    Quelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Dante_Gabriel_Rossetti_-_Pandora.jpg