Autor: jalu

  • Stammtisch 2.0? Filterblasen & Echokammern

    Stammtisch 2.0? Filterblasen & Echokammern

    (S2/E03) Für manche unserer Spezies gibt es nichts schöneres als das Zusammensein mit Gleichgesinnten. Man kennt sich, man versteht sich. Denen kommen Social Media Anbieter entgegen. Unmerklich aber bestimmt wird man in einer „Filterblase“ gefangen, pardon, eingelullt. Die Nachrichten und Posts oder Tweets, die man zu sehen bekommt, werden nach und nach eindimensional. Eintönigkeit und Langeweile gibt es aber kaum, denn man findet sich nicht nur mit Menschen zusammen, die das selbe mögen, sondern auch sich über die selben Dinge aufregen.

    Und Aufregung gibt es genügend. Dafür sorgt der Effekt der Echokammern. 

    In dieser Folge erzählen wir die Geschichte von Filter und Echo im Web. Was dabei alles schief laufen kann, welche Folgen das hat und:

    Wir bieten eine Lösung an, wie man wieder selbst entscheiden könnte, ob und was man hören, sehen und mit wem man sprechen möchte.

    Dazu gibt es Zahlen und Fakten aus verschiedenen Quellen:

    Quellen zur Episode

    • Der Begriff „Filterblase“
      Eli Pariser. „The Filter Bubble: What the Internet is Hiding From You“. 2011 by Penguin Press
    • Helen Thomée: „Aktivismus vs. Nachrichtenseiten auf Social Media: Einfluss von wahrgenommener Expertise und Ähnlichkeit auf politische Partizipation. Bachelorarbeit (Bachelor of Science), Angewandte Kognitions- und Medienwissenschaft an der Universität Duisburg-Essen, September 2022.


    Zum Episodenbild

    Für unser Episodenbild haben wir ein Bild der Nymphe Echo als passend empfunden, eine tragische Gestalt der griechischen Sagenwelt. Echo spricht gerne viel und wurde daher von Zeus beauftragt, seiner Frau Hera Geschichten zu erzählen. Absicht: sie damit abzulenken, damit er sich mit mit anderen Frauen vergnügen konnte. Hera merkt dies und bestraft Echo hart: Sie kann keine eigenen Worte mehr sprechen, nur noch die letzten gehörten wiederholen.
    Welche fatale Folge: Als sie auf Narziss trifft, kann sie diesem ihre Liebe nicht gestehen, sondern wiederholt nur die an sie gerichteten Worte. Narziss wendet sich ab, Echo stirbt an gebrochenem Herzen. Nur ihre Stimme wiederholt seitdem überall auf der Welt das eben gesagte Wort.
    Das Episodenbild ist ein Ausschnitt eines Gemäldes von Talbot Hughes (1869–1942), einem britischen Maler und Sammler historischer Kostüme.

    Talbot Hughes, Public domain, via Wikimedia Commons


  • Ich knipse mich, also bin ich. Über Selfies.

    Ich knipse mich, also bin ich. Über Selfies.

    (S2/E02) Wir vermuten ja, dass das Bedürfnis des Homo Sapiens sich selbst zu betrachten und/oder irgendwie bildlich zu verewigen, angeboren ist. Anders wäre kaum zu erklären, dass es durch die Jahrhunderte immer wieder neue Ausdrucksformen gefunden hat – von den Graffiti-Händen der Steinzeit über die mit hoher Kunstfertigkeit geschaffenen Selbstbildnisse klassischer Künstler bis zum buchstäblich milliardenfach geschossenen digitalen Pixelportrait des 21. Jahrhunderts. Natürlich: wir sprechen vom Selfie.

    Dieser Frage gehen wir nach und legen einige verborgene Schichten frei, berichten unter anderem von „Selfiegates“, heldenhaften, geschmacklosen, tödlichen und „Disaster-Selfies“. Und wir kommen zu dem Schluss, dass Selfies vielschichtig und überhaupt keine harmlosen Zufallsprodukte sind. Sie können im Dienst von Beziehungen stehen. Paare fotografieren sich gemeinsam. Promis oder Influencer/innen, die sich an bestimmten Orten in bestimmten Posen ablichten, werden oftmals von hunderten oder gar tausenden Fans oder Follower/innen imitiert. Gnade dem einsamen romantischen Ort, der zur Kulisse eines solchen Follower-Rituals wird! Dabei gilt: Je spektakulärer und exklusiver der Ort und/oder die anwesenden Personen, desto wertvoller werden die geschossenen Trophäen. All dies dient dem „Self-Branding“ und der Selbstvergewisserung. Wir meinen, es geht noch um mehr: Selfies haben magische Qualitäten, sind Rituale der symbolischen Inbesitznahme von Menschen, Orten und Situationen. Also: Zeige mir Deine Selfies und ich sage Dir, wer Du bist!

    Quellen zur Episode

    zum Episodenbild

    Natürlich wäre – wie am Ende der Podcastfolge angekündigt – ein klassisches Selbstbildnis ein schönes Motiv für eine Episode zum Thema Selfies gewesen, irgendwas von Rembrandt oder van Gogh… Dann ist uns ein Gemälde über den Bildschirm gelaufen, dass uns noch besser gefällt: Eine elegante Dame, die sich sehr intensiv (und verrenkt) mit ihrem Anblick beschäftigt und dabei simultan einen Hand- und einem Wandspiegel benutzt – ziemlich „selfiemäßig“, fanden wir. Das Original des Bildes hängt im Metropolitan Museum of Modern Art in New York und wurde 1911 von Frederick Carl Frieseke gemalt – ein Maler des amerikanischen Impressionismus (…von dem wir bis zu unserem Fund ehrlicherweise auch noch nie gehört hatten).

    Bildquelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Woman_with_a_Mirror_(Femme_qui_se_mire)_MET_DP161210.jpg

  • Beethovens Tod und Social Media

    Beethovens Tod und Social Media

    (S2/E01) Zu den weniger bewundernswerten Eigenschaften von Menschen gehört es, bei Nachrichten oder Meldungen nicht genau hinzuschauen, wenn nur die Story einigermaßen „catchy“ ist. Sind dazu noch diese Nachrichten „negativ“, ein Aufreger, dann haben diese gute Chancen schnell und durchschlagend verbreitet zu werden. Nehmen wir als Beispiel mal:
    – Beethoven’s Leidensgeschichte: War der Wein war sein Tod?
    – Folgen des Lockdowns: Social Media macht unsere Kinder kran
    k!
    – Beethovens Porträt: Gemalt von einem Fake-News-Troll in Staatsdiensten?
    Wir gestehen: die letzte Meldung ist nicht im Podcast aufgeklärt. Informationen dazu gibt es beim „Episodenbild“.

    Verspüren Sie als Hörende des Podcasts, als Lesende des Blogs nun nicht auch das Bedürfnis, jetzt die Geschichten hinter den Pixeln zu erfahren?

    Machen wir, dabei hilft uns zum Thema „Social Media und Jugendliche“ eine wahre Goldgrube an Daten und Informationen: Die Millennium Cohort Study (MCS). Diese wird durchgeführt als Längsschnittstudie. Das bedeutet, man begleitet seit dem Jahr 2000 über 19.000 Kinder bei ihrer Entwicklung durch die Kindergartenzeit bis zum heutigen Tag. Das lässt tiefe Einblicke zu, welche Bedingungen das Wohlbefinden, schulische Leistungen, die körperliche und seelische Gesundheit beeinflussen, und wie es heute damit steht.
    Und noch mehr: Um die Basis für politische Entscheidungen zu erweitern, wurden die Teilnehmenden in dieser Längsschnittstudie zusätzlich befragt: Wie zum die zur Social Media genutzt wird – oder wie sich die Jugendlichen während des Corona Lockdowns verhalten haben.

    Was Beethovens Tod wahrscheinlich (mit) verursachte, folgt der selben forensischen Logik: Wir schauen genauer hin, suchen Quellen, werten dieses aus und stellen fest: Die wahre Geschichte es ist ein wenig anders, als man es zu wissen glaubt.

    Quellen zur Episode

    Die erwähnte Studie basiert auf der Millennium Cohort Study (MCS) des Centre for Longitudinal Studies. Mehr zu dieser Einrichtung – und weitere aktuelle Ergebnisse auch früherer Studien finden sich dort:
    https://www.ucl.ac.uk/ioe/departments-and-centres/centres/centre-longitudinal-studies

    Das Centre for Longitudinal Sudies veröffentlich immer wieder Ergebnisse der insgesamt vier Längsschnittstudien, beginnend mit der ersten Welle im Jahr 1958.
    Hier zum Beispiel die aktuellen Ergebnisse „Next Steps“ der „Longitudinal Study of Young People in England (LSYPE)“. Diese begleitet das Leben von rund 16.000 Menschen in England, die 1989-90 geboren wurden.
    https://cls.ucl.ac.uk/cls-studies/next-steps/

    Basisquelle dieser Folge ist:
    Whitney Crenna-Jennings (sie ist federführend): Young people’s mental and emotional health: Trajectories and drivers in childhood and adolescence. 2021 (PDF Download möglich).
    https://epi.org.uk/publications-and-research/young-peoples-mental-and-emotional-health

    Weiterführende Quellen

     Georg Franck: Ökonomie der Aufmerksamkeit 1998
    https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/oekonomie-der-aufmerksamkeit/978-3-446-19348-2/

    UlrikeReisach: The responsibility of social media in times of societal and political manipulation. 2020
    https://reader.elsevier.com/reader/sd/pii/S0377221720308249?token=CA776BF7BE84754343F89545A9BD68F3273A3E8C67C53D2C2CB68CFA979D90B6E6D7E8DCF89920090CE5E247B8DA4B49&originRegion=eu-west-1&originCreation=20220911203516

    Episodenbild

    Unser Episodenbild zeigt ein eher unbekanntes Porträt von Ludwig van Beethoven im Alter von 35 Jahren (in 1805). Die Besonderheit ist, dass es bis zu seinem Tod in Beethovens Besitz war. Gemalt wurde es von Joseph Willibrord Mähler. Mähler hat unter anderem an der „Wiener Akademie der bildenden Künste“ studiert.
    Bei der Wahl des Episodenbildes spielte für uns Mählers eigentlicher Beruf fast eine ebenso große Rolle wie das Porträt Beethovens.
    Nach seinem Studium wurde Mähler Offizier des Geheimdienstes Geheime Kabinettskanzlei in Wien. „Die Geheime Kabinettskanzlei“ in Wien war die wohl bekannteste und eine der effizientesten „Schwarzen Kammern“, deren Aufgabe im 18. Jahrhundert war, heimlich Post mit zu lesen. Also den Schriftverkehr zu „überwachen“. Im Laufe der Zeit kam auch immer stärker die Dekodierung verschlüsselter Nachrichten hinzu sowie die Verfälschung der Informationen, also die „Desinformation des Empfängers.“
    Die Geheime Kabinettskanzlei war eine Überwachungsmaschinerie plus etwas, was man heute als „Troll-Fabrik“ bezeichnen würde. Es ist anzunehmen, dass die zeichnerischen Fähigkeiten von Mähler beim „faken“ von Texten eingesetzt wurden.
    Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Geheime_Kabinettskanzlei abgerufen am 12.9.2022 4:32.

    Malerei und Komposition betrieb Mähler seitdem nebenbei.

    https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Josef_Willibrord_Mähler,Ludwig_van_Beethoven(Komponist),_um_1804–1805,_Sammlung_Wien_Museum_Inv._Nr._104650,_Foto_Birgit_und_Peter_Kainz,_Wien_Museum.jpg

  • Anwesenheit von Abwesenheit: Phubbing

    Anwesenheit von Abwesenheit: Phubbing

    (S1/E42) Vor zehn Jahren wurde im Rahmen einer Kampagne für das australische Maquarie Dictionary ein neues Wort geboren: Phubbing. Es bezeichnete – und bezeichnet noch heute – eine geradezu prototypische Situation unserer neuen digitalen Welt: Menschen entziehen sich ihrer sozialen Umwelt, seien es Freunde, Partner oder Familienangehörige, um sich mit den wahrhaft wichtigen Dingen zu beschäftigen, die natürlich in ihren Smartphones stattfinden. Also versenken sie sich, meist ohne zu fragen oder sich zu entschuldigen, und – „phubben“ was das Zeug hält.

    Mittlerweile ist das Wort zum festen Bestandteil des Vokabulars geworden, mit dem man soziale Situationen oder Begegnungen von Menschen mit mobilen Endgeräten beschreibt. Es gibt dabei verschiedene Varianten: Eine Gruppe von Jugendlichen (oder auch Menschen beliebigen Alters, machen wir uns nichts vor) stehen im Kreis, irgendwo in einer Stadt, vor einer Schule, in einem Park, vor einem Club und anstatt sich scherzend und fröhlich oder auch ernst und konzentriert oder meinetwegen auch nur albern und dümmlich zu unterhalten, starren sie stumm in ihre Smartphones. Am charakteristischen Knickhals erkennt jeder Eingeweihte, was hier gerade vor sich geht… Jeder phubbt jeden, könnte man hierzu sagen. Ein anderes Szenario: Menschen sitzen am Tisch in einem Restaurant und wiederum an den charakteristischen Knickhälsen einiger wortloser Mitglieder der Gesellschaft wird deutlich, dass man sich hier gerade mitnichten um die Tischnachbarinnen und -nachbarn kümmert, sondern um die neuesten Notifications aus den Social Media Feeds. Es gibt viele Varianten dieser Situation: Eltern phubben ihre Kinder (oder umgekehrt), Frauen ihre Männer (oder umgekehrt) wir phubben Euch (oder umgekehrt), Vorgesetzte ihre Untergebenen (oder umgekehrt). Dass es sich hierbei nicht um ein Kavaliersdelikt, sondern um eine Plage, ein in jeder Hinsicht massiv gestörtes Verhalten handelt, werden wir in unserer 42. Folge von achwasfm.janlucash.com/ erklären. Es geht u.a. um die erste Phubbing-Kampagne aus dem Jahr 2012, eine Übersicht der momentan gehandelten Studienergebnisse und eine spezielle Studie aus dem Jahr 2018, in der Phubbing in einer cleveren Imaginations-Studie untersucht wurde. Schließlich suchen wir nach möglichen Regeln (gibt es möglicherweise sozialverträgliches Phubbing?) und versuchen eine Analyse ähnlicher Phänomene. Haben Sie schon einmal das Meer mit Sternchen bewertet?

    Quellen zur Episode

    • Die Website des Macquarie Dictionary, das die Phubbing-Kampagne in Auftrag gegeben hat:
      https://www.macquariedictionary.com.au/
    • Die Studie über die Ursachen und Wirkungen von Phubbing: Chotpitayasunondh, V., & Douglas, K. M. (2018). The effects of “phubbing” on social interaction. Journal of Applied Social Psychology, 48(6), 304-316. Online unter https://kar.kent.ac.uk/65777/

    Zum Episodenbild

    Die prototypischen Phubbing-Kontexte, also Konversationen, Gespräche, Begegnungen und Gesellschaften sind natürlich in der Geschichte der Kunst leicht zu finden. Nur: niemand darauf phubbt! Nach einer längeren verzweifelten Recherche durch die Jahrhunderte und Stilepochen ist es uns dann gelungen, ein Bild zu finden, das junge Mädchen aus der Mitte des 19. Jahrhunderts in einer ländlichen Umgebung zeigt – mit verräterischem Knickhals…! Es wurde von dem nicht unbekannten französischen Maler Jules Breton gemalt. Das Bild trägt den Titel „Jetons d’amour“ (Liebespfänder) und zeigt, was man mit Liebespfändern damals anscheinend so gemacht hat: Phubben!

    https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Jules_Breton_-_Love_Tokens.jpg

  • Was nützt Aufklärung? Edward Snowden und die Folgen

    Was nützt Aufklärung? Edward Snowden und die Folgen

    (S1/E41) Vor 9 Jahren, im Juni 2013 wurden Dokumente veröffentlicht, die das World Wide Web, unsere Kommunikation, das Leben, Digitale Unternehmen, Staaten nachhaltig … hätten erschüttern können. Zumindest unsere Sicht auf die Sicherheit unserer persönlichen Informationen, für immer verändern sollen. Eigentlich.

    In dieser Episode von achwasfm.janlucash.com/ erzählen wir die Geschichte von Aufklärung im doppelten Sinne: Aufklärung als militärische Aktionen, um Daten über Tun und Lassen eines Widersachers zu erlangen – und die Aufklärung darüber, dass diese Aktionen auch befreundete Staaten, sogar die Bewohner des eigenen Landes betreffen. Und Unrecht sind.

    Nach dem 2. Weltkrieg breiteten die als 5-Eyes bezeichneten Staaten USA, Großbritannien, Kanada, Australien und Neuseeland ihr weltweites Spionagenetzwerk aus. Der Kalte Krieg benötigte Informationen über die Sowjetunion – aber auch über die Politik, Politiker und Einwohner westlicher Staaten, die vielleicht mit Wohlwollen oder gar als Agenten diesen Staat unterstützen. Als der Kalte Krieg unter Gorbatschow 1991 mit dem Zerfall der Sowjetunion endete, schienen die „Dienste“ fast schon abgeschrieben.
    Der 11.9.2001 (9/11) änderte diese Einstellung: Globaler Terrorismus hieß das Ziel der Aufklärung.
    Ab 2009  bekam ein externe Mitarbeiter der NSA, Edward Snowden, Zugang zu als top secret eingestuften Daten. Was er entdeckte, erschütterte ihn. Es breitete sich eine Struktur von Überwachung und Einflussnahme durch die Geheimdienste der westlichen Welt aus. Die Werkzeuge PRISM und XKeyscore ermöglichten das Sammeln von Daten im Web und die Auswertung dieser Daten.

    Edward Snowden entschied sich, diese Informationen zu veröffentlichen, er war sich bewusst, dass er damit zum Staatsfeind in den USA wurde.

    Was haben wir aus den Veröffentlichungen gelernt? Was hat die Überwachung genutzt? Was nützt Aufklärung? Mehr dazu im Podcast.


    Quellen zur Episode

    11 Jun 2013: The Guardian veröffentlicht „Edward Snowden: the whistleblower behind the NSA surveillance revelations“. Umfangreiches Material inkl. Interview. (abgerufen am 10.6.2022, 22:56)
    https://www.theguardian.com/world/2013/jun/09/edward-snowden-nsa-whistleblower-surveillance

    Die Artikel der Washington Post zu Snowden liegen hinter einer Paywall (abgerufen am 10.6.2022, 22:40)
    https://www.washingtonpost.com/magazine/2020/05/11/2013-edward-snowden-leaked-top-secret-national-security-agency-documents-showing-how-us-was-spying-its-citizens-heres-what-happened-next/

    Manchmal gibt es sehr umfangreiches Quellenmaterial in Wikipedia (abgerufen am 10.6.2022, 23:30)
    https://en.wikipedia.org/wiki/Edward_Snowden

    Snowden, Edward: Permanent Record, S.Fischer Verlag Frankfurt (2019)
    https://www.fischerverlage.de/buch/edward-snowden-permanent-record-9783596700691

    Rasterfahndung – PRISM Lite in der Bundesrepublik? In den ’70ern wurde per „Rasterfahnung“ nach Terroristen der RAF gesucht. Datascience war schon damals an Bord. (abgerufen am 10.6.2022, 23:21)
    https://www.zeit.de/digital/datenschutz/2013-06/mustererkennung-algorithmen-terror?utm_referrer=https%3A%2F%2Fde.wikipedia.org%2F


    „Wie US-Geheimdienste Daten aus der EU abgreifen könnten“ titelt netzpolitik.org in einer Beitrag vom 26.1.2022 und zitiert aus einem Gutachten: „Das Datenschutzrecht der EU schützt wohl nur bedingt vor US-Geheimdiensten. Ein Gutachten für die Datenschutzkonferenz von Bund und Ländern zeigt: Selbst wenn die Server in der EU stehen, können sensible Daten gefährdet sein.“ (abgerufen am 10.6.2022, 23:42)
    https://netzpolitik.org/2022/gutachten-veroeffentlicht-wie-us-geheimdienste-daten-aus-der-eu-abgreifen-koennten/

    Episodenbild

    Unser Episodenbild der Folge 41 trägt den Titel: Windsor Castle, und ist eine Buch-Illustration von E. W, HASLEHUST 1910, Verlag  Blackie and son, limited. 1910

    PRISM und XKeyscore waren in der Zeit, als unser Episodenbild entstand, eher ein Wachturm mit weitem Ausblick und „Human Brain“ als Auswertungssoftware.
    Auch die Menschen in einem Wachtturm hatten die Aufgabe, zu beobachten, feindliche Truppen zu erkennen und zusammen mit den Wachen „am Boden“ suspekte Personen zu überprüfen.
    Über die Algorithmen dieser Wächter ist eher wenig bekannt.

    Quelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Windsor_castle_(1910)_(14775284354).jpg

  • Die bizarre Welt der Shitstorms

    Die bizarre Welt der Shitstorms

    (S1/E40) Mit Shitstorms stimmt etwas nicht, finden wir. Das Wort ist falsch – mindestens, wenn man es Englisch verstehen möchte (fragen Sie eine/n Muttersprachler/in)! Auch der Vorgang als solcher, das Bilden von anonymen Kollektiven, um in gemeinschaftlicher Wut über Andere (Menschen, Politiker, Promis und beliebige Organisationen oder Marken) herzufallen, scheint uns nicht der Gipfel der moralischen Reife zu sein. Wohlgemerkt: Gar nichts ist gegen das Bilden von Gruppen und das Planen und Durchführen von Aktionen einzuwenden, wenn alles einigermaßen im Rahmen des gesunden Menschenverstandes bleibt. 15.000 Kommentare zu einem Werbespot wegen einer Scheibe Wurst? …sind eher nicht mehr im Rahmen. Genauso, wenn eine Frau wegen eines schlechten Witzes ins Licht der Weltöffentlichkeit gezerrt, beschimpft, bedroht und von ihrem Arbeitgeber entlassen wird.

    In unserer neuen Episode betrachten wir einige der Klassiker dieses Genres, u.a. den Wurstkrieg, der 2011 auf der Facebook-Seite der ING Diba zwischen Vegetariern und Fleischkonsumenten ausbrach, nachdem deren Kommunikationsverantwortliche unvorsichtigerweise einen Werbespot veröffentlicht hatten, in dem eine Scheibe Wurst über die Theke einer Metzgerei gereicht wird. (…damit Du groß und stark wirst.) Während hier eher der Begriff eines Krieges passend erscheint, gibt es auch digitale Auseinandersetzungen, in denen Goliath gegen David vorgeht – besser gesagt: Es sind mehrere Goliaths, ein ganzes Rudel, und es ist auch nur ein winzigkleiner David und wieder ist das Ergebnis anders als in der Bibel: David verliert seinen Job, seine Reputation und wird am Ende unglücklich und krank. Justine Sacco, die aufgrund eines politisch unkorrekten Tweets von einem Flug digital gesteinigt wurde und obendrein auch noch ihren Job los war, ist so ein David und auch ihre Geschichte erzählen wir.

    Und wir berichten dann noch von einer interessanten wissenschaftlichen Studie: Die Arbeit von Kimberly Legocki, Kristen L. Walker und Meike Eilert lässt uns verstehen, dass man zwei Typen von Tweets in Shitstorms unterscheiden muss: die moralisch empörten und auf rasche Verbreitung ohne viel Aufwand erstellten „Ashes“, die 70% der Tweets im Shitstorm ausmachen, und die auf Aktion und aktive Weiterverbreitung orientierten „Sparks“ (20% der Tweets). Wie man dies verstehen und was man eventuell daraus schlussfolgern kann hören Sie / hört Ihr im Podcast. Übrigens: an den kreativen Bezeichnungen erkennt man, dass es im Englischen gar keine Shit- sondern eben nur „Firestorms“ gibt!

    Diesmal möchten wir unsere Leserinnen und Leser hier im Blog darauf hinweisen, dass es hier wichtige Querverbindungen zu anderen Podcast-Episoden gibt, an erster Stelle zu Folge 009: Moral und Social Media: Wer Wut sät, wird mehr Wut ernten, Verbindungen gibt es aber auch zu Folge 010: Über Deindividuation. Leser/innen, die sich ein vollständigeres Bild von den Ursachen und Voraussetzungen der Vorgänge machen möchten, die man unserer Auffassung nicht beschönigend als „Shitstorm“, sondern als das bezeichnen sollte, was sie in Wahrheit sind: kollektive Gewalttaten.

    Quellen

    Das Bild zur Folge:

    Die Tatsache, dass es das Wort „Shitstorm“ ja eigentlich gar nicht gibt, machte es uns leichter, geeignetes Bildmaterial auszuwählen. Wir möchten dies aus Gründen des guten Geschmacks nicht weiter ausführen. Und natürlich ist es einfach, in den Dutzenden Bildern, die im Verlauf der Geschichte von Bränden, insbesondere brennenden Städten gemalt wurden, etwas Hübsches zu finden. Auch Schiffe im Sturm findet man massenhaft und selbst die Kombination, also „brennende Schiffe im Sturm“ funktioniert ausgezeichnet. Als wir bei der Bildrecherche dann auf das „Il Fuoco“ (der Brand, das Feuer) gestoßen sind, war die Sache klar. Unser Episodenbild wurde 1566 von Giuseppe Archimboldo gemalt, das Original hängt im kunsthistorischen Museum in Wien.

    Quelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Archimboldo-krieg-feuer.jpg

  • Nur Katzengold am Ende des Regenbogens? Daten nutzen.

    Nur Katzengold am Ende des Regenbogens? Daten nutzen.

    (S1/E39) Daten. Sie sind das neue Öl – oder passender: Das Neue Gold. Das Data-Mining nimmt immer mehr die Züge eines Goldrausch an. Big Data versprechen noch mehr, als nur Daten. Startups wachsen aus dem Boden und erreichen als „Unicorns“ Milliardenwerte an den Börsen. Wir stellen uns heute der Frage, ob die Analogie zum Goldrausch trägt? Oder lassen wir uns nur von dem Ursprung beider “Mining Gebiete” (Gold, Data Driven Companies), dem Staate Kalifornien, zu einem Trugschluß verführen?


    Was erwartet uns am Ende des Regenbogens – wirklich der Goldtopf, oder nur Pyrit, auch Narren- oder Katzengold genannt? Es kommt darauf an, aus welcher Perspektive man die Angelegenheit betrachtet: Wer macht das Geld? Vielleicht die Hersteller von Hardware, Servern, Netzen, Analysesoftware. Oder auch die Unternehmen, die dieses Equipment einsetzen, um die eigenen Daten zu analysieren. Aber: haben sie denn die Daten, die sie brauchen? Können Sie die richtigen Fragen stellen, um Gold regnen zu lassen?

    Wir werden uns auch um die Frage kümmern, wo wie viel Datengold zu finden ist, und ob dieses adäquat geschürft, gewaschen und geschmolzen werden kann, damit „man“ es wirklich nutzen kann.

    Antworten auf unsere Fragen fanden wir unerwartet auch bei einem Anbieter von Software und Beratungen, dessen Produkte „Gotham“ und „Foundry“ heissen, bei Palantir. Sagenumwoben? Das würde zum Gesamtbild passen.

    Eine Schlußfolgerung sei bereits an dieser Stelle bekannt gemacht: Big Data sorgt oft nicht für mehr Wissen, sondern für höhere Umsätze. Und wenn aus Daten geschöpfte Wissensnuggets ungenutzt bleiben, haben sie den Wert von – Katzengold.

    Quellen zur Episode (aktualisiert am 13.6.2022 zu Palantir)

    DATUMIZE – ein Anbieter von Hardware erklärt „Dark Data“ und verweist auf die passende IBM Studie. Quelle abgerufen am 11.6.2022, 19:30
    https://blog.datumize.com/evolution-dark-data

    David Lazer, Ryan Kennedy, Gary King, and Alessandro Vespignani:
    The Parable of Google Flu: Traps in Big Data Analysis
    2014. Science, 343, 14 March, Pp. 1203-1205. Copy at https://tinyurl.com/y3r58os
    Originalquelle in SCIENCE:
    https://www.science.org/doi/10.1126/science.1248506

    BMW Smart Data Analytics: Industrie 4.0 / Digitalisierung
    Beispiele der tatsächlichen Nutzung von Daten in der Produktion/ Fertigung von Fahrzeugen: Vermessene und gekennzeichnete Bleche steuern Blechpressen und erhöhen die Qualität und Lebensdauer. Einen Einblick in diese gelungene Digitalisierung ermöglicht BMW auf dieser Webseite:
    Lasermarkierte Karosserieteile: Feinsteuerung der Pressen, jederzeit verfolgbare Karosserieteil
    https://www.press.bmwgroup.com/deutschland/article/detail/T0273931DE/smart-data-analytics:-die-bmw-group-setzt-auf-intelligente-nutzung-von-produktionsdaten-fuer-effiziente-prozesse-und-premiumqualitaet

    Häufigste Todesursache 2021 in den USA bei Kindern und Jugendlichen: Schußwaffengebrauch. Quelle FAZ abgerufen am 12.6. 2022, 19:21
    https://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/usa-schusswaffen-sind-nun-die-haeufigste-todesursache-von-kindern-17973578.html

    Palantir in der Presse (Quellenabrufe am 12.6.2022 und 13.6.2022*)

    Meldung der Tagesschau am 3.6.2022* Schafft die Polizei den gläsernen Bürger?
    Nach Hessen, NRW und Bayern prüfen der Bund und weitere Bundesländer den Einsatz des Polizei-Analysetools der US-Firma Palantir, wie BR-Recherchen zeigen. Datenschützer stufen die Software als problematisch ein.
    https://www.tagesschau.de/investigativ/br-recherche/polizei-analyse-software-palantir-101.html

    FAZ Gespräch mit Jan Hiesserich, Palantir Strategie Europa (Paywall)
    https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/digitec/warum-palantir-ein-unternehmen-fuer-krisenzeiten-ist-17919386.html

    10xDNA Research Prozess (Frank Thelen): Inside Palantir. Gespräch mit Jan Hiesserich, Palantir Strategie Europa
    https://youtu.be/XEVYOf0LLTg

    Yahoo Finance
    https://de.finance.yahoo.com/nachrichten/geheimnisvolle-palantir-konzern-peter-thiel-074800082.html

    Zum Episodenbild

    Das Episodenbild zeigt eine Segelkarte, also ein Ticket einer Transport-Company, die mit dem Hinweis wirbt, wie schnell und sicher kalifornische Häfen angesteuert werden. Geworben wird mit Bildern, den „Impressionen“ aus dem Alltag der Goldgräber. Im Bild über der Beschriftung, zwischen dem „I“ und dem „F“ des Schriftzuges „CALIFORNIA“ ist die berühmte blitzblanke Schaufel, das Standardwerkzeug der Goldgräber:innen, zu sehen.

    Das Bild stammt von dem Drucker der Segelkarte, G.F. Nesbitt & Co. und ist auf das Jahr 1850 datiert.

    Die vollständige Unterschrift:
    „A NEW AND MAGNIFICENT CLIPPER FOR SAN FRANCISCO. MERCHANT’S EXPRESS LINE OF CLIPPER SHIPS! Loading none but First-Class Vessels and Regularly Dispatching the great number. THE SPLENDID NEW OUT-AND-OUT CLIPPER SHIP CALIFORNIA, HENRY BARBER, Commander, AT PIER 13 EAST RIVER . This elegant Clipper Ship was built expressly for this trade by Samuel Hall, Esq., of East Boston, the builder of the celebrated Clippers “SURPRISE,” “GAMECOCK,” “JOHN GILPIS,” and others, She will fully equal them in speed!
    Unusually prompt dispatch and very quick trip may be relied upon. Engagements should be completed at once. Agents in San Francisco. Msmmrs, DE WITT KITTLE & CO. RANDOLPH M. COOLEY, 88 Wall Street, Tontine Building“

    https://commons.wikimedia.org/wiki/File:California_Clipper_500.jpg

    Nachweis Wikimedia
    https://commons.wikimedia.org/wiki/File:California_Clipper_500.jpg

  • Sie küssen und sie schlagen uns – vom operanten Konditionieren

    Sie küssen und sie schlagen uns – vom operanten Konditionieren

    (S1/E38) Ein alternativer Titel für diese Folge wäre „Zuckerbrot und Peitsche“ gewesen, es geht nämlich um wahrhaft wirkmächtige und grundlegende Dinge: Belohnung und Bestrafung. Auch wer die mitunter hilflosen erzieherischen Interventionen seiner Eltern schon lange hinter sich gelassen hat, wird vom Leben und von anderen Menschen immer weiter belohnt und bestraft. Da das Netz – wie wir nicht müde werden zu betonen – eben auch nichts anderes ist als das Leben, lösen wir natürlich auch dort an allen Ecken und Enden Belohnungen und Strafen aus, die unser Verhalten beeinflussen...

    Einen Fakt, der in unserer Folge eher am Rande wird erwähnt wird, möchten wir hier noch einmal herausstellen: Die Steuerung von Entscheidungen durch das Belohnen und Bestrafen ihrer Konsequenzen mutet zwar wie ein zutiefst primitiver und biologischer Vorgang an, das Prinzip wird jedoch auch sehr erfolgreich unter dem Begriff „Reinforcement Learning“ (dt. Verstärkungslernen) in Algorithmen der künstlichen Intelligenz implementiert. Ein Algorithmus, der Rückmeldungen darüber verarbeiten kann, ob seine im ersten Moment vielleicht nur zufälligen Entscheidungen erfolgreich waren oder nicht, und der aufgrund dieses Feedbacks seine Entscheidungen permanent neu anpassen kann, hat das Zeug, seinerseits ziemlich wirkmächtig zu werden.

    Noch ein Wort zum Küssen und Schlagen: „Sie küssten und sie schlugen ihn“ (der französische Titel lautete „Les Quadre Cents Coups“, also „Vierhundert Streiche“) ist der Titel eines Films des französischen Regisseurs François Truffaut aus dem Jahr 1959. Er erzählt darin vom Schicksal eines dreizehnjährigen Jungen, der beherzt mit dem Leben experimentiert und deshalb in ein Heim für schwer Erziehbare gerät. Der Film ist ein Klassiker des französischen Kinos und zugleich Gründungsfilm der „Nouvelle Vague“ (dt. neue Welle) des französischen Kinos. Wir haben uns die Formulierung für unseren Titel ausgeborgt, weil sie so wunderbar poetisch und zugleich drastisch klingt – Zuckerbrot und Peitsche mögen uns verzeihen.

    Quellen zum Beitrag:

    Video-Quellen: Tischtennis spielende Tauben und eine agile Maus:

    Die beiden youtube-Videos, die wir erwähnen, sind hier driekt anzuschauen:

    Tischtennis-Tauben bei der BF Skinner Foundation

    Die unglaublich dressierte Maus hier:

    Zum Episodenbild:

    Der Maler Georges Seurat (1859-1891) gehört zu den Großen der französischen modernen Malerei. Unser Episodenbild „Le Cirque“ war wohl eines seiner letzten Werke, gemalt 1891 und anscheinend – so liest man in entsprechenden Quellen – unvollendet. Seurat hatte sich auf ein spezielle Technik spezialisiert, die wundervoll zu unseren Geschichten hinter den Pixeln passt: Er malte seine Bilder aus kleinen Farbpunkten, die dann aus der Distanz und im der gesamten Ansicht verschmelzen und dem/r Betrachter/in einen wundervoll schwerelosen, luftigen Eindruck vermitteln. „Pointillismus“ wird diese Technik genannt und sie setzte sehr viel Erfahrung und Wissen über Farben und additive und subtraktive Farbmischung voraus. Das Episodenbild zeigt einen Ort, der auch in unserer Episode eine Rolle spielt, nämlich einen Zirkus. Da sich alle Formen der klassischen Dressur eben auf den Prinzipien der operanten Konditionierung aufbauen, schien uns das Bild-Motiv sehr passend – und allemal schön.

    Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Georges_Seurat_019.jpg

  • Von menschlicher und künstlicher Intelligenz.

    Von menschlicher und künstlicher Intelligenz.

    (S1/E37) Künstliche Intelligenz? Sind das nicht die Roboter, die uns beherrschen werden, die schlauer sind als Menschen? So wie in den Science Fiction Filmen? Nicht nur, denn es gibt derer zwei. Wir haben uns einerseits fleissige Helferlein geschaffen, die geistige Arbeiten erledigen können. Die schlau, aber nicht klug sind. Und weil sie immer schlauer werden und manches schneller können als wir, haben wir auch ein wenig Angst. Davor, dass sie klug und klüger werden.

    Und uns überflüssig machen – nicht nur unseren Arbeitsplatz, sondern uns vielleicht sogar als Spezies ersetzen könnten. Aber das ist eine andere KI. Die zweite Sorte.

    Mit dieser KI könnten wir was erleben. Wie das zu verstehen ist, und wie KI überhaupt zu verstehen ist, erzählen wir in dieser Folge 37. Die uns als Menschen auch ein wenig klüger macht.

    Quellen zur Episode

    BITKOM (Hrsg), DFKI: Künstliche Intelligenz. Wirtschaftliche Bedeutung, gesellschaftliche Herausforderungen, menschliche Verantwortung (2017)

    Ray Kurzweil: Menschheit 2.0. Lola Books, (2013). engl. Originaltitel: The Singularity Is Near.

    BBC: Kenya alarm after carrier bag mistaken for stray lion, https://www.bbc.com/news/world-africa-61335539 (abgerufen 15. Mai 22 17:30)

    Ein satirisches, kenntnisreiches, philosophisches Werk über eine mögliche Zukunft mit KI.
    Marc Uwe Kling: QualityLand (dunkle Edition). Ullstein (2017)
    Marc-Uwe Kling: QualityLand (helle Edition). Ullstein (2017)
    Marc-Uwe Kling: QualityLand 2.0: Kikis Geheimnis. Ullstein, (2020)

    Zum Episodenbild

    Das Episodenbild zeigt eine Schale mit Zitronen und Wespe von Giovanna Garzoni (1600 – 1670), einer italienische Künstlerin der Barockzeit. Das Bild entstand vermutlich „Ende der 1640er“ Jahre.

    Die Wespe müsste bei der Analyse des Bildes durch eine Künstliche Intelligenz auffallen. Und diese zugleich verwirren, wenn sie sich in der Malerei des 15. Jahrhunderts auskennt. Was anzunehmen ist. Denn was zu erkennen glaubt, wäre eine Fliege: Die gemalte Fliege, Musca Depicta, geht auf eine Tradition altniederländische Maler zurück: Es war nicht unüblich, eine Fliege als Optische Täuschung in das Bild oder auf dem Rahmen einzufügen. Es konnte eine Anspielung sein auf Beelzebub, den Herrn der Fliegen, das Böse, das sich im Unscheinbaren versteckt. Wahrscheinlicher war, dass die gemalte Fliege zeigen sollte, welche Kunstfertigkeit im Detail die Künstler:innen hatten, denn viele Betrachter:innen hielten die Fliege für „echt“.

    Nachweis Wikimedia
    https://de.wikipedia.org/wiki/Giovanna_Garzoni#/media/Datei:Giovanna_Garzoni_(Italian)-_Still_Life_with_Bowl_of_Citrons-_Google_Art_Project.jpg

  • Auf den Hund gekommen: klassisches Konditionieren

    Auf den Hund gekommen: klassisches Konditionieren

    (S1/E36) Das Assoziieren von emotionalen Reaktionen und Bedeutungen mit neutralen Gegenständen oder Inhalten ist ein Lebensvorgang wie das Atmen oder Verdauen. Das Thema dieser Folge ist also in dieser Hinsicht ein Klassiker: Wir können bestimmten Dingen oder Inhalten durch das Koppeln mit schon etablierten Gefühle auslösenden Dingen die Macht verleihen, diese nun ihrerseits selbst auszulösen. Dieser Vorgang wird als klassische Konditionierung bezeichnet. Wieder einmal gilt, dass dieses Prinzip eigentlich seit Jahrhunderten bekannt sein dürfte, doch die Wissenschaft hat es erst im frühen 20. Jahrhundert entdeckt und systematisch erforscht. Die Werbepsychologie kennt es seit langem und auch im Web und in sozialen Medien ist es allgegenwärtig.

    Drei Facetten des Themas nehmen wir uns vor: Die erste betrifft die historische Entdeckung und wissenschaftliche Beschreibung des Vorgangs, bei dem ein neutraler Reiz durch wiederholte Kombination mit einer reflexauslösenden Situation die Fähigkeit erwirbt, selbst zum Auslöser zu werden. Erstmals beschrieb dieses Phänomen Iwan Petrovitch Pavlow, ein russischer Arzt und Physiologe (und Nobelpreisträger 1902). Knapp 20 Jahr später beobachtete auf der anderen Seite des Atlantiks der Psychologe John Watson was geschieht, wenn ein man ein Kleinstkind in dem Moment erschreckt, wo es beispielsweise ein kleines Tier sieht. Es bekommt Angst vor dem Tier und auch hier haben wir es mit einer klassischen Konditionierung zu tun.

    Eine Studie von Gerald Gorn aus dem Jahr 1982 gilt als Paradebeispiel der Nutzung dieses Prinzips in der Werbung und ist unser zweites Beispiel. Wer sich das vorstellen will, kann vielleicht einmal bei einem Film den Ton abdrehen – um dann zu beobachten, wie die emotionale Tiefe des Geschehens unmittelbar verflacht. Mit Musik kann man alle möglichen Dinge emotional einfärben und genau dieses Prinzip – das dem einer klassischen Konditionierung entspricht – interessierte Gorn. Und er konnte beobachten, dass Menschen, die dem ausgesetzt sind, sich u.U. überhaupt nicht darüber im Klaren sind, dass sie beeinflusst werden.

    Celebrities sind ebenfalls Objekte, die – wie man es so schön formuliert – „emotional besetzt“ sind. Und die Autoren unseres 4. Studien-Beispiels untersuchten genau deren Wirkung auf die „Brand Attitude“. Nach 5 Darbietungen eines Fake-Produkts mit Jennifer Aniston war die Einstellung der Proband/innen zu diesem Produkt merklich (um 8%) positiver und diese Wirkung war auch nach 2 Wochen noch nachweisbar. Für uns, die wir uns für die Geschichten hinter den Pixeln interessieren, ist hier natürlich der naheliegende Transfer ins Influencer-Marketing relevant.

    Den Abschluss bildet ein raffiniertes Experiment, in dem mit extrem kurzen Darbietungszeiten Bildmaterial aus Facebook verwendet wurde, um sehr schnelle reflexartige Reaktionen der Proband/innen erfassen zu können. Auch hier war sich niemand dieser Prozesse bewusst und es zeigte sich, dass vor allem Intensiv-Nutzer/innen und suchtgefährdete Personen zu emotionalen Reflexen auf Facebook-Symbole neigten.

    Die Quellen zur Podcast-Folge

    Zum Episodenbild

    Klassisches Konditionieren ist nach unserem Wissen niemals der Gegenstand einer künstlerischen Darstellung gewesen. Also haben wir uns dafür entschieden, den namenlosen Haupt-Protagonisten der (übrigens durchaus grausamen) Konditionierungsexperimente von Pavlow ein Denkmal zu setzen. Bilder von Hunden gibt es nun reichlich, meist in den Varianten dekadenter Schoßhund oder edles Windspiel. 1801 malte der belgische Maler Henri Van Assche ein wahrscheinlich von einem liebenden Herrchen oder Frauchen beauftragtes Hundeportrait, dem wir wegen des virtuos beobachteten und gemalten herzzerreißenden Hundeblicks nicht widerstehen konnten.

    Bildquelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Portrait_of_a_dog,_seated_on_a_red_cushion,_by_Henri_van_Assche,_1801.jpg