Kategorie: Social Media

  • Echte Mogelpackungen – Parasoziale Beziehungen und Authentizität

    Echte Mogelpackungen – Parasoziale Beziehungen und Authentizität

    Im Jahr 1956 erschien ein Klassiker der Medienforschung, ein nur vierzehn Seiten umfassenes wissenschaftliches Essay, in dem die Donald Horton und Richard Wohl erstmals den Begriff der „parasozialen Beziehung“ bzw. „parasozialen Interaktion“ definieren und gebrauchen. Was sie darin an Gedanken und Überlegungen über die Qualität und die Funktion der Beziehungen eines Publikums zu bestimmten Medienfiguren anstellen, erscheint heute aktueller denn je.

    Tatsächlich hat es der moderne Mensch nicht mehr so einfach, was seine sozialen Beziehungen betrifft. Während man früher in einem sozialen Ökosystem mit Familie, Freunden, Sippschaft und vielleicht noch einer regionalen Gemeinschaft lebte, gesellen sich heute zahlreiche mehr oder weniger virtuelle Personen, Heldinnen und Helden und Medienfiguren aller Art hinzu. Horton und Wohn nennen diese „Personae“ (Singular: Persona). Beispiele für aktuell hoch gehandelte Personae wären Attila Hildmann, Jan Böhmermann, Anne Will oder auch Bibi (also, nicht die von „Bibi und Tina“, sondern die von dem Beauty Palace). Gemeinsam haben sie, dass wir sie (a) nur über die Medien vermittelt kennen, und trotzdem (b) von ihnen beeinflusst werden. Diese besondere Art von einseitiger Beziehung, bei der sich ein anonymes Publikum mit Protagonist/innen identifiziert, nennen die Autoren „parasozial“ und tatsächlich liest sich ihr Artikel über weite Strecken wie eine Vorwegnahme dessen, was uns heute in Gestalt von YouTuber/innen und Stars und Sternchen auf Instagram oder TikTok begegnet.

    In unserer Podcastfolge rollen wir die Thematik auf, berichten von Studien und modernen Strategien aus dem Marketing, denen zufolge Influencer/innen systematisch akquiriert, evaluiert und mit eigenen Markenwerten und -botschaften synchronisiert werden. Der entscheidende Hebel dabei ist: Authentizität! Nur wer echt erscheint, hat Erfolg. Nur wer anscheinend ungeplant und spontan agiert kann damit rechnen, intensive parasoziale Beziehungen an sich zu ziehen (anders gesagt: Vertrauen zu gewinnen, das sich dann monetarisieren lässt). Auch diese Idee ist von Horton und Wohl schon vorgedacht worden, wenn sie von planned informality sprechen, die für das Herstellen einer intimacy at a distance erforderlich sei. Wenn man sich mit der Thematik beschäftigt, stolpert man schnell über zwei verwandte Themen, die eigene Podcast-Episoden wert sind.

    Erstens sind wir vielleicht derzeit nur in einer Übergangsphase, in der echte Menschen immer noch die Voraussetzung dafür sind, dass parasoziale Beziehungen entstehen können. Eine zweite Klasse von Personae, die uns die Digitale Transformation beschert, sind nämlich KI-Avatare, denen wir uns in einer späteren Folge ausführlich widmen werden… Zweitens kommt zur Authentizität noch ein zweiter Schlüsselfaktor für enge parasoziale Beziehungen hinzu: Attraktivität. Je attraktiver eine Persona eingeschätzt wird, desto enger ist die entstehende Bindung. Allerdings ist Vorsicht geboten, denn Attraktivität und Authentizität sind nicht voneinander unabhängig. Aus diesem Grund mahnen die Strategen des Influencer-Marketings, es nicht zu übertreiben. Irgendwann gilt, dass die Dinge zu schön sind um wahr zu sein.

    Die Quellen und Lesetipps zur Episode

    Das Episodenbild

    Das „Theatre Magazine“ ist eine Publikation, die von der Jahrhundertwende bis in die 20er-30er Jahre in den USA erschien. Uns ist sie aufgefallen, weil auf dem Titel häufig gezeichnete und kolorierte Abbildungen von Personae der damaligen Schauspiel- und Theaterkultur abgebildet waren. Der Stil der Darstellung und der Ausdruck der Personen erinnern frappierend an die Anmutung der photogeshoppten Feeds der modernen Influencer/innen. Unser Episodenbild aus dem Jahr 1923 zeigt die US-amerikanische Schauspielerin Ruth Findlay (1896-1946). Und man wartet darauf, dass sie uns mit „Ihr Lieben…“ anspricht. Gezeichnet wurde sie von dem New Yorker Maler und Illustrator Hamilton King (1871-1952), der irgendwie auf weichgezeichnete Damenportraits spezialisiert war.

    URL: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Theatre_Magazine_April_1919_cover_-_Ruth_Findlay_by_Hamilton_King.jpg

  • Neulich hinter der großen Mauer: Das Web in China

    Neulich hinter der großen Mauer: Das Web in China

    Von China ist viel die Rede dieser Tage. Sei es die neue Seidenstraße, das chinesische Engagement in Afrika, die Hafenterminals in Hamburg oder diverse Olympiaden. Auch in der Welt der Digitalisierung ist das Reich der Mitte immer für eine Schlagzeile gut: Ausschluss von HUAWEI beim Ausbau des 5G-Netzes für Großbritannien, chinesische Hacker kapern Microsoft… Die Zeiten, in denen man Wolken von Chinesinnen und Chinesen im blauen Einheitslook radelnd auf leergefegten achtspurigen Straßen sehen konnte, sind schon lange vorbei.

    In dieser Folge von achwasfm.janlucash.com/ widmen wir uns vor allem dem geheimnisvollen Punkte-System, mit dem chinesische Bürgerinnen und Bürger zuerst bewertet und dann belohnt oder bestraft werden. In der westlichen Öffentlichkeit besteht weitgehende Einigkeit darüber, dass das sozusagen ein Orwell'scher Super-GAU ist, eine fleischgewordene Black-Mirror-Vision. "China’s rulers aim to implement an Orwellian system premised on controlling virtually every facet of human life…“ wußte der amerikanische Vizepräsident Mike Pence im Jahr 2019 zu berichten. Moment: Black Mirror? Das ist eine ziemlich dystopische Netflix-Serie, in der verschiedene Aspekte digitaler Technologien von künstlicher Intelligenz über Kampfroboter bis soziale Medien dargestellt und sozusagen in eine beängstigende Zukunft weitergedacht werden. Nun, wer sich einmal mit interkultureller Kommunikation und Kulturvergleich beschäftigt hat, ahnt, dass da möglicherweise etwas nicht ganz stimmt.

    Das ist das Thema unserer China-Folge. Blickt man durch die individualistische Silicon-Valley-Brille auf Projekte aus kollektivistischen Kulturen, kann leicht das eine oder andere Missverständnis entstehen – umgekehrt übrigens ganz genauso. Aber die chinesische Kultur ist viertausend Jahre alt und vielleicht ist die Art und Weise, wie man dort mit Digitalisierung, vernetzten Rechnern und Smartphones umgeht nicht uninteressant für uns. Dieser Frage gehen wir nach. Durchaus interessant ist dabei noch eine andere Frage, ob es sich bei der allenthalben anzutreffenden Vorsicht gegenüber den Chinesen (Stichwort: gelbe Gefahr) um…

    (a) berechtigte Vorsicht gegenüber einer imperialistischen Supermacht oder

    (b) ein Echo unserer eigenen Bemühungen, Produkte möglichst billig zu produzieren und deshalb ihre Herstellung in Billigstlohnländer zu verlagern oder

    (c) schlichten Rassismus

    …handelt.

    Wir meinen: Es lohnt, diese Aspekte zu unterscheiden und sich beim Nachdenken und vor allem beim öffentlichen Diskutieren aller drei Möglichkeiten bewusst zu sein.

    Nachtrag zu (c) Rassismus: Die Glutamat Unterstellung

    In den späten 60ern des 20.Jhds standen Chinarestaurants unter Druck: Sie wurden verdächtigt, tonnenweise mit einem chemischen Stoff die US Bevölkerung zu malträtieren. Hitzewallungen, Herzrasen, Übelkeit, Benommenheit, Ohnmachtsanfälle wurden in einem Artikel von Dr. Robert Ho Man Kwok im „New England Journal of Medicine (NEJM)“ veröffentlicht.
    Auch schon davon gehört – oder erlebt? Das Chinarestaurant-Syndrom!
    Nun ja, es war allerdings kein Artikel, sondern ein Brief an den Herausgeber. Auch lag dem Ganzen keine Studie zu Grunde, sondern, wie Dr Ho Man Kwok es ausdrückte, seine Wahrnehmung etwa 20 Minuten nach dem Besuch eines Chinarestaurants. Nachdem die Presse und die Major Networks (TV) diese Information ungeprüft weitergaben, verbreitete sich das wie ein Lauffeuer weltweit. Und Chinarestaurants sahen sich gezwungen, Speisen ohne Glutamat anzubieten, um die Kundschaft nicht zu verlieren.
    Schaut man genauer hin, zeigt sich: Es wurden in einer Reihe von Studien keine Effekte der beschriebenen Art festgestellt. Der Verdacht lag nahe, dass Erdnüsse oder Shrimps in Saucen die Übeltäter sein könnten – allerdings eines Effektes, der überhaupt nicht nachzuweisen war. Ein weiterer Aspekt wurde so formuliert: „Leiden über 1 Mrd. Asiaten an ständigem Kopfweh, Übelkeit, Ohnmachtsanfällen und Herzrasen“?
    Dieses Natriumglutamat ist auch in europäischer Würze (Maggi, Fondor, …) enthalten, und auch Nahrungsmittel enthalten „von Natur aus“ diese natürliche Würze.

    Und: „Umami“ ist neben salzig, bitter, süß und sauer der 5. Geschmackssinn. Und dieser Geschmack wird von Lebensmitteln bereitgestellt, die Natriumglutamat enthalten.

    War es eine rassistische Entgleisung, die bereitwillig aufgegriffen wurde?
    Eine genauere Untersuchung dieser Geschichte wurde unter dem Aspekt von Medienpolitik und dem Titel „Never let a good story get in the way of the truth“ ein Blogbeitrag von anecdote.com in 2019 veröffentlicht.
    https://www.anecdote.com/2019/03/good-story-truth/

    Quellen:

    • Die Website des Projekts „Center for Humane Technology“ unseres Protagonisten Tristan Harris:
      https://www.humanetech.com/

      und hjer spricht Tristan Harris über TikTok in China und im Rest der Welt:

    Das Bild zur Episode:

    Wir zeigen als Episodenbild eine Postkarte aus den USA, die 1907 von dem amerikanischen Verlegers, Grafiker und Karikaturisten Fred C. Lounsbury gemalt bzw. hergestellt und vertrieben wurde. Schon damals war allenthalben von einer gelben Gefahr die Rede und die Idee, die heute unter dem unsäglichen Tump’schen Mantra „They steal our jobs“ diskutiert wird, war in der Öffentlichkeit überaus beliebt. Natürlich war sie auch damals falsch, denn die USA waren auf die billigen Arbeitskräfte aus Asien angewiesen, um ihre Wirtschaft am Laufen zu halten.

    Zur Übersetzung des Textes auf der Karte: „Chink“ bedeutet so viel wie Schlitz oder Spalt und war im frühen 20. Jahrhundert eine geringschätzige und beleidigende Bezeichnung für asiatische Menschen. Man kann es vielleicht mit unserem „Schlitzauge“ gleichsetzen.

  • Was weißt Du über Clickbait…?

    Was weißt Du über Clickbait…?

    …das ist nicht nur eine gute Frage, die man sich gelegentlich wirklich stellen sollte, sondern auch höchst selbstreferentiell eben das: Clickbait. Das Formulieren von Fragen, die den/die Leser/in direkt aufs Korn nehmen, ist nämlich eine der Köder-Methoden, mit denen windige Anbieter versuchen, uns von unseren Zielen abzulenken und zum Klicken zu ermuntern – auf der Suche nach mehr oder weniger sensationellen, in vielen Fällen aber schlussendlich überhaupt nicht vorhandene Informationen.

    Und was uns da so angeboten wird, ist aber auch einfach zu verlockend:

    • „Nachdem du diese Fakten gelernt hast, wirst du deine Katze nie wieder anfassen wollen.“
    • „Dieser Mann ging spazieren, doch plötzlich passierte etwas Unglaubliches!“
    • „Sie war eine ganz normale Frau, doch dann geschah DAS“
    • …und wenn Dich das nicht interessiert: SO sieht Michael Schumacher heute aus…!“ „

    Also gut: Clickbait, das ist toxischer Gehirn-SPAM, dem wir auf lange Sicht kaum entkommen. Weil die idiotischen Köder überall lauern und unendlich Geduld haben, müssen sie nur lange genug warten, bis unsere Widerstandskraft nachlässt und unsere eigentlichen Absichten ermüden – schon ist es passiert! Ein Klick genügt und dann geschieht – um es in adäquater Sprache zu formulieren – etwas Unfasssbares: Wir bekommen die in Aussicht gestellten Dinge nämlich gar nicht zu sehen! Und das ist kein „kranker Irrsinn“, sondern hat gute Gründe (…die wir natürlich erklären).

    In der 6. Folge der 2. Staffel unseres Podcasts gehen wir diesem typischen Phänomen der digitalen Transformation nach und auf den Grund. Es wird dabei weniger wissenschaftlich zitiert als gründlich nachgedacht: Wie kann so etwas Idiotisches wie Clickbaiting überhaupt funktionieren? Was findet dabei in den Opfern statt? Welche Köder kann man unterscheiden? Welche psychologischen Prinzipien stecken dahinter? Wieso funktioniert das, obwohl wir die Köder ja sofort als solche erkennen? Mit diesen Fragen beschäftigen wir uns. Und anstatt Studien zu zitieren, machen wir diesmal kurzerhand selbst eine: Den ultimativ-krassen Clickbait-Contest!

    …und Du wirst nicht glauben, wer dabei gewinnt!

    Der ultimativ-krasse Clickbait-Contest:

    Genau: In unserem Clickbait-Contest haben wir nämlich ausprobiert, wie sich unsere Reichweite vermittels Clickbait turboladen lässt. Die folgende Galerie zeigt die drei Kandidaten, die dabei gegeneinander angetreten sind. Die bisher erfolgreichste Content-Anzeige unseres Podcasts, (nämlich die Ghosting-Folge, die wir als Instagram-Beitrag promotet haben) tritt dabei als Vergleichsmessung gegen zwei handgeschnitzte Clickbait-Vorlagen an, die die Macher von achwasfm.janlucash.com/ in edlem Wettstreit erstellt haben:

    Die Details erklären wir ausführlich im Podcast. Die Ergebnisse des Vergleichs sind folgende:

    AnzeigeTageEuroViewsKlicksKosten/Klick
    Vergleich55010.00012545 Ct.
    von Hawe221,066.8225638 Ct.
    von Thomas223,106.69220111 Ct.

    Man erkennt: Beide Clickbait-Anzeigen sind der Vergleichs-Version überlegen. Für die beste Anzeige (von Thomas mit Clickbait aufgepimpt) kostet die Reichweite nur ein Viertel der gewöhnlichen Vergleichsanzeige!

    Quod erat demonstrandum: Clickbait funktioniert!

    Das Episodenbild

    Das Bild zur Folge wurde von einer künstlichen Intelligenz Namens DALL-E erzeugt, und zwar auf den Prompt (Eingabestring): „a intensely colored painting of a young woman as victim of clickbait digital art“. Mehr zu DALL-E in der aktuellen Podcast-Folge. Der Link zur KI: https://openai.com/dall-e-2/

    Quellen

  • Zoom-Fatigue und Selbstaufmerksamkeit

    Zoom-Fatigue und Selbstaufmerksamkeit

    (S2/E04) Eine signifikante Veränderung in unserem Leben haben die Jahre der Pandemie mit sich gebracht: Wir verbringen – gefühlt – unendlich viel Zeit in Videokonferenzen. Adobe Connect, Big Blue Button, Clickmeeting, Google Meet, Microsoft Teams, webex, ZOOM … Ja, das Kommunizieren über briefmarkengroße Fensterchen, in denen sich Familienmitglieder und Freund/innen, Kolleg/innen, Lehrende und Lernende tummeln, ist für uns zum Alltag geworden.

    Unsere Meinung hierzu: Auch wenn uns Videokonferenzen über die Corona-Krise hinweggerettet haben, müssen wir sie ja noch nicht mögen – jedenfalls nicht immer und überall. Und unser Verdacht, dass etwas nicht stimmen kann, wenn Menschen sich Tag um Tag und Stunde um Stunde vor dem Rechner postieren, um mit Webcam und Mikro an Meetings teilzunehmen, hat sich bestätigt. Das ist einfach ungesund! Und es waren wieder einmal die amerikanischen Wissenschaftler – diesmal vom Virtual Human Computer Interaction Lab der Universität Stanford -, die das Problem als erste erkannt und dingfest gemacht haben: „ZOOM-Fatique“ nennt man dieses Gefühl von Leere und Erschöpfung, das eintritt, wenn sich Menschen in einer Situation finden, in der sie anscheinend stundenlang von anderen beobachtet werden und sich obendrein zwangsweise noch selbst betrachten müssen. Und wie alle anderen Varianten von Fatique, auf die wir auch kurz eingehen, ist dies letztlich eine digitale Zivilisationskrankheit, man könnte auch sagen: ein Thema für die Krankenkassen. Wir gehen diesem Phänomen auf den Grund, berichten über Studien, Messinstrumente, erste Erkenntnisse zu den Ursachen und mögliche Gegenmaßnahmen.

    Das zweite Thema, mit dem wir uns beschäftigen, hat ganz unmittelbar hiermit zu tun. Es geht um Selbstaufmerksamkeit – ein Wort, das seine Bedeutung ahnen lässt, nicht aber seine Auswirkungen. Wir klären, was das ist und kommen zu dem Schluss, dass die schöne neue Wirklichkeit der Sozialen Medien und Videokonferenzen eben genau diese Selbstaufmerksamkeit auslöst. Es scheint plausibel: Wer permanent beobachtet wird und sich selbst permanent beobachtet, wird automatisch und unbedingt in einen Zustand erhöhter Selbstaufmerksamkeit versetzt. Das wäre nun halb so schlimm, wenn es nicht eigenartige Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge rund um Selbstaufmerksamkeit gäbe. In der Geschmacksrichtung „öffentlich“ korreliert Selbstaufmerksamkeit nämlich mit sozialer Angst (Mein Gott, was mögen die nur von mir denken?) in der Geschmacksrichtung „privat“ mit Depressivität (Oh Gott, wer bin ich denn und was bin ich überhaupt wert?). Merke: Wenn Du Deine gute Laune nicht verlieren willst, dann schau‘ nicht zu lange in Spiegel – und meide Videokonferenzen!

    Quellen:

    zum Episodenbild

    Ramon Casas (1866-1932) war ein katalanischer Maler und Grafiker, der als Mitbegründer und wichtiger Vertreter des katalanischen Modernismus gilt, einer künstlerischen Bewegung, der auch der weltberühmte Architekt Antoní Gaudi angehörte. Für das Bild „Müde“, das zwischen 1895 und 1900 entstand, malte er eines seiner häufiger portraitierten weiblichen Modelle in einem eigenartig modern wirkenden Mobiliar. Und sie ist sehr überzeugend müde, fanden wir. Ein schönes Sinnbild für unsere Folge über Fatigue.

    Bildquelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:18_sep_13_rodin_belle.jpg

  • Stammtisch 2.0? Filterblasen & Echokammern

    Stammtisch 2.0? Filterblasen & Echokammern

    (S2/E03) Für manche unserer Spezies gibt es nichts schöneres als das Zusammensein mit Gleichgesinnten. Man kennt sich, man versteht sich. Denen kommen Social Media Anbieter entgegen. Unmerklich aber bestimmt wird man in einer „Filterblase“ gefangen, pardon, eingelullt. Die Nachrichten und Posts oder Tweets, die man zu sehen bekommt, werden nach und nach eindimensional. Eintönigkeit und Langeweile gibt es aber kaum, denn man findet sich nicht nur mit Menschen zusammen, die das selbe mögen, sondern auch sich über die selben Dinge aufregen.

    Und Aufregung gibt es genügend. Dafür sorgt der Effekt der Echokammern. 

    In dieser Folge erzählen wir die Geschichte von Filter und Echo im Web. Was dabei alles schief laufen kann, welche Folgen das hat und:

    Wir bieten eine Lösung an, wie man wieder selbst entscheiden könnte, ob und was man hören, sehen und mit wem man sprechen möchte.

    Dazu gibt es Zahlen und Fakten aus verschiedenen Quellen:

    Quellen zur Episode

    • Der Begriff „Filterblase“
      Eli Pariser. „The Filter Bubble: What the Internet is Hiding From You“. 2011 by Penguin Press
    • Helen Thomée: „Aktivismus vs. Nachrichtenseiten auf Social Media: Einfluss von wahrgenommener Expertise und Ähnlichkeit auf politische Partizipation. Bachelorarbeit (Bachelor of Science), Angewandte Kognitions- und Medienwissenschaft an der Universität Duisburg-Essen, September 2022.


    Zum Episodenbild

    Für unser Episodenbild haben wir ein Bild der Nymphe Echo als passend empfunden, eine tragische Gestalt der griechischen Sagenwelt. Echo spricht gerne viel und wurde daher von Zeus beauftragt, seiner Frau Hera Geschichten zu erzählen. Absicht: sie damit abzulenken, damit er sich mit mit anderen Frauen vergnügen konnte. Hera merkt dies und bestraft Echo hart: Sie kann keine eigenen Worte mehr sprechen, nur noch die letzten gehörten wiederholen.
    Welche fatale Folge: Als sie auf Narziss trifft, kann sie diesem ihre Liebe nicht gestehen, sondern wiederholt nur die an sie gerichteten Worte. Narziss wendet sich ab, Echo stirbt an gebrochenem Herzen. Nur ihre Stimme wiederholt seitdem überall auf der Welt das eben gesagte Wort.
    Das Episodenbild ist ein Ausschnitt eines Gemäldes von Talbot Hughes (1869–1942), einem britischen Maler und Sammler historischer Kostüme.

    Talbot Hughes, Public domain, via Wikimedia Commons


  • Beethovens Tod und Social Media

    Beethovens Tod und Social Media

    (S2/E01) Zu den weniger bewundernswerten Eigenschaften von Menschen gehört es, bei Nachrichten oder Meldungen nicht genau hinzuschauen, wenn nur die Story einigermaßen „catchy“ ist. Sind dazu noch diese Nachrichten „negativ“, ein Aufreger, dann haben diese gute Chancen schnell und durchschlagend verbreitet zu werden. Nehmen wir als Beispiel mal:
    – Beethoven’s Leidensgeschichte: War der Wein war sein Tod?
    – Folgen des Lockdowns: Social Media macht unsere Kinder kran
    k!
    – Beethovens Porträt: Gemalt von einem Fake-News-Troll in Staatsdiensten?
    Wir gestehen: die letzte Meldung ist nicht im Podcast aufgeklärt. Informationen dazu gibt es beim „Episodenbild“.

    Verspüren Sie als Hörende des Podcasts, als Lesende des Blogs nun nicht auch das Bedürfnis, jetzt die Geschichten hinter den Pixeln zu erfahren?

    Machen wir, dabei hilft uns zum Thema „Social Media und Jugendliche“ eine wahre Goldgrube an Daten und Informationen: Die Millennium Cohort Study (MCS). Diese wird durchgeführt als Längsschnittstudie. Das bedeutet, man begleitet seit dem Jahr 2000 über 19.000 Kinder bei ihrer Entwicklung durch die Kindergartenzeit bis zum heutigen Tag. Das lässt tiefe Einblicke zu, welche Bedingungen das Wohlbefinden, schulische Leistungen, die körperliche und seelische Gesundheit beeinflussen, und wie es heute damit steht.
    Und noch mehr: Um die Basis für politische Entscheidungen zu erweitern, wurden die Teilnehmenden in dieser Längsschnittstudie zusätzlich befragt: Wie zum die zur Social Media genutzt wird – oder wie sich die Jugendlichen während des Corona Lockdowns verhalten haben.

    Was Beethovens Tod wahrscheinlich (mit) verursachte, folgt der selben forensischen Logik: Wir schauen genauer hin, suchen Quellen, werten dieses aus und stellen fest: Die wahre Geschichte es ist ein wenig anders, als man es zu wissen glaubt.

    Quellen zur Episode

    Die erwähnte Studie basiert auf der Millennium Cohort Study (MCS) des Centre for Longitudinal Studies. Mehr zu dieser Einrichtung – und weitere aktuelle Ergebnisse auch früherer Studien finden sich dort:
    https://www.ucl.ac.uk/ioe/departments-and-centres/centres/centre-longitudinal-studies

    Das Centre for Longitudinal Sudies veröffentlich immer wieder Ergebnisse der insgesamt vier Längsschnittstudien, beginnend mit der ersten Welle im Jahr 1958.
    Hier zum Beispiel die aktuellen Ergebnisse „Next Steps“ der „Longitudinal Study of Young People in England (LSYPE)“. Diese begleitet das Leben von rund 16.000 Menschen in England, die 1989-90 geboren wurden.
    https://cls.ucl.ac.uk/cls-studies/next-steps/

    Basisquelle dieser Folge ist:
    Whitney Crenna-Jennings (sie ist federführend): Young people’s mental and emotional health: Trajectories and drivers in childhood and adolescence. 2021 (PDF Download möglich).
    https://epi.org.uk/publications-and-research/young-peoples-mental-and-emotional-health

    Weiterführende Quellen

     Georg Franck: Ökonomie der Aufmerksamkeit 1998
    https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/oekonomie-der-aufmerksamkeit/978-3-446-19348-2/

    UlrikeReisach: The responsibility of social media in times of societal and political manipulation. 2020
    https://reader.elsevier.com/reader/sd/pii/S0377221720308249?token=CA776BF7BE84754343F89545A9BD68F3273A3E8C67C53D2C2CB68CFA979D90B6E6D7E8DCF89920090CE5E247B8DA4B49&originRegion=eu-west-1&originCreation=20220911203516

    Episodenbild

    Unser Episodenbild zeigt ein eher unbekanntes Porträt von Ludwig van Beethoven im Alter von 35 Jahren (in 1805). Die Besonderheit ist, dass es bis zu seinem Tod in Beethovens Besitz war. Gemalt wurde es von Joseph Willibrord Mähler. Mähler hat unter anderem an der „Wiener Akademie der bildenden Künste“ studiert.
    Bei der Wahl des Episodenbildes spielte für uns Mählers eigentlicher Beruf fast eine ebenso große Rolle wie das Porträt Beethovens.
    Nach seinem Studium wurde Mähler Offizier des Geheimdienstes Geheime Kabinettskanzlei in Wien. „Die Geheime Kabinettskanzlei“ in Wien war die wohl bekannteste und eine der effizientesten „Schwarzen Kammern“, deren Aufgabe im 18. Jahrhundert war, heimlich Post mit zu lesen. Also den Schriftverkehr zu „überwachen“. Im Laufe der Zeit kam auch immer stärker die Dekodierung verschlüsselter Nachrichten hinzu sowie die Verfälschung der Informationen, also die „Desinformation des Empfängers.“
    Die Geheime Kabinettskanzlei war eine Überwachungsmaschinerie plus etwas, was man heute als „Troll-Fabrik“ bezeichnen würde. Es ist anzunehmen, dass die zeichnerischen Fähigkeiten von Mähler beim „faken“ von Texten eingesetzt wurden.
    Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Geheime_Kabinettskanzlei abgerufen am 12.9.2022 4:32.

    Malerei und Komposition betrieb Mähler seitdem nebenbei.

    https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Josef_Willibrord_Mähler,Ludwig_van_Beethoven(Komponist),_um_1804–1805,_Sammlung_Wien_Museum_Inv._Nr._104650,_Foto_Birgit_und_Peter_Kainz,_Wien_Museum.jpg

  • Anwesenheit von Abwesenheit: Phubbing

    Anwesenheit von Abwesenheit: Phubbing

    (S1/E42) Vor zehn Jahren wurde im Rahmen einer Kampagne für das australische Maquarie Dictionary ein neues Wort geboren: Phubbing. Es bezeichnete – und bezeichnet noch heute – eine geradezu prototypische Situation unserer neuen digitalen Welt: Menschen entziehen sich ihrer sozialen Umwelt, seien es Freunde, Partner oder Familienangehörige, um sich mit den wahrhaft wichtigen Dingen zu beschäftigen, die natürlich in ihren Smartphones stattfinden. Also versenken sie sich, meist ohne zu fragen oder sich zu entschuldigen, und – „phubben“ was das Zeug hält.

    Mittlerweile ist das Wort zum festen Bestandteil des Vokabulars geworden, mit dem man soziale Situationen oder Begegnungen von Menschen mit mobilen Endgeräten beschreibt. Es gibt dabei verschiedene Varianten: Eine Gruppe von Jugendlichen (oder auch Menschen beliebigen Alters, machen wir uns nichts vor) stehen im Kreis, irgendwo in einer Stadt, vor einer Schule, in einem Park, vor einem Club und anstatt sich scherzend und fröhlich oder auch ernst und konzentriert oder meinetwegen auch nur albern und dümmlich zu unterhalten, starren sie stumm in ihre Smartphones. Am charakteristischen Knickhals erkennt jeder Eingeweihte, was hier gerade vor sich geht… Jeder phubbt jeden, könnte man hierzu sagen. Ein anderes Szenario: Menschen sitzen am Tisch in einem Restaurant und wiederum an den charakteristischen Knickhälsen einiger wortloser Mitglieder der Gesellschaft wird deutlich, dass man sich hier gerade mitnichten um die Tischnachbarinnen und -nachbarn kümmert, sondern um die neuesten Notifications aus den Social Media Feeds. Es gibt viele Varianten dieser Situation: Eltern phubben ihre Kinder (oder umgekehrt), Frauen ihre Männer (oder umgekehrt) wir phubben Euch (oder umgekehrt), Vorgesetzte ihre Untergebenen (oder umgekehrt). Dass es sich hierbei nicht um ein Kavaliersdelikt, sondern um eine Plage, ein in jeder Hinsicht massiv gestörtes Verhalten handelt, werden wir in unserer 42. Folge von achwasfm.janlucash.com/ erklären. Es geht u.a. um die erste Phubbing-Kampagne aus dem Jahr 2012, eine Übersicht der momentan gehandelten Studienergebnisse und eine spezielle Studie aus dem Jahr 2018, in der Phubbing in einer cleveren Imaginations-Studie untersucht wurde. Schließlich suchen wir nach möglichen Regeln (gibt es möglicherweise sozialverträgliches Phubbing?) und versuchen eine Analyse ähnlicher Phänomene. Haben Sie schon einmal das Meer mit Sternchen bewertet?

    Quellen zur Episode

    • Die Website des Macquarie Dictionary, das die Phubbing-Kampagne in Auftrag gegeben hat:
      https://www.macquariedictionary.com.au/
    • Die Studie über die Ursachen und Wirkungen von Phubbing: Chotpitayasunondh, V., & Douglas, K. M. (2018). The effects of “phubbing” on social interaction. Journal of Applied Social Psychology, 48(6), 304-316. Online unter https://kar.kent.ac.uk/65777/

    Zum Episodenbild

    Die prototypischen Phubbing-Kontexte, also Konversationen, Gespräche, Begegnungen und Gesellschaften sind natürlich in der Geschichte der Kunst leicht zu finden. Nur: niemand darauf phubbt! Nach einer längeren verzweifelten Recherche durch die Jahrhunderte und Stilepochen ist es uns dann gelungen, ein Bild zu finden, das junge Mädchen aus der Mitte des 19. Jahrhunderts in einer ländlichen Umgebung zeigt – mit verräterischem Knickhals…! Es wurde von dem nicht unbekannten französischen Maler Jules Breton gemalt. Das Bild trägt den Titel „Jetons d’amour“ (Liebespfänder) und zeigt, was man mit Liebespfändern damals anscheinend so gemacht hat: Phubben!

    https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Jules_Breton_-_Love_Tokens.jpg

  • Die bizarre Welt der Shitstorms

    Die bizarre Welt der Shitstorms

    (S1/E40) Mit Shitstorms stimmt etwas nicht, finden wir. Das Wort ist falsch – mindestens, wenn man es Englisch verstehen möchte (fragen Sie eine/n Muttersprachler/in)! Auch der Vorgang als solcher, das Bilden von anonymen Kollektiven, um in gemeinschaftlicher Wut über Andere (Menschen, Politiker, Promis und beliebige Organisationen oder Marken) herzufallen, scheint uns nicht der Gipfel der moralischen Reife zu sein. Wohlgemerkt: Gar nichts ist gegen das Bilden von Gruppen und das Planen und Durchführen von Aktionen einzuwenden, wenn alles einigermaßen im Rahmen des gesunden Menschenverstandes bleibt. 15.000 Kommentare zu einem Werbespot wegen einer Scheibe Wurst? …sind eher nicht mehr im Rahmen. Genauso, wenn eine Frau wegen eines schlechten Witzes ins Licht der Weltöffentlichkeit gezerrt, beschimpft, bedroht und von ihrem Arbeitgeber entlassen wird.

    In unserer neuen Episode betrachten wir einige der Klassiker dieses Genres, u.a. den Wurstkrieg, der 2011 auf der Facebook-Seite der ING Diba zwischen Vegetariern und Fleischkonsumenten ausbrach, nachdem deren Kommunikationsverantwortliche unvorsichtigerweise einen Werbespot veröffentlicht hatten, in dem eine Scheibe Wurst über die Theke einer Metzgerei gereicht wird. (…damit Du groß und stark wirst.) Während hier eher der Begriff eines Krieges passend erscheint, gibt es auch digitale Auseinandersetzungen, in denen Goliath gegen David vorgeht – besser gesagt: Es sind mehrere Goliaths, ein ganzes Rudel, und es ist auch nur ein winzigkleiner David und wieder ist das Ergebnis anders als in der Bibel: David verliert seinen Job, seine Reputation und wird am Ende unglücklich und krank. Justine Sacco, die aufgrund eines politisch unkorrekten Tweets von einem Flug digital gesteinigt wurde und obendrein auch noch ihren Job los war, ist so ein David und auch ihre Geschichte erzählen wir.

    Und wir berichten dann noch von einer interessanten wissenschaftlichen Studie: Die Arbeit von Kimberly Legocki, Kristen L. Walker und Meike Eilert lässt uns verstehen, dass man zwei Typen von Tweets in Shitstorms unterscheiden muss: die moralisch empörten und auf rasche Verbreitung ohne viel Aufwand erstellten „Ashes“, die 70% der Tweets im Shitstorm ausmachen, und die auf Aktion und aktive Weiterverbreitung orientierten „Sparks“ (20% der Tweets). Wie man dies verstehen und was man eventuell daraus schlussfolgern kann hören Sie / hört Ihr im Podcast. Übrigens: an den kreativen Bezeichnungen erkennt man, dass es im Englischen gar keine Shit- sondern eben nur „Firestorms“ gibt!

    Diesmal möchten wir unsere Leserinnen und Leser hier im Blog darauf hinweisen, dass es hier wichtige Querverbindungen zu anderen Podcast-Episoden gibt, an erster Stelle zu Folge 009: Moral und Social Media: Wer Wut sät, wird mehr Wut ernten, Verbindungen gibt es aber auch zu Folge 010: Über Deindividuation. Leser/innen, die sich ein vollständigeres Bild von den Ursachen und Voraussetzungen der Vorgänge machen möchten, die man unserer Auffassung nicht beschönigend als „Shitstorm“, sondern als das bezeichnen sollte, was sie in Wahrheit sind: kollektive Gewalttaten.

    Quellen

    Das Bild zur Folge:

    Die Tatsache, dass es das Wort „Shitstorm“ ja eigentlich gar nicht gibt, machte es uns leichter, geeignetes Bildmaterial auszuwählen. Wir möchten dies aus Gründen des guten Geschmacks nicht weiter ausführen. Und natürlich ist es einfach, in den Dutzenden Bildern, die im Verlauf der Geschichte von Bränden, insbesondere brennenden Städten gemalt wurden, etwas Hübsches zu finden. Auch Schiffe im Sturm findet man massenhaft und selbst die Kombination, also „brennende Schiffe im Sturm“ funktioniert ausgezeichnet. Als wir bei der Bildrecherche dann auf das „Il Fuoco“ (der Brand, das Feuer) gestoßen sind, war die Sache klar. Unser Episodenbild wurde 1566 von Giuseppe Archimboldo gemalt, das Original hängt im kunsthistorischen Museum in Wien.

    Quelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Archimboldo-krieg-feuer.jpg

  • Es grünt zu grün! Astroturfing und digitale Propaganda.

    Es grünt zu grün! Astroturfing und digitale Propaganda.

    Ein Hinweis für unsere geschätzten Hörerinnen und Hörer

    Dieser Beitrag nimmt an dem Wettbewerb Fast Forward Science 2022/23 in der Kategorie „AUDIO Spezial“ teil. Wir meinen dazu: Please keep fingers crossed!

    (S1/E34) Im Jahr 2007 fanden sich engagierte und besorgte Bürger/innen zu einer Graswurzel-Bewegung zusammen, die sich darum kümmern wollte, dass bei der Privatisierung der Deutschen Bahn alles mit rechten Dingen zugeht. „Rechte Dinge“, damit war eine ungestörte und möglichst umfassende Privatisierung des schwerfälligen Staatsunternehmens zum Wohle der Bürger/innen gemeint. Auf meinebahndeinebahn.de wurden Artikel publiziert und Diskussionen geführt und eigentlich wäre das kein …achwas!? wert, wenn das nicht alles komplett gefaked, ausgedacht, erdichtet, erstunken und erlogen gewesen wäre.

    Genau! Weder gab es die besorgten Bürger/innen noch die Initiative, die sich im Web mit authentischer Betroffenheit und eigenartig detailliertem Fachwissen für das Ende des Staatsunternehmens und goldene Zeiten im Glanz einer vollständig privatisierten und daher effizienten, kundenfreundlichen Bahn einsetzten. Die Bahn hatte die Graswurzel-Bewegung für 1,3 Millionen Euro bei liederlichen Agenturen in Auftrag gegeben und natürlich ist eine beauftragte Graswurzel-Bewegung eben keine solche, sondern eine contradictio in adjecto (für Nicht-Lateiner/innen: ein Widerspruch in sich). Das wurde der Bahn dann 2009 durch die Organisation LobbyControl bescheinigt und der Deutsche PR-Rat erteilte eine offizielle Rüge und die Medien stürzten sich auf den Skandal und so weiter – peinliche Sache!

    Andererseits: eigentlich ist das ganz normal, denn die Herstellung von Kunstrasen zum Vortäuschen echter Graswurzel-Bewegungen für die eigenen Zwecke gehört schon seit Jahrhunderten im Kommunikations-Repertoire der Mächtigen. In Shakespeare’s „Julius Cäsar“ ist schon die Rede davon, dass Brutus von Briefen falscher Graswurzel-Aktivisten aufgehetzt wird, gesteuert von Cassius, dem Bösewicht…

    Warum hier von "Astroturf" und dem Verb "Astroturfing" die Rede ist? Das ist eine eigene Geschichte hinter den Pixeln, die wir in der neuen Folge von …achwasfm.janlucash.com/! natürlich erzählen.

    Quellen zur Podcast-Folge

    Zum Epiosodenbild

    Unser Bildkonzept wäre unvollständig ohne den nicht nur von uns bewunderten und verehrten Mitbegründer der modernen Malerei: Vincent van Gogh. Da wir selten über Lilien oder Sonnenblumen, geschweige denn über die Landschaft Südfrankreichs erzählen, hat es etwas gedauert, bis wir eine Brücke zu einem seiner Werke schlagen konnten. Mit „Astroturfing“ haben wir endlich ein passendes Thema, denn es geht ja in weiterem Sinn um …Gras! Das „Coin de jardin avec papillons“, gemalt 1887, zeigt eben das: natürlich gewachsenes, gesundes und etwas wild wucherndes Gras. Also das Gegenteil von Astroturf…

    Bildquelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Van_Gogh_-_Rasenst%C3%BCck_mit_Schmetterlingen.jpeg

  • Über Ghosting

    Über Ghosting

    (S1/E32) Da uns nichts Menschliches fremd ist, handelt unsere 32. Episode von einem Vorgang, ohne den die meisten von uns nicht in ihrem Leben nicht auskommen: Gemeint ist die Partner/innensuche! Natürlich sind uns das Web und diverse Apps auf der Suche nach dem Glück schon lange derart behilflich, dass mittlerweile jede fünfte Paarbeziehung digital vermittelt ist. Dass ist nichts Neues. Dass dabei nicht immer alles gut gehen muss, liegt aber auf der Hand und gelegentlich müssen neue Wörter gefunden werden um zu beschreiben, was geschieht.

    Ein solches Wort ist der Titel unserer neuen Folge: Ghosting! Es ist dies eine von mehreren Möglichkeiten, wie wir uns in Dating-Plattformen gegenüber Kanditat/innen verhalten können, die wir aus unserer Favoritenliste aussortieren möchten. Andere heißen Benching, Breadcrumming oder Gatsbying. Und Ghosting hat etwas vom Löschen eines Produkts aus einem Warenkorb. „Ex und hopp“, könnte man sagen. Von Seiten der ghostenden Person ist das prima praktisch und kein Problem. Sie löst sich quasi in Luft auf und verschwindet spurlos (daher der Begriff). Das geht ohne Vorwarnung und sehr schnell und nachhaltig vonstatten und unser Verdacht ist, dass diese Verhaltensweisen durch die Eigenschaften der Daten-Plattformen unterstützt und ausgelöst werden. Wir werden einiges an Argumenten hierfür zusammentragen. Wieder einmal muss man feststellen, dass die Digitale Transformation unseren psychischen Apparat vor Herausforderungen stellt…

    Übrigens: Die Opfer, die Geghosteten, finden das andererseits nicht so lustig. Da ist jemand, für den oder die man vielleicht heftige Gefühle hegt – Romantik, Sehnsucht, Schmetterlinge im Bauch – und unvermittelt ist Schluss. So etwas kann (hierüber werden wir berichten) zu traumatischen Reaktionen führen und langfristige Folgen haben einschließlich Trauer, Scham, Verlust des Selbstwertgefühls. „Habe ich etwas falsch gemacht?“ fragt sich ein irritiertes und verzweifeltes Opfer, das in einer Studie zitiert wird.

    Quellen zur Folge:

    • Das „Urban Dictionary“: ein Crowd-Sourcing-Projekt zur englischen Sprache mit besonderer Berücksichtigung von Slang-Begriffen.
      https://www.urbandictionary.com/

    Zum Episodenbild

    Zu Gespenstern geistert so manches Bild im Web. Das träfe zwar das Wort, aber nicht die Umstände des Auftretens:

    Bei Jan (Johannes) Vermeer wurden wir fündig. Das Bild „Bei der Kupplerin“ entstand 1656. Als Genrebild zeigt es wohl eine Szene in einem Bordell.

    https://commons.wikimedia.org/wiki/File:JohannesVermeer_-_De_koppelaarster.jpg

    Wir möchten die Alternativen Ihnen nicht vorenthalten. Der Wikimedia entstammend finden Sie dort auch weitere Informationen.

    https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Gespenst_by_Hokusai.jpg

    https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Ghost_Stories_December_1928.jpg

    https://commons.wikimedia.org/wiki/File:%22Love%22_by_Leigh_Bongiorno.jpg

    https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Th%C3%A9odore_Chass%C3%A9riau_Spectre_de_Banquo_07005.JPG