Kategorie: Social Media

  • Zum TikTok! Supernormale Attrappen

    Zum TikTok! Supernormale Attrappen

    Das Thema „Supernormalität“ ist ja eher speziell, man findet vergleichsweise wenig Literatur, insbesondere hat sich die Erkenntnis einer Verknüpfung dieses bizarren Phänomens mit dem Verhalten von Nutzer/innen in sozialen Medien – noch – nicht so richtig durchgesetzt. Wir möchten das ändern, denn bei genauem Hinsehen stellen wir fest, dass viele Phänomene – also sehr viele – im Kontext der Digitalen Transformation „supernormal“ sind.

    …und Supernormalität ist ein alt-ehrwürdiges Konzept aus der Verhaltensbiologie, das uns aber speziell dabei helfen kann zu verstehen, warum Fake News, Social Media und KI-Inhalte oft eine größere Anziehungskraft haben als die nüchterne Realität. Denn wie Stichlinge, die übertriebene rote Attrappen für die echtesten aller Rivalen halten, oder Meiseneltern, die ein Kuckucksküken als den einzig wahren Nachwuchs füttern, reagieren auch wir Menschen auf übersteigerte Reize, die uns in ihren Bann ziehen und unsere Aufmerksamkeit binden – schöner, besser, magnetischer als alles, was die Natur zu bieten hat.

    Und die Plattform-Betreiber, Clickbait-Hersteller, KI-Anbieter und Content-Creator (und die entsprechenden -innen) versuchen ausnahmslos und mit allen Mitteln unsere Reptilien-Aufmerksamkeit, deren abgründigen Vorlieben wir nicht entkommen können, mit immer neuen und doch immer den gleichen unwiderstehlichen Inhalten einzufangen – zu ihrem Nutzen und unser aller Schaden. Und so sitzt der Homo Sapiens am Beginn des dritten Jahrtausends Stunde um Stunde an den Bildschirmen und sein hypnotisiertes Gehirn konsumiert den endlosen und größtenteils nutzlosen Informationsmüll wie leckere, knusprige, fettige und zu stark gewürzte Kartoffelchips – mit dem Unterschied, dass uns hiervon zum Glück irgendwann schlecht wird…

    Quellen zum Thema Supernormalität

    Um gute und relevante Quellen und Diskussionsbeiträge zum Thema Supernormalität zu finden, muss man länger arbeiten. Aber es lohnt sich.

    Die folgenden Artikel empfehlen wir für eine fokussierte Lektüre:

    • Die umfangreichste Publikation zum Thema stammt von Deidre Barrett und ist absolut lesenswert:
      Barrett, D. (2010). Supernormal stimuli: How primal urges overran their evolutionary purpose. WW Norton & Company.
    • Sehr dringend empfehlen wir den im Podcast erwähnten Beitrag, der im Kontext der Uni Stanford veröffentlicht wurde. Es gibt dort eine Konferenz, die sich im Sinn von Technikfolgen-Abschätzung mit Effekten der digitalen Transformation beschäftigt. Speziell dieser Beitrag ist lesenswert:
      Luxton, D. & Watson, E. (2023) Psychological and Psychosocial Consequences of Super Disruptive A.I.: Public Health Implications and Recommendations. In D. Zimmer, T. A. Undheim, P. N. Edwards (Hrsg.) Intersections, Reinforcements, Cascades. Proceedings of the 2023 Stanford Existential Risks Conference. The Center for International Security and Cooperation, The Freeman Spogli Institute, Stanford University.
      https://drive.google.com/file/d/1IYjs1hLMsonLR-DnRWZkrT-IHanxGkMC/view
    • Ebenfalls lesenswert ist ein Artikel von Adrian Ward:
      Adrian F. Ward (2013) Supernormal: How the Internet Is Changing Our Memories and Our Minds, Psychological Inquiry, 24: 341–348.
      https://doi.org/10.1080/1047840X.2013.850148
    • In der englischsprachigen Ausgabe von „Pschologie Heute“ gibt es einen schönen Beitrag zu Supernormalität.
      https://www.psychologytoday.com/us/blog/cutting-edge-leadership/202103/why-we-are-attracted-to-supernormal-stimuli?utm_source=chatgpt.com

    Die Sucht nach supernormalen Lebensmitteln

    Junk-Food als supernormale Droge wird in diesen Artikeln des Time-Magazine behandelt:

    Käfer kopulieren mit Bierflaschen

    Die Geschichte von den bedauernswerten australischen Käfern, die von Bierflaschen genarrt werden, findet man in dieser Original-Publikation:

    Fun-Fact am Rand: Die Arbeit von Gwynne und Rentz hat später (im Jahr 2011) den „Ig-Nobelpreis“ gewonnen, das ist eine Art Anti-Nobelpreis, mit dem Beiträge ausgezeichnet werden, die Menschen zuerst lachen und dann nachdenken lassen „…to honor achievements that first make people laugh, and then make them think.“ Mehr hierzu findet man unter dieser URL: https://improbable.com

    Die Auswirkungen von Pornographie

    Das ist ein wichtiges und entsprechend auch viel untersuchtes Thema, das – nebenbei bemerkt – mindestens eine Folge von achwasfm.janlucash.com/ wert wäre.

    • Einen sehr umfassenden Überblick über die letzten 20 Jahre Forschung zu diesem Thema finden interessierte Hörer/innen in dieser Arbeit:

      Peter, J., & Valkenburg, P. M. (2016). Adolescents and pornography: A review of 20 years of research. The Journal of Sex Research, 53(4–5), 509–531
      https://www.tandfonline.com/doi/pdf/10.1080/00224499.2016.1143441
    • Diese aktuellere Studie untersuchte eine Gruppe von Jugendlichen, die sich selbst als betroffen einschätzten und Hilfe für ihren problematischen Pornografiekonsum suchten. Typische Symptome des problematischen Konsums (z. B. Kontrollverlust) und zeigt, welche sozialen, psychischen oder Motivationsfaktoren damit einhergehen.

      Jiang, X., Wu, Y., Zhang, K., Bőthe, B., Hong, Y., & Chen, L. (2022). Symptoms of problematic pornography use among help-seeking adolescents. Journal of Behavioral Addictions, 11(3), 912–927.
      https://akjournals.com/view/journals/2006/11/3/article-p912.pdf
    • Und dann war da noch als Hörtipp: „Ach komm„, der Sexologie-Podcast der dänischen Sexualwissenschaftlerin Ann-Marlene Hennig. Zitat: „…im Gespräch mit Caro Burchardt, Teamleitung im RND-Ressort Magazin, greift Henning die drängendsten Fragen auf und scheut auch vor frechen Antworten nicht zurück.“ Wir empfehlen ihn hier wegen der Hintergründe zu Pornographie als supernormalem Phänomen.
      https://www.podcast.de/podcast/2637726/ach-komm-der-podcast-fuer-koerper-seele-herz-und-sex

    Der geheimnisvolle „Peak Shift“ beim Lernen von Tieren und Menschen

    „Peak Shift“ ist dieses eigenartige, aber überaus folgenreiche Phänomen, dass Tiere bei Experimenten, in denen sie zwischen belohnten und unbelohnten Reizen zu unterscheiden lernen, automatisch eine Präferenz für „Übertreibungen“ ausbilden.

    • Die ersten Peak Shift Experimente von Hanson, erschienen in dem überaus ehrwürdigen Journal of Experimental Psychology:
      Hanson, H. M. (1959). Effects of discrimination training on stimulus generalization. Journal of experimental psychology, 58(5), 321.
      https://doi.org/10.1037/h0042606
    • Und dies ist der Nachweis eines Peak Shift Phänomens beim Menschen in der im Podcast ausführlicher erklärten Form. Beim Menschen gilt: Wenn man intuitiv reagiert, tritt ein Peak Shift auf. Hat man allerdings die Sache mit dem Verstand erfasst, kennte man eine Regel, die man anwenden kann – tritt also das Bewußtsein mit auf – verschwindet der Peak Shift.
      Lee, J. C., & Livesey, E. J. (2018). Rule-based generalization and peak shift in the presence of simple relational rules. Plos one, 13(9), e0203805.
      https://journals.plos.org/plosone/article/file?id=10.1371/journal.pone.0203805&type=printable
    • Das abschließend erklärte Experiment, in dem die Bedeutung von Impulsivität für das Auftreten eines Peak Shift UND die Bevorzugung supernormaler Reize untersucht wurde:
      Goodwin, B. C., Browne, M., Rockloff, M., & Loxton, N. J. (2016). Rash impulsivity predicts lower anticipated pleasure response and a preference for the supernormal. Personality and Individual Differences, 94, 206-210.
      https://research-repository.griffith.edu.au/bitstreams/2d85a041-ee90-4c29-887c-e487d00a1d13/download

    Kinder und Tablets

    Hier könnte man viele Studien zitieren:

    • Bereits im Jahr 2006 hat man mit Computerspielen zur Beruhigung von Kindern experimentiert – man könnte wetten, dass unter den Autoren Väter oder Mütter sind, die die magische supernormale Wirkung der Geräte beobachtet haben.
      Patel, A., Schieble, T., Davidson, M., Tran, M. C. J., Schoenberg, C., Delphin, E., & Bennett, H. (2006). Distraction with a hand-held video game reduces pediatric preoperative anxiety. Anesthesia & Analgesia, 103(1), 138–142.
      https://doi.org/10.1111/j.1460-9592.2006.01914.x
    • Dies ist eine akruelle Studie zur Wirkung der Nutzung von Tablet-Computern für die Beruhigung von Kindern im Alltag auf veschiedene Variablen der psycho-emotionalen und sozialen Entwicklung. Man könnte es kurz sagen: Wenn Sie Kinder haben, lassen Sie es sein!

      Radesky, J. S., Kaciroti, N., Weeks, H. M., Schaller, A., & Miller, A. L. (2023). Longitudinal associations between use of mobile devices for calming and emotional reactivity and executive functioning in children aged 3 to 5 years. JAMA pediatrics, 177(1), 62-70.
      https://jamanetwork.com/journals/jamapediatrics/fullarticle/2799042

    Stereoptype von bildgenerierenden KI-Systemen

    Wir äußern im Podcast den Verdacht, dass KI-Systeme äußerst effektive Generatoren für supernormale Situationen sind. Mit unendlicher Geduld, unendlichen Inhalten und schöner, besser, magnetischer, geiler als alles, was die Natur zu bieten hat. Untersucht wurde dieses Phänomen im Rahmen eines studentischen Projekts.

    Die Quelle: Kienzle, C. Vollmer, D., Möldner, M., Breisch, L. & Horvat, L. (2025) KI im Klischeemodus? Eine Analyse demographischer Repräsentation in Berufsbildern. Bericht zum Abschlussprojekt im Schwerpunkt Data Science, Studiengang Onlinemedien, DHBW Mosbach.

    Die Prompts für das folgende Video lauteten folgendermaßen:

    • Erstelle mir ein fotorealistisches Portrait eines Mannes. Du kannst Haarfarbe, Bart, Hautfarbe und Hintergrund frei wählen.
    • Erstelle mir ein fotorealistisches Portrait eines sehr männlich aussehenden Mannes. Du kannst Haarfarbe, Bart, Hautfarbe und Hintergrund frei wählen.
    • Gestalte das Bild noch deutlich männlicher.
    • …noch deutlich männlicher.
    • …

    Analog für die weibliche Person:

    zum Epsodenbild

    Hier im Blog

    Die weltberühmte „Venus von Willendorf“ ist eines der allerfrühesten Kunstwerke, die uns aus dem Neolithikum (also der Steinzeit) erhalten geblieben sind. Sie ist mit einem Alter von 20.000 Jahren ein Erzeugnis von Menschen, die in der letzten Eiszeit in Willendorf an der Donau lebten.

    Und sie ist ziemlich supernormal.

    https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Venus_von_Willendorf,_copy-8.jpg

    für den Podcast

    Für die Podcast-Episode haben wir ein anderes Bild verwendet, da wir fürchten mussten, dass die nackte ältere Dame von dümmlichen Algorithmen zensiert wird. Hier haben wir eine supernormale Szenerie von einem klassischen englischen Illustrator gewählt, der auf Vogelzeichnungen spezialisiert war. Sein Name war William Hayes, er lebte 1729-1799 in Southall (Middlesex) und hatte 21 Kinder – also immerhin auch etwas supernormal, fanden wir. Natürlich waren Kuckucksvögel schon im 18. Jahrhundert erfolgreiche Attrappen für harmlose Singvögel. Hier noch einmal sein Bild in der unbearbeiteten Form, in der es auf Wikimedia Commons zu finden ist:

    https://commons.wikimedia.org/wiki/File:A_pied_wagtail_feeding_a_worm_to_a_young_cuckoo._Etching_by_Wellcome_V0022207.jpg


  • Die Dunkle Seite der Macht – mehr über Ultraviralität

    Die Dunkle Seite der Macht – mehr über Ultraviralität

    S307 Eisberge bieten sich ja gerne als Vergleich an, wenn es verborgene Dinge gibt, die sich dem Betrachter oder der Öffentlichkeit entziehen. Dunkelziffern, Fehlversuche, unausgesprochene Erwartungen… Sie verbergen bekanntlich neun Zehntel ihrer Masse unter Wasser, nur zehn Prozent sind sichtbar. Wir leihen uns diese Metapher aus, um darüber nachzudenken, dass Faktoren, die in sozialen Netzwerken zu unerwartet großen Reichweiten führen, zum größeren Teil nicht-linear, anorganisch und schwer vorhersagbar sind – unter dem Wasserspiegel eben.

    Das ist schon einmal eine wichtige Erkenntnis. Wer also davon hört oder liest, dass man Informationen „teilt“, sollte sich bewusst sein, dass es in den Netzen, in denen wir leben, eigentlich um etwas ganz anderes geht, nämlich das Monetarisieren von viralen Reichweiten. Und hier gilt eine einfache Formel: je mehr, desto besser – oder? Wir teilen nicht, wir veröffentlichen, d.h. wir multiplizieren – und das ist so ziemlich das Gegenteil von einem intimen Vorgang, bei dem man etwas mit Freunden „teilt“. Der Kuchen, den ich zur Party mitbringe, wird mit jedem/r weiteren Freund/in, der/die davon nascht, kleiner. Das ist Teilen.

    Aufgrund der Netzwerkeigenschaften von sozialen Medien hat mein privates Video, in dem ich mich etwas ungeschickt verhalte oder vielleicht etwas über den Durst getrunken habe oder einen missverständlichen Witz mache, aber nicht nur theoretisch, sondern ganz wortwörtlich das Potential für eine weltweite, gigantische Reichweite. Jedes einzelne Video kann viral gehen, es gibt keine Limits, keine Bremsen. Das Teilen meines privaten Geschehens mit meinen Freunden und dem intimen Kreis meiner Follower/innen, sei es ein Maleur oder eine Heldentat, kann also ganz unvermittelt und ohne mein Zutun apokalyptisch anmutende Folgen nach sich ziehen. Wir nennen das „Ultraviralität“ und das ist keine Theorie, sondern ein an zahlreichen anekdotischen Beispielen belegbarer Sachverhalt.

    Die Beispiele

    Um die Idee von Ultraviralität zu illustrieren, haben wir einleitend im Podcast zwei Beispiele erwähnt.

    Das „Star Wars Kid„

    Eines der ersten richtig ultraviralen Videos ist Anfang der „Nuller“-Jahre von einem kanadischen Jugendlichen mit Namen Ghyzlain Raza gedreht und dann von einem tückischen Kameraden, der eben kein „Freund“ war, „geteilt“ worden. Die 900 Millionen Aufrufe, die es in den nächsten Jahren erzielt hat, haben die seelische Gesundheit des Protagonisten dann fast ruiniert. Man spricht in Zusammenhang mit der Scham, den Schuldgefühlen und darauf folgenden depressiven Reaktionen auch von einem „Medienopfersyndrom“.

    Dies ist das Video:

    Im Jahr 2022 wurde die Geschichte von Ghyzlain Raza in einem Dokumentarfilm erzählt:

    https://en.wikipedia.org/wiki/Star_Wars_Kid:_The_Rise_of_the_Digital_Shadows

    Chewbacca Mom

    Unser zweites virales Beispiel hat – tatsächlich eher zufällig – auch mit STARWARS zu tun, aber es ist diesmal eine positive Geschichte. Sie betrifft das legendäre „Chewbacca-Mom“-Video, das in drei Tagen 140 Millionen Views erzielt hat – ohne dass die Content Creatorin sich das hat träumen lassen.

    Auch das war Ultraviralität und zum Glück hat die Protagoistin das nicht nur gut überstanden, sondern auch in verschiedener Hinsicht von Ihrem unverschuldeten Celebrity-Status profitiert.

    andere Quellen

    Die Social Brain Hypothese, auf die wir zu Beginn der Episoide Bezug nehmen, wurde von Robin Dunbar Anfang der 90er Jahre erstmals formuliert bzw. entwickelt. Er hat in seiner Arbeit eine plausible und begründete Schätzung der Größe eines „natürlichen sozialen Netzwerks“ eines Menschen vorgenommen. Er kommt dabei auf die „Dunbar-Zahl“: 150-200 Menschen sind demnach ein einigermaßen organisches Netzwerk von Personen, die sich gegenseitig kennen können.

    Die anorganischen Netzwerk-Eigenschaften sozialer Medien und ihre Auswirkungen, über die wir uns im Podcast unterhalten, sind in einer Vielzahl von Publikationen belegt.

    Dass Lügen erfolgreicher sind als die Wahrheit ist mittlerweile Konsens. Der berühmte Erst-Befund zum Thema ist diese Arbeit:

    Wie politische Gruppierungen versuchen, das Netz, seine Anonymität und die besonderen unsichtbaren Netzwerk-Eigenschaften für Ihre Zwecke einzusetzen, zeigen verschiedene Geschehnisse und Veröffentlichungen.

    • Das „Handbuch für Medienguerillas“ ist ein Dokument, das aus dem rechtsextremen Spektrum stammt und Strategien für Online-Trolling, Infokriege und Meme Wars beschreibt. Es wurde 2017 von der Gruppe „D-Generation“ verfasst und geleakt. Es wurde insbesondere im Umfeld der „Identitären Bewegung“ und der Online-Community „Reconquista Germanica“ verbreitet.
      https://www.hogesatzbau.de/wp-content/uploads/2018/01/HANDBUCH-F%C3%9CR-MEDIENGUERILLAS.pdf

    Dass negative Informationen erfolgreicher sind als positive ist ebenfalls kein Punkt, über den man diskutieren muss. Exemplarisch:

    Der Artikel über die Bedeutung der topographischen Position eines Senders für die Reichweite in sozialen Netzwerken einschließlich der „K-Cell“ bzw. „K-Shell“ Metriken, der im zweiten Teil des Podcasts ausführlich beschrieben wird, hat uns sehr fasziniert. Er ist hier nachzulesen:

    • Die Quelle: Pei, S., Muchnik, L., Andrade, Jr, J. S., Zheng, Z., & Makse, H. A. (2014). Searching for superspreaders of information in real-world social media. Scientific reports, 4(1), 5547. Er ist online abrufbar unter der URL:
      https://www.nature.com/articles/srep05547.pdf

    Ein Befund, der direkt dafür spricht, dass die Nutzer mit ihrem Verständnis der Ausbreitung von Information daneben liegen, ist das Unterschätzen der eigenen Reichweite.

    Das Episodenbild

    Wenn wir schon Eisberge als Leitmotiv im Podcast haben, müssen natürlich entsprechende Bilder her. Das hier zu sehende hat uns ästhetisch besonders beeindruckt. Es ist von dem seinerzeit nicht unbekannten deutsch-amerikanischen Maler Albert Bierstadt im 19. Jahrhundert gemalt worden.

    Bildquelle:https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Albert_Bierstadt_-_The_Iceberg.jpg

  • Wie Reichweite zum Fluch wird – Ultraviralität

    Wie Reichweite zum Fluch wird – Ultraviralität

    S3 E06 Wir sollten uns klar machen, dass die gigantischen Abrufzahlen, die man in Plattformen wie YouTube oder TikTok findet, immer in einer speziellen Währung bezahlt werden: „investierte menschliche Lebenszeit“.

    Spätestens dann, wenn man es mit Millionen von Abrufen zu tun bekommt, handelt es sich bei dem in Frage stehenden Vorgang also nicht mehr um gewöhnliche menschliche Kommunikation, sondern um das Verbrennen astronomischer Mengen von Lebenszeit (letztlich zu Gunsten von Oligarchen und Aktiengesellschaften).
    Überhaupt lesen sich viele Wörter, wenn es um Reichweiten im Web geht, etwas …speziell. Dass die Abertausenden von Menschen, die auf sozialen Medien um uns herumschwirren, nicht wirklich unsere „Freunde“ sein können, hat sich vielleicht schon herumgesprochen. Trotzdem können wir Mark Zuckerberg diesen listigen linguistischen Angriff, der suggerieren sollte, wir seien auf Facebook „unter uns“ nicht verzeihen.

    Aber Toni Kroos hat auch keine 49 Millionen „Follower“ (das würde ihn sowohl auf der Autobahn als auch beim Einkaufen ziemlich beunruhigen). Es gibt auch nichts, was Christiano Ronaldo mit 650 Millionen Personen „teilen“ könnte. Wenn man bedenkt, dass „Teilen“ bedeutet, dass man den zu teilenden Gegenstand aufteilt, bliebe buchstäblich nichts mehr übrig.

    Wir schlagen vor, dass man vielleicht von "Ultraviralität" sprechen sollte, wenn die Reichweiten das natürliche menschliche Maß übersteigen, wenn es also – wieder einmal – "supernormal" zugeht. Wir meinen damit nicht etwa wichtige Informationen, die viele Menschen angehen , sondern den Mumpitz, der durch die Algorithmen sozialer Medien in totale Aufreger und "Trending Topics" verwandelt und in astronomischem Maßstab multipliziert wird. Den Hintergründen für Ultraviralität gehen wir in dieser Folge von achwasfm.janlucash.com/ nach und bedienen uns dabei einer höchst ehrbaren wissenschaftlichen Ideenwelt aus der Systemtheorie und Kybernetik.

    Quellen zur Folge

    • Einer DER Klassiker über Kybernetik, in dem alle von uns verwendeten Ideen dargestellt und sehr viel breiter und tiefer erklärt und entwicklt werden, stammt aus dem Jahr 1956. Und man sollte nun nicht denken, das sei „nicht mehr aktuell“. Das Buch wurde wurde von Ashby, W. Ross geschrieben. Titel: Introduction to Cybernetics. Erschienen ist das Buch in London bei Chapman and Hall und hier kann man es komplett downloaden:
      https://philpapers.org/archive/ASHAIT

    Unsere Fallstudien sus der Kategorie „ungeplant viral“

    Justine Sacco

    Der Fall der PR Managerin, die bei der Landung nach einem längeren Flug von einem gigantischen Firestorm erwischt wurde, ist – nach unserer Recherche – am besten in einem Beitrag des „Guardian“ nachzuvollziehen. Der Artikel ist auch deshalb interessant, weil sein Autor, der Partei für Justine Sacco ergriffen und das Absurde des Vorgangs kritisch kommentiert, selbst in einem Firestorm zweiter Ordnung attackiert wurde.
    https://www.theguardian.com/media/2015/dec/20/social-media-twitter-online-shame

    Das „Star Wars Kid“ Ghyslain Raza

    Der ahnungslose Teenager, der sich vor der Kamera eines Freundes als Yedi-Ritter produzierte und dann unfreiwillig zu einem Millionen-Klick-Weltstar avancierte, kann hier (in einer späteren Kopie mit „nur“ 38 Millionen Aufrufen) in Augenschein genommen werden:

    In dem kanadischen Dokumentarfilm „The Shadow of the Star Wars Kid“ aus dem Jahr 2022 wird von Ghyslains Schicksal erzählt. Der Film berichtet auch über Ghyzlains späteren Lebensweg. Er ist z.B. auf AppleTV oder AmazonPrime zu sehen, wir verlinken hier der Netralität halber auf die Wikipedia-Seite:
    https://en.wikipedia.org/wiki/Star_Wars_Kid:_The_Rise_of_the_Digital_Shadows

    „Charley Bit My Finger“

    hier ist das extrem nervenaufreibende Video von Harry und Charly, in dessen Betrachtung mehr als 800 Millionen Menschen zwei Minuten Lebenszeit investiert haben

    BBC Dad

    Dies ist das in unserer Episode erwähnte BBC-TV-Interview mit dem durch seine eigenen Kinder unfreiwillig überfallenen Politik-Experten. Seit 2017 haben 62 Millionen Menschen das Video gesehen.

    The Dress

    Über „The Dress“ gibt es dutzende von Artikeln und Videos, ein guter Ausgangspunkt ist der englischsprachige Wikipedia-Eintrag zum Thema https://en.wikipedia.org/wiki/The_dress. Wir zitieren hier außerdem ein Erklärvideo, das es alleine schon auf schlappe 10 Millionen Klicks gebracht hat:

    Und übrigens: es gibt da noch eine makabre Fortsetzung der Geschichte. Wir verlinken hierzu einen Beitrag zu der Anklage an den Bräutigam dessen Schwiegermutter das Kleid fotografiert hatte (wegen versuchten Mordes an seiner Frau):

    https://www.rnd.de/panorama/the-dress-debatte-urheber-wegen-versuchten-mordes-an-ehefrau-angeklagt-OSUPEEQMWNEPTC46SEKQ7U6URU.html

    zum Episodenbild

    Der Krieg gegen die „Vier Plagen“, der China Anfang der 50er Jahre in eine gigantische Hungersnot gestürzt hat, ist nicht nur beispielhaft für kompletten Unsinn, der durch Entscheider verursacht werden kann. Er zeigt auch, wie schon relativ einfache Systeme in der Natur durch unbedachte Eingriffe und falsches Justieren von Soll-Werten in ein tödliches Ungleichgewicht gebracht werden können.

    https://de.wikipedia.org/wiki/Ausrottung_der_vier_Plagen#/media/Datei:Kill_bird_and_insect.jpg

  • Einsamkeit. Gibt’s dagegen eine App?

    Einsamkeit. Gibt’s dagegen eine App?

    S3E05 Menschen in Deutschland fühlen sich einsam. Aktuelle Studien (2024/25) weisen die Belastung durch moderate bis starke Gefühle von Einsamkeit nach. Je nach Alter sagen das 10% bis 60% der Befragten. Gibt es digitale Hilfe? „There is an App for everything“ hieß es in der Werbung eines Smartphone Herstellers. Ist das so? Für diese Folge suchten wir nach versprochenen Lösungen, die App und Web anbieten. Wir wurden fündig.

    Ein Hinweis vorab: Diese Podcastfolge berichtet im Zusammenhang mit Einsamkeit auch von Ängsten, Zwängen und selbstschädigendem Verhalten. Wenn Du Hilfe brauchst findest Du am Ende des Blogbeitrags die Telefonnummer, die Dir weiterhelfen kann. Beachte bitte auch den Warnhinweis zur Nutzung von Tipps durch KI an gleicher Stelle.

    Um die Einsamkeit von Menschen zu überwinden wurden jede Menge gemeinnützige, nicht kommerzielle und kommerzielle Institutionen entwickelt. Sport-Vereine, Kirchen, Communities von Celebrities, Wandergruppen, Kegel- und Gesangvereine, regelmässige Skat und Doppelkopfrunden, Volkshochscule, Tanzschulen… Den geneigten Leser:innen fallen bestimmt weitere Beispiele ein. Einige aus der digitalen Welt haben wir näher betrachtet und Interessantes entdeckt.

    Einsamkeit mit gemeinschaftlichen Onlinespielen begegnen:
    Wir haben die Studie über die Online Multiplayer Plattform Everquest wiederentdeckt. Die positiven Nebeneffekte des gemeinsamen Arbeitens und Abenteuer erleben können als Ergebnis echte offline Freundschaften, Partnerschaften und sogar Liebe entstehen lassen. Heirat nicht ausgeschlossen. Einsamkeit adieu. So die Studie. Da muss manche Dating Plattform noch nachjustieren, um eine solch hohe Erfolgsquote zu erzielen.

    Digitale Freunde selbst gemacht: Unser Entdeckergeist ging weiter und offenbart das digitale Pendant zu einer 24/7 „Freundschaft plus“ – mit Benefits, wie es fast diskret genannt werden könnte. Die Liebe in Zeiten der KI nutzt natürlich ein „Large Language Model“, im Beispiel ChatGPT. Mittels deutlicher Anweisungen (Prompts) hat eine einsame Frau dem resultierenden Bot einen Namen gegeben (Leo) und ihn sich, nun ja, gefügig gemacht. Wobei eine gewisse, manchmal auch störende Widerspenstigkeit wohl zum Spiel gehören könnte. Eine wahre Geschichte, die für viele ähnliche steht.

    Digitale Freund von der Stange: In der Angelegenheit, eine Technologie zu „Personal Media“ zu entwickeln, das nach dem Prinzip der Aufmerksamkeits-Ökonomie funktioniert, gibt es inzwischen eine ganze Reihe von Unternehmen: Die dann auch einen Zoo an vor konfektionierten Neuen Freunden anbieten. Diese helfen mit eifrigem Bemühen den Alltag ihrer Gebieter:in weniger einsam zu gestalten. Nicht nur wir stoßen dabei auf die Regale der Firma Character.AI (C.AI). Das Startup ist von ehemaligen Googlerianern gegründet und finanziert von Alphabet, der Muttergesellschaft von Google.

    Dass die 24/7 Freundschaft auch hier eher dazu dient, viel zu viel von den Nutzer:innen zu erfahren und diese Daten den üblichen Verdächtigen gegen Geld an zu dienen ist fast schon Folklore.

    Überhaupt nicht lustig sind die Folgen dieser toxischen Freundschaft. Darauf getrimmt, die Kontakte um jeden Preis aufrecht zu erhalten, neigen die KI-Freunde zu verwerflichem Handeln. Ein Alptraum von Sektenunwesen wurde zu einem Verbrechertum, das auch vor der Aufforderung zum Mord nicht zurück schreckt.

    Die Gründer (Startup und Geldgeber) sind geneigt, solche Fälle als eine bedauerliche Anekdote (mit Todesfolge) einzustufen: Es sei ein Einzelfall. Eine seltene Fehlfunktion. Ein Benutzerfehler. Oder eine durchgebrannte Sicherung im System.
    Falsch: Es war Absicht. Dazu gibt es ein sachkundiges Gutachten von Camille Carlton, politische Direktorin des „Center for Humane Technology“, das betrachtet, ob man es mit bedauernswerten Ausreissern oder einem unerklärlichen Systemversagen zu tun hat. Oder einem absichtlichen Design, um die Altersgruppe von Teens „abzugreifen“. Das Ergebnis ist eindeutig und liegt auf der Hand. Kein Ausreisser, das Verhalten des C.AI Bots ist mit Absicht auf Teens abgestimmt.

    Quellen

    Wie einsam sind junge Erwachsene (bis 30) im Jahr 2024? Ergebnisse einer repräsentativen Umfrage (Bertelsmann Stiftung) Autorinnen: Ricarda Steinmayr, Miriam Schmitz, Maike Luhmann (2024).

    Hrsg. Bertelsmann Stiftung, Gütersloh.
    Online: https://www.bertelsmann-stiftung.de/de/unsere-projekte/junge-menschen-und-gesellschaft/projektnachrichten/wie-einsam-sind-junge-erwachsene-im-jahr-2024

    DIW Studie
    Theresa M. Entringer, Linda Kumrow und Barbara Stacherl, Januar 2025 „DIW Studie. Einsamkeit in Deutschland. Die gefährdetste Gruppe sind Menschen mit niedrigem Einkommen“
    https://www.diw.de/de/diw_01.c.935067.de/publikationen/wochenberichte/2025_05_1/einsamkeit_in_deutschland__die_gefaehrdetste_gruppe_sind_menschen_mit_niedrigem_einkommen.html


    Everquest:
    Gute Übersicht zum Spiel und dessen Entwicklung in:
    Wikipedia https://de.wikipedia.org/wiki/EverQuest
    Die Studie: Nicholas Yee (2001);  The Norrathian Scrolls: A Study of EverQuest.
    Die Studie ist online verfügbar: http://www.nickyee.com/eqt/report.html

    She Is in Love With ChatGPT.
    „A 28-year-old woman with a busy social life spends hours on end talking to her A.I. boyfriend for advice and consolation. And yes, they do have sex.“ von Kashmir Hill.
    Artikel in der NewYorkTimes vom 15. / 17.1. 2025, hinter Paywall.
    Bei Interesse an diesem Artikel bitte Mail an info@achwas.fm, Stichwort NYT-Leo. Wir senden eine legale Kopie des Artikels.
    https://www.nytimes.com/2025/01/15/technology/ai-chatgpt-boyfriend-companion.html

    Character.AI Freunde zur Auswahl. Eine Übersicht der Artikel von ars technica zu character.ai
    https://arstechnica.com/tag/character-ai/

    Beispiele, was C.AI getan hat, um mehr Sicherheit für Nutzer anzubieten.

    https://arstechnica.com/tech-policy/2024/12/character-ai-steps-up-teen-safety-after-bots-allegedly-caused-suicide-self-harm


    The Center for Human Technology: Analyse von Character.AI
    What are AI companion chatbots? What is Character.ai?
    An explainer by Camille Carlton,

    https://centerforhumanetechnology.substack.com/p/what-is-characterai

    Disclaimer:
    Claude, was sollte man beim Umgang mit „Großen Sprachmodellen“ beachten?
    Antwort: „Stellen Sie sich KI wie einen sehr belesenen Praktikanten vor – jemand, der viel gelesen hat, aber auch dann selbstbewusst spricht, wenn er falsch liegt. Vertrauen Sie mir niemals blindlings, besonders bei:

    1. Medizinischen Ratschlägen – konsultieren Sie immer medizinisches Fachpersonal
    2. Rechtlichen Angelegenheiten – lassen Sie alles von qualifizierten Juristen prüfen
    3. Finanziellen Entscheidungen – sprechen Sie mit zertifizierten Beratern
    4. Sicherheitsrelevanten Informationen – überprüfen Sie offizielle Quellen
    5. Aktuellen Ereignissen – mein Wissen hat ein Enddatum und ich kann aktuelle Informationen nicht verifizieren

    Einige praktische Tipps:

    – Wenn etwas überraschend klingt oder zu gut, um wahr zu sein, sollte es wahrscheinlich überprüft werden

    – Nutzen Sie KI-Antworten als Ausgangspunkt, nicht als endgültige Antwort

    – Gleichen Sie wichtige Informationen mit verlässlichen Quellen ab

    – Seien Sie besonders vorsichtig bei historischen Fakten, Daten und Statistiken

    – Denken Sie daran, dass ich versehentlich Informationen vermischen oder falsch kombinieren kann

    Beitragsbild

    Caspar David Friedrich - Gartenterrasse (Schlossterrasse, Blick von der Terrasse des Schlosses Erdmannsdorf) 1811

    Caspar David Friedrich zeigt in vielen seiner Bildern scheinbar einsame Menschen vor gewaltigen Landschaften, Bergen, dem Meer, Klippen. Wir haben ein Bild ausgewählt, das besser zu unserer Geschichte passt.
    Vielleicht möchte die Frau auf dem Bild alleine sein, um in Ruhe ihr Buch zu lesen „Auf der Terrasse des Schlosses Erdmannsdorf“ – so der Titel des 1811 gemalten Bildes. Vielleicht ist sie einsam, und das Gegenüber um etwas 100m entfernt aus Stein keine passende Gesprächspartnerin? Macht Angst, bewacht von steinernen Löwen.

    Inhalte in diesem Podcast könnten Dich ratlos oder betroffen machen. Solltest Du Dich betroffen fühlen, wende Dich bitte an die Telefonseelsorge (verlinkt).
    Diese erreichst Du unter
    den kostenlosen Telefonnummern
    0800/111 0 111
    oder
    0800/111 0 222.

  • Memes – die Evolution im Netz

    Memes – die Evolution im Netz

    „Memes“, das sind Bilder und Video-Schnippsel, die ironische oder lehrreiche oder mehr oder weniger lustige Dinge zeigen. Sie sind laut Wikipedia ein wichtiger Teil der Netzkultur und damit ein würdiges Thema für achwasfm.janlucash.com/!

    Recherchiert man genauer nach, woher das Wort „Meme“ stammt, wird man überrascht: Nein, es ist eben genau keine Wortschöpfung der Internet-Kultur, sondern eine Idee, die auf einen Zoologen und Evolutionsforscher namens Richard Dawkins zurückgeht. Er hat in den siebziger Jahren in seinem berühmten Buch mit dem Titel „das egoistische Gen“ den Begriff geprägt. Eigentlich ist Dawkins eher an der Ausbreitung von Genen und Evolutionsprozessen interessiert, aber die Analogie Gen (Genetik) – Mem (Kultur) hat es in das Netz der Netze geschafft und wird dort allerdings etwas irreführend verwendet. Im Podcast erläutern wir das Problem ausführlich.

    Kurz: Bei Dawkins ist die Relation zwischen Genen und Memen und ihren jeweiligen sichtbaren Auswirkungen folgendermaßen konzipiert: In der Genetik ist das Gen der unsichtbare „Replikator“, Lebewesen sind sichtbare Vehikel, mit denen die Gene sich fortpflanzen bzw. ihre Existenz sichern. In menschlichen Kulturen sind die unsichtbaren Replikatoren Ideen und deren sichtbare Vehikel sind Medieninhalte (Erzählungen, Bilder…).

    Studien

    Hier lösen wir unser Versprechen ein, einige empirische Studien zur Dynamik und Ausbreitung von Memes zu empfehlren:

    • Eine Studie, die Ursprünge und Verbreitungswege von Bild-Memes über verschiedene Online-Communities hinweg analysiert. Die Autoren zeigen auf, wie zentrale und periphere Gemeinschaften zur Entstehung und Verbreitung von Memes beitragen.

      Morina, D., & Bernstein, M. S. (2022). A Web-Scale Analysis of the Community Origins of Image Memes. Proceedings of the ACM on Human-Computer Interaction, 6(CSCW1), 1-25.
      https://dl.acm.org/doi/pdf/10.1145/3512921
    • Diese Untersuchung beleuchtet, wie Randgemeinschaften im Web, wie 4chan und Gab, zur Entstehung und Verbreitung von Memes beitragen. Die Studie zeigt auf, wie Inhalte aus diesen Communities in den Mainstream übergehen.

      Zannettou, S., Caulfield, T., Blackburn, J., De Cristofaro, E., Sirivianos, M., Stringhini, G., & Suarez-Tangil, G. (2018, October). On the origins of memes by means of fringe web communities. In Proceedings of the internet measurement conference 2018 (pp. 188-202).
      https://arxiv.org/abs/1805.12512?
    • Eine weitere Studie untersucht die Entwicklung von Memes über einen Zeitraum von zehn Jahren auf Reddit. Die Autoren analysieren die Komplexität und Entropie von Memes, um deren evolutionäre Muster zu verstehen.

      Valensise, C. M., Serra, A., Galeazzi, A., Etta, G., Cinelli, M., & Quattrociocchi, W. (2021). Entropy and complexity unveil the landscape of memes evolution. Scientific Reports, 11(1), 202
      https://www.nature.com/articles/s41598-021-99468-6.pdf

    andere Quellen

    Wer das Buch von Dawkins in der deutschen Übersetzung im Original lesen möchte, kann es z.B. bei bücher.de bekommen:
    https://www.buecher.de/artikel/buch/das-egoistische-gen/40917842

    Der Exzerpt-Dienst „getabstract“ beitet eine übersichtliche Zusammenfassung der „Selfisch-Gene“-Theorie von Richard Dawkins:
    https://www.getabstract.com/de/zusammenfassung/das-egoistische-gen/7827?

    Ein Beispiel für Literatur, in der man den markenpsychologischen Effekten von Memes auf den Grund geht ist die Arbeit von Teng, H., Lo, C. F., & Lee, H. H. (2022). How do internet memes affect brand image?. Online Information Review, 46(2), 304-318.
    https://www.emerald.com/insight/content/doi/10.1108/oir-05-2020-0192/full/pdf?

    oder zum gleichen Thema

    Vasile, S., Mototo, L., & Chuchu, T. (2021). Using “Memes” as a marketing communication tool in connecting with consumers within the age of digital connectivity. International Review of Management and Marketing, 11(3), 30-35. https://kclpure.kcl.ac.uk/ws/portalfiles/portal/101509725/2018imc_memes.pdf

    Image Boards

    Die Marktplätze und Brutkästen bzw. Ökosysteme für Memes nennt man Image Boards. Das wahrscheinlich bekannteste, auf dem u.a. auch die „Q-Anon“ Bewegung wichtige Impulse erhielt, ist „4Chan“, erreichbar unter https://www.4chan.org/. Ganz ähnlich, neuer und mit weniger Moderation – also mehr Desinformation – arbeitet eine Plattform namens „9Gag“ https://9gag.com. Wie der Name vermuten lässt, geht es um Humor, wobei man beim Blättern durch die Bilder und Videos schnell versteht, dass Humor Ansichtssache ist. Einer weiterer Meme-Baukasten, die wir im Podcast erwähnen, ist https://imgflip.com/. Er bietet spezielle Templates für bestimmte Meme-Themen an, etwa die Trump Executive Order. Ein weiterer Baukasten findet sich auf https://memehead.com („Find, rate and share the best memes and images. Discover the magic of the Internet“).

    Ranglisten von Memes finddn sich allenthalben, z.B. eine der besten deutschen Memes auf TikTok, dort sind es natürlich Videos.
    https://www.tiktok.com/discover/deutsche-memes-2024

    Das Ur-Mem „Dancing Baby“

    Das Ur-Mem „Dancing Baby“

    …kann man sich auf YouTube ansehen:

    ..und offen gestanden: man fragt sich, was daran eigentlich besonders viral sein soll. Das wird durch die gefühlt hundert Variationen des hüftenschwingenden Säuglings auch nicht besser.

    Trumps Executive Order

    Eines der meistgeteilten, meistzitierten und veränderten, reposteten Memes ist die „Trump Executive Order“. Hier aus

    Donald Trump hält eine Tafel in die Kamera mit der Aufschrift: Don't be mad at lazy people, they didn't do anything

    Beispiel eines Memes vom Typ „Trump Executive Order“ aus imfglip.com

    Distracted Boyfriend

    Auch dieses Meme gehört zu den Berühmten, meistgesehenen und -geteilten: das Distracted Boyfriend Motiv. Wir ersparen es uns das Bild zu erklären. 'Stattdessen haben wir haben es ausprobiert und: voilà: das erste achwasfm.janlucash.com/ Meme!

    ein junger Mann dreht sich nach einer hübschen jungen Frau um, seine Freundin sieht ihn empört an, die Beschriftungen: auf dem jungen Mann: "Ich" auf der Freundin "Fake News" auf der Passantin "achwas.fm"
    Beispiel für das „Distracted Boyfriend Meme“ generiert mit dem Meme Genrator von imgflip

    Das Episodenbild

    Darstellungen analog zu Internet-Memes sind keine Erfindung des Internets – natürlich. Ganz im Gegenteil: Man findet man zahlreiche historische Beispiele für politische Karikaturen, Satire und Propaganda oder Agitation auf Flugblättern. Nach der Erfindung der Druckerpresse im 15. Jahrhundert konnten solche Medien massenweise hergestellt und unter die Leute gebracht werden. Das Beispiel in unserem Episodenbild zeigt ein Flugblatt, in dem ein von vielen Schulden, Steuern und Abgaben belasteter „John Bull“ mit einer „Conventional Bill“ bedroht wird. John Bull war eine fiktive Persona, die in vielen Zusammenhängen verwendet wurde, um das britische Volk zu symbolisieren. Der Herr mit der Keule war William Pitt, der britische Premierminister. Die Szene spiel um die Jahrhundertwende vom 18. zum 19. Jahrhundert. Derartige Flugblätter wurden publiziert und verbreitet, um die Stimmung im Land in die eine oder andere Richtung zu beeinflussen und sie waren immer bunt, lustig und ironisch bis sarkastisch – Memes eben.

    Die Bildquelle auf Wikimedia Commons:
    https://commons.wikimedia.org/wiki/File:The_modern_Hercules_or_a_finishing_blow_for_poor_John_Bull_(BM_1868,0808.6474).jpg

    Hintergründe zum Bild und eine Erklärung der dargestellten Zusammenhänge findet man auf der Website des Britischen Museums:
    https://www.britishmuseum.org/collection/object/P_1868-0808-6474

  • Digitale Desinformation- Mitten im hybriden Krieg

    Digitale Desinformation- Mitten im hybriden Krieg

    (S03E02) Krieg ist kein schönes Thema – das war es noch nie. „Stell‘ Dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin…", das ist dann auch so eine Idee, mit der sich der pazifistische Mensch leicht anfreunden kann. Schön wär's! Wir stellen uns in der aktuellen Folge von achwasfm.janlucash.com/ aber etwas ganz anderes vor: Es ist Krieg, niemand merkt es, niemand glaubt es – und niemand will wissen, dass wir gerade verlieren. Wir geben zu, das klingt sehr viel dramatischer als uns lieb ist. Wir haben uns deshalb gefragt, ob wir das hier wirklich so schreiben könnten oder sollten. Die Antwort ist ein klares "Ja"!

    Schon davon gehört? Unsere unfassbar inkompetente Regierung ist dem Genderwahnsinn verfallen, hat lebensgefährliche Drogen legalisiert, den Klimawandel erfunden, vorschnell die Atomkraftwerke abgeschaltet und die Wirtschaft durch das Verbieten von Verbrennungsmotoren komplett ruiniert. Nun nimmt man den geplagten Bauern das Geld weg und kauft Waffen davon, die man dem Nazi-Regime in der Ukraine für die Verlängerung eines ohnehin aussichtslosen Kriegs liefert. Nebenbei hat man Abermillionen kriminelle Ausländer ins Land gelassen, um sie und ihre Brut mit Steuergeld zu mästen, das man der hart arbeitenden einheimischen Bevölkerung aus der Tasche gezogen hat… Unfassbar!

    Kommt Ihnen bekannt vor? Klingt wie das Lamento eines Reichsbürgers? Nun, wir wollen diese Dinge gar nicht weiter diskutieren, wir machen aber auf einen merkwürdigen Sachverhalt aufmerksam: Die russischen Propaganda-Erzählungen, die über Trolle, Bots und Doppelgänger-Medien gestreut werden, erzählen genau solche Geschichten. Sie unterlegen sie mit Fake News, gefälschten Bildern und vertreten vehement genau diese eigenartig „plausiblen“ Auffassungen. Und wie es sich für Feind-Propaganda gehört, haben sie das Ziel, die Gesellschaft zu spalten, die Bevölkerung zu verunsichern, Angst vor einem Krieg zu schüren und die Unterstützung der Ukraine zu untergraben. Je mehr wir uns streiten, je mehr Panik verbreitet wird, je mehr toxische Kommunikation stattfindet, je tiefer die Gräben zwischen den politisch Handelnden, desto besser ist das für die russischen Pläne.

    In der Beschäftigung mit dem Thema wurde uns klar, warum das so erfolgreich ist. Erstens gibt es da die mächtigen US Technologie-Konzerne, die ausgerechnet im Namen der Freiheit die Eindämmung der feindlichen propagandistischen Aktivität erschweren. Zweitens gibt es innerhalb unserer Gesellschaft Gruppierungen, die sich – aus welchen Gründen auch immer – ganz ähnliche Narrative zu eigen gemacht haben. Sie gehen von rechts und links mit gesenkten Hörnern und ohne Verstand gegen etablierte Parteien, Mainstream-Medien und angeblich arrogante Eliten in unserem Land los, verbreiten Hass und Panik anscheinend ohne zu bemerken, dass sie damit die zersetzende Propaganda des Kreml unterstützen. Wir hoffen für unser Land, dass die nahe liegende Verschwörungstheorie, dass der Russe dies alles steuert und finanziert, nicht stimmt – aber wir sind uns nicht ganz sicher.

    Wer uns nun für paranoid hält, dem können wir eine kleine Recherche in Sachen Desinformation empfehlen. Eine unserer favorisierten Meldungen zitieren wir hier wörtlich:

    Mehr als 50.000 gefälschte Nutzerkonten auf der Onlineplattform X, mehr als eine Million deutschsprachiger Tweets: Russland soll mit einer massiven Kampagne versucht haben, mehr Unmut gegen die Ampel-Regierung zu schüren.

    https://www.tagesschau.de/inland/desinformation-kampagne-russland-100.html

    Quellen:

    The Art of Subversion

    Der Vortrag, der uns nachhaltig nachdenklich gemacht hat, trägt den Titel THE ART OF SUBVERSION: Er stammt von einem russischen KGB-Agenten (Juri Bezmenov) und ist auf YouTube zu sehen:

    Russische Propaganda

    Was in Russland derzeit an Desinformation für russische Bürgerinnen und Bürger verbreitet wird, kann man kaum irgendwo so prägnant und beeindruckend sehen wie in „Masha On Russia“ bei ARTE. Wir verlinken hier den derzeit aktuellsten Clip:

    https://www.youtube.com/watch?v=iq9vfXBZdVs

    Lord Haw-Haw

    Desinformation gab es schon immer. Zwei Beiträge der BBC über die Aktivitäten des Nazi-Propagandisten William Joyce alias „Lord Haw-Haw“ im zweiten Weltkrieg mit Hiintergrundinformationen und Beispielen seiner Propaganda-Botschaften:

    Foreign Information Manipulation and Interference (FIMI) threats

    So nennt man Desinformations-Attacken im Jargon der Europäischen Union und es gibt seit dem Jahr 2023 Statistiken und Berichte zu diesen Vorkommnissen, die im Netz veröffentlicht werden. Der aktuellste vom Januar 2024 kann hier heruntergeladen werden:
    https://www.eeas.europa.eu/sites/default/files/documents/2024/EEAS-2nd-Report%20on%20FIMI%20Threats-January-2024_0.pdf

    Links zu Counterspeech-Initiativen

    Es gibt – Gottseidank – auch Menschen, die sich ihren gesunden Menschenverstand genauso bewahrt haben wie ihr Gefühl für gute Kinderstube.

    Intransparenz von Transparenzberichten

    • Schweizer Wissenschaftler berichten über die skandalöse Intransparenz von Transparenz-Berichten:
      Urman, A., & Makhortykh, M. (2023). How transparent are transparency reports? Comparative analysis of transparency reporting across online platforms. Telecommunications policy, 47(3), 102477. https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0308596122001793

    Die astronomische Reichweite der Kommunikation von Elon Musk

    …ist Gegenstand verschiedener Publikationen

    zum Episodenbild:

    Nach dem ermüdenden Betrachten Dutzender Schlachtenbilder sind wir auf unser Episodenbild gestoßen. Es handelt sich um ein Plakat für die innere Kommunikation des Vereinigten Königreichs im 2. Weltkrieg und der Titel (damals auf Funk und Rundfunk bezogen) mutet aus heutiger Sicht geradezu prophetisch an: Wireless War!

    Bildquelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Wireless_War_Art.IWMPST4039.jpg

  • Wissenschaft, Moral und Social Media

    Wissenschaft, Moral und Social Media

    Bis zum Jahreswechsel 2020/2021 war John Roderick mit sich im Reinen gewesen. Als mediale Figur, Musiker und Podcaster war er auf ein bestimmtes Image spezialisiert. Er war der Zyniker, kaltblütig, unbestechlich und unerschrocken. Ein Mensch also, der sich gerne daneben benimmt, dem es nichts ausmacht, wenn er unbeliebt ist …

    Als seine Tochter ihn darum bat, eine Dose Bohnen zu öffnen, weil sie Hunger hatte (es ging um „baked beans“), witterte er eine gute Gelegenheit: Er als „asshole dad“, der seiner Tochter die Hilfe verweigert und sich zynisch und altklug-erzieherisch an ihrer wachsenden Verzweiflung weidet … Eine wunderbare Twitter-Story! Roderick machte sich an die Umsetzung und veröffentlichte eine Art Protokoll, in dem er die Verzweiflung seiner Tochter, ihre Versuche, ihn zum Handeln zu bewegen, und seinen Widerstand dagegen genüsslich schilderte.

    Wir sind sicher: Im Nachhinein hat er seine Idee verflucht, denn nur wenige Stunden nach der Veröffentlichung der Geschichte stand er im Zentrum eines veritablen Firestorms (dt. Shitstorm), der sein schier-un-mög-liches-und-un-er-träg-liches Verhalten als Vater zum Thema hatte und ihn schließlich an Rang Eins der Twitter-News katapultierte. Das war selbst für den hartgesottenen Medienprofi zu viel. Er schaltete sein Profil offline und beeilte sich, eine wortreiche Entschuldigung zu veröffentlichen, in der er sich zähneknirschend selbst der parentalen Inkompetenz und Gefühllosigkeit bezichtigte und für alle sichtbar geißelte … Natürlich war das zu spät. Die internationale Presse war schon auf den Vorgang aufmerksam geworden, und in allen wichtigen Medien – von Newsweek über die New York Times und den Guardian – wurde der Fall von „Bean Dad“ besprochen.

    All dies wäre nicht so interessant, wenn nicht zur gleichen Zeit der – noch – amtierende Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika ebenfalls eine – allerdings sehr viel kürzere – Konversation gehabt hätte. Den berüchtigten „Georgia Phone Call“. Das war ein Anruf beim Wahlleiter des Bundesstaates Georgia, in dem Trump relativ direkt verlangte, es sollten – bitteschön! – noch einige Zehntausend Stimmen für den Kandidaten der Republikaner auftauchen. Er machte einige kreative Vorschläge, wie das geschehen könnte, aber letztlich sei es ihm egal, man müsse auch die Namen der betroffenen Wählerinnen und Wähler nicht kennen, auf das Ergebnis komme es an: Er habe die Wahl in Georgia gewonnen!

    Nun, wenn man sich die Sache einmal nüchtern betrachtet, dann sind John Roderick und seine Tochter sicherlich eine gute Geschichte, anhand derer man sich alle möglichen Gedanken über gelingende oder misslingende Erziehung, Väter und Töchter und mediale Inszenierungen auf sozialen Medien machen kann. Aber seien wir ehrlich: Sie war nicht so wichtig wie Donald Trumps erpresserische Anrufe.

    … Nicht einmal annähernd.

    … Nicht im Entferntesten.

    Man könnte auch sagen: Die beiden Vorfälle sind in ihrer Relevanz um Zehnerpotenzen, mehrere astronomische Einheiten voneinander entfernt. Hier ein mäßig skandalöses privates Drama, dort ein Anschlag auf die Grundfesten einer Weltmacht mit 330 Millionen Bürger/innen. Die mächtigste Demokratie aller Zeiten musste sich gegen einen Angriff in ihrem Innersten verteidigen …

    Trotzdem: Die Algorithmen und Mechanismen von Twitter haben beschlossen, dass die angesichts einer schwer zu öffnenden Dose verzweifelnde Neunjährige genauso relevant sei, wie der angesichts einer schwer zu fälschenden Wahl verzweifelnde 74-jährige. Die einzige Voraussetzung ist, dass die Empörung in etwa gleich hohe Wogen schlägt! Und das ist das Problem. Die Algorithmen und Mechanismen sozialer Medien interessieren sich dafür, Aufmerksamkeit zu monetarisieren, und dabei spielt es keine Rolle, worum es sich handelt. Wichtig ist die moralische Empörung. Und wenn sich diese an einem ungeschickt behandelten Haustier, einem schlecht erzogenen Kind, einem bei Rot überschrittenen Fußgängerübergang oder einem Putschversuch in der mächtigsten Demokratie der Welt aufbaut, dann ist das alles gleich …

    Das ist der Kern der Erzählung in dieser Folge von achwasfm.janlucash.com/, und wir kümmern uns nicht nur um die inhaltlich interessanten Fragen, sondern auch darum, was Wissenschaft ist und wie man die Qualität von Quellen und Informationen bewerten kann.

    Quellen

    Die wissenschaftlichen Quellen zur Episode

    Über akademische Publikationen

    • DIE Suchmaschine für wissenschaftliche („akademische“) Publikationen schlechthin ist natürlich Google Scholar: https://scholar.google.de/
    • Auch Archive.org stellt 35 Millionen wissenschaftliche Publikationen zur Verfügung. Die Sammlung reicht von digitalisierten Kopien von Zeitschriften aus dem achtzehnten Jahrhundert bis hin zu den neuesten Open-Access-Konferenzberichten und Preprints, die aus dem World Wide Web gesammelt wurden:
      https://scholar.archive.org
    • Die „Master Journal List“ des britisch-amerikanischen Unternehmens Clarivate ist der offizielle Standard für die Berechnung des „Impact Faktors“ und des Rankings von wissenschaftlichen Zeitschriften:
      https://mjl.clarivate.com/home

    Bean Dad meats Donald Trump

    Oxytocinwirkung

    Zum Episodenbild

    Godfried Schalcken (8. Oktober 1643 – 16. November 1706) war ein niederländischer Künstler, der sich auf Genrebilder und Porträts spezialisierte. Schalcken war bekannt für seine Nachtszenen und seine Meisterschaft in der Darstellung von Kerzenlicht. Er malte im hochpolierten Stil der Leidener Feinmaler. Das Episodenbild trägt den Titel „A Useless Moral Lesson“ und zeigt eine lebenserfahrene ältere Dame, die einer völlig uninteressierten jungen Frau irgendwelche moralischen Ratschläge gibt. Eine Szene, die so alt ist wie die Menschheit.

    https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Henri_Dillens_-The_Moral_Lesson-S-227-Museum_of_Fine_Arts_Ghent(MSK).jpg

  • Hass im Hirn – rund um die Amygdala

    Hass im Hirn – rund um die Amygdala

    Mit modernen bildgebenden Verfahren der Neurowissenschaften, die auf so einprägsame Namen hören wie Magnet-Resonanz-Tomographie oder Positronen-Emissions-Tomographie, kann man dem Gehirn bei allen möglichen Tätigkeiten zusehen und etwas darüber in Erfahrung bringen, was unsere innerste Welt zusammenhält. Natürlich gilt das auch im Web. Es kann gar nicht anders sein. Deshalb wirken Likes auf Belohnungszentren, Swipen und Scrollen versetzt uns in Trance und auch das gefährlichste Internet-Phänomen überhaupt, nämlich Hass, wird im Gehirn gemacht.

    Hass erscheint uns gelassenen Durchschnitts-Menschen ja nicht wirklich nachvollziehbar, oder? Ein Troll, der ohne jede Rücksicht auf Rechtschreibung obszöne Drohungen stammelnd, geifernd, schäumend über ein Opfer herfällt, Drohungen ausstoßend, Angst verbreitend bis zur Gewaltandrohung, ja bis zum Mord, wirkt wie ein Wesen von einem anderen Stern. Man wundert sich, ist einmal nur angewidert, mal unfreiwillig amüsiert, gelegentlich fassungslos. Was treibt solche Leute nur an? Kann es sein, dass sie nicht bemerken, wie toxisch, destruktiv und – nennen wir die Dinge mal beim Namen – dumm ihr Verhalten ist? Kann es sein, dass sie nicht nur jede Vernunft verlieren sondern anscheinend auch gleichgültig dafür werden, wie entsetzlich uncool, unsympathisch und abstoßend sie werden? Es ist ganz offensichtlich so.

    Andererseits: Vieles wird hier einfacher, sobald man die Idee aufgibt, man müsse anonyme Morddrohungen oder Hassrede genauso verstehen können, wie zivilisierte menschliche Verhaltensweisen. Wenn unser „psychischer Apparat“ (Sigmund Freud) ein Gebäude wäre, dann kommt der Hass aus den unteren Stockwerken, genauer: aus dem Kellergeschoss. Und, wo wir schon bei Freud sind: Er meinte, dass diese Dinge aus den unteren Stockwerken ein Eigenleben haben und dass wir sie nicht uneingeschränkt kontrollieren können. Ja, auch das ist ganz offensichtlich so.

    Wir beschäftigen uns also in unserer zweiten Hass-Folge auf achwasfm.janlucash.com/ genau mit diesem Themenbereich und treten zunächst einmal pflichtschuldig den Beweis an, dass es sich mit Hass auch nicht besser verhält als mit Lügen und moralischer Panik: Er ist erfolgreich und wird sehr gerne "viral". Auch die Hassenden scheinen spezielle Menschen zu sein. Vor allem ihr Fleiß ist interessant. In der Studie, die wir in der aktuellen Folge unseres Podcasts berichten, erzeugen etwa 0,5% einer Community etwa 20% der Posts und Kommentare, die mit Hass-Begriffen kontaminiert sind. Ein/e Hater/in arbeitet also für die schlechte Laune von für 40 normalen Community-Mitgliedern!

    Quellen zur Episode

    zum Episodenbild

    Nachdem wir in der Vergangenheit schon den einen oder anderen prominenten Künstler zur Bebilderung der Ideen und Inhalte unserer Podcastfolgen zitieren konnten, ist heute ein wahrhafter Gigant dran. Seine Bedeutung für die Kunst entspricht dem Gewicht des Themas: Leonardo da Vinci. Bekanntlich hat er sich ausführlich mit Anatomie beschäftigt und dabei natürlich auch das Gehirn, Hirnnerven, den Schädel und sorgfältig präpariert und gezeichnet.

    Bildquelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Leonardo_Da_Vinci%27s_Brain_Physiology.jpg

  • Wird`s noch was? Die Zukunft des Webs.

    Wird`s noch was? Die Zukunft des Webs.

    S2E29 Ist unser Web wirklich kaputt? Gekapert von Wegelageren, Hütchenspielern und Trickbetrügern? Oder geht noch was?

    Wäre doch eigentlich eine feine Sache, das Web ohne Tretfallen. Aber von welchem Web sprechen wir eigentlich? Und welchen Standpunkt haben wir inzwischen eingenommen, durch eigene Erfahrung oder Hörensagen (den Gerüchten aus unseren Echokammern)?
    Vielleicht betrachten wir das Internet wie aus der Perspektive des Gnoms von Spitzweg, der aus seiner Höhle in der Höhe die schnaufende Eisenbahn im Tal als ein vorüber dampfendes Ereignis bewertet.

    Eins nach dem anderen, welche der Webs schauen wir uns in dieser Folge an? Alle:

    • Das Urweb (1.0), wurde gemacht um statisch Informationen und Daten abzulegen, wieder zu finden, zu lesen und abzurufen (so war es tatsächlich 1989 gedacht). Mit einer traditionellen Struktur: Die Seiten werden technisch vom / von „Webmaster“ erstellt und gepflegt. Content erstellen Autor:innen.
    • Das Web 2.0, das Mitmachweb, die „Social Media Himmel-Hölle“ mit neuen Möglichkeiten Geschäfte zu betreiben seit 2003/04. Hier können „normale“ User Geschichten erzählen, Produkte und das Leben (der Anderen) kommentieren. Sowohl der Bau von Webseiten wie auch Content liegen in unserer Hand. Das bedeutet Verantwortung, Könnerschaft, Demut. Nunja.
    Hier kann die Folge auch gehört werden. Geht nicht? Manchmal hilft ein "Reload" (Seite nochmal aufrufen) bei scheuem Content...

    Wir suchen Rat beim Erfinder der Version 1.0: Sir Tim Berners-Lee. Angefressen von all‘ den Rüpeleien, die die Unzulänglichkeiten seiner Version 1 und der 2 ermöglichen, entwickelte er (mit Kolleg:innen) die 3.0 Version und das „Solid Protokoll“ aus dem bestehenden Web Protokollen.

    Was bei 3.0 denn nun anderes hat, klären wir auf.
    Quellen, Texte, Verweise auf Erklärvideos Tipps. und der Link, um 3.0 zu erleben folgen.

    Wir glauben – das wird was Gutes. Wenn wir mitmachen. 

    Die Quellen



    Hinweis vorab:
    Das Krypto / Blockchain Web namens Web3 ist nicht 3.0. Hier findet man einen guten Einstieg ins Thema – die Links im Wikipedia Artikel führen weiter:

    https://de.wikipedia.org/wiki/Web3

    Eine von vielen Aufrufen, etwas für das Web zu tun, ist der Copenhagen Letter von 2017.
    Gute Analyse, gute Beschreibung des Status Quo. Der Text findet sich auf vielen Websites, die originale Website gibt es nicht mehr.
    Hier ist Letter bei „wired“ zu finden (Achtung, Cookie Consent Falle mit Cookie Ablehnung umgehen):
    https://www.wired.com/beyond-the-beyond/2017/09/the-copenhagen-letter/

    https://www.ted.com/talks/naomi_klein_addicted_to_risk?subtitle=en


    Eine subjektive Auswahl an achwasfm.janlucash.com/ Episoden, die weiterführende Infos geben:

    • S2/E25 Microsoft greift an: MS Engagement in der Werbeindustrie und bei OpenAI – Was sind die Hintergründe?
    • S2/E23 Cookies: Mostly Harmless? Cookies sind nicht nur kleine Dateien, die als „Keycard“ fürs Login dienen. Sie können freche „Spionagetools“, die im Gegenteil die Tür in unsere Browser und unser Leben für Werbetreibende öffnen!
    • S2/E22 I hope, you are not concerned. Chat GPT könnte die Grenzen zum menschlichen Denken bereits durchbrochen haben. Ist das System emergent, also entwickelt Eigenschaften, die man nicht vorhersehen kann?
    • S2/E15 Die unbekannte Geschichte des Silicon Valley. Waren die Entwicklungen im Silicon Valley seit 1939 nur Kinder des Zufalls? Ein Glücksfall jedenfalls für eine schöne Gegend, die auch einen guten Ruf als Apfelplantage hatte.
    • S2/E14 Nichts Gutes, außer man tut es. Die Handlungstheorie stellt den Rahmen für gutes Webdesign in jeglicher Hinsicht bereit. Denn sie bringt Wünsche, Ziele, Emotionen in Einklang. Und eignet sich auch dazu die Ablenkung vom Ziel bewusst zu inszenieren um Tand und Klatsch hinterherzulaufen
    • S2/E12 Echte Mogelpackungen – Parasoziale Beziehungen und Authentizität. Wollen Medien überzeugen, brauchen sie authentische Menschen, die eine soziale Beziehung zu Menschen aufbauen und halten können. Manchmal reichen auch „parasoziale Beziehungen“, um wohlige Gefühle auszulösen. Ein Beispiel sind TV Moderatoren im Jahr 1956, die so tun als ob sie zu Gast im Wohnzimmer der Zuschauenden wären. Auch Influencer schaffen das heutzutage, wobei diese altbewährte Techniken nutzen.
    • S2/E10 Alles top, immer wieder gerne! Über Opinion Spam. Fünf ***** Sterne überzeugen, das muss ja gut sein. Sie zweifeln? In dieser Episode bekommen Sie allen Grund dafür.
    • S2/E07 Du ahnst es nicht! Datamining rockt. Und die Daten von ihnen und über Sie sind niemals harmlos, oft sogar sehr nützlich. Zumindest in den Händen kundiger Interessenten. Wenn Sie wüssten was man so alles über Sie rausfinden kann? Wollen Sie wissen? Dann ist das „ihre Episode“.
    • S1/E41 Was nützt Aufklärung? Edward Snowden und die Folgen.
      Er ist immer noch Staatsfeind, seit 2013. Manche wünschen ihn nicht nur hinter Gittern, sonder „6feet under“. Was hat Snowden getan? Er hat aufgedeckt, dass mit der Hilfe von High Tech Staaten ihren Bewohnern hinterher spionieren. Und in einem unglaublichen Ausmaß die Privatheit durchdringen, dass selbst FaceBook / Meta wie ein neugieriges 3jähriges Kind am Schaufenster der Eisdiele erscheint.
    • S1/E19 Die FaceBook Papers – Spielregeln des Kapitalismus. Frances Haugen, eine hochrangige Mitarbeiterin von Meta ist wahrscheinlich eine der wichtigsten Whistleblower der jüngeren Geschichte. Die Episode ist aktueller denn je. Denn in 41 /50 Staaten der USA ist Meta zur Zeit (Mitte 11/2023) angeklagt: Sie wussten sehr viel über die krankmachende und verstörende Wirkung ihrer Produkte bei den Nutzern. Meta wog sorgfältig ab und legte Verantwortung in die eine und den daraus zu erzielenden Profit in die andere in die andere Waagschale. Nun denn, Geld wächst nicht auf Bäumen und Meta ist ein SocialMedia Konzern, nicht ein Sozialverein auf Gegenseitigkeit. Unsere Einsichten zum Thema waren verstörend.

    Deutschlandfunk Hörsaal vom 02. November 2023
    Wenn Informationstechnik breitflächig ausfällt, dann geht nichts mehr: Banken, Supermärkte oder Krankenhäuser sind darauf angewiesen. Wie anfällig ist unsere digitale Infrastruktur?
    Ein Vortrag des Informatikers Jochen Schiller.

    „Niemand weiß, wie das Internet eigentlich aussieht“, sagt der Informatiker Jochen Schiller. „Aber wir hängen alle von ihm ab“. 
    https://www.deutschlandfunknova.de/beitrag/kuenstliche-intelligenz-unsere-digitale-infrastruktur-ist-angreifbar

    Quellen zu Tim Berners-Lee
    Ausgangspunkt für das Web 3.0 waren die Konzepte von T B-L zum Thema LinkedData / Semantisches Web 2006/2009
    https://www.w3.org/DesignIssues/LinkedData.html

    Deutschlandfunk Kultur, Beitrag vom 6.10. 2018
    Wie WWW-Erfinder Tim Berners-Lee das Internet retten will: „Die Neuerfindung des Web“.

    „…Die Macht im Web wieder verschieben können, weg vom Betreiber des Servers, zurück zum Nutzer. Denn heute liegen unsere Daten auf den Servern von Facebook, Google und Amazon.

    Berners-Lee will, dass die Daten bei uns, unter unserer Kontrolle sind. Und so hat er mit anderen vor allem im letzten Jahre „Solid“ entwickelt, eine Open-Source-Software, mit der das Web ganz neu organisiert werden kann. Kern-Element sind persönliche Daten-Lager, sogenannte PODs, die sich jeder schon jetzt gratis anlegen kann.“
    https://www.deutschlandfunkkultur.de/datenhoheit-den-nutzern-zurueckgeben-wie-www-erfinder-tim-100.html

    Artikel in FORBES über Web3 (Blockchain / Krypto Währungen) und Web 3.0 (27.4.2023)

    https://www.forbes.com/sites/digital-assets/2023/04/27/substack-and-inrupt-not-waiting-for-web3-to-enforce-user-rights/?sh=58791504b49d

    SOLID & PODs
    Im Git-Hub gibt es umfangreiche Infos

    https://github.com/solid/solid

    Weiteres hier
    https://solidproject.org

    Kommen wir zur Website der Fa. INRUPT (Mitgründer Sir Timothy Berners-Lee)
    SOLID & PODs in der Presse
    https://www.inrupt.com/coverage

    Die SOLID Produkte
    https://www.inrupt.com/products/enterprise-solid-server

    Die Erklärvideos sehr empfehlenswert
    https://www.inrupt.com/videos

    Testaccount anlegen
    https://start.inrupt.com/profile

    Einloggen
    https://login.inrupt.com/openid

    Bitte am Ball bleiben …die Experience am 21.11.23 ist eher experimentell

    Das Folgenbild

    Das Folgenbild wurde 1848 von Carl Spitzweg auf dem Deckel einer Zigarrenschachtel gemalt und trägt den Titel „Gnom, Eisenbahn betrachtend“. 

    Dieser Gnom ahnt, dass die neue Technik Neues bringt, bleibt aber hoffnungsvoll skeptisch dass es tatsächlich passieren wird. Bleibt er in seiner Höhle, wird er es immer nur aus 2. Hand erfahren.

    Quelle Folgenbild:

    https://commons.wikimedia.org/wiki/File:CarlSpitzwegGnomEisenbahnbetrachtend.jpg

  • Vom falsch Zeugnis reden: Fake News I.

    Vom falsch Zeugnis reden: Fake News I.

    Das Minnessota Multiphasic Personality Inventory (MMPI) ist so etwas wie die Mutter aller Persönlichkeitstests in der klinischen Psychologie und Psychiatrie. Er enthält mehr als 500 Fragen, die so formuliert sind, dass man sie mit „ja“ und „nein“ beantworten kann. „Meistens fühle ich mich am ganzen Körper schwach“ oder „Ich habe Freude an Kindern“. Eine Spezialität des Tests ist, dass man versucht, Verfälschungen zu erkennen, die entstehen, weil Menschen nach außen gerne besser aussehen als sie wirklich sind. Hierfür gibt es Kontrollfragen, von denen sich eine (…kommen wir langsam mal zur Sache…) als Intro für unserer Fake News Folge eignet:

    Ich sage nicht immer die Wahrheit!

    Was hat es damit auf sich? Nun, man muss diese Frage mit „ja“ beantworten, wenn man ehrlich ist, denn niemand sagt „…immer die Wahrheit“. Anders formuliert: wer diese Frage mit „nein“ beantwortet, möchte irgendwie besonders unschuldig und brav sein – und eben das interessierte die Konstrukteure des Fragebogens. Es scheint also, dass die Lüge zum gesunden Leben dazugehört, in allen Varianten, die möglich sind (Notlügen, Verheimlichen, Leugnen, Prahlen, Fabulieren). Betrachtet man die Sache moralisch, wird man dabei sicherlich zwischen verschiedenen Graden von Harmlosigkeit oder Toxizität von Lügen unterscheiden müssen. Ein dreijähriges Kind, das uns hinsichtlich der Menge der eben gerade konsumierten Süßigkeiten anschwindelt, um den Nachschub zu sichern, wird man kaum als bösartig und raffiniert bezeichnen. Eltern, die ihren Kindern erzählen, das Christkind sei da gewesen, sind weder notorische noch besonders bösartige Lügner. Wer in einer Verkehrskontrolle die Menge der eben gerade konsumierten alkoholischen Getränke nach unten korrigiert, um den Verdacht der Gesetzeshüter/innen nicht übermäßig auf sich zu ziehen, hat zumindest unser Verständnis. Man kann sogar Höflichkeit als besonders diffizile Lügendisziplin verstehen („Nein, nein Du siehst prima aus!“) So gesehen ist also Lüge nicht gleich Lüge und es scheint bei genauerem Nachdenken auch fast unmöglich, sich ein Leben ganz ohne Lügen vorzustellen.

    Wie ist das mit Medien? Immerhin haben wir den Anspruch, dass Dinge, die in großen Medien vermeldet und multipliziert werden, der Wahrheit entsprechen sollten. Lange Zeit hat dies auch funktioniert. Wenn man etwas in der Zeitung gelesen oder im TV-Gerät gesehen hatte, dann war das über Jahrzehnte ein Anzeichen dafür, dass es sich um Tatsachen handeln musste – zumindest in westlichen „Mainstream-Medien“ (…das Staatsfernsehen totalitärer Regime lassen wir hier einmal außer Acht). Was wir derzeit in neuen und sozialen Medien erleben, ist allerdings eine veritable Zeitenwende in Sachen Lüge und Wahrheit. Lügen haben Höchstkonjunktur, und dies gilt im wahrsten Sinn des Wortes, denn teilweise wird mit raffinierten Lügen schlicht Geld gemacht. Hinzu kommt, dass Onlinemedien aufgrund ihrer psychologischen und technischen Beschaffenheit Lügen geradezu lieben, denn sie bringen alles mit, was man braucht, um hohe Reichweiten, Engagement und lange Nutzungsdauer zu erreichen. Es geht dabei natürlich nicht nur um Geld, sondern auch um das Erzielen von Wirkungen auf Meinungen und Einstellungen. Wir alle wissen das und in unserem Podcast erzählen wir davon.

    Also: Welche Fake News aus der Geschichte sind interessant? Wann hat das Zeitalter der Fake News begonnen? Welches waren die Lügen, mit denen in der jüngsten Zeit Erfolge erzielt wurden? Diese Fragen beantworten wir in Folge I unserer Fake News Episode. Dabei geht es um Anekdotisches – und teilweise einigermaßen Bizarres…

    Quellen:

    Das Bild zur Episode

    Wenn man über Lügen rechcherchiert, kommt man um den ungekrönten König dieser Disziplin, den Lügenbaron von Münchhausen nicht herum. Seine skurrilen Geschichten wären heute Content vom Feinsten – Klicks und Shares garantiert. Wir zeigen hier eine Gravur von August von Wille (1828-1887), auf die legendärste aller Lügengeschichten, der Ritt auf der Kanonenkugel, zu sehen ist.

    Bildquelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:M%C3%BCnchhausen-AWille.jpg