Kategorie: Politik

  • Neulich hinter der großen Mauer: Das Web in China

    Neulich hinter der großen Mauer: Das Web in China

    Von China ist viel die Rede dieser Tage. Sei es die neue Seidenstraße, das chinesische Engagement in Afrika, die Hafenterminals in Hamburg oder diverse Olympiaden. Auch in der Welt der Digitalisierung ist das Reich der Mitte immer für eine Schlagzeile gut: Ausschluss von HUAWEI beim Ausbau des 5G-Netzes für Großbritannien, chinesische Hacker kapern Microsoft… Die Zeiten, in denen man Wolken von Chinesinnen und Chinesen im blauen Einheitslook radelnd auf leergefegten achtspurigen Straßen sehen konnte, sind schon lange vorbei.

    In dieser Folge von achwasfm.janlucash.com/ widmen wir uns vor allem dem geheimnisvollen Punkte-System, mit dem chinesische Bürgerinnen und Bürger zuerst bewertet und dann belohnt oder bestraft werden. In der westlichen Öffentlichkeit besteht weitgehende Einigkeit darüber, dass das sozusagen ein Orwell'scher Super-GAU ist, eine fleischgewordene Black-Mirror-Vision. "China’s rulers aim to implement an Orwellian system premised on controlling virtually every facet of human life…“ wußte der amerikanische Vizepräsident Mike Pence im Jahr 2019 zu berichten. Moment: Black Mirror? Das ist eine ziemlich dystopische Netflix-Serie, in der verschiedene Aspekte digitaler Technologien von künstlicher Intelligenz über Kampfroboter bis soziale Medien dargestellt und sozusagen in eine beängstigende Zukunft weitergedacht werden. Nun, wer sich einmal mit interkultureller Kommunikation und Kulturvergleich beschäftigt hat, ahnt, dass da möglicherweise etwas nicht ganz stimmt.

    Das ist das Thema unserer China-Folge. Blickt man durch die individualistische Silicon-Valley-Brille auf Projekte aus kollektivistischen Kulturen, kann leicht das eine oder andere Missverständnis entstehen – umgekehrt übrigens ganz genauso. Aber die chinesische Kultur ist viertausend Jahre alt und vielleicht ist die Art und Weise, wie man dort mit Digitalisierung, vernetzten Rechnern und Smartphones umgeht nicht uninteressant für uns. Dieser Frage gehen wir nach. Durchaus interessant ist dabei noch eine andere Frage, ob es sich bei der allenthalben anzutreffenden Vorsicht gegenüber den Chinesen (Stichwort: gelbe Gefahr) um…

    (a) berechtigte Vorsicht gegenüber einer imperialistischen Supermacht oder

    (b) ein Echo unserer eigenen Bemühungen, Produkte möglichst billig zu produzieren und deshalb ihre Herstellung in Billigstlohnländer zu verlagern oder

    (c) schlichten Rassismus

    …handelt.

    Wir meinen: Es lohnt, diese Aspekte zu unterscheiden und sich beim Nachdenken und vor allem beim öffentlichen Diskutieren aller drei Möglichkeiten bewusst zu sein.

    Nachtrag zu (c) Rassismus: Die Glutamat Unterstellung

    In den späten 60ern des 20.Jhds standen Chinarestaurants unter Druck: Sie wurden verdächtigt, tonnenweise mit einem chemischen Stoff die US Bevölkerung zu malträtieren. Hitzewallungen, Herzrasen, Übelkeit, Benommenheit, Ohnmachtsanfälle wurden in einem Artikel von Dr. Robert Ho Man Kwok im „New England Journal of Medicine (NEJM)“ veröffentlicht.
    Auch schon davon gehört – oder erlebt? Das Chinarestaurant-Syndrom!
    Nun ja, es war allerdings kein Artikel, sondern ein Brief an den Herausgeber. Auch lag dem Ganzen keine Studie zu Grunde, sondern, wie Dr Ho Man Kwok es ausdrückte, seine Wahrnehmung etwa 20 Minuten nach dem Besuch eines Chinarestaurants. Nachdem die Presse und die Major Networks (TV) diese Information ungeprüft weitergaben, verbreitete sich das wie ein Lauffeuer weltweit. Und Chinarestaurants sahen sich gezwungen, Speisen ohne Glutamat anzubieten, um die Kundschaft nicht zu verlieren.
    Schaut man genauer hin, zeigt sich: Es wurden in einer Reihe von Studien keine Effekte der beschriebenen Art festgestellt. Der Verdacht lag nahe, dass Erdnüsse oder Shrimps in Saucen die Übeltäter sein könnten – allerdings eines Effektes, der überhaupt nicht nachzuweisen war. Ein weiterer Aspekt wurde so formuliert: „Leiden über 1 Mrd. Asiaten an ständigem Kopfweh, Übelkeit, Ohnmachtsanfällen und Herzrasen“?
    Dieses Natriumglutamat ist auch in europäischer Würze (Maggi, Fondor, …) enthalten, und auch Nahrungsmittel enthalten „von Natur aus“ diese natürliche Würze.

    Und: „Umami“ ist neben salzig, bitter, süß und sauer der 5. Geschmackssinn. Und dieser Geschmack wird von Lebensmitteln bereitgestellt, die Natriumglutamat enthalten.

    War es eine rassistische Entgleisung, die bereitwillig aufgegriffen wurde?
    Eine genauere Untersuchung dieser Geschichte wurde unter dem Aspekt von Medienpolitik und dem Titel „Never let a good story get in the way of the truth“ ein Blogbeitrag von anecdote.com in 2019 veröffentlicht.
    https://www.anecdote.com/2019/03/good-story-truth/

    Quellen:

    • Die Website des Projekts „Center for Humane Technology“ unseres Protagonisten Tristan Harris:
      https://www.humanetech.com/

      und hjer spricht Tristan Harris über TikTok in China und im Rest der Welt:

    Das Bild zur Episode:

    Wir zeigen als Episodenbild eine Postkarte aus den USA, die 1907 von dem amerikanischen Verlegers, Grafiker und Karikaturisten Fred C. Lounsbury gemalt bzw. hergestellt und vertrieben wurde. Schon damals war allenthalben von einer gelben Gefahr die Rede und die Idee, die heute unter dem unsäglichen Tump’schen Mantra „They steal our jobs“ diskutiert wird, war in der Öffentlichkeit überaus beliebt. Natürlich war sie auch damals falsch, denn die USA waren auf die billigen Arbeitskräfte aus Asien angewiesen, um ihre Wirtschaft am Laufen zu halten.

    Zur Übersetzung des Textes auf der Karte: „Chink“ bedeutet so viel wie Schlitz oder Spalt und war im frühen 20. Jahrhundert eine geringschätzige und beleidigende Bezeichnung für asiatische Menschen. Man kann es vielleicht mit unserem „Schlitzauge“ gleichsetzen.

  • Was nützt Aufklärung? Edward Snowden und die Folgen

    Was nützt Aufklärung? Edward Snowden und die Folgen

    (S1/E41) Vor 9 Jahren, im Juni 2013 wurden Dokumente veröffentlicht, die das World Wide Web, unsere Kommunikation, das Leben, Digitale Unternehmen, Staaten nachhaltig … hätten erschüttern können. Zumindest unsere Sicht auf die Sicherheit unserer persönlichen Informationen, für immer verändern sollen. Eigentlich.

    In dieser Episode von achwasfm.janlucash.com/ erzählen wir die Geschichte von Aufklärung im doppelten Sinne: Aufklärung als militärische Aktionen, um Daten über Tun und Lassen eines Widersachers zu erlangen – und die Aufklärung darüber, dass diese Aktionen auch befreundete Staaten, sogar die Bewohner des eigenen Landes betreffen. Und Unrecht sind.

    Nach dem 2. Weltkrieg breiteten die als 5-Eyes bezeichneten Staaten USA, Großbritannien, Kanada, Australien und Neuseeland ihr weltweites Spionagenetzwerk aus. Der Kalte Krieg benötigte Informationen über die Sowjetunion – aber auch über die Politik, Politiker und Einwohner westlicher Staaten, die vielleicht mit Wohlwollen oder gar als Agenten diesen Staat unterstützen. Als der Kalte Krieg unter Gorbatschow 1991 mit dem Zerfall der Sowjetunion endete, schienen die „Dienste“ fast schon abgeschrieben.
    Der 11.9.2001 (9/11) änderte diese Einstellung: Globaler Terrorismus hieß das Ziel der Aufklärung.
    Ab 2009  bekam ein externe Mitarbeiter der NSA, Edward Snowden, Zugang zu als top secret eingestuften Daten. Was er entdeckte, erschütterte ihn. Es breitete sich eine Struktur von Überwachung und Einflussnahme durch die Geheimdienste der westlichen Welt aus. Die Werkzeuge PRISM und XKeyscore ermöglichten das Sammeln von Daten im Web und die Auswertung dieser Daten.

    Edward Snowden entschied sich, diese Informationen zu veröffentlichen, er war sich bewusst, dass er damit zum Staatsfeind in den USA wurde.

    Was haben wir aus den Veröffentlichungen gelernt? Was hat die Überwachung genutzt? Was nützt Aufklärung? Mehr dazu im Podcast.


    Quellen zur Episode

    11 Jun 2013: The Guardian veröffentlicht „Edward Snowden: the whistleblower behind the NSA surveillance revelations“. Umfangreiches Material inkl. Interview. (abgerufen am 10.6.2022, 22:56)
    https://www.theguardian.com/world/2013/jun/09/edward-snowden-nsa-whistleblower-surveillance

    Die Artikel der Washington Post zu Snowden liegen hinter einer Paywall (abgerufen am 10.6.2022, 22:40)
    https://www.washingtonpost.com/magazine/2020/05/11/2013-edward-snowden-leaked-top-secret-national-security-agency-documents-showing-how-us-was-spying-its-citizens-heres-what-happened-next/

    Manchmal gibt es sehr umfangreiches Quellenmaterial in Wikipedia (abgerufen am 10.6.2022, 23:30)
    https://en.wikipedia.org/wiki/Edward_Snowden

    Snowden, Edward: Permanent Record, S.Fischer Verlag Frankfurt (2019)
    https://www.fischerverlage.de/buch/edward-snowden-permanent-record-9783596700691

    Rasterfahndung – PRISM Lite in der Bundesrepublik? In den ’70ern wurde per „Rasterfahnung“ nach Terroristen der RAF gesucht. Datascience war schon damals an Bord. (abgerufen am 10.6.2022, 23:21)
    https://www.zeit.de/digital/datenschutz/2013-06/mustererkennung-algorithmen-terror?utm_referrer=https%3A%2F%2Fde.wikipedia.org%2F


    „Wie US-Geheimdienste Daten aus der EU abgreifen könnten“ titelt netzpolitik.org in einer Beitrag vom 26.1.2022 und zitiert aus einem Gutachten: „Das Datenschutzrecht der EU schützt wohl nur bedingt vor US-Geheimdiensten. Ein Gutachten für die Datenschutzkonferenz von Bund und Ländern zeigt: Selbst wenn die Server in der EU stehen, können sensible Daten gefährdet sein.“ (abgerufen am 10.6.2022, 23:42)
    https://netzpolitik.org/2022/gutachten-veroeffentlicht-wie-us-geheimdienste-daten-aus-der-eu-abgreifen-koennten/

    Episodenbild

    Unser Episodenbild der Folge 41 trägt den Titel: Windsor Castle, und ist eine Buch-Illustration von E. W, HASLEHUST 1910, Verlag  Blackie and son, limited. 1910

    PRISM und XKeyscore waren in der Zeit, als unser Episodenbild entstand, eher ein Wachturm mit weitem Ausblick und „Human Brain“ als Auswertungssoftware.
    Auch die Menschen in einem Wachtturm hatten die Aufgabe, zu beobachten, feindliche Truppen zu erkennen und zusammen mit den Wachen „am Boden“ suspekte Personen zu überprüfen.
    Über die Algorithmen dieser Wächter ist eher wenig bekannt.

    Quelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Windsor_castle_(1910)_(14775284354).jpg

  • Es grünt zu grün! Astroturfing und digitale Propaganda.

    Es grünt zu grün! Astroturfing und digitale Propaganda.

    Ein Hinweis für unsere geschätzten Hörerinnen und Hörer

    Dieser Beitrag nimmt an dem Wettbewerb Fast Forward Science 2022/23 in der Kategorie „AUDIO Spezial“ teil. Wir meinen dazu: Please keep fingers crossed!

    (S1/E34) Im Jahr 2007 fanden sich engagierte und besorgte Bürger/innen zu einer Graswurzel-Bewegung zusammen, die sich darum kümmern wollte, dass bei der Privatisierung der Deutschen Bahn alles mit rechten Dingen zugeht. „Rechte Dinge“, damit war eine ungestörte und möglichst umfassende Privatisierung des schwerfälligen Staatsunternehmens zum Wohle der Bürger/innen gemeint. Auf meinebahndeinebahn.de wurden Artikel publiziert und Diskussionen geführt und eigentlich wäre das kein …achwas!? wert, wenn das nicht alles komplett gefaked, ausgedacht, erdichtet, erstunken und erlogen gewesen wäre.

    Genau! Weder gab es die besorgten Bürger/innen noch die Initiative, die sich im Web mit authentischer Betroffenheit und eigenartig detailliertem Fachwissen für das Ende des Staatsunternehmens und goldene Zeiten im Glanz einer vollständig privatisierten und daher effizienten, kundenfreundlichen Bahn einsetzten. Die Bahn hatte die Graswurzel-Bewegung für 1,3 Millionen Euro bei liederlichen Agenturen in Auftrag gegeben und natürlich ist eine beauftragte Graswurzel-Bewegung eben keine solche, sondern eine contradictio in adjecto (für Nicht-Lateiner/innen: ein Widerspruch in sich). Das wurde der Bahn dann 2009 durch die Organisation LobbyControl bescheinigt und der Deutsche PR-Rat erteilte eine offizielle Rüge und die Medien stürzten sich auf den Skandal und so weiter – peinliche Sache!

    Andererseits: eigentlich ist das ganz normal, denn die Herstellung von Kunstrasen zum Vortäuschen echter Graswurzel-Bewegungen für die eigenen Zwecke gehört schon seit Jahrhunderten im Kommunikations-Repertoire der Mächtigen. In Shakespeare’s „Julius Cäsar“ ist schon die Rede davon, dass Brutus von Briefen falscher Graswurzel-Aktivisten aufgehetzt wird, gesteuert von Cassius, dem Bösewicht…

    Warum hier von "Astroturf" und dem Verb "Astroturfing" die Rede ist? Das ist eine eigene Geschichte hinter den Pixeln, die wir in der neuen Folge von …achwasfm.janlucash.com/! natürlich erzählen.

    Quellen zur Podcast-Folge

    Zum Epiosodenbild

    Unser Bildkonzept wäre unvollständig ohne den nicht nur von uns bewunderten und verehrten Mitbegründer der modernen Malerei: Vincent van Gogh. Da wir selten über Lilien oder Sonnenblumen, geschweige denn über die Landschaft Südfrankreichs erzählen, hat es etwas gedauert, bis wir eine Brücke zu einem seiner Werke schlagen konnten. Mit „Astroturfing“ haben wir endlich ein passendes Thema, denn es geht ja in weiterem Sinn um …Gras! Das „Coin de jardin avec papillons“, gemalt 1887, zeigt eben das: natürlich gewachsenes, gesundes und etwas wild wucherndes Gras. Also das Gegenteil von Astroturf…

    Bildquelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Van_Gogh_-_Rasenst%C3%BCck_mit_Schmetterlingen.jpeg

  • Wir haben Sie schon erwartet! Predictive Policing.

    Wir haben Sie schon erwartet! Predictive Policing.

    (S1/E20) Der Roman „Minority Report“ spielt im Jahr 2054: Eine Spezialabteilung der Polizei in Washington ist in der Lage, Morde weit im Vorfeld vorauszusagen – und die zukünftigen Mörder frühzeitig auszuschalten. Verurteilen ohne Tat? Im Jahr 2020 erscheint ein Bericht über SKALA , das in NRW eingesetzte Computerprogramm für Predictive Policing. Ist das jetzt 2054 in der Bundesrepublik? In dieser Folge erzählen wir, wie grundverschieden in Deutschland und den USA Predictive Policing eingesetzt wird und was die Gründe dafür sind.

    Der bereits 1956 erschienene Roman „Minority Report“ von Philip K. Dick schickt die Leser in ein Dilemma: Darf man Menschen, die noch keinen Mord begangen haben, als potentielle Mörder „ausschalten“? Es wird ein Mord verhindert, die einzelne Tat von drei Medien vorhergesagt – mehr noch: Es gibt deshalb keine Morde mehr. Aber was ist, wenn diese „Hellseher“ irren?

    In dieser Folge von achwas?! sehen wir uns die Situation in Nordrhein-Westfalen im Jahr 2021 an. Zum Einsatz kommt hier ein Prognosetool namens SKALA. Morde sind – als seltene Ereignisse und zudem eher im privaten Umfeld angesiedelt – nicht das Feld dieses Tools, sondern Einbrüche in Wohnungen, Gewerbeobjekte und Kfz-Diebstahl. Von seinen Prognosemöglichkeiten beschäftigen wir uns im Podcast mit dem Deliktfeld „Wohnungseinbruch“ und erfahren mehr über die Grundlagen der Prognosen und Polizeiarbeit: Diese sind Informationen und Daten über den Ablauf und die Umstände eines Einbruchs, die Psychologie von Tätern und Massnahmen, die Einbrüche verhindern können.

    Der Minority Report spielt in den USA. Wir springen daher – zum Vergleich mit Deutschland – abschliessend in die USA 2021 und finden dort eine deutlich unterschiedliche Situation: Spitzelnde Polizisten, Sensoren zur Schusserkennung, Nummernschildleser an jedem Polizeifahrzeug und Drohnenflüge liefern Big Data für die Prognosen von Verbrechen – und zur Überwachung der gesamten Bevölkerung. Die Ähnlichkeit zum System „Social Credit“ ist augenscheinlich. Ein technologisches Menetekel für die Welt?

    Quellen zur Folge

    • Philip K. Dick, „Minority Report“, 1956 (Buch)
    • Minority Report, Regisseur Steven Spielberg, Hauptrolle Tom Cruise, USA 2002 (Film)
    • Shot Spotter – The First End-to-End Precision Policing PlatformTM. Selbstdarstellung des Unternehmens auf der Homepage – mit einem Ticker zu „false claims“, abgerufen zuletzt 14.11.2021
      https://www.shotspotter.com

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    Der Wunsch, in die Zukunft zu schauen wurde im antiken Griechenland von einem Orakel erfüllt. Pythia, so der Name der jeweils amtierenden weissagenden Priesterin im Orakel von Delphi, verkündete in veränderten Bewusstseinszuständen ihre Prophezeiungen. Ihre Kunst war unter anderem die, so zu formulieren, dass zumindest eine mögliche Interpretation der Prophezeiung zutraf.
    Unser Bild zeigt Pythia im Zustand der Entrückung in einem Ausschnitt des Gemäldes von John Collier mit dem Namen „Priestess of Delphi“ aus dem Jahr 1891.
    John Maler Collier (1850 – 1934) war ein britischer Schriftsteller und Maler und gehörte zur Gruppe der Präraffaeliten.

    Das Bild ist Public Domain und auf Wikimedia Commons unter dieser URL zu finden:

    https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Collier-priestess_of_Delphi.jpg

  • Die Facebook Papers: Spielregeln des Kapitalismus

    Die Facebook Papers: Spielregeln des Kapitalismus

    (S1/E19) Im Mai 2021 verließ Frances Haugen, eine junge, ehrgeizige, aufstrebende, erfolgreiche und intelligente Data-Scientistin aus dem „Civic Integrity Team“ von Facebook ihren Arbeitgeber. Aufgabe dieses Teams war, Mißbrauch der Facebook-Plattform während der US-Wahlen Ende 2020 zu verhindern. Frances Haugen war – und ist – allerdings nicht nur intelligent, sie hat auch einen wachen Sinn für Recht und Unrecht, richtig und falsch...

    Sie ist jetzt wahrscheinlich eine der wichtigsten Whistleblower/innen der jüngeren Geschichte und hat uns den Stoff für unsere 19. Folge von …achwas!? beschafft: Es handelt sich um Interna über die Gepflogenheiten bei dem wahrhaft gigantischen Tech-Konzern, der mit dem Begriff „Facebook“ eigentlich nur ungenügend beschrieben ist. Dessen CEO – Mark Zuckerberg – hat sich ja konsequenterweise auch einen neuen Namen für sein Unternehmen ausgedacht oder ausdenken lassen: Meta! Irgendwie Pech für ihn, dass die Taufe der neuen Marke eben gerade mit der Enthüllung diverser unappetitlicher Gepflogenheiten seines Unternehmens zusammenfällt.

    Aber was sind das für Gepflogenheiten? Nun, man kann es vielleicht so zusammenfassen: Facebook weiß sehr viel über die polarisierende, ja spaltende Wirkung seiner Produkte auf Einzelne, auf Länder und Gesellschaften weltweit – letztlich die Menschheit. Man forscht hierzu, sammelt Daten und Fakten, schreibt Memos, diskutiert sogar in internen Foren darüber, aber: man unternimmt nichts, verheimlicht sogar das unangenehme und möglicherweise für den Börsenwert gefährliche Wissen. Der Konzern steht damit in einer unglückseligen Tradition mit den Tabak- und Ölkonzernen, die schon in den 60er-Jahren wussten, dass Rauchen Krebs erzeugt und das Verbrennen von fossilen Energieträgern eine Erderwärmung auslösen wird…

    In unserem Podcast über die Facebook Papers versuchen wir den Stand der Dinge Anfang November 2021 zusammenzufassen. Wir werden uns allerdings wiederholt darüber beklagen, dass es – noch – keine wirklich handfesten wissenschaftlichen Daten und Veröffentlichungen gibt. Doch das, was da gerade in investigativ orientierten Medien (natürlich die internationale links-grün-versiffte Systempresse!) erscheint, ist schon einen Bericht wert.

    Quellen zur Folge

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    Die IWW ist eine Gewerkschaft Namens „Industrial Workers of the World“, die sich in ihrer Arbeit auf Nordamerika, Großbritannien, den deutschsprachigen Raum und Australien konzentriert. Sie ist bekannt für das „Wobbly-Shop-Modell“ der Arbeitsplatzdemokratie, in dem Arbeiter ihre eigenen Manager wählen. Eine altehrwürdige Institution übrigens, die schon im frühen 20. Jahrhundert politisch agiert und agitiert hat. 1911 ist im Auftrag dieser Gewerkschaft ein Anti-Kapitalismus-Poster entstanden, das uns für die Facebook Papers die richtige Perspektive zu haben scheint. Den Geldsack könnte man mit „Börsenwert“, „Wachstum“, „Klickzahlen“, „Reichweite“ ersetzen und dann wäre man ganz nah an der Antwort auf die Frage, wie die unerhörten Dinge, die die Facebook Papers enthüllen, überhaupt entstehen konnten. Letztlich geht es darum, dass sich eine klitzekleine Elite ungestört die Taschen vollstopfen will und dafür auf Recht und Moral verzichtet.

    Das Bild ist Public Domain und auf Wikimedia Commons unter dieser URL zu finden:

    https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Anti-capitalism_color_Restored.jpg

  • Viralität, Moral und Social Media: Wer Wut sät, wird mehr Wut ernten.

    Viralität, Moral und Social Media: Wer Wut sät, wird mehr Wut ernten.

    (S1/E09) In dieser Folge lüften wir eines der 100-Million-Dollar-Geheimnisse der politischen Kommunikation rund um soziale Medien und klären eine der meistgestellten und trotzdem nur selten schlüssig beantworteten Fragen: Wie und woher und von wem und durch welche Inhalte bekommt man mehr Reichweite? Unsere Antwort fällt… nun, sagen wir: „ernüchternd“ aus.

    Warum ernüchternd? Es scheint, dass eine der besten Strategien für die virale Ausbreitung von Inhalten im Bereich von News und Politik das Auslösen, das Triggern von etwas ist, das man vielleicht am besten als „moralische Entrüstung“ bezeichnen könnte. Ein im angelsächsischen Sprachraum geprägter Begriff gefällt uns besser:

    Moral Panic!

    Das bedeutet: Menschen erzählen besonders gerne das weiter, was sie schlecht, störend, skandalös, intrigant oder FALSCH oder DUMM finden – vor allem dann, wenn sie wissen, dass die Menschen, denen sie ihre Erkenntnis oder Beobachtung mitzuteilen im Begriff sind, diese Ansicht exakt teilen. Vielleicht machen so die ebenso unerklärlichen wie unglaublichen Erfolgszahlen querdenkender Wutbürger/innen in sozialen Medien nun plötzlich Sinn, denn Wut, Empörung, Entrüstung und Hass sind zwar nicht unbedingt sympathische Reaktionen, aber anscheinend ein hoch wirksamer Brennstofffür für das goldene Kalb der Redakteur/innen „Teilen!“. Wobei dieser Begriff natürlich völlig irreführend ist. Was wir teilen, wird weniger, was wir auf sozialen Medien veröffentlichen – genau dies wäre der korrekte Begriff für „sharing“ – wird aber ganz im Gegenteil vermehrt. Und Wut bedeutet dann mehr Wut und das wiederum bedeutet noch mehr Wut.

    In der 9. Folge von …achwas!? bewegen wir uns in diesen Untiefen. Und wir möchten unseren Leserinnen und Lesern die entscheidende Grafik aus unserer eigenen Auswertung der Daten zu Facebook-Reactions bei politischen Parteien nicht vorenthalten. Sie zeigt die Anzahl der Shares (y-Achse) und die Anzahl wütender Reaktionen pro Post (x-Achse) für die Facebook-Seite der „Alternative für Deutschland“. Bei anderen Parteien ist dieser Zusammenhang nicht vorhanden oder zu vernachlässigen.

    Der Zusammenhang zwischen Wut-Reaktionen und der Tendenz für das Sharen oder Teilen der jeweiligen Posts auf der Facebook-Seite der „Alternative für Deutschland“ (eigene Abbildung auf der Grundlage von Daten aus den Jahren 2016-2020)

    Die Geschichte zum Beitragsbild:

    Normalerweise können wir aufgehetzte, moralisch empörte, aggressiv-rechthaberische, Hass verbreitende Social Media Communities ja nicht sehen. Trotzdem haben wir ein – vielleicht nur halb bewußtes – Vorstellungsbild von ihnen. Unser eigenes haben wir einmal mehr in einem Gemälde von Hieronymus Bosch gefunden. „Die Kreuztragung Christi“ wurde durch die Jahrhunderte in Dutzenden Kunstwerken immer wieder dargestellt. Bei Bosch interessiert weniger die Christusfigur, die in ihr Schicksal ergeben und unter ihrem Kreuz leidend in der Mitte des Bildes dargestellt wird, auch die Heilige Veronika am linken Bildrand ist nicht interessant. Beide dienen letztlich nur als Kontrast zu den eigentlichen Helden des Bildes: die verzerrten, dämonischen, mit verschiedensten Tönungen von Verachtung, Ekel, Häme, Hass und Wut aufgeladenen Figuren, die sich in dem Bild drängeln. Ein aufgehetzter Mob aus der Phantasie eines flämischen Malers aus der Renaissance des 16. Jahrhunderts funktioniert also ganz ausgezeichnet für unsere Vorstellung von Shitstorms, Cybermobbing oder anderer wenig erfreulicher Begleiterscheinungen von Online-Communities.

    Bildquelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/b/bb/Hieronymus_Bosch_055.jpg

    Quellen:

    • Dies ist der Artikel zur Ausbreitung von Inhalten über moralingeschwängerte Posts in Twitter wurde von Brady, W. J., Wills, J. A., Jost, J. T., Tucker, J. A., & Van Bavel, J. J. (2017). Emotion shapes the diffusion of moralized content in social networks. Proceedings of the National Academy of Sciences, 114(28), 7313-7318. Online erreichbar unter https://www.pnas.org/content/114/28/7313.long

    …und hier sind die versprochenen Katzenvideos!

  • Psychographisches Targeting: Der „Cambridge Analytica“ Skandal

    Psychographisches Targeting: Der „Cambridge Analytica“ Skandal

    (S1/E01) 2010 öffnete Facebook eine Schnittstelle, über die Dritte Profile und Daten der Benutzer*innen aus der Social Media Plattform auslesen konnten. Wenige Jahre später machen sich Psycholog*innen und Data Scientists daran zu demonstrieren, was man anrichten kann, wenn man Persönlichkeitstests („Psychographie“) und Methoden des Online-Marketings („Targeting“) an einer solchen Schnittstelle kombiniert – mit Daten aus 50 Millionen geklauter Profile… Data Science meets Psychology.

    Das Ergebnis der in dem Skandal angewendeten Methoden war im wahrsten Sinn des Wortes weltbewegend, nämlich der „Brexit“ und die Wahl von Donald Trump zum amerikanischen Präsidenten – möglicherweise. Denn: ob und wie stark diese Jahrhundert-Entscheidungen wirklich durch psychografisches Targeting als Propagandawerkzeug beeinflusst waren, wird wahrscheinlich nie ganz aufzuklären sein. In wissenschaftlichen Studien wurde allerdings klar belegt, dass die von dem Unternehmen angebotenen Dienstleistungen, die auf der Durchleuchtung der Persönlichkeit von Personen beruhen sollten, durchaus funktionieren.

    Wir werden über diese Forschungsarbeiten in späteren Beiträgen noch berichten, aber in jedem Fall ist der „Cambridge Analytica Skandal“ eine wahrhaft würdige Geschichte zum Auftakt unseres Podcasts.

    Quellen

    Wer zum Thema Cambridge Analytica recherchiert, kann ob der Menge der Treffer leicht verzweifeln. Die besten Beiträge, die wir zum Einstieg in das Thema empfehlen können, sind diese:

    Die Geschichte zum Beitragsbild:

    Die Sehnsucht der Marketing-Spezialisten, aus Hirnforschung und Psychologie magische Rezepte für den Abverkauf von Waren und Dienstleistungen zu entwickeln, wird heute gerne in Neuro-Blabla-Modelle eingepackt. Aber sie ist schon alt. Psychographie und Werbung werden beispielsweise in diesem historischen Poster der Firma „Hudsons Soap“ verknüpft. Es nimmt Bezug auf eine im 19. Jahrhundert weit verbreitete – übrigens völlig falsche – Vorstellung, der zufolge verschiedene Charaktermerkmale in bestimmten Hirnarealen lokalisiert sein sollten. Hiermit eng verbunden war die – übrigens ebenso falsche – Idee, dass man aus der Schädelform auf Charakter von Personen schlussfolgern könnte. „Phrenologie“ war der Name dieser Lehrmeinung, die – ungeachtet ihrer Popularität in der Wissenschaft – nicht mehr als eben dies war (also eine Meinung). In unserem Beitragsbild sind es die Eigenschaften eines wahrhaft wundervollen Seifenpulvers, die mit durchaus ironischem Unterton in unterschiedlichen Hirnarealen angesiedelt werden.
    Bildquelle: https://wellcomecollection.org/works/gs3adbae