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  • Social Media und Depression. 10.904 Jugendliche geben Auskunft.

    Social Media und Depression. 10.904 Jugendliche geben Auskunft.

    (S1/E16) Kennen Sie diese Nachrichten, dass Facebook depressiv macht? Schriften über Digitale Demenz? Ist das Fake, Meinung oder Tatsache? Die Antwort von …achwas?!®: Wozu gibt es Wissenschaft, die diese Meinung gründlich untersuchen kann. Die Studie mit dem Titel „Social Media Nutzung und jugendliche psychische Gesundheit“ wertete dazu Informationen von 10.904 vierzehnjährigen Heranwachsenden aus. Sowohl die Menge von Daten wie auch die angewandten Untersuchungsmethoden bringen Licht ins Dunkle der Vermutungen. Es ist nicht kompliziert. Und doch: Es bleiben Fragen offen.

    Facebook macht (nicht direkt) krank!

    Tatsächlich ist die Behauptung „Facebook macht depressiv“ zu kurz gedacht. Die Auswertung der Daten aus der großangelegten Milleniums Studie zeigen: Der direkte Zusammenhang ist relativ gering (2018).
    Der Weg zu psychischen Problemen führt bei der Gruppe der 14jährigen Mädchen und Jungen über wenig Schlaf, Cybermobbing, niedriges Selbstwertgefühl und eine geringe Wertschätzung des eigenen Körperbildes. Dabei sind Mädchen deutlich häufiger betroffen als Jungen: Das bedeutet, dass jedes 4. Mädchen (23,6%) der Studie Symptome einer depressiven Verstimmung zeigt, etwa dreimal so häufig im Vergleich zu Jungen (8,4%). Mädchen sind laut Selbstauskunft nicht nur häufiger als Jungen von Cybermobbing betroffen, sondern gehören auch deutlich mehr als Jungen zu denjenigen, die aktiv sind.

    Erst solch differenzierte Studien erlauben es, wissenschaftlich fundierte Empfehlungen zum sicheren Umgang mit Social Media zu definieren- und, als Beispiel den Anbietern wie Facebook, Instagram, TikTok etc. eine Regulierung der zeitlichen Nutzung bevorzugt in den Abend- und Nachtstunden dringend zu empfehlen.

    Quellen zum Beitrag:

    • Die erwähnte Studie von Yvonne Kelly, Afshin Zilanawala, Cara Booker, Amanda Sacker. Social Media Use and Adolescent Mental Health: Findings From the UK Millennium Cohort Study. “ Background: Evidence suggests social media use is associated with mental health in young people but underlying processes are not well understood. This paper i) assesses whether social media use is associated with adolescents‘ depressive symptoms, and ii) investigates multiple potential explanatory pathways via online harassment, sleep, self-esteem and body image.“
      https://www.thelancet.com/journals/eclinm/article/PIIS2589-5370(18)30060-9/fulltext
    • MEDLINE – die medizinische (internationale) Studiendatenbank in der USA mit über 26 Mio. Einträgen. Die Sammlung begann 1879 – im aktuellen Bestand gibt es Studien seit 1946. Aktuell (9.9.2021) wird die Datenbank täglich auf Stand gebracht, und dabei 2.000-4.000 Referenzen und Artikel aufgefrischt oder neu eingestellt.
      https://www.nlm.nih.gov/medline/index.html
    • Facebook reagiert auf Studien. Der Guardian berichtet in einem Artikel vom 15.12.2017:
      „Facebook hat eingeräumt, dass die Nutzung sozialer Medien sich negativ auf die psychische Gesundheit der Nutzer auswirken kann. Dies ist ein Zeichen dafür, dass das Unternehmen den Druck einer wachsenden Zahl von Kritikern spürt, die sich über die Auswirkungen der Plattform auf die Gesellschaft beschweren.“ Forscher des sozialen Netzwerks räumten in einem Blogpost am Freitag ein, dass Studien ergeben haben, dass die Zeit, die man auf Facebook mit dem „passiven Konsum von Informationen“ verbringt, dazu führen kann, dass man sich „schlechter fühlt“. Übersetzt mit DeepL. Facebooks Lösung? Länger auf Facebook bleiben und selber posten, aktiv werden.
      https://www.theguardian.com/technology/2017/dec/15/facebook-mental-health-psychology-social-media

    Zum Beitragsbild

    Jedes 4. Mädchen in der Studie berichtet depressive Symptome. Der Zustand der Melancholie beschrieb in historischen Dokumenten recht genau Symptome einer Depression. Albrecht Dürer hat in seinem Kupferstich „Melencolia I“ von 1504 die Körperhaltung und Mimik eines melancholischen Wesens, einem Genius / Engel, sehr detailliert festgehalten. Der Engel steht für Künstler, die sich im Zustand mit „dem Willen zum Schaffen, aber unfähig, etwas zu tun“ erleben.
    Das Bild zu dieser Episode gibt es auf
    Wikimedia Commons.
    https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Melencolia_I_(Durero).jpg

  • Über Trolling

    Über Trolling

    (S1/E15) Jede/r Nutzer/in Digitaler und Sozialer Medien wird früher oder später mit ihnen Bekanntschaft schließen: Trolle. Diese possierliche Spezies von wirklich sehr speziellen Internet-Nutzer/innen ist so alt wie das Netz. In dieser Folge gehen wir also dem Begriff „Trolling“ auf den Grund und versuchen zu verstehen, was es mit diesem Netz-Phänomen auf sich hat.

    Dabei können wir davon ausgehen, dass die Meinungen geteilt sind: Die einen sehen im Troll einen elegant-intelligenten Provokateur mit – letztlich – positiver Wirkung auf seine Opfer, die er durch absurde oder auf Schwachstellen zielende Kommentare herausfordert. Die anderen kennen Trolle als unangenehme Störenfriede, Produzenten von Lügen, Gerüchten und Verschwörungserzählungen im Dienst populistischer Organisationen. Hier liegt eines der Probleme, auf das wir in unserem Beitrag ausführlich eingehen:

    Troll ist nicht gleich Troll!

    Wir halten also in unserer Podcast-Folge drei Troll-Geschmacksrichtungen auseinander und erklären, wie sie entstehen und so man sie findet. Doch immerhin eines haben Trolle gemeinsam: Sie agieren im Verborgenen. Weder der Reddit-Troll, der sich immer wieder durch geschmacklose Initiativen, Hashtags und Kommentare hervortut, noch derjenige, der Kommentierende in einem Newsportal mit seinen Rechtschreib-Tipps beglückt, mögen es, wenn Ihre Identität ans Tageslicht kommt – und der Profi aus der russischen Trollfabrik schon gar nicht…

    Quellen zum Beitrag:

    Zum Beitragsbild

    Auf der Suche nach einem passenden Bild zu dieser Episode sind wir auf Wikimedia Commons fündig geworden: ein Bild aus der Website der National Oceanic and Atmospheric Administration (NOAA), in dem das Trolling von Thunfisch dargestellt wird. Der/die unbekannte Künstler/in hat das Verhältnis von Troll und Beute sehr anschaulich visuell inszeniert. Wer hier anbeißt, wird es bereuen. Man kann angesichts der Darstellung nicht umhin, parteiisch zu sein: Es lebe der Thunfisch, nieder mit den Trollen!
    https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Trolling_drawing.jpg

  • Mixtape I. Autokorrektur / Cluetrain / Microtargeting / Web 2.0

    Mixtape I. Autokorrektur / Cluetrain / Microtargeting / Web 2.0

    1. Autokorrektur durch Excel
    2. Cluetrain Manifest
    3. Microtargeting – Wahlen
    4. Web 2.0 – Aktuell

    (S1/E14) Track 1: Maschinelle Autokorrektur reloaded? In Folge 4 beschäftigten uns Autokorrekturen von Industrie-Scannern. Die Richtigkeit der Scans der Baupläne von Gebäuden oder Maschinen, Steuererklärungen und amtlichen Dokumenten wurde der Schnelligkeit des Scans und der Größe der Files geopfert. Nicht korrigierbar, da vielfach Originale geschreddert wurden.
    Diesmal geht es um Genforschung. Eigentlich begegnet uns keine Autokorrektur, sondern eine Eigenart von Exel. Beim Einlesen von Daten werden abgekürzte Gennamen fälschlicherweise als Datum erkannt und gespeichert. Aus SEPT4 und MARCH1 werden der 4-Sep, 1-Mar (4. September, 1. März). Das Problem ist seit 2016 bekannt – und „verseucht“ laut einer Studie in 2021 über 30% aller Genstudien weltweit. Das erschwert die Erforschung von Krankheiten und die Entwicklung neuer Medikamente u.a. gegen Krebs.

    Track 2: Das Cluetrain Manifest ist ein historischer Meilenstein in der Ideengeschichte des Internet. Es wurde im Jahr 1999 von – damals – namhaften Autor/innen aus dem Web-Business – Blogger, Entwickler, Autoren, Startup-Gründer (und -innen) – geschrieben, veröffentlicht und signiert. Es formuliert in 95 Thesen die Vision eines von Nutzern/innen, Kunden/innen und Leser/innen beherrschten Mediums, in dem die Organisationen und Firmen nicht mehr alleine den Ton angeben können. Die positive Vision eines Mediums, in dem Hierarchien verschwinden und jeder mit genügend Mut und Talent alles erreichen kann.

    Track 3: Microtargeting revisited! Zeit der Wahlen – die hohe Zeit für Einflussnahme in Social Media. Nimmt man an. Das es tatsächlich so ist, zeigt eine investigative Recherche der ARD. Einem Journalisten gelingt der Kontakt zu den Nachfolgern und Wettbewerbern von Cambridge Analytica. Dieses Unternehmen ist uns schon in der ersten Folge begegnet. Aber haben diese auch Einfluß im Wahlkampf zur Bundestagswahl 2021 genommen?
    Oder waren die Parteien selbst unterwegs auf Facebook? Jan Böhmermann hat dies von einem Team mit einer geschickten Versuchsanordnung untersuchen lassen. Da gab es Parteien, die je nach Zielperson widersprechende Botschaften übermittelt haben. Ergebnis: Microtargeting ist aktueller denn je.

    Track 4 – Die Web 2.0 Konferenz fand 2004 in San Francisco statt, und auch hier kann man von einem Meilenstein der Entwicklung von Ideen rund um das Web sprechen. Der wichtigste Impulsgeber auf der Konferenz der war Tim O’Reilly (der Chef des gleichnamigen Verlags), insbesondere seine Web „2.0 Tag Cloud“ wurde damals Hunderte male geteilt und zitiert. Das Konzept Web 2.0 umfasste dabei die sozialen Aspekte der Onlinemedien, technologische und geschäftliche Auswirkungen, vor allem aber die neuen Chancen.

    Die Geschichte zum Beitragsbild

    Die Bilder des Renaissancemalers Guiseppe Arcimboldo hat jede/r schon einmal gesehen, sei es in einem Kunstband, einem Museum, einer Zeitschrift oder als Illustration einer Werbung. Für uns ist das Bild des „Sommers“ eine Allegorie des Mixtapes: Unterschiedliche Früchte und Gemüse werden so angeordnet, dass, wie in einem Mosaik, ein ganzheitliches Bild zu sehen ist.

    https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Arcimboldo_Summer_1563.jpg

    Quellen

    Track 1: Autokorrektur schreibt Fehler in Gendaten.
    Track 2: Das Cluetrain Manifest
    Track 3: Microtargeting
    • Der Beitrag der ARD, Reportage & Dokumentation: Die Story im Ersten: Wahlkampf undercover | ARD Mediathek
      (Video war verfügbar bis 30.08.2022)
    • Zusätzliche Information, Eine Dokumentation auf ARTE
      „Ingenieure des Chaos: Informatiker, Meinungsforscher und Big-Data-Experten, die im Verborgenen Schlachtpläne für Politiker erstellen. Sie kennen keine Skrupel, wenn es darum geht, ihren Kandidaten zum Sieg zu verhelfen …“
      Beitrag nicht mehr verfügbar.
    • Böhmermann, ZDF Magazin Royal vom 24.9.2021
      „Mit zielgerichteter Werbung versprechen uns Parteien mithilfe von Facebooks Datenflut genau das, was Onkel Jürgen vom Dorf und Tante Stella aus der Großstadt hören wollen. Eine ziemlich mächtige Werbetechnik“. aus:
      Video leider nicht mehr verfügbar.
    • Bonus Information: Die Schlümpfe. Band 2: Schlumpfissimus. König der Schlümpfe. Ein (namenloser) Schlumpf macht jedem Dorfbewohner individuell passende Versprechen, wird zum Anführer gewählt und zwingt den Schlümpfen seinen Willen auf. Ein Aufstand gelingt – und er ward nimmermehr gesehen:
      Das 1966 erschienene Buch scheint eine „Blaupause“ für zielgerichtete Werbung durch Microtargeting zu sein.
    Track 4 – Web 2.0
  • Wo laufen Sie denn? Customer Journey und Touchpoint Management

    Wo laufen Sie denn? Customer Journey und Touchpoint Management

    (S1/E13) Wenn Sie diese Podcast-Folge gehört haben werden, wissen Sie, was die unterschiedliche Gestaltung von französischen und englischen Gärten mit Ihrem Einkaufserlebnis im Web zu tun hat. Wie beispielhaft angenehm trotz Fernbeziehung zu den Kunden das Shopping im Web gestaltet wird. Sie bekommen in dieser Folge exklusiv einen tiefen Blick in den Regieraum eines Multi-Milliarden Geschäfts.

    In dieser Podcast-Folge geht es um die Gestaltung des Einkaufens im Web. Ein schwieriges Unterfangen – stellen Sie sich vor, Sie stünden zum ersten Mal vor der Frage: Wie mache ich E-Business und an was muss ich alles denken? Als Geschäftsinhaberin eines neuen Ladens aus Ziegeln und Mörtel richtet man seinen Laden ein, sorgt für volle Regale, wirbt um Kunden, schliesst den Laden auf und verkauft live an echte Menschen. Spricht mit Kund:innen, fragt nach Wünschen, berät, nimmt Reklamationen auf, hat eine klare Linie im Kopf und verändert Angebote und Darbietung kundenorientiert. Schliesst des Abends den Laden zu, macht Kasse und Buchhaltung. Bestellt nach.

    Im Web geht’s genauso, nur ohne analoge direkte Kontakte. Und damit wird es schwieriger. Dass diese Art des Verkaufens bereits ihre Vorläufer in Versandunternehmen mit gedruckten Katalogen hat(te), hilft nur bedingt.

    Was weiterhilft, ist die kluge Auswertung von Daten der Besucher. Das generiert zum einen Wissen über die Wege der Kaufenden zum Produkt (auch ausserhalb des Shops), die „Customer Journey“. Und analysiert die Stationen, wo Kunden wirkliche Berührungspunkte zum Produkt und Shop haben, die, so heisst der Fachbegriff, „Touchpoints“. Eine bewusste Gestaltung der Kundenreise und der Berührungspunkte erleichtern Suchen, Finden, sich entscheiden und das Kaufen.

    Stetige Datenanalysen ermöglichen es auch, die Shops zu optimieren, eine höhere Wandlung von Besuchern zu Interessierten und Kaufenden zu erreichen. Diese Conversion ist ein wichtiger Schlüssel, um den Erfolg des E-Business zu messen.

    Eine überraschende Erkenntnis dieser Folge von …achwas?!® ist, dass es für ein gelungenes E-Business sowohl der klaren, übersichtlichen Struktur französischer wie auch der eher überraschenden, zum Entdecken einladenden Gestaltung englischer Gärten bedarf.

    Quellen

    • Wie baue ich ein perfektes Webbusiness? Die 1 Mio. $ Frage beantworten Dutzende von Büchern und Websites. Die Orientierung an den Erfolgreichen kann helfen, aber: Vielleicht haben diese nur zufällig überlebt? Oder sind in drei Jahren schon vergessen.

      Einen guten Ausgangspunkt findet man auf dieser Webseite
      https://www.versacommerce.de/blog/checkliste-webshop

      Und "stay tuned", Sie werden immer wieder Folgen auf "achwasfm.janlucash.com/" zum Thema E-Business / E-Sales / E-Commerce gefunden haben.
    • Touchpoint Management mit fast all‘ seinen Facetten ist ein weites Feld. Eine gute, praxisorientierte Einführung und tiefere Erkenntnisse gib es im Sammelband „Touchpoint Management – Entlang der Customer Journey erfolgreich agieren“ der Herausgeber Bernhard Keller und Cirk Sören. In diesem Band finden sich auch die Checklisten für gelingendes Touchpoint Management. https://www.nymphenburg.de/buecher-items/articles/touchpoint-management.html
    • In seinem Beitrag „‚Kauf, Du Sau‘: Wie Echtzeitwerbung die Kreativität tötet“ beschäftigt sich Dominik Grollmann mit fortgeschrittenen Marketinginstrumenten wie Programmatic Buying und Realtime Advertising (höre Folge 6 von …achwas?! Die andere Google Story). In diesem Zusammenhang fällt auch der zitierte Satz „Kauf Du Sau!“.
      https://www.ibusiness.de/members/aktuell/db/499304grollmann.html

    • Touchpoint Management ist mehr als ein Werkzeug des Verkaufs. Die Analyse der Customer Journey trägt auch zur Produkt- und Service-Entwicklung bei und lässt frühzeitig neue Trends erkennen: “Use Big Data to Create Value for Customers. Not Just Target Them“. Der Forscher Niraj Dawar führt dazu aus, dass der wirkliche Beitrag in der Gestaltung des Nutzungs- und Produktmehrwerts für den Kunden liegt. “Only this will allow marketers to turn data into sustainable competitive advantage“.
      Niraj Dawar, Harvard Business Review vom 16.8.2016.

    Die Geschichte zum Beitragsbild

    Heinrich Zilles Zeichnung trägt den Titel: „Konsum-Genossenschaft. „Frida – wenn Deine Mutter ooch in’s „Konsum“ koofte wärste schon lange een kräftiges Kind – sag’s ihr!“ und stammt aus dem Jahr 1924.
    Zille’s „Miljöh“-Bilder sind voller empathischer Präzision, stellen klar, nie bloß und wecken Verständnis für die „kleinen Leute“ im Berlin vor 100 Jahren.
    Für die Betreiber einer E-„Konsums-Genossenschaft“ wären die Menschen auf den Bildern Prototypen und Personas.
    Die Datenströme von Customer Journey und Touchpoint Management erschliessen sich allerdings weniger intuitiv als Zilles Zeichnungen.

    Zur sehr spannenden Geschichte der ungewöhnlichen Berliner „Konsum-Genossenschaft“ gibt es einen umfassenden Artikel in der Wikipedia.
    https://de.wikipedia.org/wiki/Konsumgenossenschaft

    Zilles Bild in der wikimedia:
    https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Heinrich_Zille_Konsum-Genossenschaft.jpg?uselang=de

  • Emotionale Ansteckung 2.0

    Emotionale Ansteckung 2.0

    (S1/E12) Emotionale Ansteckung kennen wir alle aus eigener Erfahrung. Sie ist ein so grundlegender sozialer Vorgang, dass man ihn mit Sicherheit sicherlich auch bei unseren tierischen Verwandten finden kann – sofern Sie ein Sozialleben haben.

    Und wir kennen das in verschiedenen Varianten, die Eingang in die Sprache gefunden haben: Wir werden durch die gute Laune anderer „angesteckt“, wir „teilen“ Freud und Leid, der Funke der Begeisterung „springt“ gelegentlich über oder jemand „zieht“ uns mit seiner impertinent schlechten Laune ‚runter.

    In dieser Podcast-Folge geht es um die Frage, ob und wie so etwas auch in sozialen Medien stattfindet, welche Mechanismen sich dahinter verbergen und wie man Ansteckungsphänomene wissenschaftlich nachweisen kann.

    Was wir – noch – NICHT im Podcast besprechen: Es gibt zwei widersprüchliche Möglichkeiten für emotionale Wirkung von sozialen Medien. Für beide gibt es Belege und beide stimmen mit unserem Alltagswissen überein. (a) Es kommt zu einer symmetrischen Ansteckung: wer das Glück anderer sieht, freut sich. (b) Es kommt zu einer spiegelbildlichen Wirkung: Wer das Glück anderer sieht, …wird neidisch! Beide Varianten sind interessant, aber sicherlich hat jede ihre eigene Folge verdient.

    Quellen

    • Der im ersten Teil des Podcasts beispielhaft zitierte Beitrag zur unbewussten Ansteckung von Mimik von dem schwedischen Autorentrio Ulf Dimberg, Monika Thunberg und Kurt Elmehedist in der Fachzeitschrift „Psychological Science“ erschienen. Er findet sich im Original im Netz und ist ziemlich kurz und knackig – wie es bei eindeutigen Ergebnissen in der Wissenschaft oft der Fall ist. Er trägt den Titel: „Unconscious Facial Reactions to Emotional Facial Expressions.“
      https://journals.sagepub.com/doi/pdf/10.1111/1467-9280.00221
    • Das unter der Bezeichnung „Facebook Emotion Study“ bekannt gewordene Experiment, das 2014 in dem Journal „PNAS“ (Proceedings of the National Academy of Sciences…) veröffentlicht wurde, ist ebenfalls im Original zugänglich.
      https://www.pnas.org/content/pnas/111/24/8788.full.pdf?
    • Der berühmteste, prominenteste Forscher im Bereich der Mimik, der Papst der „facial expression“ und Erfinder des Facial Action Coding Systems ist Paul Ekman. Wir verlinken hier seine Website, die für jeden, der sich für Mimik interessiert, ein ausgezeichneter Startpunkt für eine Recherche ist.
      https://www.paulekman.com/

    Die Geschichte zum Beitragsbild

    Wenn es ein Bild gibt, das beim Ansehen direkt emotional ansteckt, dann „Der Schrei“ des norwegischen Malers Edward Munch. Er hat das Motiv einer die Hände an die Schläfen pressenden und verzweifelt schreienden Figur zwischen 1893 und 1910 mehrfach gemalt, gezeichnet und lithografiert. Nimmt man dann noch den norwegischen und überaus onomatopoetischen Originaltitel „SKRIK“ hinzu, meint man beinahe, den Schrei nicht nur zu sehen, sondern auch hören zu können. In Zusammenhang mit dem Bild ist auch von der „deformierenden Kraft der Angst“ geschrieben worden, die sich in dem Bild auf den/die Betrachter/in überträgt. Ein Meisterwerk des Expressionismus und absolut überzeugend als Sinnbild emotionaler Übertragung. Angst und bang kann einem auch werden, wenn man hört, was das Bild wert ist. Auf einer Auktion bei Sotheby’s wurde es für 120 Millionen Dollar versteigert. Mehr zum Bild und zum Maler kann man auf der Wikipedia nachlesen:
    https://de.wikipedia.org/wiki/Der_Schrei

  • Gamification: Das definitive Ende aller Langeweile?

    Gamification: Das definitive Ende aller Langeweile?

    (S1/E11) „Gamification“- „Spielifizierung“ – scheint ein wirkmächtiges Gestaltungsprinzip für Lernen und Arbeiten zu sein: Motivierende Mechaniken aus Spielen werden auf spielefremde Prozesse übertragen. Belohnungen, öffentliches Lob, Training, Instant Feedback, Überraschungen, halten uns im Beruf und beim Lernen „bei der Stange“. Ist das so?

    In dieser Folge unseres Podcasts kümmern wir uns um das Wundermittel „Gamification“. Sind auch Sie manchmal wenig motiviert bei Ihrer Arbeit? Fällt Ihnen das Lernen schwer? Beobachten Sie wenig motivierte Schulkinder, die jede Gelegenheit nutzen, was Spannenderes zu machen, als binomische Formeln zu pauken?

    Was ist eigentlich Spielen, Herr Scheuerl?
    „Entrücktsein vom aktuellen Tagesgeschehen“

    Hans Scheuerl, 1952 

    Aber Sie powern sich beim Sport aus, üben-üben-üben, um besser zu werden? Spielen endlos Online-Games, ihre Kinder auch? Weil es einfach – mehr Spass macht?
    Hier kommt die Lösung: Greifen Sie doch häufiger zu den vielen gamifizierten Produkten als App und im Web. Diese enthalten alle Motivations-Zutaten Ihrer Lieblingsbeschäftigung: Belohnungen, Bestenlisten, knifflige Aufgaben (nur von Ihnen lösbar), Lob, Überraschungen, Interaktion mit Mitspielenden, Zugehörigkeit zu einem tollen Team, …

    Was ist eigentlich Spielen, Herr Huizinga?
    „Ein Gefühl, dass es ´anders` ist, als das gewöhnliche Leben“

    Johan Huizinga, 1938/1987

    Der Verdacht: Gamification reiht sich ein in die schier endlos erscheinende Liste von Möglichkeiten der Manipulation unserer Psyche und unserer Handlungen? Das Web als Massenphänomen bietet dafür die Plattform. Nur aufmerksam und aufgeklärt werden wir bestimmen können, wie mit uns umgegangen werden darf.

    Eine Auswahl wichtiger Beiträge zum Thema „Gamifizierung“

    1973 Charles Coonradt – Game of Work: Beobachtungen zu den grundlegenden Mechaniken des Sports

    1980 Thomas Malone – What makes Things Fun to Learn: Studie zur Entdeckung des Faktors Motivation

    1996 Richard Bartle – Who plays Multi User Dungeon: Studie zur Entdeckung von Spielertypen

    2016 Yu-kai Chou – Beyond Points, Badges, and Leaderboards: Eine Theorie und Praxis des Human Focused Design.

    Die Geschichte zum Beitragsbild

    Das Gemälde „Die Kinderspiele“ enthält zeigt eine große Zahl von Aktivitäten von Kindern. Im gewählten Ausschnitt sieht man vermutlich naturwissenschaftliche Spiele – oder ist es Lernen, oder sogar Experimentieren? Wir verlinken auf das gesamte Bild – und können dort 80 Lern-/Spielsituationen aus den Niederlanden des 16. Jhd. entdecken: Herstellen von Ziegeln, Turnen, Reiten, Schwimmen (mit Hilfe zweier an den Armen befestigter Schweinsblasen)…

    Wieder einmal lohnt sich- neben unserem Blick hinter die Pixel – ein genaueres Anschauen des Beitragsbildes, dem Werk von Peter Bruegel dem Älteren.

    Quelle:
    https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/8/84/Pieter_Bruegel_the_Elder_-_Children’s_Games_1017.jpg?uselang=de

    Quellen
    Entdecker und Meister der Gamification.

    Charles M. Coonradt: The Game of Work, Gibbs Smith; Revised, Updated ed. Edition (2012)

    Thomas Malone: What makes Things Fun to Learn. A Study of Intrinsically Motivating Computer Games, Xerox Palo Alto Research Center 1980 https://onlinelibrary.wiley.com/doi/epdf/10.1207/s15516709cog0504_2https://cci.mit.edu/malone/embed/#?secret=6drhVrKetL

    Richard Bartle: Who plays Multi User Dungeon? Hearts, clubs, diamonds, spades: Players who suit MUDs. Journal of MUD research, 1(1), 19. 1996

    Welcher Spielertyp? Wer seinen Spielertyp ermitteln möchte – hier ist der Original Test: The Bartle Test of Gamer Psychology: https://matthewbarr.co.uk/bartle/

    Mihaly Csikszentmihalyi: Flow im Beruf. Das Geheimnis des Glücks am Arbeitsplatz. In: Boersch C., von Diest F. (eds) Das Summa Summarum des Erfolgs. Gabler 2006
    https://link.springer.com/chapter/10.1007%2F978-3-8349-9251-2_14

    Eine eigene Folge wert: „Actionable Gamification. Beyond Points, Badges, and Leaderboards „ lautet der programmatische Titel des Buches von Chou, Yu-kai (2016). Chou zeigt durch eine sehr differenzierte Sicht auf die wirksamen Elemente, dass der Begriff „Gamification“ einen falschen Eindruck erweckt, weshalb er fordert, dass es besser als Human Focused Design bezeichnet werden solle: Human Focused Design ist neuropsychologisch auf die menschlichen Motivationssysteme optimiert, während ein funktionales Gamifizieren die maximale funktionale Effizienz innerhalb des Systems verbessert.  Eigenverlag.
    https://yukaichou.com/gamification-video-course/beginners-guide-gamification-3-90-games-fun-addicting/

    Gedanken, Ideen, Beispiele

    ERRATA/Korrektur: Entschuldigt, es war ANTON und nicht ANTOLIN

    Die erwähnte Lernapp für die Klassen 1 – 10 heisst ANTON und ist kostenlos für Web und App (iOS, Android). ANTON ist milde gamifiziert und dient dem Üben zu Hause, in der Schule und unterwegs. Lehrer:innen haben, wenn gewollt, Zugriff auf die Arbeitsergebnisse und können so individuelle Aufgaben für die Schüler:innen geben.
    https://anton.app


    ANTOLIN steht in Web und APP (iOS, Android) und dient der Leseförderung in den Klassen 1 – 10. ANTOLIN ist milde gamifiziert. Die Schüler:innen können gelesene Bücher oder Nachrichten eintragen – und Fragen dazu beantworten. Die Lehrer:innen sehen, welche Bücher und Nachrichten gelesen wurden und ob die Inhalte verstanden und /oder erinnert werden.
    https://antolin.westermann.de/all/help.jsp

    Gamifiziertes Lernen selber ausprobieren? Hier ein Kurs der Uni Augsburg
    https://digillab.zlbib.uni-augsburg.de/kursarchiv/gamification-und-digital-game-based-learning-im-unterricht/lessons/die-welt-der-musik/

    Johann Huizinga: Homo ludens. Vom Ursprung der Kultur im Spiel.  Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1987.

    Hans Scheurl: Untersuchungen über das Wesen des Spiels, seine pädagogischen Möglichkeiten und Grenzen. Hamburg 1952 

    Ist Gamification am Arbeitsplatz wirklich eine gute Idee? Kai Riemer, (Professor of Information Technology and Organisation in the Discipline of Business Information Systems at The University of Sydney Business School) https://byresearch.wordpress.com/2014/05/18/why-work-gamification-is-a-bad-idea/

    Riemer zitiert Gallup: „Seit 2001 untersuchen wir …, wie hoch der Grad der emotionalen Bindung von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern an ihren Arbeitgeber ist und damit ihr Engagement und die Motivation bei der Arbeit. Die Ergebnisse für 2020:
    https://www.gallup.com/de/engagement-index-deutschland.aspx

    „We don’t need no stinkin badges“ – ein sehr persönlicher Vortrag der Spiele-Entwicklerin Jane McGonigal, Director of Game Research & Development at Institute for the Future, 2011.
    „If you hate the term gamification, you’re not alone: Plenty of game developers think gamification sounds cynical and opportunistic — a way to motivate gamers to do something they‘ ordinarily avoid.“

    https://www.slideshare.net/avantgame/we-dont-need-no-stinkin-badges-how-to-reinvent-reality-without-gamification

  • Die Macht der Deindividuation

    Die Macht der Deindividuation

    (S1/E10) Es geht heute um die Frage, wie es denn eigentlich sein kann, dass die Nutzer*innen sozialer und digitaler Medien einerseits ganz nette und normale Menschen sind, die sich aber andererseits höchst aggressiv und destruktiv verhalten. „Online-Disinhibition-Effect“ wurde dieses Phänomen schon im Jahr 1998 von John Suler benannt und es ist so alt wie die computervermittelte Kommunikation.

    Damit untertreiben wir natürlich, denn der Kampf zwischen Gut und Böse in einer Person ist allerspätestens seit Robert L. Stevenson’s berühmter Erzählung von Doktor Jeckyll und Mr. Hyde ein klassischer Topos, ein immer wiederkehrendes Erzähl-Thema: zwei Egos die sich in einer Person treffen und bekriegen, eines edel, hilfreich und gut, das andere dämonisch, böse und gewalttätig… In der klinischen Psychologie kennt man dieses Phänomen unter der Diagnose „Multiple Persönlichkeit“. Das gibt es selten, kommt aber vor.

    Auf der Suche nach den Ursachen für die sich große Zahl der sich allenthalben fröhlich vermehrenden Mr. Hydes im Web werden wir in Folge 10 kurz im 19. Jahrhundert auf den Schultern von Riesen stehen und uns dann drei experimentelle Studien genauer ansehen: Die berühmte „Stanford Prison Studie“ von Richard Zimbardo, der wir den Begriff des „Luzifer Effekts“ verdanken, dann eine durchaus nicht unbekannte und sehr clever geplante Studie über die Ehrlichkeit von Halloween-Kindern („trick or treat“), die im Wesentlichen die gleiche Erkenntnis liefert: Menschen neigen in Anonymität und in Gruppen dazu, sich schlecht zu benehmen. Schließlich wenden wir uns wieder dem Web zu und berichten über ein beeindruckendes „Real World-Experiment“, das von Psychologen beim Relaunch der Kommentarfunktion der Huffington Post durchgeführt wurde – das Ergebnis ist wieder das Gleiche.

    Wir können die Schlussfolgerung vorwegnehmen: Bringe Menschen in Gruppen, mache sie anonym, sperre Autorität aus, sorge dafür, dass niemand bestraft wird. Dann wird es früher oder später Täter und Opfer geben und es werden Trolling, Mobbing und Lynch-Szenen entstehen. Das ist normal. Menschen funktionieren so, aus Dr. Jeckyl wird – statistisch gesehen – Mr. Hyde. Nicht normal ist und verboten gehört aber, dass Social-Media-Anbieter mit solchen Dingen zündeln und dann ins Feuer blasen, um Traffic zu erhöhen, Marktanteile zu gewinnen, Aktionäre und Investoren zufriedenzustellen und – natürlich – Geld zu verdienen.

    Die Geschichte zum Beitragsbild:

    Wie soll man so etwas wie Deindividuation visualisieren? Uns erschien nach reiflicher Recherche das Konzept der Maske interessant. Wer maskiert ist, ist natürlich anonym und wie in unserer aktuellen Podcast-Folge ausführlich erklärt wird, ist Anonymität genau einer der Schlüsselfaktoren, wenn es um das Erzeugen von „deindividuierten“ Situationen geht. Die Suche nach einem passenden Bild führte uns über weite Umwege (nein, Maskenball in Venedig ist zu trivial…) zu einem belgischen Maler Namens Jean-François Portaels (1818 bis 1895). Er ist ein Vertreter der belgischen akademischen Malerei und war seinerzeit erfolgreich. In seinen Werken findet sich der in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Kunstkreisen verbreitete und romantisch-sehnsuchtsvoll aufgeladene Hang zum Orientalismus (aus heutiger Sicht vielleicht eher befremdlich) In einem seiner Bilder portraitierte er eine junge Frau, die sich nachdenklich eine Maske ansieht und dieses Motiv erschien uns endlich sowohl ästhetisch als auch inhaltlich passend für unseren zehnten Podcast-Beitrag.

    Bildquelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/7/72/Jean-Fran%C3%A7ois_Portaels_-_Portrait_of_a_young_girl_with_a_mask.jpg

    Quellen:

    • Über das „Stanford Prison Experiment“ ist sehr viel geschrieben worden. Der beste Einstieg in das Thema bietet die englischsprachige Original-Website zum Projekt mit sehr viel Material zum Thema und auch Links zu Sekundärquellen.
      https://www.prisonexp.org/

  • Viralität, Moral und Social Media: Wer Wut sät, wird mehr Wut ernten.

    Viralität, Moral und Social Media: Wer Wut sät, wird mehr Wut ernten.

    (S1/E09) In dieser Folge lüften wir eines der 100-Million-Dollar-Geheimnisse der politischen Kommunikation rund um soziale Medien und klären eine der meistgestellten und trotzdem nur selten schlüssig beantworteten Fragen: Wie und woher und von wem und durch welche Inhalte bekommt man mehr Reichweite? Unsere Antwort fällt… nun, sagen wir: „ernüchternd“ aus.

    Warum ernüchternd? Es scheint, dass eine der besten Strategien für die virale Ausbreitung von Inhalten im Bereich von News und Politik das Auslösen, das Triggern von etwas ist, das man vielleicht am besten als „moralische Entrüstung“ bezeichnen könnte. Ein im angelsächsischen Sprachraum geprägter Begriff gefällt uns besser:

    Moral Panic!

    Das bedeutet: Menschen erzählen besonders gerne das weiter, was sie schlecht, störend, skandalös, intrigant oder FALSCH oder DUMM finden – vor allem dann, wenn sie wissen, dass die Menschen, denen sie ihre Erkenntnis oder Beobachtung mitzuteilen im Begriff sind, diese Ansicht exakt teilen. Vielleicht machen so die ebenso unerklärlichen wie unglaublichen Erfolgszahlen querdenkender Wutbürger/innen in sozialen Medien nun plötzlich Sinn, denn Wut, Empörung, Entrüstung und Hass sind zwar nicht unbedingt sympathische Reaktionen, aber anscheinend ein hoch wirksamer Brennstofffür für das goldene Kalb der Redakteur/innen „Teilen!“. Wobei dieser Begriff natürlich völlig irreführend ist. Was wir teilen, wird weniger, was wir auf sozialen Medien veröffentlichen – genau dies wäre der korrekte Begriff für „sharing“ – wird aber ganz im Gegenteil vermehrt. Und Wut bedeutet dann mehr Wut und das wiederum bedeutet noch mehr Wut.

    In der 9. Folge von …achwas!? bewegen wir uns in diesen Untiefen. Und wir möchten unseren Leserinnen und Lesern die entscheidende Grafik aus unserer eigenen Auswertung der Daten zu Facebook-Reactions bei politischen Parteien nicht vorenthalten. Sie zeigt die Anzahl der Shares (y-Achse) und die Anzahl wütender Reaktionen pro Post (x-Achse) für die Facebook-Seite der „Alternative für Deutschland“. Bei anderen Parteien ist dieser Zusammenhang nicht vorhanden oder zu vernachlässigen.

    Der Zusammenhang zwischen Wut-Reaktionen und der Tendenz für das Sharen oder Teilen der jeweiligen Posts auf der Facebook-Seite der „Alternative für Deutschland“ (eigene Abbildung auf der Grundlage von Daten aus den Jahren 2016-2020)

    Die Geschichte zum Beitragsbild:

    Normalerweise können wir aufgehetzte, moralisch empörte, aggressiv-rechthaberische, Hass verbreitende Social Media Communities ja nicht sehen. Trotzdem haben wir ein – vielleicht nur halb bewußtes – Vorstellungsbild von ihnen. Unser eigenes haben wir einmal mehr in einem Gemälde von Hieronymus Bosch gefunden. „Die Kreuztragung Christi“ wurde durch die Jahrhunderte in Dutzenden Kunstwerken immer wieder dargestellt. Bei Bosch interessiert weniger die Christusfigur, die in ihr Schicksal ergeben und unter ihrem Kreuz leidend in der Mitte des Bildes dargestellt wird, auch die Heilige Veronika am linken Bildrand ist nicht interessant. Beide dienen letztlich nur als Kontrast zu den eigentlichen Helden des Bildes: die verzerrten, dämonischen, mit verschiedensten Tönungen von Verachtung, Ekel, Häme, Hass und Wut aufgeladenen Figuren, die sich in dem Bild drängeln. Ein aufgehetzter Mob aus der Phantasie eines flämischen Malers aus der Renaissance des 16. Jahrhunderts funktioniert also ganz ausgezeichnet für unsere Vorstellung von Shitstorms, Cybermobbing oder anderer wenig erfreulicher Begleiterscheinungen von Online-Communities.

    Bildquelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/b/bb/Hieronymus_Bosch_055.jpg

    Quellen:

    • Dies ist der Artikel zur Ausbreitung von Inhalten über moralingeschwängerte Posts in Twitter wurde von Brady, W. J., Wills, J. A., Jost, J. T., Tucker, J. A., & Van Bavel, J. J. (2017). Emotion shapes the diffusion of moralized content in social networks. Proceedings of the National Academy of Sciences, 114(28), 7313-7318. Online erreichbar unter https://www.pnas.org/content/114/28/7313.long

    …und hier sind die versprochenen Katzenvideos!

  • Ich sehe nur, was du schon siehst.  Die Lehrjahre der Künstlichen Intelligenz.

    Ich sehe nur, was du schon siehst. Die Lehrjahre der Künstlichen Intelligenz.

    (S1/E08) Als Gespenst geht KI schon lange um. Ist sie inzwischen wirkmächtiger geworden? Künstliche Intelligenz, Artificial Intelligence (KI, AI) werkelt allerorten. Merkt, wenn wir beim Autofahren ermüden. Erkennt unsere Gesichter, wenn wir im Web oder der Stadt unterwegs sind. Hilft, unsere Rchetschrebinug zu korrigieren. Trifft Personalentscheidungen, diagnostiziert Hautkrebs, entscheidet darüber, ob wir einen Kredit bekommen. Und unterstützt Richter dabei, Recht zu sprechen. Wir konfrontieren KI mit MI, der menschlichen Intelligenz. Und fragen: Wie machen das diese Helferlein?

    KI, Folge 1: Am Beispiel „Neuronaler Netze“ beschäftigen wir uns mit der Frage: Wie Intelligent sind diese Nachbildungen des menschlichen Gehirns wirklich? Was können sie? Was fehlt ihnen?

    Man kann es sich einfach machen und behaupten: Ihnen fehlt jede moralische Instanz. Aber – wäre das nicht zu viel verlangt von einer Maschine, die in ihrer einfachsten Form nur versucht, uns nachzuahmen? Der alles mögliche in die Algorithmen gepackt wird, um möglichst exakt  und wiederholbar das zu reproduzieren, was wir schon längst wussten?

    Was das mit Doppelkeksen, heißen Herdplatten und einer ganzen Familie von Denk- und Handlungsinstanzen in unserem Kopf zu tun hat, ist Inhalt dieser Folge.

    Versprochen, das ist der erste Teil, es folgt in loser Folge mehr. Viel Vergnügen.

    https://open.spotify.com/episode/2zbbjskAjdxLp3vJP5Ycgb?si=qf98G4QZQ0-2Cxiol-FWdA

    https://open.spotify.com/episode/2zbbjskAjdxLp3vJP5Ycgb?si=1oqNu2QYSLanJ3_4IyeMQw

    Die Geschichte zum Beitragsbild:

    Unser Episodenbild zeigt eine Illustration von Ferdinand Barth zu Johann Wolfgang von Goethes „Der Zauberlehrling“.

    In der Ballade erzählt Goethe, wie ein Zauberlehrling, in einem unbeobachteten Augenblick einen aufgeschnappten Zauberspruch seines Lehrmeisters ausprobiert.

    Seine Wort und Werke
    merkt ich und den Brauch,
    und mit Geistesstärke
    tu ich Wunder auch.

    Der Lehrling, unerfahren und etwas überheblich, merkte sich nur die Start Sequenz des Spruchs, er selbst kann den einmal angestoßenen Prozess nicht mehr stoppen, der zurückkehrende Meister beendet den Alptraum


    Ach, da kommt der Meister!
    Herr, die Not ist groß!
    Die ich rief, die Geister
    werd ich nun nicht los.

    Die Ballade ist eine Allegorie für die Möglichkeiten von KI und zeigt gleichzeitig deren Gefahren auf:
    Vom Meister abgeschaut bedeutet nicht, von ihm gelernt zu haben.

    https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Tovenaarsleerling_S_Barth.png

    Quellen:

    KDnugget.com
    Es gibt viele Anwendungen für Künstliche Intelligenz. Zu Grunde liegen oft Algorithmen, die auch in der angewandten Statistik benötigt werden, vielfach dort entstanden sind. Empfehlung: Auf den Webseiten von KDnuggets gibt es dazu sehr gute Informationen aus erster Hand.
    https://www.kdnuggets.com/2021/07/brutal-truth-data-science.html

    Eine gute Einführung in KI hat Hannah Fry geschrieben: „Hello World“. Sie kennt viele Anwendungen aus eigenr Erfahrung. Sie schreibt dazu: „Das hier ist kein Buch über Algorithmen. Es geht um Menschen. Es geht darum, wer wir sind, wohin wir gehen und was wichtig ist für uns – und wie sich das durch Technologie verändert. Ich verspreche keine fertigen Antworten, aber ich hoffe, das Buch wird Ihre Sicht auf die Welt verändern.“
    Hier die Verlagsseite, auf der sie sich vorstellt:
    https://www.chbeck.de/buehnen/hannah-fry-hello-world/

    Im Beitrag des Deutschlandfunks erfährt man noch mehr
    https://www.deutschlandfunkkultur.de/hanna-fry-hello-world-plaedoyer-fuer-menschliche-algorithmen.950.de.html?dram:article_id=443663

    Wer tiefer in die faszinierende Welt unseres Gehirns eintauchen möchte, dem liefert die folgende Web-Seite gut verständliche Informationen aus medizinischer Sicht (MSD Kompendium)
    https://www.msdmanuals.com/de/heim/störungen-der-hirn-,-rückenmarks-und-nervenfunktion/biologie-des-nervensystems/gehirn?query=Übersicht%20über%20die%20Hirnfunktion

    Dr. Hans Eicher hat in seinem Buch „Die verblüffende Macht der Sprache“ das Gehirn als ein Haus mit drei Stockwerken beschrieben: „Dieses Buch beschreibt die Mechanismen der Sprachverarbeitung im Gehirn …“
    Hier die Verlagsseite.
    https://www.springer.com/de/book/9783658186623

    Oliver Sacks, Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte
    Oliver Sacks macht anhand von Fallgeschichten deutlich, welche gewaltigen Auswirkungen auf unsere Psyche auch kleinste chemische oder physikalische Veränderungen unseres Gehirns haben können.
    Faszinierende Einblicke.
    Hier die Verlagsseite.
    https://www.rowohlt.de/buch/oliver-sacks-der-mann-der-seine-frau-mit-einem-hut-verwechselte-9783499187803

    Last, but not least: Solomon H. Snyders Buch „Die Chemie der Psyche“ ist ein Klassiker (1988). Gut verständlich und fundiert werden die Grundlagen der Stoffwechselvorgänge des Gehirns erklärt: Was Neurotransmitter für unser Denken, Fühlen, Handeln und unsere Psyche bedeutet.
    https://www.amazon.de/Chemie-Psyche-Drogenwirkungen-im-Gehirn/dp/3860251430

  • Darf’s ein bisschen mehr sein? Die banale Geschichte vom Infinite Scrolling.

    Darf’s ein bisschen mehr sein? Die banale Geschichte vom Infinite Scrolling.

    (S1/E07) Du bist heute lange auf youtube, TikTok und Pinterest unterwegs gewesen. Du hast auch eigentlich schon seit dem Mittag nichts mehr getrunken und – seien wir ehrlich – eigentlich weißt Du gar nicht so recht, was Du heute gemacht hast. Das ist kein Zufall. Es gibt Muster in der Gestaltung von Internet-Plattformen, die ziemlich unauffällig aber trotzdem sehr mächtig sind. Und die halten Dich, ohne dass Du es bemerkst, länger fest als Du denkst…

    Eines dieser Muster ist „Infinite Scrolling“ oder „Endless Scrolling“. Natürlich wissen wir alle, was damit gemeint ist: Wir kommen am Ende einer Seite mit Inhalten (auf Pinterest, Facebook, Google, Reddit, Tumblr…) an und stellen fest… es gibt gar kein Ende. also Scrollen wir weiter, denn das ist doch irgendwie nahe liegend, oder nicht? Andere Beispiele: während der letzte Film noch läuft, wird der Vorspann für den nächsten Film schon geladen (Netflix) oder gleich abgespielt (youtube)… Zugegeben: das ist kein Endless Scrolling, aber der Mechanismus ist sehr ähnlich. Wir sind in einer für Menschen in den vergangenen 150.000 Jahren doch eher ungewöhnlichen Situation, denn etwas, das wir konsumieren, ist in unendlicher Fülle vorhanden. Warum passiert das ausgerechnet heute und ausgerechnet in sozialen Medien?

    Die Geschichte zum Beitragsbild:

    Das Schlaraffenland, in dem Milch und Honig fließen, in dem gebratene Tauben umherfliegen oder Spanferkel gleich mit dem für ihren Verzehr passenden Besteck herumlaufen, wird seit Jahrhunderten in Erzählungen und Bildern dargestellt. Die wahrscheinlich berühmteste Darstellung wurde von Pieter Breughel (d. Älteren) 1567 gemalt. Die unausgesprochene Frage hinter dem Bild: Was mag aus den Menschen werden, wenn sie über die zur Stillung ihrer Bedürfnisse erforderlichen Dinge in unendlicher Menge verfügen…? Brueghel war daran gelegen, den Betrachter*innen das zu zeigen, worin sich alle Erzählungen zum Schlaraffenland einig sind: seine Bewohner’innen werden eher das Gegenteil von aktiv, intelligent, agil, gesund, attraktiv und sportlich.

    Zu unserem Episodenbild gab es einen schönen Beitrag auf ZDFKultur in der Rubrik „Geheimnis der Bilder“. Der Beitrag ist leider nicht mehr online.

    Quellen:

    • Der am Ende des Podcasts erwähnte Beitrag von Ludmila Lupinacci, „Absentmindedly scrolling through nothing„, erschienen in der Zeitschrift Media, Culture & Society, ist ebenfalls im Internet auffindbar. Auf der Website der Bibliothek der London School of Economics.