Kategorie: Viralität

  • Wie Reichweite zum Fluch wird – Ultraviralität

    Wie Reichweite zum Fluch wird – Ultraviralität

    S3 E06 Wir sollten uns klar machen, dass die gigantischen Abrufzahlen, die man in Plattformen wie YouTube oder TikTok findet, immer in einer speziellen Währung bezahlt werden: „investierte menschliche Lebenszeit“.

    Spätestens dann, wenn man es mit Millionen von Abrufen zu tun bekommt, handelt es sich bei dem in Frage stehenden Vorgang also nicht mehr um gewöhnliche menschliche Kommunikation, sondern um das Verbrennen astronomischer Mengen von Lebenszeit (letztlich zu Gunsten von Oligarchen und Aktiengesellschaften).
    Überhaupt lesen sich viele Wörter, wenn es um Reichweiten im Web geht, etwas …speziell. Dass die Abertausenden von Menschen, die auf sozialen Medien um uns herumschwirren, nicht wirklich unsere „Freunde“ sein können, hat sich vielleicht schon herumgesprochen. Trotzdem können wir Mark Zuckerberg diesen listigen linguistischen Angriff, der suggerieren sollte, wir seien auf Facebook „unter uns“ nicht verzeihen.

    Aber Toni Kroos hat auch keine 49 Millionen „Follower“ (das würde ihn sowohl auf der Autobahn als auch beim Einkaufen ziemlich beunruhigen). Es gibt auch nichts, was Christiano Ronaldo mit 650 Millionen Personen „teilen“ könnte. Wenn man bedenkt, dass „Teilen“ bedeutet, dass man den zu teilenden Gegenstand aufteilt, bliebe buchstäblich nichts mehr übrig.

    Wir schlagen vor, dass man vielleicht von "Ultraviralität" sprechen sollte, wenn die Reichweiten das natürliche menschliche Maß übersteigen, wenn es also – wieder einmal – "supernormal" zugeht. Wir meinen damit nicht etwa wichtige Informationen, die viele Menschen angehen , sondern den Mumpitz, der durch die Algorithmen sozialer Medien in totale Aufreger und "Trending Topics" verwandelt und in astronomischem Maßstab multipliziert wird. Den Hintergründen für Ultraviralität gehen wir in dieser Folge von achwasfm.janlucash.com/ nach und bedienen uns dabei einer höchst ehrbaren wissenschaftlichen Ideenwelt aus der Systemtheorie und Kybernetik.

    Quellen zur Folge

    • Einer DER Klassiker über Kybernetik, in dem alle von uns verwendeten Ideen dargestellt und sehr viel breiter und tiefer erklärt und entwicklt werden, stammt aus dem Jahr 1956. Und man sollte nun nicht denken, das sei „nicht mehr aktuell“. Das Buch wurde wurde von Ashby, W. Ross geschrieben. Titel: Introduction to Cybernetics. Erschienen ist das Buch in London bei Chapman and Hall und hier kann man es komplett downloaden:
      https://philpapers.org/archive/ASHAIT

    Unsere Fallstudien sus der Kategorie „ungeplant viral“

    Justine Sacco

    Der Fall der PR Managerin, die bei der Landung nach einem längeren Flug von einem gigantischen Firestorm erwischt wurde, ist – nach unserer Recherche – am besten in einem Beitrag des „Guardian“ nachzuvollziehen. Der Artikel ist auch deshalb interessant, weil sein Autor, der Partei für Justine Sacco ergriffen und das Absurde des Vorgangs kritisch kommentiert, selbst in einem Firestorm zweiter Ordnung attackiert wurde.
    https://www.theguardian.com/media/2015/dec/20/social-media-twitter-online-shame

    Das „Star Wars Kid“ Ghyslain Raza

    Der ahnungslose Teenager, der sich vor der Kamera eines Freundes als Yedi-Ritter produzierte und dann unfreiwillig zu einem Millionen-Klick-Weltstar avancierte, kann hier (in einer späteren Kopie mit „nur“ 38 Millionen Aufrufen) in Augenschein genommen werden:

    In dem kanadischen Dokumentarfilm „The Shadow of the Star Wars Kid“ aus dem Jahr 2022 wird von Ghyslains Schicksal erzählt. Der Film berichtet auch über Ghyzlains späteren Lebensweg. Er ist z.B. auf AppleTV oder AmazonPrime zu sehen, wir verlinken hier der Netralität halber auf die Wikipedia-Seite:
    https://en.wikipedia.org/wiki/Star_Wars_Kid:_The_Rise_of_the_Digital_Shadows

    „Charley Bit My Finger“

    hier ist das extrem nervenaufreibende Video von Harry und Charly, in dessen Betrachtung mehr als 800 Millionen Menschen zwei Minuten Lebenszeit investiert haben

    BBC Dad

    Dies ist das in unserer Episode erwähnte BBC-TV-Interview mit dem durch seine eigenen Kinder unfreiwillig überfallenen Politik-Experten. Seit 2017 haben 62 Millionen Menschen das Video gesehen.

    The Dress

    Über „The Dress“ gibt es dutzende von Artikeln und Videos, ein guter Ausgangspunkt ist der englischsprachige Wikipedia-Eintrag zum Thema https://en.wikipedia.org/wiki/The_dress. Wir zitieren hier außerdem ein Erklärvideo, das es alleine schon auf schlappe 10 Millionen Klicks gebracht hat:

    Und übrigens: es gibt da noch eine makabre Fortsetzung der Geschichte. Wir verlinken hierzu einen Beitrag zu der Anklage an den Bräutigam dessen Schwiegermutter das Kleid fotografiert hatte (wegen versuchten Mordes an seiner Frau):

    https://www.rnd.de/panorama/the-dress-debatte-urheber-wegen-versuchten-mordes-an-ehefrau-angeklagt-OSUPEEQMWNEPTC46SEKQ7U6URU.html

    zum Episodenbild

    Der Krieg gegen die „Vier Plagen“, der China Anfang der 50er Jahre in eine gigantische Hungersnot gestürzt hat, ist nicht nur beispielhaft für kompletten Unsinn, der durch Entscheider verursacht werden kann. Er zeigt auch, wie schon relativ einfache Systeme in der Natur durch unbedachte Eingriffe und falsches Justieren von Soll-Werten in ein tödliches Ungleichgewicht gebracht werden können.

    https://de.wikipedia.org/wiki/Ausrottung_der_vier_Plagen#/media/Datei:Kill_bird_and_insect.jpg

  • Memes – die Evolution im Netz

    Memes – die Evolution im Netz

    „Memes“, das sind Bilder und Video-Schnippsel, die ironische oder lehrreiche oder mehr oder weniger lustige Dinge zeigen. Sie sind laut Wikipedia ein wichtiger Teil der Netzkultur und damit ein würdiges Thema für achwasfm.janlucash.com/!

    Recherchiert man genauer nach, woher das Wort „Meme“ stammt, wird man überrascht: Nein, es ist eben genau keine Wortschöpfung der Internet-Kultur, sondern eine Idee, die auf einen Zoologen und Evolutionsforscher namens Richard Dawkins zurückgeht. Er hat in den siebziger Jahren in seinem berühmten Buch mit dem Titel „das egoistische Gen“ den Begriff geprägt. Eigentlich ist Dawkins eher an der Ausbreitung von Genen und Evolutionsprozessen interessiert, aber die Analogie Gen (Genetik) – Mem (Kultur) hat es in das Netz der Netze geschafft und wird dort allerdings etwas irreführend verwendet. Im Podcast erläutern wir das Problem ausführlich.

    Kurz: Bei Dawkins ist die Relation zwischen Genen und Memen und ihren jeweiligen sichtbaren Auswirkungen folgendermaßen konzipiert: In der Genetik ist das Gen der unsichtbare „Replikator“, Lebewesen sind sichtbare Vehikel, mit denen die Gene sich fortpflanzen bzw. ihre Existenz sichern. In menschlichen Kulturen sind die unsichtbaren Replikatoren Ideen und deren sichtbare Vehikel sind Medieninhalte (Erzählungen, Bilder…).

    Studien

    Hier lösen wir unser Versprechen ein, einige empirische Studien zur Dynamik und Ausbreitung von Memes zu empfehlren:

    • Eine Studie, die Ursprünge und Verbreitungswege von Bild-Memes über verschiedene Online-Communities hinweg analysiert. Die Autoren zeigen auf, wie zentrale und periphere Gemeinschaften zur Entstehung und Verbreitung von Memes beitragen.

      Morina, D., & Bernstein, M. S. (2022). A Web-Scale Analysis of the Community Origins of Image Memes. Proceedings of the ACM on Human-Computer Interaction, 6(CSCW1), 1-25.
      https://dl.acm.org/doi/pdf/10.1145/3512921
    • Diese Untersuchung beleuchtet, wie Randgemeinschaften im Web, wie 4chan und Gab, zur Entstehung und Verbreitung von Memes beitragen. Die Studie zeigt auf, wie Inhalte aus diesen Communities in den Mainstream übergehen.

      Zannettou, S., Caulfield, T., Blackburn, J., De Cristofaro, E., Sirivianos, M., Stringhini, G., & Suarez-Tangil, G. (2018, October). On the origins of memes by means of fringe web communities. In Proceedings of the internet measurement conference 2018 (pp. 188-202).
      https://arxiv.org/abs/1805.12512?
    • Eine weitere Studie untersucht die Entwicklung von Memes über einen Zeitraum von zehn Jahren auf Reddit. Die Autoren analysieren die Komplexität und Entropie von Memes, um deren evolutionäre Muster zu verstehen.

      Valensise, C. M., Serra, A., Galeazzi, A., Etta, G., Cinelli, M., & Quattrociocchi, W. (2021). Entropy and complexity unveil the landscape of memes evolution. Scientific Reports, 11(1), 202
      https://www.nature.com/articles/s41598-021-99468-6.pdf

    andere Quellen

    Wer das Buch von Dawkins in der deutschen Übersetzung im Original lesen möchte, kann es z.B. bei bücher.de bekommen:
    https://www.buecher.de/artikel/buch/das-egoistische-gen/40917842

    Der Exzerpt-Dienst „getabstract“ beitet eine übersichtliche Zusammenfassung der „Selfisch-Gene“-Theorie von Richard Dawkins:
    https://www.getabstract.com/de/zusammenfassung/das-egoistische-gen/7827?

    Ein Beispiel für Literatur, in der man den markenpsychologischen Effekten von Memes auf den Grund geht ist die Arbeit von Teng, H., Lo, C. F., & Lee, H. H. (2022). How do internet memes affect brand image?. Online Information Review, 46(2), 304-318.
    https://www.emerald.com/insight/content/doi/10.1108/oir-05-2020-0192/full/pdf?

    oder zum gleichen Thema

    Vasile, S., Mototo, L., & Chuchu, T. (2021). Using “Memes” as a marketing communication tool in connecting with consumers within the age of digital connectivity. International Review of Management and Marketing, 11(3), 30-35. https://kclpure.kcl.ac.uk/ws/portalfiles/portal/101509725/2018imc_memes.pdf

    Image Boards

    Die Marktplätze und Brutkästen bzw. Ökosysteme für Memes nennt man Image Boards. Das wahrscheinlich bekannteste, auf dem u.a. auch die „Q-Anon“ Bewegung wichtige Impulse erhielt, ist „4Chan“, erreichbar unter https://www.4chan.org/. Ganz ähnlich, neuer und mit weniger Moderation – also mehr Desinformation – arbeitet eine Plattform namens „9Gag“ https://9gag.com. Wie der Name vermuten lässt, geht es um Humor, wobei man beim Blättern durch die Bilder und Videos schnell versteht, dass Humor Ansichtssache ist. Einer weiterer Meme-Baukasten, die wir im Podcast erwähnen, ist https://imgflip.com/. Er bietet spezielle Templates für bestimmte Meme-Themen an, etwa die Trump Executive Order. Ein weiterer Baukasten findet sich auf https://memehead.com („Find, rate and share the best memes and images. Discover the magic of the Internet“).

    Ranglisten von Memes finddn sich allenthalben, z.B. eine der besten deutschen Memes auf TikTok, dort sind es natürlich Videos.
    https://www.tiktok.com/discover/deutsche-memes-2024

    Das Ur-Mem „Dancing Baby“

    Das Ur-Mem „Dancing Baby“

    …kann man sich auf YouTube ansehen:

    ..und offen gestanden: man fragt sich, was daran eigentlich besonders viral sein soll. Das wird durch die gefühlt hundert Variationen des hüftenschwingenden Säuglings auch nicht besser.

    Trumps Executive Order

    Eines der meistgeteilten, meistzitierten und veränderten, reposteten Memes ist die „Trump Executive Order“. Hier aus

    Donald Trump hält eine Tafel in die Kamera mit der Aufschrift: Don't be mad at lazy people, they didn't do anything

    Beispiel eines Memes vom Typ „Trump Executive Order“ aus imfglip.com

    Distracted Boyfriend

    Auch dieses Meme gehört zu den Berühmten, meistgesehenen und -geteilten: das Distracted Boyfriend Motiv. Wir ersparen es uns das Bild zu erklären. 'Stattdessen haben wir haben es ausprobiert und: voilà: das erste achwasfm.janlucash.com/ Meme!

    ein junger Mann dreht sich nach einer hübschen jungen Frau um, seine Freundin sieht ihn empört an, die Beschriftungen: auf dem jungen Mann: "Ich" auf der Freundin "Fake News" auf der Passantin "achwas.fm"
    Beispiel für das „Distracted Boyfriend Meme“ generiert mit dem Meme Genrator von imgflip

    Das Episodenbild

    Darstellungen analog zu Internet-Memes sind keine Erfindung des Internets – natürlich. Ganz im Gegenteil: Man findet man zahlreiche historische Beispiele für politische Karikaturen, Satire und Propaganda oder Agitation auf Flugblättern. Nach der Erfindung der Druckerpresse im 15. Jahrhundert konnten solche Medien massenweise hergestellt und unter die Leute gebracht werden. Das Beispiel in unserem Episodenbild zeigt ein Flugblatt, in dem ein von vielen Schulden, Steuern und Abgaben belasteter „John Bull“ mit einer „Conventional Bill“ bedroht wird. John Bull war eine fiktive Persona, die in vielen Zusammenhängen verwendet wurde, um das britische Volk zu symbolisieren. Der Herr mit der Keule war William Pitt, der britische Premierminister. Die Szene spiel um die Jahrhundertwende vom 18. zum 19. Jahrhundert. Derartige Flugblätter wurden publiziert und verbreitet, um die Stimmung im Land in die eine oder andere Richtung zu beeinflussen und sie waren immer bunt, lustig und ironisch bis sarkastisch – Memes eben.

    Die Bildquelle auf Wikimedia Commons:
    https://commons.wikimedia.org/wiki/File:The_modern_Hercules_or_a_finishing_blow_for_poor_John_Bull_(BM_1868,0808.6474).jpg

    Hintergründe zum Bild und eine Erklärung der dargestellten Zusammenhänge findet man auf der Website des Britischen Museums:
    https://www.britishmuseum.org/collection/object/P_1868-0808-6474

  • Digitale Desinformation- Mitten im hybriden Krieg

    Digitale Desinformation- Mitten im hybriden Krieg

    (S03E02) Krieg ist kein schönes Thema – das war es noch nie. „Stell‘ Dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin…", das ist dann auch so eine Idee, mit der sich der pazifistische Mensch leicht anfreunden kann. Schön wär's! Wir stellen uns in der aktuellen Folge von achwasfm.janlucash.com/ aber etwas ganz anderes vor: Es ist Krieg, niemand merkt es, niemand glaubt es – und niemand will wissen, dass wir gerade verlieren. Wir geben zu, das klingt sehr viel dramatischer als uns lieb ist. Wir haben uns deshalb gefragt, ob wir das hier wirklich so schreiben könnten oder sollten. Die Antwort ist ein klares "Ja"!

    Schon davon gehört? Unsere unfassbar inkompetente Regierung ist dem Genderwahnsinn verfallen, hat lebensgefährliche Drogen legalisiert, den Klimawandel erfunden, vorschnell die Atomkraftwerke abgeschaltet und die Wirtschaft durch das Verbieten von Verbrennungsmotoren komplett ruiniert. Nun nimmt man den geplagten Bauern das Geld weg und kauft Waffen davon, die man dem Nazi-Regime in der Ukraine für die Verlängerung eines ohnehin aussichtslosen Kriegs liefert. Nebenbei hat man Abermillionen kriminelle Ausländer ins Land gelassen, um sie und ihre Brut mit Steuergeld zu mästen, das man der hart arbeitenden einheimischen Bevölkerung aus der Tasche gezogen hat… Unfassbar!

    Kommt Ihnen bekannt vor? Klingt wie das Lamento eines Reichsbürgers? Nun, wir wollen diese Dinge gar nicht weiter diskutieren, wir machen aber auf einen merkwürdigen Sachverhalt aufmerksam: Die russischen Propaganda-Erzählungen, die über Trolle, Bots und Doppelgänger-Medien gestreut werden, erzählen genau solche Geschichten. Sie unterlegen sie mit Fake News, gefälschten Bildern und vertreten vehement genau diese eigenartig „plausiblen“ Auffassungen. Und wie es sich für Feind-Propaganda gehört, haben sie das Ziel, die Gesellschaft zu spalten, die Bevölkerung zu verunsichern, Angst vor einem Krieg zu schüren und die Unterstützung der Ukraine zu untergraben. Je mehr wir uns streiten, je mehr Panik verbreitet wird, je mehr toxische Kommunikation stattfindet, je tiefer die Gräben zwischen den politisch Handelnden, desto besser ist das für die russischen Pläne.

    In der Beschäftigung mit dem Thema wurde uns klar, warum das so erfolgreich ist. Erstens gibt es da die mächtigen US Technologie-Konzerne, die ausgerechnet im Namen der Freiheit die Eindämmung der feindlichen propagandistischen Aktivität erschweren. Zweitens gibt es innerhalb unserer Gesellschaft Gruppierungen, die sich – aus welchen Gründen auch immer – ganz ähnliche Narrative zu eigen gemacht haben. Sie gehen von rechts und links mit gesenkten Hörnern und ohne Verstand gegen etablierte Parteien, Mainstream-Medien und angeblich arrogante Eliten in unserem Land los, verbreiten Hass und Panik anscheinend ohne zu bemerken, dass sie damit die zersetzende Propaganda des Kreml unterstützen. Wir hoffen für unser Land, dass die nahe liegende Verschwörungstheorie, dass der Russe dies alles steuert und finanziert, nicht stimmt – aber wir sind uns nicht ganz sicher.

    Wer uns nun für paranoid hält, dem können wir eine kleine Recherche in Sachen Desinformation empfehlen. Eine unserer favorisierten Meldungen zitieren wir hier wörtlich:

    Mehr als 50.000 gefälschte Nutzerkonten auf der Onlineplattform X, mehr als eine Million deutschsprachiger Tweets: Russland soll mit einer massiven Kampagne versucht haben, mehr Unmut gegen die Ampel-Regierung zu schüren.

    https://www.tagesschau.de/inland/desinformation-kampagne-russland-100.html

    Quellen:

    The Art of Subversion

    Der Vortrag, der uns nachhaltig nachdenklich gemacht hat, trägt den Titel THE ART OF SUBVERSION: Er stammt von einem russischen KGB-Agenten (Juri Bezmenov) und ist auf YouTube zu sehen:

    Russische Propaganda

    Was in Russland derzeit an Desinformation für russische Bürgerinnen und Bürger verbreitet wird, kann man kaum irgendwo so prägnant und beeindruckend sehen wie in „Masha On Russia“ bei ARTE. Wir verlinken hier den derzeit aktuellsten Clip:

    https://www.youtube.com/watch?v=iq9vfXBZdVs

    Lord Haw-Haw

    Desinformation gab es schon immer. Zwei Beiträge der BBC über die Aktivitäten des Nazi-Propagandisten William Joyce alias „Lord Haw-Haw“ im zweiten Weltkrieg mit Hiintergrundinformationen und Beispielen seiner Propaganda-Botschaften:

    Foreign Information Manipulation and Interference (FIMI) threats

    So nennt man Desinformations-Attacken im Jargon der Europäischen Union und es gibt seit dem Jahr 2023 Statistiken und Berichte zu diesen Vorkommnissen, die im Netz veröffentlicht werden. Der aktuellste vom Januar 2024 kann hier heruntergeladen werden:
    https://www.eeas.europa.eu/sites/default/files/documents/2024/EEAS-2nd-Report%20on%20FIMI%20Threats-January-2024_0.pdf

    Links zu Counterspeech-Initiativen

    Es gibt – Gottseidank – auch Menschen, die sich ihren gesunden Menschenverstand genauso bewahrt haben wie ihr Gefühl für gute Kinderstube.

    Intransparenz von Transparenzberichten

    • Schweizer Wissenschaftler berichten über die skandalöse Intransparenz von Transparenz-Berichten:
      Urman, A., & Makhortykh, M. (2023). How transparent are transparency reports? Comparative analysis of transparency reporting across online platforms. Telecommunications policy, 47(3), 102477. https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0308596122001793

    Die astronomische Reichweite der Kommunikation von Elon Musk

    …ist Gegenstand verschiedener Publikationen

    zum Episodenbild:

    Nach dem ermüdenden Betrachten Dutzender Schlachtenbilder sind wir auf unser Episodenbild gestoßen. Es handelt sich um ein Plakat für die innere Kommunikation des Vereinigten Königreichs im 2. Weltkrieg und der Titel (damals auf Funk und Rundfunk bezogen) mutet aus heutiger Sicht geradezu prophetisch an: Wireless War!

    Bildquelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Wireless_War_Art.IWMPST4039.jpg

  • Hass im Hirn – rund um die Amygdala

    Hass im Hirn – rund um die Amygdala

    Mit modernen bildgebenden Verfahren der Neurowissenschaften, die auf so einprägsame Namen hören wie Magnet-Resonanz-Tomographie oder Positronen-Emissions-Tomographie, kann man dem Gehirn bei allen möglichen Tätigkeiten zusehen und etwas darüber in Erfahrung bringen, was unsere innerste Welt zusammenhält. Natürlich gilt das auch im Web. Es kann gar nicht anders sein. Deshalb wirken Likes auf Belohnungszentren, Swipen und Scrollen versetzt uns in Trance und auch das gefährlichste Internet-Phänomen überhaupt, nämlich Hass, wird im Gehirn gemacht.

    Hass erscheint uns gelassenen Durchschnitts-Menschen ja nicht wirklich nachvollziehbar, oder? Ein Troll, der ohne jede Rücksicht auf Rechtschreibung obszöne Drohungen stammelnd, geifernd, schäumend über ein Opfer herfällt, Drohungen ausstoßend, Angst verbreitend bis zur Gewaltandrohung, ja bis zum Mord, wirkt wie ein Wesen von einem anderen Stern. Man wundert sich, ist einmal nur angewidert, mal unfreiwillig amüsiert, gelegentlich fassungslos. Was treibt solche Leute nur an? Kann es sein, dass sie nicht bemerken, wie toxisch, destruktiv und – nennen wir die Dinge mal beim Namen – dumm ihr Verhalten ist? Kann es sein, dass sie nicht nur jede Vernunft verlieren sondern anscheinend auch gleichgültig dafür werden, wie entsetzlich uncool, unsympathisch und abstoßend sie werden? Es ist ganz offensichtlich so.

    Andererseits: Vieles wird hier einfacher, sobald man die Idee aufgibt, man müsse anonyme Morddrohungen oder Hassrede genauso verstehen können, wie zivilisierte menschliche Verhaltensweisen. Wenn unser „psychischer Apparat“ (Sigmund Freud) ein Gebäude wäre, dann kommt der Hass aus den unteren Stockwerken, genauer: aus dem Kellergeschoss. Und, wo wir schon bei Freud sind: Er meinte, dass diese Dinge aus den unteren Stockwerken ein Eigenleben haben und dass wir sie nicht uneingeschränkt kontrollieren können. Ja, auch das ist ganz offensichtlich so.

    Wir beschäftigen uns also in unserer zweiten Hass-Folge auf achwasfm.janlucash.com/ genau mit diesem Themenbereich und treten zunächst einmal pflichtschuldig den Beweis an, dass es sich mit Hass auch nicht besser verhält als mit Lügen und moralischer Panik: Er ist erfolgreich und wird sehr gerne "viral". Auch die Hassenden scheinen spezielle Menschen zu sein. Vor allem ihr Fleiß ist interessant. In der Studie, die wir in der aktuellen Folge unseres Podcasts berichten, erzeugen etwa 0,5% einer Community etwa 20% der Posts und Kommentare, die mit Hass-Begriffen kontaminiert sind. Ein/e Hater/in arbeitet also für die schlechte Laune von für 40 normalen Community-Mitgliedern!

    Quellen zur Episode

    zum Episodenbild

    Nachdem wir in der Vergangenheit schon den einen oder anderen prominenten Künstler zur Bebilderung der Ideen und Inhalte unserer Podcastfolgen zitieren konnten, ist heute ein wahrhafter Gigant dran. Seine Bedeutung für die Kunst entspricht dem Gewicht des Themas: Leonardo da Vinci. Bekanntlich hat er sich ausführlich mit Anatomie beschäftigt und dabei natürlich auch das Gehirn, Hirnnerven, den Schädel und sorgfältig präpariert und gezeichnet.

    Bildquelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Leonardo_Da_Vinci%27s_Brain_Physiology.jpg

  • Hass – Die Digitale Pandemie

    Hass – Die Digitale Pandemie

    Wir meinen, ARS Covid-19 war ein laues Lüftchen gegen das, was sich seit einigen Jahren in den digitalen Netzen abspielt. Man könnte es eine Hass-Pandemie nennen und sie hat alle Eigenschaften, die sich für einen tüchtigen Virus gehören: Schnelle Vermehrung, Ausbreitung, Ansteckung und toxische Wirkung. Aber während COVID-19 mittlerweile – hoffentlich – einigermaßen im Abklingen zu sein scheint, hat das Zeitalter des Hasses gerade angefangen – die internationale Lage spricht für sich.

    Und weil es sich zu einem guten Teil um ein Netz-Phänomen handelt, das man sich ohne digitale Transformation kaum vorstellen kann, ist das natürlich ein Thema für achwasfm.janlucash.com/. Im ersten Teil unserer Hass-Episoden – geplant sind zwei – kümmern wir uns also zum einen um Begriffliches (…was ist "Hass" eigentlich?) und um Juristisches, wobei wir feststellen mussten, das eine ohne das andere nicht gut denkbar ist. Anders gesagt: Ohne Strafgesetzbuch kommt man nur schwer zu einem sinnvollen Verständnis von Hass.

    Darüber hinaus erzählen wir beispielhaft für die aktuelle Situation die Hintergründe einer fast schon episch zu nennenden Auseinandersetzung, die Renate Künast – als prominente Politikerin von Bündnis 90 / die Grünen – gegen einen rechtsextremen Blogger und eine Schar durchgeknallter Kommentator/innen von der Facebook-Seite eben dieses Bloggers führen musste. In tragenden Rollen mit dabei: das Amtsgericht in Halle, das Kammergericht Berlin, und schlussendlich (!) das Bundesverfassungsgericht.

    Das Ganze liefert prima anekdotische Evidenz für Probleme unseres Rechts-Systems, die wir lieber nicht hätten. Das eigentlich Spektakuläre an dem Fall Künast war und ist nämlich, dass es einem deutschen Gericht tatsächlich allen Ernstes möglich war, Äußerungen wie „Drecksau“ oder „Stück Scheiße“ (das waren im übrigen noch die milderen Ausdrücke in den Tiraden der fidelen Facebook-Freunde) in den Schutz der freien Meinungsäußerung zu stellen.

    Quellen zur Episode

    Das Bild zur Episode:

    Wenn es um Gerechtigkeit geht, ist die Motivwahl eigentlich nicht schwer: Justitia als römische Göttin der Gerechtigkeit, traditionell mit Waage und Schwert ausgestattet, mitunter auch mit Augenbinde. Gemalt wurde sie seit Jahrtausenden, wir haben uns für ein besonders schönes Examplar ohne Augenbinde entschieden, das der niederländische Maler Gerard de Lairesse Mitte des 17. Jahrhunderts in Öl gemalt hat. A propos Schwert: Wir meinen, die Dame könnte eigentlich auch mal direkt eingreifen…

    Bildquelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:SA_7360.6-Justitia_-_Allegorische_voorstelling_van_de_verzorging_van_leprozen_en_onnozelen.jpg

  • Die bizarre Welt der Shitstorms

    Die bizarre Welt der Shitstorms

    (S1/E40) Mit Shitstorms stimmt etwas nicht, finden wir. Das Wort ist falsch – mindestens, wenn man es Englisch verstehen möchte (fragen Sie eine/n Muttersprachler/in)! Auch der Vorgang als solcher, das Bilden von anonymen Kollektiven, um in gemeinschaftlicher Wut über Andere (Menschen, Politiker, Promis und beliebige Organisationen oder Marken) herzufallen, scheint uns nicht der Gipfel der moralischen Reife zu sein. Wohlgemerkt: Gar nichts ist gegen das Bilden von Gruppen und das Planen und Durchführen von Aktionen einzuwenden, wenn alles einigermaßen im Rahmen des gesunden Menschenverstandes bleibt. 15.000 Kommentare zu einem Werbespot wegen einer Scheibe Wurst? …sind eher nicht mehr im Rahmen. Genauso, wenn eine Frau wegen eines schlechten Witzes ins Licht der Weltöffentlichkeit gezerrt, beschimpft, bedroht und von ihrem Arbeitgeber entlassen wird.

    In unserer neuen Episode betrachten wir einige der Klassiker dieses Genres, u.a. den Wurstkrieg, der 2011 auf der Facebook-Seite der ING Diba zwischen Vegetariern und Fleischkonsumenten ausbrach, nachdem deren Kommunikationsverantwortliche unvorsichtigerweise einen Werbespot veröffentlicht hatten, in dem eine Scheibe Wurst über die Theke einer Metzgerei gereicht wird. (…damit Du groß und stark wirst.) Während hier eher der Begriff eines Krieges passend erscheint, gibt es auch digitale Auseinandersetzungen, in denen Goliath gegen David vorgeht – besser gesagt: Es sind mehrere Goliaths, ein ganzes Rudel, und es ist auch nur ein winzigkleiner David und wieder ist das Ergebnis anders als in der Bibel: David verliert seinen Job, seine Reputation und wird am Ende unglücklich und krank. Justine Sacco, die aufgrund eines politisch unkorrekten Tweets von einem Flug digital gesteinigt wurde und obendrein auch noch ihren Job los war, ist so ein David und auch ihre Geschichte erzählen wir.

    Und wir berichten dann noch von einer interessanten wissenschaftlichen Studie: Die Arbeit von Kimberly Legocki, Kristen L. Walker und Meike Eilert lässt uns verstehen, dass man zwei Typen von Tweets in Shitstorms unterscheiden muss: die moralisch empörten und auf rasche Verbreitung ohne viel Aufwand erstellten „Ashes“, die 70% der Tweets im Shitstorm ausmachen, und die auf Aktion und aktive Weiterverbreitung orientierten „Sparks“ (20% der Tweets). Wie man dies verstehen und was man eventuell daraus schlussfolgern kann hören Sie / hört Ihr im Podcast. Übrigens: an den kreativen Bezeichnungen erkennt man, dass es im Englischen gar keine Shit- sondern eben nur „Firestorms“ gibt!

    Diesmal möchten wir unsere Leserinnen und Leser hier im Blog darauf hinweisen, dass es hier wichtige Querverbindungen zu anderen Podcast-Episoden gibt, an erster Stelle zu Folge 009: Moral und Social Media: Wer Wut sät, wird mehr Wut ernten, Verbindungen gibt es aber auch zu Folge 010: Über Deindividuation. Leser/innen, die sich ein vollständigeres Bild von den Ursachen und Voraussetzungen der Vorgänge machen möchten, die man unserer Auffassung nicht beschönigend als „Shitstorm“, sondern als das bezeichnen sollte, was sie in Wahrheit sind: kollektive Gewalttaten.

    Quellen

    Das Bild zur Folge:

    Die Tatsache, dass es das Wort „Shitstorm“ ja eigentlich gar nicht gibt, machte es uns leichter, geeignetes Bildmaterial auszuwählen. Wir möchten dies aus Gründen des guten Geschmacks nicht weiter ausführen. Und natürlich ist es einfach, in den Dutzenden Bildern, die im Verlauf der Geschichte von Bränden, insbesondere brennenden Städten gemalt wurden, etwas Hübsches zu finden. Auch Schiffe im Sturm findet man massenhaft und selbst die Kombination, also „brennende Schiffe im Sturm“ funktioniert ausgezeichnet. Als wir bei der Bildrecherche dann auf das „Il Fuoco“ (der Brand, das Feuer) gestoßen sind, war die Sache klar. Unser Episodenbild wurde 1566 von Giuseppe Archimboldo gemalt, das Original hängt im kunsthistorischen Museum in Wien.

    Quelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Archimboldo-krieg-feuer.jpg

  • Mixtape I. Autokorrektur / Cluetrain / Microtargeting / Web 2.0

    Mixtape I. Autokorrektur / Cluetrain / Microtargeting / Web 2.0

    1. Autokorrektur durch Excel
    2. Cluetrain Manifest
    3. Microtargeting – Wahlen
    4. Web 2.0 – Aktuell

    (S1/E14) Track 1: Maschinelle Autokorrektur reloaded? In Folge 4 beschäftigten uns Autokorrekturen von Industrie-Scannern. Die Richtigkeit der Scans der Baupläne von Gebäuden oder Maschinen, Steuererklärungen und amtlichen Dokumenten wurde der Schnelligkeit des Scans und der Größe der Files geopfert. Nicht korrigierbar, da vielfach Originale geschreddert wurden.
    Diesmal geht es um Genforschung. Eigentlich begegnet uns keine Autokorrektur, sondern eine Eigenart von Exel. Beim Einlesen von Daten werden abgekürzte Gennamen fälschlicherweise als Datum erkannt und gespeichert. Aus SEPT4 und MARCH1 werden der 4-Sep, 1-Mar (4. September, 1. März). Das Problem ist seit 2016 bekannt – und „verseucht“ laut einer Studie in 2021 über 30% aller Genstudien weltweit. Das erschwert die Erforschung von Krankheiten und die Entwicklung neuer Medikamente u.a. gegen Krebs.

    Track 2: Das Cluetrain Manifest ist ein historischer Meilenstein in der Ideengeschichte des Internet. Es wurde im Jahr 1999 von – damals – namhaften Autor/innen aus dem Web-Business – Blogger, Entwickler, Autoren, Startup-Gründer (und -innen) – geschrieben, veröffentlicht und signiert. Es formuliert in 95 Thesen die Vision eines von Nutzern/innen, Kunden/innen und Leser/innen beherrschten Mediums, in dem die Organisationen und Firmen nicht mehr alleine den Ton angeben können. Die positive Vision eines Mediums, in dem Hierarchien verschwinden und jeder mit genügend Mut und Talent alles erreichen kann.

    Track 3: Microtargeting revisited! Zeit der Wahlen – die hohe Zeit für Einflussnahme in Social Media. Nimmt man an. Das es tatsächlich so ist, zeigt eine investigative Recherche der ARD. Einem Journalisten gelingt der Kontakt zu den Nachfolgern und Wettbewerbern von Cambridge Analytica. Dieses Unternehmen ist uns schon in der ersten Folge begegnet. Aber haben diese auch Einfluß im Wahlkampf zur Bundestagswahl 2021 genommen?
    Oder waren die Parteien selbst unterwegs auf Facebook? Jan Böhmermann hat dies von einem Team mit einer geschickten Versuchsanordnung untersuchen lassen. Da gab es Parteien, die je nach Zielperson widersprechende Botschaften übermittelt haben. Ergebnis: Microtargeting ist aktueller denn je.

    Track 4 – Die Web 2.0 Konferenz fand 2004 in San Francisco statt, und auch hier kann man von einem Meilenstein der Entwicklung von Ideen rund um das Web sprechen. Der wichtigste Impulsgeber auf der Konferenz der war Tim O’Reilly (der Chef des gleichnamigen Verlags), insbesondere seine Web „2.0 Tag Cloud“ wurde damals Hunderte male geteilt und zitiert. Das Konzept Web 2.0 umfasste dabei die sozialen Aspekte der Onlinemedien, technologische und geschäftliche Auswirkungen, vor allem aber die neuen Chancen.

    Die Geschichte zum Beitragsbild

    Die Bilder des Renaissancemalers Guiseppe Arcimboldo hat jede/r schon einmal gesehen, sei es in einem Kunstband, einem Museum, einer Zeitschrift oder als Illustration einer Werbung. Für uns ist das Bild des „Sommers“ eine Allegorie des Mixtapes: Unterschiedliche Früchte und Gemüse werden so angeordnet, dass, wie in einem Mosaik, ein ganzheitliches Bild zu sehen ist.

    https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Arcimboldo_Summer_1563.jpg

    Quellen

    Track 1: Autokorrektur schreibt Fehler in Gendaten.
    Track 2: Das Cluetrain Manifest
    Track 3: Microtargeting
    • Der Beitrag der ARD, Reportage & Dokumentation: Die Story im Ersten: Wahlkampf undercover | ARD Mediathek
      (Video war verfügbar bis 30.08.2022)
    • Zusätzliche Information, Eine Dokumentation auf ARTE
      „Ingenieure des Chaos: Informatiker, Meinungsforscher und Big-Data-Experten, die im Verborgenen Schlachtpläne für Politiker erstellen. Sie kennen keine Skrupel, wenn es darum geht, ihren Kandidaten zum Sieg zu verhelfen …“
      Beitrag nicht mehr verfügbar.
    • Böhmermann, ZDF Magazin Royal vom 24.9.2021
      „Mit zielgerichteter Werbung versprechen uns Parteien mithilfe von Facebooks Datenflut genau das, was Onkel Jürgen vom Dorf und Tante Stella aus der Großstadt hören wollen. Eine ziemlich mächtige Werbetechnik“. aus:
      Video leider nicht mehr verfügbar.
    • Bonus Information: Die Schlümpfe. Band 2: Schlumpfissimus. König der Schlümpfe. Ein (namenloser) Schlumpf macht jedem Dorfbewohner individuell passende Versprechen, wird zum Anführer gewählt und zwingt den Schlümpfen seinen Willen auf. Ein Aufstand gelingt – und er ward nimmermehr gesehen:
      Das 1966 erschienene Buch scheint eine „Blaupause“ für zielgerichtete Werbung durch Microtargeting zu sein.
    Track 4 – Web 2.0
  • Viralität, Moral und Social Media: Wer Wut sät, wird mehr Wut ernten.

    Viralität, Moral und Social Media: Wer Wut sät, wird mehr Wut ernten.

    (S1/E09) In dieser Folge lüften wir eines der 100-Million-Dollar-Geheimnisse der politischen Kommunikation rund um soziale Medien und klären eine der meistgestellten und trotzdem nur selten schlüssig beantworteten Fragen: Wie und woher und von wem und durch welche Inhalte bekommt man mehr Reichweite? Unsere Antwort fällt… nun, sagen wir: „ernüchternd“ aus.

    Warum ernüchternd? Es scheint, dass eine der besten Strategien für die virale Ausbreitung von Inhalten im Bereich von News und Politik das Auslösen, das Triggern von etwas ist, das man vielleicht am besten als „moralische Entrüstung“ bezeichnen könnte. Ein im angelsächsischen Sprachraum geprägter Begriff gefällt uns besser:

    Moral Panic!

    Das bedeutet: Menschen erzählen besonders gerne das weiter, was sie schlecht, störend, skandalös, intrigant oder FALSCH oder DUMM finden – vor allem dann, wenn sie wissen, dass die Menschen, denen sie ihre Erkenntnis oder Beobachtung mitzuteilen im Begriff sind, diese Ansicht exakt teilen. Vielleicht machen so die ebenso unerklärlichen wie unglaublichen Erfolgszahlen querdenkender Wutbürger/innen in sozialen Medien nun plötzlich Sinn, denn Wut, Empörung, Entrüstung und Hass sind zwar nicht unbedingt sympathische Reaktionen, aber anscheinend ein hoch wirksamer Brennstofffür für das goldene Kalb der Redakteur/innen „Teilen!“. Wobei dieser Begriff natürlich völlig irreführend ist. Was wir teilen, wird weniger, was wir auf sozialen Medien veröffentlichen – genau dies wäre der korrekte Begriff für „sharing“ – wird aber ganz im Gegenteil vermehrt. Und Wut bedeutet dann mehr Wut und das wiederum bedeutet noch mehr Wut.

    In der 9. Folge von …achwas!? bewegen wir uns in diesen Untiefen. Und wir möchten unseren Leserinnen und Lesern die entscheidende Grafik aus unserer eigenen Auswertung der Daten zu Facebook-Reactions bei politischen Parteien nicht vorenthalten. Sie zeigt die Anzahl der Shares (y-Achse) und die Anzahl wütender Reaktionen pro Post (x-Achse) für die Facebook-Seite der „Alternative für Deutschland“. Bei anderen Parteien ist dieser Zusammenhang nicht vorhanden oder zu vernachlässigen.

    Der Zusammenhang zwischen Wut-Reaktionen und der Tendenz für das Sharen oder Teilen der jeweiligen Posts auf der Facebook-Seite der „Alternative für Deutschland“ (eigene Abbildung auf der Grundlage von Daten aus den Jahren 2016-2020)

    Die Geschichte zum Beitragsbild:

    Normalerweise können wir aufgehetzte, moralisch empörte, aggressiv-rechthaberische, Hass verbreitende Social Media Communities ja nicht sehen. Trotzdem haben wir ein – vielleicht nur halb bewußtes – Vorstellungsbild von ihnen. Unser eigenes haben wir einmal mehr in einem Gemälde von Hieronymus Bosch gefunden. „Die Kreuztragung Christi“ wurde durch die Jahrhunderte in Dutzenden Kunstwerken immer wieder dargestellt. Bei Bosch interessiert weniger die Christusfigur, die in ihr Schicksal ergeben und unter ihrem Kreuz leidend in der Mitte des Bildes dargestellt wird, auch die Heilige Veronika am linken Bildrand ist nicht interessant. Beide dienen letztlich nur als Kontrast zu den eigentlichen Helden des Bildes: die verzerrten, dämonischen, mit verschiedensten Tönungen von Verachtung, Ekel, Häme, Hass und Wut aufgeladenen Figuren, die sich in dem Bild drängeln. Ein aufgehetzter Mob aus der Phantasie eines flämischen Malers aus der Renaissance des 16. Jahrhunderts funktioniert also ganz ausgezeichnet für unsere Vorstellung von Shitstorms, Cybermobbing oder anderer wenig erfreulicher Begleiterscheinungen von Online-Communities.

    Bildquelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/b/bb/Hieronymus_Bosch_055.jpg

    Quellen:

    • Dies ist der Artikel zur Ausbreitung von Inhalten über moralingeschwängerte Posts in Twitter wurde von Brady, W. J., Wills, J. A., Jost, J. T., Tucker, J. A., & Van Bavel, J. J. (2017). Emotion shapes the diffusion of moralized content in social networks. Proceedings of the National Academy of Sciences, 114(28), 7313-7318. Online erreichbar unter https://www.pnas.org/content/114/28/7313.long

    …und hier sind die versprochenen Katzenvideos!