In der ersten Folge unserer Populismus-Serie haben wir erklärt, wie man die Köpfe der Menschen leer bekommt: bewirf‘ sie mit widersprüchlichen, mehrdeutigen, unsinnigen Informationen und störe gleichzeitig ihr Vertrauen in die traditionellen Wächter der Wahrheit! Nun geht es um den zweiten Schritt: Infiltriere diejenigen, die das Finden von Wahrheit aufgegeben haben, mit toxischem Blödsinn, der sich als Mehrheitsmeinung und Einsicht des gesunden Menschenverstandes getarnt hat! Und besonders wichtig dabei ist, dies zu wiederholen und zu wiederholen und zu wiederholen und zu wiederholen…
Es leuchtet ein, dass ein Medien, in denen Parolen und Bilder unendlich wiederholt und ohne kontrollierende Dämpfer, ohne natürlichen Widerstand gegen ihre Ausbreitung multipliziert werden können, für die Tröpfchen-Berieselung mit Lügen das ideale Werkzeug sind. Das ist natürlich umso effektiver, je mehr Vorgänge der Content-Produktion automatisiert werden können. Die Rede ist – natürlich – von Sozialen Medien!
Immerhin schöpfen verantwortliche Stellen zunehmend Verdacht. Zu Beginn dieser Episode haben wir darauf hingewiesen, dass Frankreich Social Media für unter 15-Jährige verbietet. Wenn man vermeiden möchte, eine Armee von verschwörungstheoretischem Nachwuchs heranzuziehen, der mit Fakten nichts mehr anfangen kann und das Leben ohne TikTok nicht mehr für lebenswert hält, ist das eine sehr gute Idee. Wir empfehlen hierzu passenderweise einen Beitrag der linksgrünversifften System-Medien (ARD) vom 21.07.2026
https://www.tagesschau.de/ausland/europa/frankreich-social-media-verbot-102.html
Der Darbietungseffekt (Mere Exposure Effect)
Der erste Baustein der Wirkung von Wiederholung ist noch relativ harmlos: Wir mögen, was wir schon kennen. Der Artikel aus „Science“ zum Darbietungseffekt (Mere-Exposure-Effekt), in dem das berühmte Polygon-Expoeriment geschildert wird, in dem dieser Effekt erstmals und quasi in Reinform nachgewiesen wurde, ist in jeder Hinsicht lesenswert. Die vollständige Referenz:
- Kunst-Wilson, W. R., & Zajonc, R. B. (1980). Affective discrimination of stimuli that cannot be recognized. Science, 207(4430), 557–558.
https://ruccs.rutgers.edu/images/personal-zenon-pylyshyn/docs/TreismanReadings/10-KW%26Zajonc%2C80.pdf
Das eigentlich Spektakuläre in dem Experiment war übrigens die Tatsache, dass die Probanden die alte Information nicht als schon einmal gesehen erkennen konnten, aber sie fanden sie angenehmer! Unbemerkt vom bewußten Denken wurde also sozusagen emotional ein Unterschied erkannt. In der Psychologie hat dies eine sehr lebhafte Diskussion um die relative Wichtigkeit von Denken (Wiedererkennung) und Fühlen (Bevorzugung) ausgelöst. Der prominenteste Beitrag hierzu stammt von Robert Zajonc:
- Zajonc, R. B. (1980). Feeling and thinking: Preferences need no inferences. American psychologist, 35(2), 151.
https://doi.org/10.1037/0003-066X.35.2.151
Der Illusory Truth Effect
Dieser Effekt : Menschen mögen nicht nur, was sie kennen, sie halten auch Aussagen, die sie kennen für eher wahr und Neuigkeiten für eher falsch. Wir glauben, was wir schon kennen. Das ist eine statistische Tendenz, die vielfach untersucht wurde. Die Studie, die als Ursprung und erster Nachweis des Effekts gilt, schildern und würdigen wir in der Podcast-Episode ausführlich. Hier ist die Originalquelle:
- Hasher, L., Goldstein, D., & Toppino, T. (1977). Frequency and the conference of referential validity. Journal of Verbal Learning and Verbal Behavior, 16(1), 107–112.
https://bear.warrington.ufl.edu/brenner/mar7588/Papers/hasher-et-al-jvvb-1977.pdf
Der Illusory Truth Effekt gehört übrigens zu den am besten etablierten Befunden der experimentellen Psychologie im Bereich der Bildung von Urteilen über Wahrheit oder Plausibilität. Neuerdings wurde mit einem ähnlichen Verfahren wie in der Studie aus dem Jahr 1977 (Hasher et al.) geprüft, wie sich häufigere Wiederholung auswirkt. In vielen Studien wurden nur 2-3 Wiederholungen hergestellt. In einem Experiment, in dem bis 27 Wiederholungen untersucht wurden, stellte sich heraus, dass der Effekt schon relativ schnell, nach 2-3 Wiederholungen eine Art Sättigung erreicht und danach der Zuwachs an Wahrheit durch weitere Wiederholung nur langsam weiter steigt. Die Studie:
- Hassan, A., & Barber, S. J. (2021). The effects of repetition frequency on the illusory truth effect. Cognitive research: principles and implications, 6(1), 38.
https://link.springer.com/content/pdf/10.1186/s41235-021-00301-5.pdf
Dass allerdings auch scheinbar so bestens belegte „Fakten“ wie der „Illusory Truth Effect“ immer mit Vorsicht zu genießen sind, wird in dieser moderneren Arbeit deutlich, in der sehr viele Studien zum Effekt ausgewertet und einige Lücken im Wissenskostüm konstatiert werden.
- Henderson, E. L., Westwood, S. J., & Simons, D. J. (2022). A reproducible systematic map of research on the illusory truth effect. Psychonomic Bulletin & Review, 29(3), 1065-1088. https://doi.org/10.3758/s13423-021-01995-w
Wir meinen allerdings, dass der Effekt trotz der wissenschaftlichen Wenns und Abers mindestens einen Teil der Wirkung populistischer Propaganda korrekt beschreibt…
Fluency as Truth
Der Dritte im Bunde der subtilen Effekte von Wiederholung auf die Bildung von Wissen und die Beurteilung von Aussagen oder Sachverhalten ist schließlich „Fluency as Truth“ – also wörtlich übersetzt „Flüssigkeit als Wahrheit“. Wir glauben, was mühelos scheint. Dabei ist die Flüssigkeit nicht der Aggregatzustand, sondern eben die relative Mühelosigkeit der Wahrnehmung oder des Verstehens. „Flüssig“ ist also, was wir rasch und intuitiv ohne Mühe Wahrnehmen. Dabei erscheint uns die englische Version dieses Phänomens zutreffender, weil sie (o Wunder!) einfacher ist:
Truth feels easy!
Auch hier haben wir den Klassiker besprochen und dabei zugleich Norbert Schwarz als einen der einflussreichsten deutschen Psychologen gewürdigt:
- Rolf Reber & Norbert Schwarz (1999). Effects of perceptual fluency on judgments of truth. Consciousness and Cognition, 8(3), 338–342.
https://doi.org/10.1006/ccog.1999.0386
Wer nun den Deep Dive in die Thematik wagen möchte, dem empfehlen wir einen der Steinbruch-Artikel aus dem Annual Review of Psychology:
- Brashier, N. M., & Marsh, E. J. (2020). Judging truth. Annual review of psychology, 71(1), 499-515.
Wer glaubt an Deep Fakes?
Eine Quelle schulden wir unseren Leser/innen: die Studie zur unwiderstehlichen Wirkung von Deep Fakes. Besonders interessant, weil sie im interkulturellen Vergleich zeigt: Wer sein Weltbild aus Sozialen Medien bezieht, ist besonders verwundbar. Nach mehr als 100 Folgen achwasfm.janlucash.com/ wundert es uns nicht mehr.
- Ahmed, S., Bee, A. W. T., Ng, S. W. T., & Masood, M. (2024). Social media news use amplifies the illusory truth effects of viral deepfakes: A cross-national study of eight countries. Journal of Broadcasting & Electronic Media, 68(5), 778-805.
https://doi.org/10.1080/08838151.2024.2410783
Die anekdotische Evidenz: „They stole the election!„
Neben den Labor-Experimenten, die wir ausführlich beschreiben, gibt es derzeit viele Beispiele von prominenten Aussagen in der öffentlichen Diskussion, die man als schlagende Beweise für die Liaison von Wahrheit und Wiederholung verstehen kann. Von den vielen Beispielen, wie populistische Akteure einfach so lange etwas behaupten können, bis es mindestens von einem Teil des Publikums als Fakt anerkannt wird, ist die „gestohlene Wahl“ in den US-Präsidentschaftswahlen im Jahr 2020 vielleicht das herausragend unverschämteste. DAS Beispiel! Wie wir alle wissen ist dies von keinem geringeren als dem US-Präsidenten Donald Trump in die Welt gesetzt worden – von wem sonst.
Artikel, Studien und Quellen zum Thema „gestohlene Wahl 2020“ findet man zuhauf. Die Liste der Belege ist lang und reicht von zeitlich sehr eng an der Wahl lokalisierten,
- z.B. bei der „Newsweek“
https://www.newsweek.com/40-americans-think-2020-election-stolen-days-before-midterms-1756218?utm_source=chatgpt.com
- …bis zu Quellen aus der Jetzt-Zeit (also 2026), etwa bei YouGov
https://yougov.com/en-us/articles/54992-half-of-republicans-say-2020-presidential-election-was-rigged-june-13-15-2026-economist-yougov-poll?
Der wahre Fakt ist aber: ein Drittel der US-Bevölkerung glaubt die Lüge der gestohlenen Wahlen. Und die eigentliche Gift ist nicht die Lüge als solche, sondern der dem gesunden Menschenverstand selbstverständliche Sachverhalt, dass sich Wahlen nur in einer korrupten Gesellschaft fälschen lassen, die aus den Fugen geraten ist. Wer sich dafür entschieden hat, an die Fälschung zu glauben, kauft gleich ein ganzes Paket an verschwörungstheoretischen Vorannahmen dazu, ohne deren Gültigkeit die Wahl gar nicht gestohlen werden könnte: Der gesunde Menschenverstand sagt sich: Na also, „Quod erat demonstrandum!“
Das Episodenbild
Wenn es um Invasionen geht, gelangt man gedanklich natürlich sehr schnell in die kriegerische Menschheitsgeschichte. Der Teppich von Bayeux erzählt in gestickten Bildern die Geschichte der normannischen Eroberung Englands im Jahr 1066. Im Mittelpunkt standen Wilhelm der Eroberer, die Überfahrt der Normannen nach England und schließlich die Schlacht von Hastings, in der der englische König Harold II. besiegt wurde.
https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Bayeux_Tapestry_Scene_39.png




