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  • Populismus II: Die Invasion

    Populismus II: Die Invasion

    In der ersten Folge unserer Populismus-Serie haben wir erklärt, wie man die Köpfe der Menschen leer bekommt: bewirf‘ sie mit widersprüchlichen, mehrdeutigen, unsinnigen Informationen und störe gleichzeitig ihr Vertrauen in die traditionellen Wächter der Wahrheit! Nun geht es um den zweiten Schritt: Infiltriere diejenigen, die das Finden von Wahrheit aufgegeben haben, mit toxischem Blödsinn, der sich als Mehrheitsmeinung und Einsicht des gesunden Menschenverstandes getarnt hat! Und besonders wichtig dabei ist, dies zu wiederholen und zu wiederholen und zu wiederholen und zu wiederholen…

    Es leuchtet ein, dass ein Medien, in denen Parolen und Bilder unendlich wiederholt und ohne kontrollierende Dämpfer, ohne natürlichen Widerstand gegen ihre Ausbreitung multipliziert werden können, für die Tröpfchen-Berieselung mit Lügen das ideale Werkzeug sind. Das ist natürlich umso effektiver, je mehr Vorgänge der Content-Produktion automatisiert werden können. Die Rede ist – natürlich – von Sozialen Medien!

    Immerhin schöpfen verantwortliche Stellen zunehmend Verdacht. Zu Beginn dieser Episode haben wir darauf hingewiesen, dass Frankreich Social Media für unter 15-Jährige verbietet. Wenn man vermeiden möchte, eine Armee von verschwörungstheoretischem Nachwuchs heranzuziehen, der mit Fakten nichts mehr anfangen kann und das Leben ohne TikTok nicht mehr für lebenswert hält, ist das eine sehr gute Idee. Wir empfehlen hierzu passenderweise einen Beitrag der linksgrünversifften System-Medien (ARD) vom 21.07.2026
    https://www.tagesschau.de/ausland/europa/frankreich-social-media-verbot-102.html

    Der Darbietungseffekt (Mere Exposure Effect)

    Der erste Baustein der Wirkung von Wiederholung ist noch relativ harmlos: Wir mögen, was wir schon kennen. Der Artikel aus „Science“ zum Darbietungseffekt (Mere-Exposure-Effekt), in dem das berühmte Polygon-Expoeriment geschildert wird, in dem dieser Effekt erstmals und quasi in Reinform nachgewiesen wurde, ist in jeder Hinsicht lesenswert. Die vollständige Referenz:

    Das eigentlich Spektakuläre in dem Experiment war übrigens die Tatsache, dass die Probanden die alte Information nicht als schon einmal gesehen erkennen konnten, aber sie fanden sie angenehmer! Unbemerkt vom bewußten Denken wurde also sozusagen emotional ein Unterschied erkannt. In der Psychologie hat dies eine sehr lebhafte Diskussion um die relative Wichtigkeit von Denken (Wiedererkennung) und Fühlen (Bevorzugung) ausgelöst. Der prominenteste Beitrag hierzu stammt von Robert Zajonc:

    Der Illusory Truth Effect

    Dieser Effekt : Menschen mögen nicht nur, was sie kennen, sie halten auch Aussagen, die sie kennen für eher wahr und Neuigkeiten für eher falsch. Wir glauben, was wir schon kennen. Das ist eine statistische Tendenz, die vielfach untersucht wurde. Die Studie, die als Ursprung und erster Nachweis des Effekts gilt, schildern und würdigen wir in der Podcast-Episode ausführlich. Hier ist die Originalquelle:

    Der Illusory Truth Effekt gehört übrigens zu den am besten etablierten Befunden der experimentellen Psychologie im Bereich der Bildung von Urteilen über Wahrheit oder Plausibilität. Neuerdings wurde mit einem ähnlichen Verfahren wie in der Studie aus dem Jahr 1977 (Hasher et al.) geprüft, wie sich häufigere Wiederholung auswirkt. In vielen Studien wurden nur 2-3 Wiederholungen hergestellt. In einem Experiment, in dem bis 27 Wiederholungen untersucht wurden, stellte sich heraus, dass der Effekt schon relativ schnell, nach 2-3 Wiederholungen eine Art Sättigung erreicht und danach der Zuwachs an Wahrheit durch weitere Wiederholung nur langsam weiter steigt. Die Studie:

    Dass allerdings auch scheinbar so bestens belegte „Fakten“ wie der „Illusory Truth Effect“ immer mit Vorsicht zu genießen sind, wird in dieser moderneren Arbeit deutlich, in der sehr viele Studien zum Effekt ausgewertet und einige Lücken im Wissenskostüm konstatiert werden.

    • Henderson, E. L., Westwood, S. J., & Simons, D. J. (2022). A reproducible systematic map of research on the illusory truth effect. Psychonomic Bulletin & Review, 29(3), 1065-1088. https://doi.org/10.3758/s13423-021-01995-w

    Wir meinen allerdings, dass der Effekt trotz der wissenschaftlichen Wenns und Abers mindestens einen Teil der Wirkung populistischer Propaganda korrekt beschreibt…

    Fluency as Truth

    Der Dritte im Bunde der subtilen Effekte von Wiederholung auf die Bildung von Wissen und die Beurteilung von Aussagen oder Sachverhalten ist schließlich „Fluency as Truth“ – also wörtlich übersetzt „Flüssigkeit als Wahrheit“. Wir glauben, was mühelos scheint. Dabei ist die Flüssigkeit nicht der Aggregatzustand, sondern eben die relative Mühelosigkeit der Wahrnehmung oder des Verstehens. „Flüssig“ ist also, was wir rasch und intuitiv ohne Mühe Wahrnehmen. Dabei erscheint uns die englische Version dieses Phänomens zutreffender, weil sie (o Wunder!) einfacher ist:

    Truth feels easy!

    Auch hier haben wir den Klassiker besprochen und dabei zugleich Norbert Schwarz als einen der einflussreichsten deutschen Psychologen gewürdigt:

    Wer nun den Deep Dive in die Thematik wagen möchte, dem empfehlen wir einen der Steinbruch-Artikel aus dem Annual Review of Psychology:

    • Brashier, N. M., & Marsh, E. J. (2020). Judging truth. Annual review of psychology, 71(1), 499-515.

    Wer glaubt an Deep Fakes?

    Eine Quelle schulden wir unseren Leser/innen: die Studie zur unwiderstehlichen Wirkung von Deep Fakes. Besonders interessant, weil sie im interkulturellen Vergleich zeigt: Wer sein Weltbild aus Sozialen Medien bezieht, ist besonders verwundbar. Nach mehr als 100 Folgen achwasfm.janlucash.com/ wundert es uns nicht mehr.

    • Ahmed, S., Bee, A. W. T., Ng, S. W. T., & Masood, M. (2024). Social media news use amplifies the illusory truth effects of viral deepfakes: A cross-national study of eight countries. Journal of Broadcasting & Electronic Media, 68(5), 778-805.
      https://doi.org/10.1080/08838151.2024.2410783


    Die anekdotische Evidenz: „They stole the election!„

    Neben den Labor-Experimenten, die wir ausführlich beschreiben, gibt es derzeit viele Beispiele von prominenten Aussagen in der öffentlichen Diskussion, die man als schlagende Beweise für die Liaison von Wahrheit und Wiederholung verstehen kann. Von den vielen Beispielen, wie populistische Akteure einfach so lange etwas behaupten können, bis es mindestens von einem Teil des Publikums als Fakt anerkannt wird, ist die „gestohlene Wahl“ in den US-Präsidentschaftswahlen im Jahr 2020 vielleicht das herausragend unverschämteste. DAS Beispiel! Wie wir alle wissen ist dies von keinem geringeren als dem US-Präsidenten Donald Trump in die Welt gesetzt worden – von wem sonst.

    Artikel, Studien und Quellen zum Thema „gestohlene Wahl 2020“ findet man zuhauf. Die Liste der Belege ist lang und reicht von zeitlich sehr eng an der Wahl lokalisierten,

    Der wahre Fakt ist aber: ein Drittel der US-Bevölkerung glaubt die Lüge der gestohlenen Wahlen. Und die eigentliche Gift ist nicht die Lüge als solche, sondern der dem gesunden Menschenverstand selbstverständliche Sachverhalt, dass sich Wahlen nur in einer korrupten Gesellschaft fälschen lassen, die aus den Fugen geraten ist. Wer sich dafür entschieden hat, an die Fälschung zu glauben, kauft gleich ein ganzes Paket an verschwörungstheoretischen Vorannahmen dazu, ohne deren Gültigkeit die Wahl gar nicht gestohlen werden könnte: Der gesunde Menschenverstand sagt sich: Na also, „Quod erat demonstrandum!“

    Das Episodenbild

    Wenn es um Invasionen geht, gelangt man gedanklich natürlich sehr schnell in die kriegerische Menschheitsgeschichte. Der Teppich von Bayeux erzählt in gestickten Bildern die Geschichte der normannischen Eroberung Englands im Jahr 1066. Im Mittelpunkt standen Wilhelm der Eroberer, die Überfahrt der Normannen nach England und schließlich die Schlacht von Hastings, in der der englische König Harold II. besiegt wurde.

    https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Bayeux_Tapestry_Scene_39.png

  • Populismus I: Die große Verwirrung

    Populismus I: Die große Verwirrung

    Der erste Akt der Populismus-Serie von achwasfm.janlucash.com/ behandelt nichts Geringeres als den Anfang vom Ende der Demokratie… Gut, wir geben zu, das ist jetzt etwas hart gesagt, klingt fast wie eine dystopische Übertreibung. Aber: Es ist interessant und lehrreich, die Prozesse, die uns im Moment wie eine langsame Erosion vorkommen, einmal bis zum Ende zu durchdenken.

    Das fällt uns nicht leicht, weil es mitunter zu etwas quälenden Einsichten führt, aber es ist eben zu weiten Teilen eine Geschichte "hinter den Pixeln" und damit ureigenes Terrain von achwasfm.janlucash.com/. Ohne das Internet wären die in verschiedensten Demokratien zu beobachtenden Siegeszüge des Populismus nicht denkbar. Nicht so durchdringend. Nicht annähernd so schnell. Dem entsprechend wird unsere "Tetralogie" über den Populismus auch nicht so schnell vorüber sein, vier Teile sind geplant:

    • Die große Verwirrung – Wie man Menschen hilflos macht
    • Der Austausch – Wie man die Köpfe mit Lügen füllt
    • Die Verschmelzung – Wie die Menschen zu Jüngern werden
    • Die Krise – Die Übernahme, die Widerständigkeit der Realität

    Wir möchten nicht verschweigen, dass wir bis zum Erscheinen der letzten Folge noch an einer Sonder-Zusatzfolge arbeiten, deren Erscheinung aber noch nicht sicher ist. Bisher hat sie nur einen Arbeitstitel.

    • Die Hoffnung – warum alles ganz anders kommen kann

    Quellen zur aktuellen Episode

    Die mittlerweile prominent gewordene „Flood-The-Zone-With-Shit-Doktrin“ von Steve Bannon wird in verschiedensten wissenschaftlichen Beiträgen kommentiert, analysiert und dargestellt, wir empfehlen diesen Artikel der linksversifften Mainstream-Medien, genauer: vom Deutschlandfunk aus dem Jahr 2025 mit zahlreichen Querverweisen zu anderen relevanten Quellen:

    Wir haben dann zu Beginn einen der Klassiker der experimentellen Psychologie zusammengefasst. Die wahnsinnig prominenten Tierversuche von Martin Seligman und Steven Maier:

    Und dann ist da die Erweiterung dieses Begriffs auf „Informational Learned Helplessness“, die wir Erik Nisbet und Olga Bojarchuk von der School of Communication der Ohio State University verdanken. Laut US-Vizepräsident J.D. Vance sind diese als Wissenschaftlerin und Wissenschaftler ja nicht ganz zufällig „Feinde“.

    • Nisbet, E. C., & Kamenchuk, O. (2021). Russian news media, digital media, informational learned helplessness, and belief in COVID-19 misinformation. International Journal of Public Opinion Research, 33(3), 571-590.
      DOI: HTTP://10.1177/07395329221143368

    Das Konstrukt „Need for Cognitive Closure“ als Persönlichkeitsmerkmal und seine fatalen Zusammenhänge mit Konservatismus, die zudem noch bevorzugt in bedrohlichen Situationen auftreten und Outgroup-Feindseligkeit triggen, schildert dieser Beitrag:

    Die Original-Publikation zum DARVO-Muster stammt aus dem Jahr 1997 und wurde – noch – ganz unpolitisch formuliert. Wir meinen DARVO ist DAS toxische Kommunikationsmuster schlechthin und sollte eigentlich verboten werden. Nicht mehr als ein frommer Wunsch.

    Zum Thema Gehirnwäsche empfehlen wir die klassische Arbeit von Robert Lifton: Lipton, R. (1961). Thought reform and the psychology of totalism: A study of “brainwashing” in China – leider schwer zu bekommen, aber es gibt noch einen anderen Klassiker, den man direkt von den Seiten des Massachusetts Institute of Technology herunterladen kann nämlich

    Das Episodenbild

    Der Turmbau zu Babel von Pieter Breughel dem Älteren aus dem Jahr 1563 ist DAS Bild überhaupt zum Thema Verwirrungskatastrophen und deshalb eine sehr adäquate visuelle Einstimmung zu dieser Episode. Die Bibelstelle dazu (Genesis 11,9): (7) Auf, steigen wir hinab und verwirren wir dort ihre Sprache, sodass keiner mehr die Sprache des anderen versteht. (8) Der HERR zerstreute sie von dort aus über die ganze Erde und sie hörten auf, an der Stadt zu bauen. (9) Darum gab man der Stadt den Namen Babel, Wirrsal, denn dort hat der HERR die Sprache der ganzen Erde verwirrt und von dort aus hat er die Menschen über die ganze Erde zerstreut.

    https://commons.wikimedia.org/wiki/Pieter_Bruegel_(I)#/media/File:Pieter_Bruegel_the_Elder_-The_Tower_of_Babel(Vienna)-_Google_Art_Project-_edited.jpg

  • Die Mär vom Multitasking

    Die Mär vom Multitasking

    TikTok und soziale Medien machen uns adaptiv für die komplexe, veränderliche, quicklebendige Multi-Facetten-Realität der Zukunft, für fast moving ecosystems, die von den Protagonisten des Silicon Valley vorangetrieben werden. Deshalb haben die Menschen der nachwachsenden Generation Z, die ihre Gehirne von früher Jugend an in der Vielfältigkeit des digitalen Contents gebadet haben, regelrecht „Future Skills“ ausgebildet. Von denen können altbackene Baby-Boomer, die in ihrer Jugend ja weitgehend mit Kreide und Tafel aufgezogen wurden, nur träumen.

    Klingt das nicht gut? Eben. Und weil es so gut klingt, findet man diese Ideen – manchmal deutlich sichtbar, manchmal eher versteckt – in verschiedenen Varianten. Consulting-Firmen wie McKinsey & Company sprechen von vielversprechenden Dingen wie „Game-changing work“ oder „people-powered growth“. Der kürzlich verstorbene Ed-Tech-Visionär Mark Prensy (https://marcprensky.com/), dem wir übrigens unter anderem den Begriff „Digital Natives“ verdanken, beschwört in seiner letzten Botschaft an sein Publikum eine Zukunft herauf, von der wir schon lange (alp)geträumt haben: „Humans are evolving—and a new kind of human is arising, with brand new capabilities.“ Was mögen das nur für Fähigkeiten sein? Und was bedeutet in diesem Zusammenhang „brandneu“…? Oder: „Humans — especially young humans — are now extended — becoming capable of enormous numbers of things that either required vast amounts of energy or that they could never do before.„

    Die Plattformbetreiber aus der META- X- oder TikTok-Fraktion greifen solche Ideen natürlich bereitwillig auf und produzieren in ihren Blogs und Strategie-Dokumenten eine ganz ähnliche Rhetorik – und erklären dann ihre Produkte zum Manna, das in einer dunklen Zeit vom Himmel fällt. Wahrlich! Die Welt versteht man am besten in Form von 30-Sekunden-Videos, in denen Menschen auftreten, deren einzige Qualifikation die Autorität ist, die sich aus dem Vorhandensein von 3,5 Millionen Zuhörer/innen ableitet. Wer zweifelt, ist ein/e ewig gestrige/r Langsamdenker/in, zum Aussterben verurteilt.

    Die Konsequenz, die aus dieser irgendwie unwiderlegbar scheinenden Situation leider allzuoft zu vorschnell gezogen wird: Möchten Arbeitgeber, Eltern, Lehrerinnen und Lehrer mit der Zeit gehen, müssen sie so eine Art Feed-Kommunikation anbieten, also schnell, abwechslungsreich, nicht zu komplex und langwierig, multimedial angereichert… In der Pädagogik werden entsprechende Forderungen nach Microlearning und Knowledge-Bites erhoben, und damit verschiebt sich die Logik von „Was ist wahr / relevant?“ zu „Was ist konsumierbar?

    Bei den geheimnisvollen Future Skills ist dann noch – neben der mutmaßlich rasenden Geschwindigkeit, mit der mediale Eindrücke vieldimensional verarbeitet werden -, das Thema der aktuellen achwasfm.janlucash.com/-Folge in den obersten Rängen: Multitasking!

    Begibt man sich in bester achwasfm.janlucash.com/-Tradition auf die Suche nach den Hintergründen dieser geheimnisvollen Fähigkeit – von der es übrigens zu unrecht heißt, Frauen seien besser darin – stellt man fest, dass mal wieder alles nicht so einfach ist. Und wieder mal manifestiert sich die Komplexität des Themas unter anderem dadurch, dass es uns in verschiedenen Varianten gegenübertritt. Es gibt nämlich nicht DAS Multitasking, sondern mehrere sehr unterschiedliche Vorgänge, die man als Multitasking bezeichnen könnte.

    Variante 1: Task Switching

    Die einfachste Variante von Multitasking ist gar keines. Aber: Ein System kann durch rasches Wechseln von Aufgaben und Zielen und Handlungen und Prozessen mehr oder weniger erfolgreich so tun, als ob es mehrere Dinge gleichzeitig tun würde. Unser Beispiel ist die Arbeit eines klassischen Großrechners, der einer Schar von Benutzer/innen das Gefühl geben kann, sie arbeiteten parallel, obwohl er eigentlich jeder/m nur kleine Happen CPU-Zeit zukommen lässt, um alles hübsch sukzessive abzuarbeiten. Dass es dabei zu „Switch Costs“ kommt, wird im Podcast ausführlich erörtert. Der Klassiker zum Thema ist diese Arbeit im ehrwürdigen Journal of Experimental Psychology:

    Das ist eigentlich ein Riesenthema und hat interessante Übergänge in die Arbeitswissenschaften. Dort untersucht man schon seit langem, ob und wie Menschen in der Realität zwischen Aufgaben wechseln können. Kurz gesagt: gar nicht gut! Was wir Multitasking nennen, kann man also auch mit Fug und Recht als „fragmented work“ bezeichnen.

    • Mark, G., Gonzalez, V. M., & Harris, J. (2005). No task left behind? Examining the nature of fragmented work. In Proceedings of the SIGCHI Conference on Human Factors in Computing Systems (CHI ’05), 321–330.
      https://doi.org/10.1145/1054972.1055017

    Damit verliert es dann doch deutlich von seiner faszinierenden Future Skill Aura.

    Variante 2: Parallel Processing

    Hier haben wir es mit dem Phänomen zu tun, dass dem alltäglichen Verständnis von Multitasking vielleicht am nächsten kommt. Verschiedene Komponenten eines informationsverarbeitenden Systems können – partiell – unabhängig voneinander Prozesse abarbeiten. Das geht gut, wenn sich die Komponenten dabei nicht in die Quere kommen – was aber leider allzuoft der Fall ist. Im Podcast betrachten wir in diesem Zusammenhang den Klassiker: Multitasking beim Autofahren!

    Dass damit womöglich auch etwas nicht stimmt, kann jeder bestätigen, der sich am Steuer einmal unvorsichtigerweise einer Polizeistreife mit sichtbarem Smartphone am Ohr genähert hat. Das kostet 100 Euro und einen Punkt in Flensburg.

    Die beiden Forschungsarbeiten zum Thema Fahren und Multitasking, die wir im Podcast zusammenfassen, sind folgende:

    • Libby, D., & Chaparro, A. (2009). Text messaging versus talking on a cell phone: A comparison of their effects on driving performance. Proceedings of the Human Factors and Ergonomics Society Annual Meeting.
      https://doi.org/10.1518/107118109X12524443347157
    • Strayer, D. L., Drews, F. A., & Johnston, W. A. (2003). Cell phone-induced failures of visual attention during simulated driving. Journal of Experimental Psychology: Applied, 9(1), 23-32.
      https://doi.org/10.1037/1076-898X.9.1.23

    …und Übersichtsarbeiten zum Thema, die man empfehlen kann, wären folgende:

    • Xu, [et al.] (2024). Cognitive load and task switching in drivers: Implications for road safety in semi-autonomous vehicles. Transportation Research Part F: Traffic Psychology and Behaviour. https://doi.org/10.1016/j.trf.2024.11.005
    • Nijboer, M., Borst, J. P., van Rijn, H., & Taatgen, N. A. (2016). Driving and multitasking: The good, the bad, and the dangerous. Frontiers in Psychology, 7, Article 1718. https://doi.org/10.3389/fpsyg.2016.01718
    • Und dann war da noch das Auto, das schon in den 80er Jahren an einem unergonomischen Touch-Screen-System gescheitert ist. Hier ist ein Beitrag zur Misserfolgsgeschichte des Buick Riviera mit dem Titel „The First Car With A Touchscreen Display Is Older Than You Think“, geschrieben von dem Autojournalist Brian Anderson: https://www.topspeed.com/first-car-with-touchscreen-display-older-than-you-think

    Zur Frage, wie so eine Katastrophe passieren kann, ein „Fun Fact“: Der famose Touch-Screen war vorab zwar getestet worden, aber eben nicht während der Fahrt – also unter Bedingungen, in denen sich eben genau das Multitasking-Problem manifestiert.

    Variante 3: Media-Task-Multitasking

    Die dritte Multitasking-Variante: das Wahrnehmen einströmender Information, während man „nebenbei“ eine Aufgabe ausführt. Eine paradigmatische Situation hierfür sind Vorlesungen mit Nebenbei-Notebook-Nutzung. Hier sind die Folgen rasch zusammengefasst: Wer nebenbei im Notebook thematisch Irrelevantes zu erledigen hat, muss damit rechnen, dass es mit der Leistung signifikant bergab geht. Die Stärke der Effekte hat uns – als aktiv an einer Hochschule Dozierende – überrascht und auch ein wenig betroffen gemacht.

    Kraushaar, J. M., & Novak, D. C. (2010). Examining the affects of student multitasking with laptops during the lecture. Journal of Information Systems Education, 21(2), 241–251. https://aisel.aisnet.org/jise/vol21/iss2/11

    Variante 4: Media-Media-Multitasking

    Zuletzt bleibt noch die Variante, die die Idee des TikTok-Brain mit magischen Multitasking-Skills vielleicht am besten verdeutlicht: Der/die mühelos mehrere Medien gleichzeitig konsumierende/n Netzbürger/in. Während man die neue Serie streamt, scrollt man durch den Instagram Feed, während man einen Podcast hört, betrachtet man Bilder auf Pinterest, vor dem Fernseher scannt man die News im Smartphone… Die Medien und Situationen lassen sich beliebig kombinieren.

    • Ophir, E., Nass, C., & Wagner, A. D. (2009). Cognitive control in media multitaskers. Proceedings of the National Academy of Sciences, 106(37), 15583–15587. https://doi.org/10.1073/pnas.0903620106

    Die Studie ist inzwischen selbst ein interessanter Fall — spätere Replikationsversuche haben die Originalbefunde (…wie es oft vorkommt) nur teilweise bestätigt, was die Forschungslage dann komplexer macht. Wer sich den aktuellen Stand der Diskussion anschauen möchte, sei auf diesen Beitrag verwiesen:

    • Parry, D. A., & le Roux, D. B. (2021). „Cognitive control in media multitaskers“ ten years on: A meta-analysis. Cyberpsychology: Journal of Psychosocial Research on Cyberspace, 15(2), Article 7. https://doi.org/10.5817/CP2021-2-7

    Also?

    Wie dem auch sei: Am Ende bleiben wir mit der Einsicht zurück, dass es nicht nur keine Evidenz dafür gibt, dass Multitasking der sich neu entwickelnder Skill für die Zukunft ist, es gibt auch keine Belege, dass Multitasking überhaupt eine gute Idee sei. Einfach und direkt gesagt: Wenn Sie die Wahl haben, lassen Sie es lieber sein!

    Zum Episodenbild

    Raoul Hausmann war ein österreichisch-deutscher Künstler des Dadaismus. Für seine Skulptur „Mechanischer Kopf (Der Geist unserer Zeit)“ montierte er 1920 verschiedenste Alltagsobjekte auf ein Friseurmodell eines Kopfes: Maßband, Zahnräder, Lineale, Becher, Druckwalzen… Der Kopf wirkt wie ein zusammengesetztes Instrument, wie eine Vorwegnahme der Idee, der Mensch der Zukunft werde transformiert durch alle möglichen technischen Anbauten. In Zeiten, wo Visionäre vom Mensch der Zukunft als Biotech-Hybrid mit Future Skills faseln, muss seine Skulptur eigenartig prophetisch wirken.
    https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/8/87/Mechanical_Head_%28The_Spirit_of_Our_Time%29%2C_assemblage_circa_1920.png?

  • Polarisierung II. – Über Gruppendynamik

    Polarisierung II. – Über Gruppendynamik

    Polarisierung ist kein Modewort der Gegenwart, sondern ein sehr grundlegendes Muster unserer Wahrnehmung und unseres Urteilsvermögens. Menschen denken und fühlen in Gegensätzen – Freund oder Feind, richtig oder falsch, wir oder die anderen. Diese Tendenz begleitet uns seit Anbeginn der Geschichte. Schon die Römer kannten dafür eine mythische Verkörperung: den Gott Janus.

    Janus war eine doppelte Gestalt – mit zwei Gesichtern, die gleichzeitig zurück und nach vorne blickten. Er galt als Gott der Türen, Schwellen und Übergänge, also jener Orte, an denen sich etwas spaltet oder in sein Gegenteil verkehrt. In seiner janusköpfigen Physiognomie steckt das uralte Bild der Ambivalenz: zwei Wahrheiten, zwei Blickrichtungen, und zwei mögliche Zukünfte. Dass Janus zugleich die Verantwortung für Krieg und Frieden trug, zeigt, wie eng die Vorstellung von Spaltung mit den großen Weichenstellungen der menschlichen Gemeinschaft verknüpft waren.

    Wenn wir heute über Polarisierung sprechen, stehen wir also in einer langen Tradition: Sie ist nicht nur ein Phänomen politischer Konflikte oder medialer Debatten, sondern Ausdruck einer tief in uns verwurzelten Denk- und Wahrnehmungsweise. Gerade deshalb lohnt es sich, die Mechanismen genauer zu betrachten, die in Gruppen unmerklich in Hintergrund wirken und aus Meinungsverschiedenheiten unüberbrückbare Gegensätze machen.

    In dieser Episode richten wir den Blick auf die Gruppen-Psychologie. Das berühmte Robbers-Cave-Experiment von Muzafer Sherif aus den 1950er Jahren demonstrierte eindrücklich, wie schnell sich Fronten bilden können: Zwei Gruppen von Jungen, die zunächst harmlos miteinander Ferien verbrachten, wurden durch künstlich geschaffene Konkurrenz zu erbitterten Gegnern. Erst als gemeinsame Aufgaben eingeführt wurden, die sie nur zusammen lösen konnten, ließ die Feindschaft nach. Das Experiment wurde zu einem Klassiker, weil es in konzentrierter Form zeigte, wie stark Polarisierung durch Gruppenzugehörigkeit geprägt ist – und wie schwer sie sich wieder auflösen lässt. Übrigens: Im gleichen Jahr, in dem Sherif seine Ergebnisse publizierte, erschien der Roman „Herr der Fliegen“ von William Golding, der wie eine Art literarisch überspitzte fiktionale Variante des Experiments wirkt. Die beiden kannten sich allerdings nicht, Golding konnte aus seiner Erfahrung als Lehrer die durch eine Gruppenbildung zu erwartenden Effekte vorhersagen.

    Ein zweites wichtiges Forschungsfeld eröffneten die Arbeiten von Serge Moscovici und Marisa Zavalloni in den 1960er Jahren. Sie konnten zeigen, dass sich in Gruppen die Meinungen ihrer Mitglieder nicht einfach mitteln, sondern häufig verschieben und zuspitzen. Gruppen tendieren zu radikaleren Positionen, als ihre einzelnen Mitglieder ursprünglich vertreten hatten – ein Effekt, der als Gruppenpolarisierung bekannt wurde. Auch Minderheitenmeinungen spielen dabei eine wichtige Rolle: Sie können, wenn sie konsistent vertreten werden, eine ganze Gruppe nachhaltig prägen und die Richtung ihrer Urteile verändern.

    Beide Forschungsstränge machen deutlich: Polarisierung ist kein Zufall, sondern ein regelhaftes Muster sozialer Interaktion. Und was in psychologischen Experimenten sichtbar wird, begegnet uns heute alltäglich in einer potenzierten Form – in den Filterblasen sozialer Medien, in politischen Echokammern und in hitzigen öffentlichen Debatten.

    Doch Polarisierung muss nicht zwangsläufig im Stillstand oder in Feindschaft enden. Es gibt Versuche, dem etwas entgegenzusetzen – durch bewusste Begegnung und Dialog. Ein Beispiel ist das Projekt „Deutschland spricht“ der Wochenzeitung DIE ZEIT. Hier wurden Menschen mit vollkommen gegensätzlichen politischen Ansichten gezielt zusammengebracht, um in direktem Gespräch voneinander zu hören. Statt die Spaltung weiter zu befeuern, sollte so ein Raum entstehen, in dem Differenzen ausgehalten und Perspektiven gewechselt werden konnten. Die Ergebnisse dieses Projekts sind ermutigend, weil sie zeigen: Wo Menschen einander tatsächlich begegnen, verlieren selbst tief verankerte Gegensätze etwas von ihrer Härte.

    In dieser Podcast-Episode wollen wir also zweierlei tun: einerseits die Mechanismen der Polarisierung nachvollziehen – von der antiken Symbolik bis zu den klassischen sozialpsychologischen Experimenten – und andererseits nach vorne blicken: Gibt es Wege, die Dynamik der Spaltung zu durchbrechen? Welche Interventionen können helfen, Polarisierung nicht nur zu verstehen, sondern auch produktiv zu überwinden?

    Quellen

    • Die eingangs in der Episode beschriebene Studie, in der die Wahrnehmungs-Effekte von polarisierten Farbdarstellungen in politischen Karten untersucht wurden, hat folgende Quellenangabe:

      Furrer, R. A., Schloss, K., Lupyan, G., Niedenthal, P. M., & Wood, A. (2023). Red and blue states: dichotomized maps mislead and reduce perceived voting influence. Cognitive Research: Principles and Implications, 8(1), 11

      …und sie kann hier nachgelesen werden
      https://link.springer.com/content/pdf/10.1186/s41235-023-00465-2.pdf
    • Dass Oxytozin hierbei eine Rolle spielt, ist schon längere Zeit bekannt. Carsten De Dreu hat sich Verdienste um dieses Thema erworben, eine Zusammenfassung der Befunde findet sich u.a. in diesen Artikeln:

      De Dreu, C. K., Greer, L. L., Van Kleef, G. A., Shalvi, S., & Handgraaf, M. J. (2011). Oxytocin promotes human ethnocentrism. Proceedings of the National Academy of Sciences, 108(4), 1262-1266.
      https://www.pnas.org/doi/pdf/10.1073/pnas.1015316108

      De Dreu, C. K., & Kret, M. E. (2016). Oxytocin conditions intergroup relations through upregulated in-group empathy, cooperation, conformity, and defense. Biological psychiatry, 79(3), 165-173.
      https://www.mariskakret.com/wp-content/uploads/2015/10/De-Dreu-Kret-Manuscript.pdf

    zum Episodenbild

    Janus war seit der Antike ein beliebtes Motiv – auf Münzen, in Reliefs und Skulpturen. Für unsere Folge haben wir uns allerdings für eine zeitgenössische Darstellung entschieden: ein Werk des Künstlers und Fotografen Tony Grist aus dem Jahr 2011. Es zeigt Janus in kräftigen, komplementären Blau-Gelb-Kontrasten – eine moderne Allegorie für gespaltene Perspektiven, die untrennbar verbunden sind.

    Bildquelle: 
    commons.wikimedia.org – Janus (Tony Grist, 2011)

  • Das virtuelle Restaurant. Leckeres aus Ghost Kitchen

    Das virtuelle Restaurant. Leckeres aus Ghost Kitchen

    S2E41 Gehen Sie gerne auswärts essen? Bestellen Sie auch ab und an Essen im Internet? Wobei die letzte Frage nicht präzise ist, denn man kann einerseits Zutaten im Web bestellen – und kocht dann selbst.

    Oder nutzt einen der Lieferdienste, die lokalen kleineren Restaurants bis auf die Kocharbeit alles abnehmen: Lieferdienste besitzen keine Restaurants, sondern werben für diese, machen Online Marketing, halten Bezahlfunktionen und immer aktuelle Speisekarten bereit. Holen das bestellte Essen frisch zubereitet an der Theke ab – wie die Servicekräfte im Gastraum. Und bringen es, wie diese, zu den Kunden. Nur der Weg ist etwas länger.

    Auch auf Apple Podcast und überall, wo es Podcasts gibt.
    Wir empfehlen:
    https://wissenschaftspodcasts.de/podcasts/

    Das hilft kleinen Unternehmen, den Kundenkreis zu vergrößern, ohne neue Gasträume anzumieten, und mehr Personal für den Service einzustellen. Führt aber auch zu Ungemach, wie wir im Podcast berichten.

    Es gibt andere Geschäftsprozesse im Web, die ähnlich funktionieren und eine Plattform zur Abwicklung der Geschäfte zur Verfügung stellen: Flixbus zum Beispiel hat selbst keine Busse, sondern bewirbt, organisiert, vermittelt und rechnet Fahrten ab. In Bussen, die von unabhängigen Busunternehmen bereitgestellt werden, komplett, inklusive Fahrer:innen.

    In der Corona Pandemie wurde eine weitere Idee verwirklicht: Virtuelle Restaurants, denen es gänzlich an Gasträumen und Servicekräften fehlt. Sie werden Ghost Kitchen oder Black Kitchen genannt. Es gibt nur eine vollständige Profiküche mit Profiköchen. Woran kann man diese erkennen: Eine Website mit klingendem Namen und einem Angebot, dass oft nach „Fine Dining“ aussieht: Wenige Menus, gehobene Küche, hochwertige Zutaten. Die Speisen separat verpackt, Soßen und Toppings getrennt geliefert, damit nichts „durchsuppt“. Und es gibt keine Restaurant Adresse. Das Vorbild waren Sternerestaurants, die in der Pandemie ihr Essen auslieferten – und die Profis wussten, wie man Gutes Essen lecker transportabel macht.

    Die Quellen geben diesmal auch den ein oder anderen Hinweis auf „entdeckte“ Ghost Kitchen, die Hinweise werden wir wenn wir solche entdeckt haben erweitert.

    Quellen

    Disruptive Produkt- und Service Entwicklung:
    Clayton M. Christensen: „The Innovators Dilemma“ 1997

    Californication / Solutionism
    Mit diesem Thema hat sich Philipp Staab in seinem Buch „Falsche Versprechen. Wachstum im digitalen Kapitalismus“ auseinandergesetzt (Hamburger Institute f. Sozialforschung, Hamburg 2016).
    Das „Glaubensbekenntnis“ der Californication / des Californian Solutionism lautet in zwei Sätzen zusammengefasst:
    – Es gibt für alle Probleme der Menschheit eine technische Lösung zum Wohle der Menschen
    – Digitale Geschäftsmodelle können durch die globale Vernetzung fast beliebig skaliert werden, Menschen und Produktionsmittel können unabhängig von Raum und Zeit eingesetzt werden.

    Die Plattformökonomie als eine Idee des „Solutionismus“ ermöglicht durch Disruption neue Modelle von Entwicklung, Produktion, Marketing, Vertrieb und Service.
    Plattformökonomie bedeutet die Vernetzung von Nachfrage (Kunden) und Lieferanten über eine Lösung im Web. Beispiele:
    – Flixbus besitzt keinen einzigen Busm, aber verknüpft prozessual Transportunternehmen mit Reisewilligen inkl. Bezahlung.
    – AirBNB betreibt weder Hotels noch Pensionen, aber verknüpft Nachfrage (Gäste) mit den Anbietern von Unterkünften inkl. Bezahlung.
    – Uber hat weder Fahrzeuge noch angestellte Fahrer:innen, aber betreibt eine Plattform auf der Transportwünsche Einzelner mit Transportmitteln (FAhrzeigen inkl. Fahrer:innen) verknüpft werden inkl. Bezahlung.
    – Lieferando besitzt keine Restaurants, aber betreibt über seine Plattform die Verknüpfung von Wunsch nach Essen mit den entsprechenden Restaurants und liefert das Essen aus – und kann auch die Bezahlung abwickeln.
    – Eine Sonderformen von Plattformen ist DoctoLib: DoctoLib bietet im Auftrag von Ärzten die Verwaltung von Terminen an. In Deutschland liegt der Marktanteil bei etwa 60% (Ende 2023) – es nutzen 70.000 niedergelassene Ärzte und 400 Kliniken die Dienste.
    Mit den Buchungen sind oftmals auch Erhebung von persönlichen medizinischen Informationen verbunden. Zahlreiche Beschwerden bei Datenschutzbehörden führten zu Untersuchungen des Anbieters.
    In einem aktuellen Artikel von Netzpolitik.org werden Informationen dazu analysiert und bewertet:
    https://netzpolitik.org/2024/doctolib-wachsender-riese-im-gesundheitsdatenmarkt/

    Essen & Trinken neu organisiert

    Situatives Wachstum: Der Umsatz der Lieferdienste in Deutschland stieg zwischen 2020 und 2024 von 2,0 auf 3,2 Mrd. Euro.
    Quelle: https://www.statista.com/topics/9212/online-food-delivery/
    Der Markt – die Margen
    „Im Durchschnitt liegt die Gewinnspanne bei diesen Gastrobetrieben zwischen 3 % und 5 %. Der Grund für die niedrige Marge sind die hohen Gemein- und Arbeitskosten.“
    https://www.foodnotify.com/de/blog/gewinnmarge-gastronomie

    Die Übersicht: Online Food Delivery – Weltweit (statista 2023, inkl. Prognosen)
    „Seit der ersten Online-Pizza-Bestellung bei Pizza Hut im Jahr 1994 ist das Geschäft der Essenslieferdienste mittlerweile zu einem milliardenschweren Unterfangen geworden. Aggregator-Plattformen wie Takeaway.com oder Delivery Hero sind mittlerweile auf der ganzen Welt vertreten. Dies lässt sich auf den Verkauf von verlässlichen Infrastrukturlösungen und auf für Restaurants noch akzeptable Provisionsgebühren zurückführen. Unternehmen wie Deliveroo oder UberEats, die Platform-to-Consumer Delivery anbieten, haben zwar ein kostenintensiveres Geschäftsmodell, beliefern dafür aber selbst die Kunden mit Essen. Diese Unternehmen haben in den letzten Jahren, gerade in dicht bevölkerten Regionen, Fahrt aufgenommen. Beide Modelle werden sich wahrscheinlich immer mehr annähern; die Konkurrenz zwischen firmeneigenem Lieferservice und solchem über Drittparteien wird daher zunehmen.“
    https://de.statista.com/outlook/dmo/online-food-delivery/weltweit

    Lieferando & Co.: Wir nennen im Podcast des öfteren Lieferando, natürlich gibt es weitere Lieferdienste. Eine aktuelle Befragung im Auftrag von statista zeigt die Verteilung auf die Anbieter
    Die Frage lautete: „Welchen dieser Online-Anbieter für Restaurantlieferungen haben Sie in den letzten 12 Monaten genutzt?“ (mehr als eine Nennung möglich; Deutscher Markt, Befragung Juni 24, 2.113 Befragte, Alter 18-64 Jahre).

    LieferdienstAnteil der Befragten, die diesen Lieferdienst in den letzten 12 Monaten genutzt haben
    Lieferando76%
    Domino’s28%
    Call a Pizza13%
    Pizza Hut
    (Pizza Hut lieferte nach eigenen Angaben 1994 die erste Online Pizza Bestellung aus)
    13%
    Uber Eates11%
    Burgeme9%
    L’Osteria7%
    Wolt7%
    Smiley’s5%
    Vapiano5%
    Liste der 10 am häufigsten genutzten Lieferdienste in Deutschland Juni 23 – 24. Quelle statista (https://www.statista.com/forecasts/998845/online-food-delivery-bookings-by-brand-in-germany), eigene Darstellung

    Schattenwebsites – der Lieferando Skandal Februar 2021
    Meldungen vom 26.2.2021 und 23.4.2021

    Wie Lieferando Kunden von den Restaurantwebseiten fernhält: https://www.deutschlandfunknova.de/beitrag/schattenwebseiten-lieferando-erstellt-tausende-website-fuer-restaurants

    Wenn Dein Restaurant bei Lieferando von der Liste fliegt:
    https://www.deutschlandfunknova.de/beitrag/lieferando-wenn-dein-restaurant-bei-lieferando-plötzlich-von-der-liste-fliegt

    Disclaimer: Natürlich haben noch mehr Medien von dieser Situation berichtet, Interessierte können Deutschlandfunk NOVA als guten Ausgangspunkt für eigene Recherchen nutzen.

    Kochboxen
    Aufgezählt haben wir:
    – Hello Fresh (Kochboxen): https://www.hellofresh.de/essensbox/kochbox-bestellen
    – Marley Spoon (Die Kochbox, die besser schmeckt) https://marleyspoon.de
    – Dinnerly (Die Kochbox zum Sparpreis): https://dinnerly.de
    – JU IT Now , ist eine Marke von Dr. Oetker Digital (Bio Fertiggerichte im Glas, jetzt, siehe auch https://www.businessinsider.de/gruenderszene/food/dr-oetker-startet-juit/)
    https://www.lunchglaz.de/?ref=128

    Ghost oder Dark Kitchen

    Dieser BBC Artikel und Beitrag war unser „Stein des Anstoßes“, diese Podcast Folge zu machen:
    „Your next meal might come from this windswept industrial estate on the banks of the River Irwell.“
    https://www.bbc.com/news/business-47978759

    „Was steckt hinter einer Ghost Kitchen?
    „Als Ghost Kitchen, auch bekannt als Dark Kitchen oder Virtual Kitchen, werden Restaurants bezeichnet, die keinen regulären Service im Restaurant anbieten, sondern sich auf Online-Bestellungen und Lieferungen spezialisieren. Im Restaurant selbst befindet sich nur die Küche, weder Servicekräfte noch Gasträume werden benötigt“.
     Übersicht aus der Perspektive des „Providers“ METRO:
    https://www.dish.co/DE/de/blog/was-ist-eine-ghost-kitchen/

    Welche Vorteile bietet eine Dark Kitchen?
    „Dark Kitchens verfügen über jegliche moderne Ausstattung einer professionellen Restaurantküche, allerdings fehlt der Gästebereich zum Sitzen und Essen komplett. Die größten Vorteile sind die hohe Flexibilität beim Speisenangebot, schnellere Produktions- und Auslieferungszeiten, die einfache Bestellabwicklung über Apps und die geringeren Betriebs- und Mietkosten“. 
    https://www.bhs-tabletop.com/de-de/blog/artikel/restaurantkonzept-dark-kitchen/#

    GHOST KITCHENS DEUTSCHLAND: EIN ÜBERBLICK ÜBER DAS DISRUPTIVE GESCHÄFTSMODELL
    https://www.zukunftsernaehrung.de/ernaehrung/ghost-kitchens-deutschland-ein-ueberblick-ueber-das-disruptive-geschaeftsmodell

    Einige Tipps zu Ghost Kitchen in Aktion für Berlin gibt AMEX:
    „Das Berliner Start-up Vertical Food beispielsweise betreibt Stand April 2021 zehn verschiedene Restaurants, darunter Vadolì (Pizza), Fresh’s (Bowls, Wraps, Salate), Spagettini (Pastagerichte) oder auch Spyces (orientalisch angehauchte Speisen). Das Unternehmen setzt dabei voll auf Digitalisierung: Die Bestellung ist ausschließlich über das Internet möglich, und Vertical Food nutzt die so gewonnenen Daten zur Perfektionierung des Angebots. Welche Gerichte aus welchem Restaurant werden zu welcher Tageszeit in welchem Stadtviertel besonders nachgefragt?

    Das Speisenangebot wird entsprechend angepasst und die Fahrtrouten der Auslieferer und Auslieferinnen über einen selbst entwickelten Algorithmus optimiert. Besonders clever: Während die Lieferautos unterwegs sind, gart beispielsweise die Pasta im Kofferraum auf eigens entwickelten heißen Platten weiter, damit sie auf den Punkt bissfest auf den Esstisch kommt. Lauwarme, pampige Gerichte aus der Styroporverpackung? Nicht bei einer guten Geisterküche.“
    „Dieses Konzept geht so gut auf, dass Unilever Food Solutions & Langnese Deutschland im März 2021 als Kooperationspartner bei Vertical Food eingestiegen ist. Ambitioniertes Ziel: Deutschlandweit sollen bis zu 50 weitere Ghost Kitchens aufgebaut werden, zunächst in Großstädten wie Hamburg, Köln, Frankfurt oder München.“

    https://www.americanexpress.com/de-de/amexcited/explore-all/food/food-delivery-3-0-ghost-kitchens-in-deutschland-735

    Noch recht dünn sind weiterhin die eigenen Erfahrungen (22.09.2024).
    Immerhin ist es mir gelungen, eine Ghost Kitchen in Bonn auszumachen, keine Werbung:
    „finefine – healthy food for every day“ bietet moderne gehobenes SlowFood an (Lachs, Kichererbsen, Süßkartoffeln, Babyspinat, …).
    Da sie auch ein „Take Away“ Angebot haben, konnte ich in die „Küche“ blicken: Perfekt organisiert, die Zutaten sind „mis en place“, also genau passend griffbereit für die Gerichte sortiert, die Bowls werden auf einer Waage gefüllt (das erklärt die Angaben von Kcal und den Anteil Fett, Kohlehydrate und Eiweiss auf das zehntel Gramm genau). Saußen und Zutaten, die sichnicht vermischen sollen, werden separat verpackt. Der Lieferdienst ist in Eigenregie organisiert.
    Idee: Vielleicht auch keine „Ghost Kitchen“, sondern ein neues Franchise in der Systemgastronomy mit keinem Gastraum?
    www.finefinehealthyfood.de

    TO BE CONTINUED

    Das Folgenbild

    Pieter Brueghel der Jüngere (1564 – 1638 in Antwerpen), war ein Maler aus Brabant. Er wurde als „guter Kopist“ seines Vaters Pieter Brueghel des Älteren bezeichnet, weil er „vorhandene oder bekannte, aber verschollenen Originale“ verändernd erneut malte.
    Unser Bild zeigt den Lieferdienst bei dieser Hochzeit, der Schüssel mit verschiedenen Speisen herbei holt, entweder aus einer Küche neben der Scheune, oder auch von weiter her. Eine weitere Interpretation des Bildes zeigt die Szene „im Freien“. Auch dort funden sich die Speisen wieder, auch dort muss ein Lieferdienst aktiv gewesen sein.

    „Die Bauernhochzeit“ von 1620 – unser Folgenbild – ist ein Beispiel für die Arbeit des Kopisten. Allerdings: Das Bild entstand nicht aus der Dekomposition seines Vaters Bild, er nutzte die Kopie, um Teile des Bildes neu aufzusetzen, gefälliger und auch exakter zu machen. Also: Keine Disruption in der Malerei, eine Interpretation vielleicht.

    https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Pieter_Bruegel_d._J._-_Bauernhochzeit.jpg