Kategorie: Sucht

  • Anwesenheit von Abwesenheit: Phubbing

    Anwesenheit von Abwesenheit: Phubbing

    (S1/E42) Vor zehn Jahren wurde im Rahmen einer Kampagne für das australische Maquarie Dictionary ein neues Wort geboren: Phubbing. Es bezeichnete – und bezeichnet noch heute – eine geradezu prototypische Situation unserer neuen digitalen Welt: Menschen entziehen sich ihrer sozialen Umwelt, seien es Freunde, Partner oder Familienangehörige, um sich mit den wahrhaft wichtigen Dingen zu beschäftigen, die natürlich in ihren Smartphones stattfinden. Also versenken sie sich, meist ohne zu fragen oder sich zu entschuldigen, und – „phubben“ was das Zeug hält.

    Mittlerweile ist das Wort zum festen Bestandteil des Vokabulars geworden, mit dem man soziale Situationen oder Begegnungen von Menschen mit mobilen Endgeräten beschreibt. Es gibt dabei verschiedene Varianten: Eine Gruppe von Jugendlichen (oder auch Menschen beliebigen Alters, machen wir uns nichts vor) stehen im Kreis, irgendwo in einer Stadt, vor einer Schule, in einem Park, vor einem Club und anstatt sich scherzend und fröhlich oder auch ernst und konzentriert oder meinetwegen auch nur albern und dümmlich zu unterhalten, starren sie stumm in ihre Smartphones. Am charakteristischen Knickhals erkennt jeder Eingeweihte, was hier gerade vor sich geht… Jeder phubbt jeden, könnte man hierzu sagen. Ein anderes Szenario: Menschen sitzen am Tisch in einem Restaurant und wiederum an den charakteristischen Knickhälsen einiger wortloser Mitglieder der Gesellschaft wird deutlich, dass man sich hier gerade mitnichten um die Tischnachbarinnen und -nachbarn kümmert, sondern um die neuesten Notifications aus den Social Media Feeds. Es gibt viele Varianten dieser Situation: Eltern phubben ihre Kinder (oder umgekehrt), Frauen ihre Männer (oder umgekehrt) wir phubben Euch (oder umgekehrt), Vorgesetzte ihre Untergebenen (oder umgekehrt). Dass es sich hierbei nicht um ein Kavaliersdelikt, sondern um eine Plage, ein in jeder Hinsicht massiv gestörtes Verhalten handelt, werden wir in unserer 42. Folge von achwasfm.janlucash.com/ erklären. Es geht u.a. um die erste Phubbing-Kampagne aus dem Jahr 2012, eine Übersicht der momentan gehandelten Studienergebnisse und eine spezielle Studie aus dem Jahr 2018, in der Phubbing in einer cleveren Imaginations-Studie untersucht wurde. Schließlich suchen wir nach möglichen Regeln (gibt es möglicherweise sozialverträgliches Phubbing?) und versuchen eine Analyse ähnlicher Phänomene. Haben Sie schon einmal das Meer mit Sternchen bewertet?

    Quellen zur Episode

    • Die Website des Macquarie Dictionary, das die Phubbing-Kampagne in Auftrag gegeben hat:
      https://www.macquariedictionary.com.au/
    • Die Studie über die Ursachen und Wirkungen von Phubbing: Chotpitayasunondh, V., & Douglas, K. M. (2018). The effects of “phubbing” on social interaction. Journal of Applied Social Psychology, 48(6), 304-316. Online unter https://kar.kent.ac.uk/65777/

    Zum Episodenbild

    Die prototypischen Phubbing-Kontexte, also Konversationen, Gespräche, Begegnungen und Gesellschaften sind natürlich in der Geschichte der Kunst leicht zu finden. Nur: niemand darauf phubbt! Nach einer längeren verzweifelten Recherche durch die Jahrhunderte und Stilepochen ist es uns dann gelungen, ein Bild zu finden, das junge Mädchen aus der Mitte des 19. Jahrhunderts in einer ländlichen Umgebung zeigt – mit verräterischem Knickhals…! Es wurde von dem nicht unbekannten französischen Maler Jules Breton gemalt. Das Bild trägt den Titel „Jetons d’amour“ (Liebespfänder) und zeigt, was man mit Liebespfändern damals anscheinend so gemacht hat: Phubben!

    https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Jules_Breton_-_Love_Tokens.jpg

  • Süchtig nach sozialen Medien, Teil 3 – Dopamin!

    Süchtig nach sozialen Medien, Teil 3 – Dopamin!

    (S1/E27) Im Teil 3 unserer Trilogie gehen wir den Dingen auf den Grund. Was passiert eigentlich, wenn man beginnt, an einer verhaltensbezogenen Sucht wie Social Media Sucht oder Spielsucht zu leiden? Dass es sich um Leid handelt, daran kann kein Zweifel bestehen. Wir beleuchten also einerseits Theorien, die Sucht als Ergebnis eines speziellen Lernvorgangs – „Belohnungslernen“ erklären und betrachten uns dann den gleichen Vorgang im Gehirn.

    Dass Internet-Sucht quasi im Aufwind ist, hatten wir ja schon in der ersten Folge unserer Trilogie erklärt. Es gibt immer mehr Forschende, die sich mit dem Thema beschäftigen. Hier können wir jetzt einen schönen Beleg nachreichen: Den Verlauf der wissenschaftlichen Publikationen zum Thema Internet-Sucht seit 1996. Man sieht: es geht bergauf!

    Die Anzahl der wissenschaftlichen Publikationen zum Thema Internet-Sucht von 1996 bis 2019 nach Moreno-Guerrero et al. (2020), Quellenangabe s.u.

    Was uns wirklich beeindruckt hat, erzählen wir in der zweiten Hälfte unserer dritten Sucht-Episode: Man kann nämlich zeigen, dass…

    (a) …die Aktivität im Belohnungszentrum des menschlichen Gehirns von positivem sozialen Feedback (…analog zu „Likes“) intensiv angeregt wird, und

    (b) …dass die Intensität der Nutzung sozialer Medien bei Personen mit besonders starker Reaktion im Belohnungszentrum besonders hoch ist. (Wenn hingegen andere Personen positiv bewertet werden, interessiert das unser Belohnungs-System – verständlicherweise – relativ wenig.)

    Bleibt noch anzumerken, dass genau dies – das „Antriggern“ unserer Belohnungszentren mit suchtinduzierenden Folgen und das dringliche Vermeiden aller verhaltensunterbrechenden Hinweisreize einschließlich der Implementierung dringlich-quengelnder „Notifications“ – im ureigensten Interesse von Tinder, Facebook, Instagram & Co ist. Auf dass wir ohne Unterlass klicken und liken und teilen, auf dass unsere Kinder es schwer haben mögen, ohne Smartphone einzuschlafen…

    Quellen zum Beitrag

    • Das Literatur-Review, in dem die Anzahl der Publikationen über Internet und Addiction über die Zeit seit Mitte der 90er Jahre erfasst wird, hat folgende Quellenangabe:
      Moreno-Guerrero, A. J., Gómez-García, G., López-Belmonte, J., & Rodríguez-Jiménez, C. (2020). Internet addiction in the web of science database: a review of the literature with scientific mapping. International journal of environmental research and public health, 17(8), 2753.
      https://www.mdpi.com/1660-4601/17/8/2753/pdf
    • Der im Podcast zusammengefasste Beitrag der Berliner Forschenden über Facebook und Aktivierung des mesolimbischen Belohnungs-Systems im Gehirn: Meshi, D., Morawetz, C., & Heekeren, H. R. (2013). Nucleus accumbens response to gains in reputation for the self relative to gains for others predicts social media use. Frontiers in human neuroscience, 7, 439.
      https://www.frontiersin.org/articles/10.3389/fnhum.2013.00439/full

    Die wirklich sehr empfehlenswerte Dopamin-Reihe von ARTE auf YouTube:

    https://www.youtube.com/watch?v=21CKkv4J8KA&list=PLhGeNYH-50KYc_zLP_g3dTozj6gm-yTsJ

    Zum Beitragsbild:

    Natürlich haben wir darüber nachgedacht, wie man eine Sucht, die so modern ist, wie die nach sozialen Medien, durch ein geeignetes historisches Meme bzw. einen Bildverweis passend illustrieren könnte. Doch da wir im 3. Teil unserer Serie bis ins Gehirn vordringen und dort den Wirkungen von Drogen nach-recherchiert haben, ist es im Grund ganz einfach: Alle Bilder, in denen es um „psychotrope“ Substanzen geht, können in Frage kommen. Also können wir uns gleich zur Wurzel vorarbeiten, zu einer von dem französischen Maler Georges Moreau gemalten, fast fotografisch präzisen und direkt wirkenden Darstellung zweier Morphinistinnen aus der französischen Gründerzeit. Eine ist schon im Morphiumrausch entschlafen, die andere blickt den/die Betachter/in offensiv an: „Hast Du ein Problem?“