Kategorie: Influencer

  • Zum TikTok! Supernormale Attrappen

    Zum TikTok! Supernormale Attrappen

    Das Thema „Supernormalität“ ist ja eher speziell, man findet vergleichsweise wenig Literatur, insbesondere hat sich die Erkenntnis einer Verknüpfung dieses bizarren Phänomens mit dem Verhalten von Nutzer/innen in sozialen Medien – noch – nicht so richtig durchgesetzt. Wir möchten das ändern, denn bei genauem Hinsehen stellen wir fest, dass viele Phänomene – also sehr viele – im Kontext der Digitalen Transformation „supernormal“ sind.

    …und Supernormalität ist ein alt-ehrwürdiges Konzept aus der Verhaltensbiologie, das uns aber speziell dabei helfen kann zu verstehen, warum Fake News, Social Media und KI-Inhalte oft eine größere Anziehungskraft haben als die nüchterne Realität. Denn wie Stichlinge, die übertriebene rote Attrappen für die echtesten aller Rivalen halten, oder Meiseneltern, die ein Kuckucksküken als den einzig wahren Nachwuchs füttern, reagieren auch wir Menschen auf übersteigerte Reize, die uns in ihren Bann ziehen und unsere Aufmerksamkeit binden – schöner, besser, magnetischer als alles, was die Natur zu bieten hat.

    Und die Plattform-Betreiber, Clickbait-Hersteller, KI-Anbieter und Content-Creator (und die entsprechenden -innen) versuchen ausnahmslos und mit allen Mitteln unsere Reptilien-Aufmerksamkeit, deren abgründigen Vorlieben wir nicht entkommen können, mit immer neuen und doch immer den gleichen unwiderstehlichen Inhalten einzufangen – zu ihrem Nutzen und unser aller Schaden. Und so sitzt der Homo Sapiens am Beginn des dritten Jahrtausends Stunde um Stunde an den Bildschirmen und sein hypnotisiertes Gehirn konsumiert den endlosen und größtenteils nutzlosen Informationsmüll wie leckere, knusprige, fettige und zu stark gewürzte Kartoffelchips – mit dem Unterschied, dass uns hiervon zum Glück irgendwann schlecht wird…

    Quellen zum Thema Supernormalität

    Um gute und relevante Quellen und Diskussionsbeiträge zum Thema Supernormalität zu finden, muss man länger arbeiten. Aber es lohnt sich.

    Die folgenden Artikel empfehlen wir für eine fokussierte Lektüre:

    • Die umfangreichste Publikation zum Thema stammt von Deidre Barrett und ist absolut lesenswert:
      Barrett, D. (2010). Supernormal stimuli: How primal urges overran their evolutionary purpose. WW Norton & Company.
    • Sehr dringend empfehlen wir den im Podcast erwähnten Beitrag, der im Kontext der Uni Stanford veröffentlicht wurde. Es gibt dort eine Konferenz, die sich im Sinn von Technikfolgen-Abschätzung mit Effekten der digitalen Transformation beschäftigt. Speziell dieser Beitrag ist lesenswert:
      Luxton, D. & Watson, E. (2023) Psychological and Psychosocial Consequences of Super Disruptive A.I.: Public Health Implications and Recommendations. In D. Zimmer, T. A. Undheim, P. N. Edwards (Hrsg.) Intersections, Reinforcements, Cascades. Proceedings of the 2023 Stanford Existential Risks Conference. The Center for International Security and Cooperation, The Freeman Spogli Institute, Stanford University.
      https://drive.google.com/file/d/1IYjs1hLMsonLR-DnRWZkrT-IHanxGkMC/view
    • Ebenfalls lesenswert ist ein Artikel von Adrian Ward:
      Adrian F. Ward (2013) Supernormal: How the Internet Is Changing Our Memories and Our Minds, Psychological Inquiry, 24: 341–348.
      https://doi.org/10.1080/1047840X.2013.850148
    • In der englischsprachigen Ausgabe von „Pschologie Heute“ gibt es einen schönen Beitrag zu Supernormalität.
      https://www.psychologytoday.com/us/blog/cutting-edge-leadership/202103/why-we-are-attracted-to-supernormal-stimuli?utm_source=chatgpt.com

    Die Sucht nach supernormalen Lebensmitteln

    Junk-Food als supernormale Droge wird in diesen Artikeln des Time-Magazine behandelt:

    Käfer kopulieren mit Bierflaschen

    Die Geschichte von den bedauernswerten australischen Käfern, die von Bierflaschen genarrt werden, findet man in dieser Original-Publikation:

    Fun-Fact am Rand: Die Arbeit von Gwynne und Rentz hat später (im Jahr 2011) den „Ig-Nobelpreis“ gewonnen, das ist eine Art Anti-Nobelpreis, mit dem Beiträge ausgezeichnet werden, die Menschen zuerst lachen und dann nachdenken lassen „…to honor achievements that first make people laugh, and then make them think.“ Mehr hierzu findet man unter dieser URL: https://improbable.com

    Die Auswirkungen von Pornographie

    Das ist ein wichtiges und entsprechend auch viel untersuchtes Thema, das – nebenbei bemerkt – mindestens eine Folge von achwasfm.janlucash.com/ wert wäre.

    • Einen sehr umfassenden Überblick über die letzten 20 Jahre Forschung zu diesem Thema finden interessierte Hörer/innen in dieser Arbeit:

      Peter, J., & Valkenburg, P. M. (2016). Adolescents and pornography: A review of 20 years of research. The Journal of Sex Research, 53(4–5), 509–531
      https://www.tandfonline.com/doi/pdf/10.1080/00224499.2016.1143441
    • Diese aktuellere Studie untersuchte eine Gruppe von Jugendlichen, die sich selbst als betroffen einschätzten und Hilfe für ihren problematischen Pornografiekonsum suchten. Typische Symptome des problematischen Konsums (z. B. Kontrollverlust) und zeigt, welche sozialen, psychischen oder Motivationsfaktoren damit einhergehen.

      Jiang, X., Wu, Y., Zhang, K., Bőthe, B., Hong, Y., & Chen, L. (2022). Symptoms of problematic pornography use among help-seeking adolescents. Journal of Behavioral Addictions, 11(3), 912–927.
      https://akjournals.com/view/journals/2006/11/3/article-p912.pdf
    • Und dann war da noch als Hörtipp: „Ach komm„, der Sexologie-Podcast der dänischen Sexualwissenschaftlerin Ann-Marlene Hennig. Zitat: „…im Gespräch mit Caro Burchardt, Teamleitung im RND-Ressort Magazin, greift Henning die drängendsten Fragen auf und scheut auch vor frechen Antworten nicht zurück.“ Wir empfehlen ihn hier wegen der Hintergründe zu Pornographie als supernormalem Phänomen.
      https://www.podcast.de/podcast/2637726/ach-komm-der-podcast-fuer-koerper-seele-herz-und-sex

    Der geheimnisvolle „Peak Shift“ beim Lernen von Tieren und Menschen

    „Peak Shift“ ist dieses eigenartige, aber überaus folgenreiche Phänomen, dass Tiere bei Experimenten, in denen sie zwischen belohnten und unbelohnten Reizen zu unterscheiden lernen, automatisch eine Präferenz für „Übertreibungen“ ausbilden.

    • Die ersten Peak Shift Experimente von Hanson, erschienen in dem überaus ehrwürdigen Journal of Experimental Psychology:
      Hanson, H. M. (1959). Effects of discrimination training on stimulus generalization. Journal of experimental psychology, 58(5), 321.
      https://doi.org/10.1037/h0042606
    • Und dies ist der Nachweis eines Peak Shift Phänomens beim Menschen in der im Podcast ausführlicher erklärten Form. Beim Menschen gilt: Wenn man intuitiv reagiert, tritt ein Peak Shift auf. Hat man allerdings die Sache mit dem Verstand erfasst, kennte man eine Regel, die man anwenden kann – tritt also das Bewußtsein mit auf – verschwindet der Peak Shift.
      Lee, J. C., & Livesey, E. J. (2018). Rule-based generalization and peak shift in the presence of simple relational rules. Plos one, 13(9), e0203805.
      https://journals.plos.org/plosone/article/file?id=10.1371/journal.pone.0203805&type=printable
    • Das abschließend erklärte Experiment, in dem die Bedeutung von Impulsivität für das Auftreten eines Peak Shift UND die Bevorzugung supernormaler Reize untersucht wurde:
      Goodwin, B. C., Browne, M., Rockloff, M., & Loxton, N. J. (2016). Rash impulsivity predicts lower anticipated pleasure response and a preference for the supernormal. Personality and Individual Differences, 94, 206-210.
      https://research-repository.griffith.edu.au/bitstreams/2d85a041-ee90-4c29-887c-e487d00a1d13/download

    Kinder und Tablets

    Hier könnte man viele Studien zitieren:

    • Bereits im Jahr 2006 hat man mit Computerspielen zur Beruhigung von Kindern experimentiert – man könnte wetten, dass unter den Autoren Väter oder Mütter sind, die die magische supernormale Wirkung der Geräte beobachtet haben.
      Patel, A., Schieble, T., Davidson, M., Tran, M. C. J., Schoenberg, C., Delphin, E., & Bennett, H. (2006). Distraction with a hand-held video game reduces pediatric preoperative anxiety. Anesthesia & Analgesia, 103(1), 138–142.
      https://doi.org/10.1111/j.1460-9592.2006.01914.x
    • Dies ist eine akruelle Studie zur Wirkung der Nutzung von Tablet-Computern für die Beruhigung von Kindern im Alltag auf veschiedene Variablen der psycho-emotionalen und sozialen Entwicklung. Man könnte es kurz sagen: Wenn Sie Kinder haben, lassen Sie es sein!

      Radesky, J. S., Kaciroti, N., Weeks, H. M., Schaller, A., & Miller, A. L. (2023). Longitudinal associations between use of mobile devices for calming and emotional reactivity and executive functioning in children aged 3 to 5 years. JAMA pediatrics, 177(1), 62-70.
      https://jamanetwork.com/journals/jamapediatrics/fullarticle/2799042

    Stereoptype von bildgenerierenden KI-Systemen

    Wir äußern im Podcast den Verdacht, dass KI-Systeme äußerst effektive Generatoren für supernormale Situationen sind. Mit unendlicher Geduld, unendlichen Inhalten und schöner, besser, magnetischer, geiler als alles, was die Natur zu bieten hat. Untersucht wurde dieses Phänomen im Rahmen eines studentischen Projekts.

    Die Quelle: Kienzle, C. Vollmer, D., Möldner, M., Breisch, L. & Horvat, L. (2025) KI im Klischeemodus? Eine Analyse demographischer Repräsentation in Berufsbildern. Bericht zum Abschlussprojekt im Schwerpunkt Data Science, Studiengang Onlinemedien, DHBW Mosbach.

    Die Prompts für das folgende Video lauteten folgendermaßen:

    • Erstelle mir ein fotorealistisches Portrait eines Mannes. Du kannst Haarfarbe, Bart, Hautfarbe und Hintergrund frei wählen.
    • Erstelle mir ein fotorealistisches Portrait eines sehr männlich aussehenden Mannes. Du kannst Haarfarbe, Bart, Hautfarbe und Hintergrund frei wählen.
    • Gestalte das Bild noch deutlich männlicher.
    • …noch deutlich männlicher.
    • …

    Analog für die weibliche Person:

    zum Epsodenbild

    Hier im Blog

    Die weltberühmte „Venus von Willendorf“ ist eines der allerfrühesten Kunstwerke, die uns aus dem Neolithikum (also der Steinzeit) erhalten geblieben sind. Sie ist mit einem Alter von 20.000 Jahren ein Erzeugnis von Menschen, die in der letzten Eiszeit in Willendorf an der Donau lebten.

    Und sie ist ziemlich supernormal.

    https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Venus_von_Willendorf,_copy-8.jpg

    für den Podcast

    Für die Podcast-Episode haben wir ein anderes Bild verwendet, da wir fürchten mussten, dass die nackte ältere Dame von dümmlichen Algorithmen zensiert wird. Hier haben wir eine supernormale Szenerie von einem klassischen englischen Illustrator gewählt, der auf Vogelzeichnungen spezialisiert war. Sein Name war William Hayes, er lebte 1729-1799 in Southall (Middlesex) und hatte 21 Kinder – also immerhin auch etwas supernormal, fanden wir. Natürlich waren Kuckucksvögel schon im 18. Jahrhundert erfolgreiche Attrappen für harmlose Singvögel. Hier noch einmal sein Bild in der unbearbeiteten Form, in der es auf Wikimedia Commons zu finden ist:

    https://commons.wikimedia.org/wiki/File:A_pied_wagtail_feeding_a_worm_to_a_young_cuckoo._Etching_by_Wellcome_V0022207.jpg


  • Der Grösste Leseclub der Welt. Fan Fiction.

    Der Grösste Leseclub der Welt. Fan Fiction.

    S2E37. Wann habe Sie zuletzt Jugendliche mit dem Quartheft auf den Knien, einen Bleistift voll konzentriert im Mund, an einem murmelnden Bach in einer Lichtung gesehen? Und gedacht: Ach siehe da, ein schriftstellerisches Talent, eine Droste-Hülshoff oder ein Hölderlin beim Schaffen im Freien.
    Und der Gedanke schoß durch den Kopf: Werde ich sie oder ihn in einem literarischen Salon wiedersehen? Nun, wir wissen: diese Salons gibt es nun nicht mehr, aber mangelt es uns auch an Literat:innen? Wohl nicht.

    Der Literarische Salon – ein Vorbild für Fan Fiction Plattformen?

    Fast wäre ich an diesen heutigen Talenten achtlos vorbei gelaufen. Also, vorbeigesurft. Denn sie verstecken sich zwar nicht, aber ihre Salons befindet sich auf Websites mit Namen wie wattpad.com oder fandom.de.
    Noch nie von gehört? Dann wird es Zeit, mit achwasfm.janlucash.com/ sich auf die Reise zu Kulturschaffenden im 21. Jhd zu begeben, zu Plattformen, auf denen Menschen ihr literarisches Schaffen einem großen Publikum vorstellen. Diese schreiben nicht für Geld, sondern um Geschichten fortzuführen. Oder ganz anders zu erzählen. Lyrik, Poesie, Belletristik.

    Und es ist ein besonderes Werk – man beschäftigt sich als „Fan“ von Serien (Streaming, TV), den Mitgliedern von Pop-Bands, aber auch aktueller, erfolgreicher Literatur mit den medialen Wesen, zu denen man eine parasoziale Beziehung, eine einseitige teils sehr intime Beziehung aufgebaut hat. Und man sich in Geschichten mit diesen Wesen reinträumt und zum auch mit Könnertum reinschreibt.

    Die Dimension:

    Im deutschsprachigen „fandom.de„ finden sich (Stand Q1 2024) 439 Tausend Werke.

    Die weltweit größte Plattform für Fan Fiction „“wattpad.com“ hat 97 Mio. Mitglieder, die (Stand Juni 2023) 600 Mio. Werke verfasst haben. Diese Werke werden nicht nur geschrieben, sondern auch gelesen, diskutiert, kritisiert, umgeschrieben. Das summiert sich bei wattpad.com zu etwa 50 Nutzer-Jahren in jedem Monat.

    Ein gigantischer Literarischer Salon. Der natürlich inzwischen auch gerne von Verlagen und der Filmwirtschaft besucht wird. Die wiederum den ein oder anderen Megabestseller dort entdeckt und veröffentlicht haben. Beispiele im Podcast.

    Schenken Sie sich 1 Stunde achwasfm.janlucash.com/ und Sie bekommen Einblicke, die ihnen andere schlichtweg verheimlichen.

    Die Quellen

    Eugène Sue „Die Geheimnisse von Paris“, Paris 1840

    Bezug auf diesen Fortsetzungsroman in:
    Karl Marx, Friedrich Engels, „Die heilige Familie“. Werke. Berlin 1957, Band 2, S. 80-82.

    achwasfm.janlucash.com/. „Echte Mogelpackungen -Parasoziale Beziehungen und Authentizität“, Staffel 2,Folge 13 Februar 2023

    Den klassischen Artikel Horton, Donald and R. Richard Wohl (1956): ‘Mass Communication and Parasocial Interaction: Observations on Intimacy at a Distance’, Psychiatry 19: 215-29 kann man online unter dieser URL nachlesen:
    http://visual-memory.co.uk/daniel/Documents/short/horton_and_wohl_1956.html

    Nicole Liebers & Holger Schramm  „60 Jahre Forschung zu parasozialen Interaktionen und Beziehungen“. Band 37 von Reihe „Rezeptionsforschung“, Nomos 2017

    Die erwähnten Plattformen

    Die gößte Content Community ist wattpad.com. Auf dieser Plattform tummeln sich 97 Mio. Menschen die 26 Milliarden Minuten im Monat dort verbringen. (Stand Juni 2023).

    Die größte deutsche Plattform ist fanfiktion.de mit 429 Tsd Geschichten insgesamt und einer großen Auswahl im Bereich Anime und Manga (115 Tsd.)

    Die umsatzstärkste Plattform in der Fandom Welt ist fandom.com. Achtung: Hier wird weniger geschrieben und veröffentlicht als das Interesse der Fandoms abgeerntet:
    Die nach eigenen Angaben „The worlds largest fan wiki platform“ bietet interessierten Kunden ein interessantes Media-Kit, dass wir unseren Hörerinnen und Hörern ans starke Herz legen wollen:
    https://about.fandom.com/mediakit.
    Dort werden die Gründe offengelegt, weshalb man auf dieser Plattform werben solle:„Harness the Value of Fanatical Attention“, ein Wortspiel, etwa: „Ernten Sie den Vorteil von enthusiastischer Aufmerksamkeit“.
    360 Millionen Nutzer im Monat landen in der fandom.com eigenen Forschungsdatenbank „FanDNA“. Über 2 Milliarden Endgeräte der interessanten jungen Zielgruppe“ können direkt auf der Plattform angesprochen werden. Ohne Cookies oder Werbe-Ids werden klassifizierte Fans als Ziel von Werbung adressierbar.

    Die Bildquelle 

    Die Fan Fiction Foren und Websites erinnern an die Vielzahl der „Literarischen Salons“ im 18. und 19. Jhd. Unser Bild z dieser Folge zeigt daher …

    … den „Literarischen Salon der Madame Geoffrin„, ein Werk des Anicet Charles Gabriel Lemonnier(1743–1824). Lemonier war ein preisgekrönter Maler „rund um die Französische Revolution“. Von ihm heisst es:
    „Lemonnier wurde am 6. Juni 1743 in Rouen geboren. Er war Schüler von Jean-Baptiste Descamps an der Schule der Schönen Künste in Rouen, dann von Joseph-Marie Vien, wo er Jacques-Louis David und François-André Vincent als Klassenkameraden und Freunde hatte. Mit seinem gefälligen Äußeren, viel natürlichem Witz und ausgezeichneten Empfehlungen wurde er bald in die beste Gesellschaft der Hauptstadt aufgenommen, insbesondere in den Salon von Marie Thérèse Rodet Geoffrin, die Gefallen an ihm fand.“

    https://en.wikipedia.org/wiki/Anicet_Charles_Gabriel_Lemonnier

    Quelle

    Wir empfehlen den Artikel mit Bild in der Wikimedia. Denn das Bild dort zeigt beim „Mouse Over“ die Namen der Teilnehmenden im Salon Geoffrin. Ein „Who-is who“. https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Salon_de_Madame_Geoffrin.jpg

  • Echte Mogelpackungen – Parasoziale Beziehungen und Authentizität

    Echte Mogelpackungen – Parasoziale Beziehungen und Authentizität

    Im Jahr 1956 erschien ein Klassiker der Medienforschung, ein nur vierzehn Seiten umfassenes wissenschaftliches Essay, in dem die Donald Horton und Richard Wohl erstmals den Begriff der „parasozialen Beziehung“ bzw. „parasozialen Interaktion“ definieren und gebrauchen. Was sie darin an Gedanken und Überlegungen über die Qualität und die Funktion der Beziehungen eines Publikums zu bestimmten Medienfiguren anstellen, erscheint heute aktueller denn je.

    Tatsächlich hat es der moderne Mensch nicht mehr so einfach, was seine sozialen Beziehungen betrifft. Während man früher in einem sozialen Ökosystem mit Familie, Freunden, Sippschaft und vielleicht noch einer regionalen Gemeinschaft lebte, gesellen sich heute zahlreiche mehr oder weniger virtuelle Personen, Heldinnen und Helden und Medienfiguren aller Art hinzu. Horton und Wohn nennen diese „Personae“ (Singular: Persona). Beispiele für aktuell hoch gehandelte Personae wären Attila Hildmann, Jan Böhmermann, Anne Will oder auch Bibi (also, nicht die von „Bibi und Tina“, sondern die von dem Beauty Palace). Gemeinsam haben sie, dass wir sie (a) nur über die Medien vermittelt kennen, und trotzdem (b) von ihnen beeinflusst werden. Diese besondere Art von einseitiger Beziehung, bei der sich ein anonymes Publikum mit Protagonist/innen identifiziert, nennen die Autoren „parasozial“ und tatsächlich liest sich ihr Artikel über weite Strecken wie eine Vorwegnahme dessen, was uns heute in Gestalt von YouTuber/innen und Stars und Sternchen auf Instagram oder TikTok begegnet.

    In unserer Podcastfolge rollen wir die Thematik auf, berichten von Studien und modernen Strategien aus dem Marketing, denen zufolge Influencer/innen systematisch akquiriert, evaluiert und mit eigenen Markenwerten und -botschaften synchronisiert werden. Der entscheidende Hebel dabei ist: Authentizität! Nur wer echt erscheint, hat Erfolg. Nur wer anscheinend ungeplant und spontan agiert kann damit rechnen, intensive parasoziale Beziehungen an sich zu ziehen (anders gesagt: Vertrauen zu gewinnen, das sich dann monetarisieren lässt). Auch diese Idee ist von Horton und Wohl schon vorgedacht worden, wenn sie von planned informality sprechen, die für das Herstellen einer intimacy at a distance erforderlich sei. Wenn man sich mit der Thematik beschäftigt, stolpert man schnell über zwei verwandte Themen, die eigene Podcast-Episoden wert sind.

    Erstens sind wir vielleicht derzeit nur in einer Übergangsphase, in der echte Menschen immer noch die Voraussetzung dafür sind, dass parasoziale Beziehungen entstehen können. Eine zweite Klasse von Personae, die uns die Digitale Transformation beschert, sind nämlich KI-Avatare, denen wir uns in einer späteren Folge ausführlich widmen werden… Zweitens kommt zur Authentizität noch ein zweiter Schlüsselfaktor für enge parasoziale Beziehungen hinzu: Attraktivität. Je attraktiver eine Persona eingeschätzt wird, desto enger ist die entstehende Bindung. Allerdings ist Vorsicht geboten, denn Attraktivität und Authentizität sind nicht voneinander unabhängig. Aus diesem Grund mahnen die Strategen des Influencer-Marketings, es nicht zu übertreiben. Irgendwann gilt, dass die Dinge zu schön sind um wahr zu sein.

    Die Quellen und Lesetipps zur Episode

    Das Episodenbild

    Das „Theatre Magazine“ ist eine Publikation, die von der Jahrhundertwende bis in die 20er-30er Jahre in den USA erschien. Uns ist sie aufgefallen, weil auf dem Titel häufig gezeichnete und kolorierte Abbildungen von Personae der damaligen Schauspiel- und Theaterkultur abgebildet waren. Der Stil der Darstellung und der Ausdruck der Personen erinnern frappierend an die Anmutung der photogeshoppten Feeds der modernen Influencer/innen. Unser Episodenbild aus dem Jahr 1923 zeigt die US-amerikanische Schauspielerin Ruth Findlay (1896-1946). Und man wartet darauf, dass sie uns mit „Ihr Lieben…“ anspricht. Gezeichnet wurde sie von dem New Yorker Maler und Illustrator Hamilton King (1871-1952), der irgendwie auf weichgezeichnete Damenportraits spezialisiert war.

    URL: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Theatre_Magazine_April_1919_cover_-_Ruth_Findlay_by_Hamilton_King.jpg

  • Sie küssen und sie schlagen uns – vom operanten Konditionieren

    Sie küssen und sie schlagen uns – vom operanten Konditionieren

    (S1/E38) Ein alternativer Titel für diese Folge wäre „Zuckerbrot und Peitsche“ gewesen, es geht nämlich um wahrhaft wirkmächtige und grundlegende Dinge: Belohnung und Bestrafung. Auch wer die mitunter hilflosen erzieherischen Interventionen seiner Eltern schon lange hinter sich gelassen hat, wird vom Leben und von anderen Menschen immer weiter belohnt und bestraft. Da das Netz – wie wir nicht müde werden zu betonen – eben auch nichts anderes ist als das Leben, lösen wir natürlich auch dort an allen Ecken und Enden Belohnungen und Strafen aus, die unser Verhalten beeinflussen...

    Einen Fakt, der in unserer Folge eher am Rande wird erwähnt wird, möchten wir hier noch einmal herausstellen: Die Steuerung von Entscheidungen durch das Belohnen und Bestrafen ihrer Konsequenzen mutet zwar wie ein zutiefst primitiver und biologischer Vorgang an, das Prinzip wird jedoch auch sehr erfolgreich unter dem Begriff „Reinforcement Learning“ (dt. Verstärkungslernen) in Algorithmen der künstlichen Intelligenz implementiert. Ein Algorithmus, der Rückmeldungen darüber verarbeiten kann, ob seine im ersten Moment vielleicht nur zufälligen Entscheidungen erfolgreich waren oder nicht, und der aufgrund dieses Feedbacks seine Entscheidungen permanent neu anpassen kann, hat das Zeug, seinerseits ziemlich wirkmächtig zu werden.

    Noch ein Wort zum Küssen und Schlagen: „Sie küssten und sie schlugen ihn“ (der französische Titel lautete „Les Quadre Cents Coups“, also „Vierhundert Streiche“) ist der Titel eines Films des französischen Regisseurs François Truffaut aus dem Jahr 1959. Er erzählt darin vom Schicksal eines dreizehnjährigen Jungen, der beherzt mit dem Leben experimentiert und deshalb in ein Heim für schwer Erziehbare gerät. Der Film ist ein Klassiker des französischen Kinos und zugleich Gründungsfilm der „Nouvelle Vague“ (dt. neue Welle) des französischen Kinos. Wir haben uns die Formulierung für unseren Titel ausgeborgt, weil sie so wunderbar poetisch und zugleich drastisch klingt – Zuckerbrot und Peitsche mögen uns verzeihen.

    Quellen zum Beitrag:

    Video-Quellen: Tischtennis spielende Tauben und eine agile Maus:

    Die beiden youtube-Videos, die wir erwähnen, sind hier driekt anzuschauen:

    Tischtennis-Tauben bei der BF Skinner Foundation

    Die unglaublich dressierte Maus hier:

    Zum Episodenbild:

    Der Maler Georges Seurat (1859-1891) gehört zu den Großen der französischen modernen Malerei. Unser Episodenbild „Le Cirque“ war wohl eines seiner letzten Werke, gemalt 1891 und anscheinend – so liest man in entsprechenden Quellen – unvollendet. Seurat hatte sich auf ein spezielle Technik spezialisiert, die wundervoll zu unseren Geschichten hinter den Pixeln passt: Er malte seine Bilder aus kleinen Farbpunkten, die dann aus der Distanz und im der gesamten Ansicht verschmelzen und dem/r Betrachter/in einen wundervoll schwerelosen, luftigen Eindruck vermitteln. „Pointillismus“ wird diese Technik genannt und sie setzte sehr viel Erfahrung und Wissen über Farben und additive und subtraktive Farbmischung voraus. Das Episodenbild zeigt einen Ort, der auch in unserer Episode eine Rolle spielt, nämlich einen Zirkus. Da sich alle Formen der klassischen Dressur eben auf den Prinzipien der operanten Konditionierung aufbauen, schien uns das Bild-Motiv sehr passend – und allemal schön.

    Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Georges_Seurat_019.jpg

  • Auf den Hund gekommen: klassisches Konditionieren

    Auf den Hund gekommen: klassisches Konditionieren

    (S1/E36) Das Assoziieren von emotionalen Reaktionen und Bedeutungen mit neutralen Gegenständen oder Inhalten ist ein Lebensvorgang wie das Atmen oder Verdauen. Das Thema dieser Folge ist also in dieser Hinsicht ein Klassiker: Wir können bestimmten Dingen oder Inhalten durch das Koppeln mit schon etablierten Gefühle auslösenden Dingen die Macht verleihen, diese nun ihrerseits selbst auszulösen. Dieser Vorgang wird als klassische Konditionierung bezeichnet. Wieder einmal gilt, dass dieses Prinzip eigentlich seit Jahrhunderten bekannt sein dürfte, doch die Wissenschaft hat es erst im frühen 20. Jahrhundert entdeckt und systematisch erforscht. Die Werbepsychologie kennt es seit langem und auch im Web und in sozialen Medien ist es allgegenwärtig.

    Drei Facetten des Themas nehmen wir uns vor: Die erste betrifft die historische Entdeckung und wissenschaftliche Beschreibung des Vorgangs, bei dem ein neutraler Reiz durch wiederholte Kombination mit einer reflexauslösenden Situation die Fähigkeit erwirbt, selbst zum Auslöser zu werden. Erstmals beschrieb dieses Phänomen Iwan Petrovitch Pavlow, ein russischer Arzt und Physiologe (und Nobelpreisträger 1902). Knapp 20 Jahr später beobachtete auf der anderen Seite des Atlantiks der Psychologe John Watson was geschieht, wenn ein man ein Kleinstkind in dem Moment erschreckt, wo es beispielsweise ein kleines Tier sieht. Es bekommt Angst vor dem Tier und auch hier haben wir es mit einer klassischen Konditionierung zu tun.

    Eine Studie von Gerald Gorn aus dem Jahr 1982 gilt als Paradebeispiel der Nutzung dieses Prinzips in der Werbung und ist unser zweites Beispiel. Wer sich das vorstellen will, kann vielleicht einmal bei einem Film den Ton abdrehen – um dann zu beobachten, wie die emotionale Tiefe des Geschehens unmittelbar verflacht. Mit Musik kann man alle möglichen Dinge emotional einfärben und genau dieses Prinzip – das dem einer klassischen Konditionierung entspricht – interessierte Gorn. Und er konnte beobachten, dass Menschen, die dem ausgesetzt sind, sich u.U. überhaupt nicht darüber im Klaren sind, dass sie beeinflusst werden.

    Celebrities sind ebenfalls Objekte, die – wie man es so schön formuliert – „emotional besetzt“ sind. Und die Autoren unseres 4. Studien-Beispiels untersuchten genau deren Wirkung auf die „Brand Attitude“. Nach 5 Darbietungen eines Fake-Produkts mit Jennifer Aniston war die Einstellung der Proband/innen zu diesem Produkt merklich (um 8%) positiver und diese Wirkung war auch nach 2 Wochen noch nachweisbar. Für uns, die wir uns für die Geschichten hinter den Pixeln interessieren, ist hier natürlich der naheliegende Transfer ins Influencer-Marketing relevant.

    Den Abschluss bildet ein raffiniertes Experiment, in dem mit extrem kurzen Darbietungszeiten Bildmaterial aus Facebook verwendet wurde, um sehr schnelle reflexartige Reaktionen der Proband/innen erfassen zu können. Auch hier war sich niemand dieser Prozesse bewusst und es zeigte sich, dass vor allem Intensiv-Nutzer/innen und suchtgefährdete Personen zu emotionalen Reflexen auf Facebook-Symbole neigten.

    Die Quellen zur Podcast-Folge

    Zum Episodenbild

    Klassisches Konditionieren ist nach unserem Wissen niemals der Gegenstand einer künstlerischen Darstellung gewesen. Also haben wir uns dafür entschieden, den namenlosen Haupt-Protagonisten der (übrigens durchaus grausamen) Konditionierungsexperimente von Pavlow ein Denkmal zu setzen. Bilder von Hunden gibt es nun reichlich, meist in den Varianten dekadenter Schoßhund oder edles Windspiel. 1801 malte der belgische Maler Henri Van Assche ein wahrscheinlich von einem liebenden Herrchen oder Frauchen beauftragtes Hundeportrait, dem wir wegen des virtuos beobachteten und gemalten herzzerreißenden Hundeblicks nicht widerstehen konnten.

    Bildquelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Portrait_of_a_dog,_seated_on_a_red_cushion,_by_Henri_van_Assche,_1801.jpg

  • Influencer*innen: echte oder falsche Freunde…?

    Influencer*innen: echte oder falsche Freunde…?

    (S1/E28) Was haben ein Fußballer, zwei schwäbische Zwillinge und eine siebenköpfige Familie aus Utah gemeinsam? Richtig: gar nichts – auf den ersten Blick. Löst man unsere Rätselfiguren aber in passende Namen auf, wird die Sache schnell klar: Toni Kroos, Lisa und Lena und Familie Butler aus Utah sind allesamt Influencer/innen und um diese spezielle Spezies, die ihre Entstehung natürlich dem Internet und der Digitalisierung verdankt, kümmern wir uns in unserer 28. Folge.

    Und es wir höchste Zeit, denn unter den vielen digitalen Erscheinungen, die unser Leben und vor allem das Leben der jüngeren Menschen in unserer Kultur bestimmen, gehört das Phänomen der Influencer/innen sicherlich – Achtung, Wortspiel! – zu den einflussreichsten. Dabei begegnet uns Toni Kroos als erste Variante von Influencing: Star- oder Celebrity-Influencer, sind Personen, die mehr als „influencen“. Sie werden zuerst und auch außerhalb der sozialen Medien zum Vorbild, zur Identifikationsfigur und nutzen diesen Status dann zum Aufbau einer – übrigens im Fall von Herrn Kroos mit einer Reichweite von 30 Millionen Follower/innen nicht eben kleinen – digitalen Community.

    Lisa und Lena Mantler haben als „lisaandlena“ auf Instagram „nur“ 16,5 Millionen Follower – aber immerhin mehr als Bündnis 90 / Die Grünen in der Bundestagswahl 2021 an Wähler/innen-Stimmen gewinnen konnten. Womit? Nun, das ist für Menschen unseres Alters – wir gestehen es offen – nicht leicht nachzuvollziehen. Popsongs mit sorgfältig einstudierten Tanzeinlagen und lippensynchronen Mundbewegungen zu begleiten, Selfies in verschiedenen idyllischen und interessanten Orten zu schießen, mit dem Hund Spazierengehen, verschiedene Outfits anzuziehen, sich Frisieren, eben mal rasch über das Leben nachdenken… Überträgt man dem alten Mediziner/innen-Grundsatz „Wer heilt, hat Recht“, dann haben Lisa und Lena Recht, sprich: Erfolg.

    Und Familie Butler? Die gewinnt die Herzen ihrer 4,5 Millionen Follower auf YouTube, indem sie kurzerhand ihr ganzes Familienleben in astreinen „Content“ verwandeln oder umsetzen. Mutti, Vati und fünf Kinder verreisen und haben Geburtstage und spielen sich lustige Streiche und gehen ins Schwimmbad und Gassi mit dem Hund und wenn sich das anzuschauen nicht lohnt, wenn das zu sehen keine Lebenszeit wert ist, dann wissen wir auch nicht…

    In unserer Influencer/innen-Folge werden wir noch mehr Exemplare dieser Spezies besichtigen und darüber nachdenken, wie all das funktioniert und was es für uns bedeutet.

    Quellen zum Beitrag

    • Derek Muller klärt auf seinem YT Kanal „veritasium“ über ständig optimierte Algorithmen auf YouTube auf.
      Sein Video darüber geht viral und wird über 4,6 Mio. mal angesehen (Stand 10.1.2022).
      https://youtu.be/fHsa9DqmId8

    Zum Episodenbild

    Beim Episodenbild war diesmal nicht lange zu grübeln: Natürlich ist das Trojanische Pferd die beste Allegorie, das beste „Meme“, um das Prinzip des digitalen „Influencing“, also die Injektion von Werbung und Propaganda in eine scheinbar authentische Beziehung, darzustellen. Und schon damals gab es einige Trojaner, die das Ding einfach die Klippen hinunterstürzen wollten. Kluge Leute…

    Die hier zu sehende Variante des Trojanischen Pferdes wurde von Henri Motte 1874 in Öl gemalt. 

    Bildquelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Henri-Paul_Motte_-_Le_Cheval_de_Troie.jpg