Kategorie: Hirnforschung

  • Zum TikTok! Supernormale Attrappen

    Zum TikTok! Supernormale Attrappen

    Das Thema „Supernormalität“ ist ja eher speziell, man findet vergleichsweise wenig Literatur, insbesondere hat sich die Erkenntnis einer Verknüpfung dieses bizarren Phänomens mit dem Verhalten von Nutzer/innen in sozialen Medien – noch – nicht so richtig durchgesetzt. Wir möchten das ändern, denn bei genauem Hinsehen stellen wir fest, dass viele Phänomene – also sehr viele – im Kontext der Digitalen Transformation „supernormal“ sind.

    …und Supernormalität ist ein alt-ehrwürdiges Konzept aus der Verhaltensbiologie, das uns aber speziell dabei helfen kann zu verstehen, warum Fake News, Social Media und KI-Inhalte oft eine größere Anziehungskraft haben als die nüchterne Realität. Denn wie Stichlinge, die übertriebene rote Attrappen für die echtesten aller Rivalen halten, oder Meiseneltern, die ein Kuckucksküken als den einzig wahren Nachwuchs füttern, reagieren auch wir Menschen auf übersteigerte Reize, die uns in ihren Bann ziehen und unsere Aufmerksamkeit binden – schöner, besser, magnetischer als alles, was die Natur zu bieten hat.

    Und die Plattform-Betreiber, Clickbait-Hersteller, KI-Anbieter und Content-Creator (und die entsprechenden -innen) versuchen ausnahmslos und mit allen Mitteln unsere Reptilien-Aufmerksamkeit, deren abgründigen Vorlieben wir nicht entkommen können, mit immer neuen und doch immer den gleichen unwiderstehlichen Inhalten einzufangen – zu ihrem Nutzen und unser aller Schaden. Und so sitzt der Homo Sapiens am Beginn des dritten Jahrtausends Stunde um Stunde an den Bildschirmen und sein hypnotisiertes Gehirn konsumiert den endlosen und größtenteils nutzlosen Informationsmüll wie leckere, knusprige, fettige und zu stark gewürzte Kartoffelchips – mit dem Unterschied, dass uns hiervon zum Glück irgendwann schlecht wird…

    Quellen zum Thema Supernormalität

    Um gute und relevante Quellen und Diskussionsbeiträge zum Thema Supernormalität zu finden, muss man länger arbeiten. Aber es lohnt sich.

    Die folgenden Artikel empfehlen wir für eine fokussierte Lektüre:

    • Die umfangreichste Publikation zum Thema stammt von Deidre Barrett und ist absolut lesenswert:
      Barrett, D. (2010). Supernormal stimuli: How primal urges overran their evolutionary purpose. WW Norton & Company.
    • Sehr dringend empfehlen wir den im Podcast erwähnten Beitrag, der im Kontext der Uni Stanford veröffentlicht wurde. Es gibt dort eine Konferenz, die sich im Sinn von Technikfolgen-Abschätzung mit Effekten der digitalen Transformation beschäftigt. Speziell dieser Beitrag ist lesenswert:
      Luxton, D. & Watson, E. (2023) Psychological and Psychosocial Consequences of Super Disruptive A.I.: Public Health Implications and Recommendations. In D. Zimmer, T. A. Undheim, P. N. Edwards (Hrsg.) Intersections, Reinforcements, Cascades. Proceedings of the 2023 Stanford Existential Risks Conference. The Center for International Security and Cooperation, The Freeman Spogli Institute, Stanford University.
      https://drive.google.com/file/d/1IYjs1hLMsonLR-DnRWZkrT-IHanxGkMC/view
    • Ebenfalls lesenswert ist ein Artikel von Adrian Ward:
      Adrian F. Ward (2013) Supernormal: How the Internet Is Changing Our Memories and Our Minds, Psychological Inquiry, 24: 341–348.
      https://doi.org/10.1080/1047840X.2013.850148
    • In der englischsprachigen Ausgabe von „Pschologie Heute“ gibt es einen schönen Beitrag zu Supernormalität.
      https://www.psychologytoday.com/us/blog/cutting-edge-leadership/202103/why-we-are-attracted-to-supernormal-stimuli?utm_source=chatgpt.com

    Die Sucht nach supernormalen Lebensmitteln

    Junk-Food als supernormale Droge wird in diesen Artikeln des Time-Magazine behandelt:

    Käfer kopulieren mit Bierflaschen

    Die Geschichte von den bedauernswerten australischen Käfern, die von Bierflaschen genarrt werden, findet man in dieser Original-Publikation:

    Fun-Fact am Rand: Die Arbeit von Gwynne und Rentz hat später (im Jahr 2011) den „Ig-Nobelpreis“ gewonnen, das ist eine Art Anti-Nobelpreis, mit dem Beiträge ausgezeichnet werden, die Menschen zuerst lachen und dann nachdenken lassen „…to honor achievements that first make people laugh, and then make them think.“ Mehr hierzu findet man unter dieser URL: https://improbable.com

    Die Auswirkungen von Pornographie

    Das ist ein wichtiges und entsprechend auch viel untersuchtes Thema, das – nebenbei bemerkt – mindestens eine Folge von achwasfm.janlucash.com/ wert wäre.

    • Einen sehr umfassenden Überblick über die letzten 20 Jahre Forschung zu diesem Thema finden interessierte Hörer/innen in dieser Arbeit:

      Peter, J., & Valkenburg, P. M. (2016). Adolescents and pornography: A review of 20 years of research. The Journal of Sex Research, 53(4–5), 509–531
      https://www.tandfonline.com/doi/pdf/10.1080/00224499.2016.1143441
    • Diese aktuellere Studie untersuchte eine Gruppe von Jugendlichen, die sich selbst als betroffen einschätzten und Hilfe für ihren problematischen Pornografiekonsum suchten. Typische Symptome des problematischen Konsums (z. B. Kontrollverlust) und zeigt, welche sozialen, psychischen oder Motivationsfaktoren damit einhergehen.

      Jiang, X., Wu, Y., Zhang, K., Bőthe, B., Hong, Y., & Chen, L. (2022). Symptoms of problematic pornography use among help-seeking adolescents. Journal of Behavioral Addictions, 11(3), 912–927.
      https://akjournals.com/view/journals/2006/11/3/article-p912.pdf
    • Und dann war da noch als Hörtipp: „Ach komm„, der Sexologie-Podcast der dänischen Sexualwissenschaftlerin Ann-Marlene Hennig. Zitat: „…im Gespräch mit Caro Burchardt, Teamleitung im RND-Ressort Magazin, greift Henning die drängendsten Fragen auf und scheut auch vor frechen Antworten nicht zurück.“ Wir empfehlen ihn hier wegen der Hintergründe zu Pornographie als supernormalem Phänomen.
      https://www.podcast.de/podcast/2637726/ach-komm-der-podcast-fuer-koerper-seele-herz-und-sex

    Der geheimnisvolle „Peak Shift“ beim Lernen von Tieren und Menschen

    „Peak Shift“ ist dieses eigenartige, aber überaus folgenreiche Phänomen, dass Tiere bei Experimenten, in denen sie zwischen belohnten und unbelohnten Reizen zu unterscheiden lernen, automatisch eine Präferenz für „Übertreibungen“ ausbilden.

    • Die ersten Peak Shift Experimente von Hanson, erschienen in dem überaus ehrwürdigen Journal of Experimental Psychology:
      Hanson, H. M. (1959). Effects of discrimination training on stimulus generalization. Journal of experimental psychology, 58(5), 321.
      https://doi.org/10.1037/h0042606
    • Und dies ist der Nachweis eines Peak Shift Phänomens beim Menschen in der im Podcast ausführlicher erklärten Form. Beim Menschen gilt: Wenn man intuitiv reagiert, tritt ein Peak Shift auf. Hat man allerdings die Sache mit dem Verstand erfasst, kennte man eine Regel, die man anwenden kann – tritt also das Bewußtsein mit auf – verschwindet der Peak Shift.
      Lee, J. C., & Livesey, E. J. (2018). Rule-based generalization and peak shift in the presence of simple relational rules. Plos one, 13(9), e0203805.
      https://journals.plos.org/plosone/article/file?id=10.1371/journal.pone.0203805&type=printable
    • Das abschließend erklärte Experiment, in dem die Bedeutung von Impulsivität für das Auftreten eines Peak Shift UND die Bevorzugung supernormaler Reize untersucht wurde:
      Goodwin, B. C., Browne, M., Rockloff, M., & Loxton, N. J. (2016). Rash impulsivity predicts lower anticipated pleasure response and a preference for the supernormal. Personality and Individual Differences, 94, 206-210.
      https://research-repository.griffith.edu.au/bitstreams/2d85a041-ee90-4c29-887c-e487d00a1d13/download

    Kinder und Tablets

    Hier könnte man viele Studien zitieren:

    • Bereits im Jahr 2006 hat man mit Computerspielen zur Beruhigung von Kindern experimentiert – man könnte wetten, dass unter den Autoren Väter oder Mütter sind, die die magische supernormale Wirkung der Geräte beobachtet haben.
      Patel, A., Schieble, T., Davidson, M., Tran, M. C. J., Schoenberg, C., Delphin, E., & Bennett, H. (2006). Distraction with a hand-held video game reduces pediatric preoperative anxiety. Anesthesia & Analgesia, 103(1), 138–142.
      https://doi.org/10.1111/j.1460-9592.2006.01914.x
    • Dies ist eine akruelle Studie zur Wirkung der Nutzung von Tablet-Computern für die Beruhigung von Kindern im Alltag auf veschiedene Variablen der psycho-emotionalen und sozialen Entwicklung. Man könnte es kurz sagen: Wenn Sie Kinder haben, lassen Sie es sein!

      Radesky, J. S., Kaciroti, N., Weeks, H. M., Schaller, A., & Miller, A. L. (2023). Longitudinal associations between use of mobile devices for calming and emotional reactivity and executive functioning in children aged 3 to 5 years. JAMA pediatrics, 177(1), 62-70.
      https://jamanetwork.com/journals/jamapediatrics/fullarticle/2799042

    Stereoptype von bildgenerierenden KI-Systemen

    Wir äußern im Podcast den Verdacht, dass KI-Systeme äußerst effektive Generatoren für supernormale Situationen sind. Mit unendlicher Geduld, unendlichen Inhalten und schöner, besser, magnetischer, geiler als alles, was die Natur zu bieten hat. Untersucht wurde dieses Phänomen im Rahmen eines studentischen Projekts.

    Die Quelle: Kienzle, C. Vollmer, D., Möldner, M., Breisch, L. & Horvat, L. (2025) KI im Klischeemodus? Eine Analyse demographischer Repräsentation in Berufsbildern. Bericht zum Abschlussprojekt im Schwerpunkt Data Science, Studiengang Onlinemedien, DHBW Mosbach.

    Die Prompts für das folgende Video lauteten folgendermaßen:

    • Erstelle mir ein fotorealistisches Portrait eines Mannes. Du kannst Haarfarbe, Bart, Hautfarbe und Hintergrund frei wählen.
    • Erstelle mir ein fotorealistisches Portrait eines sehr männlich aussehenden Mannes. Du kannst Haarfarbe, Bart, Hautfarbe und Hintergrund frei wählen.
    • Gestalte das Bild noch deutlich männlicher.
    • …noch deutlich männlicher.
    • …

    Analog für die weibliche Person:

    zum Epsodenbild

    Hier im Blog

    Die weltberühmte „Venus von Willendorf“ ist eines der allerfrühesten Kunstwerke, die uns aus dem Neolithikum (also der Steinzeit) erhalten geblieben sind. Sie ist mit einem Alter von 20.000 Jahren ein Erzeugnis von Menschen, die in der letzten Eiszeit in Willendorf an der Donau lebten.

    Und sie ist ziemlich supernormal.

    https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Venus_von_Willendorf,_copy-8.jpg

    für den Podcast

    Für die Podcast-Episode haben wir ein anderes Bild verwendet, da wir fürchten mussten, dass die nackte ältere Dame von dümmlichen Algorithmen zensiert wird. Hier haben wir eine supernormale Szenerie von einem klassischen englischen Illustrator gewählt, der auf Vogelzeichnungen spezialisiert war. Sein Name war William Hayes, er lebte 1729-1799 in Southall (Middlesex) und hatte 21 Kinder – also immerhin auch etwas supernormal, fanden wir. Natürlich waren Kuckucksvögel schon im 18. Jahrhundert erfolgreiche Attrappen für harmlose Singvögel. Hier noch einmal sein Bild in der unbearbeiteten Form, in der es auf Wikimedia Commons zu finden ist:

    https://commons.wikimedia.org/wiki/File:A_pied_wagtail_feeding_a_worm_to_a_young_cuckoo._Etching_by_Wellcome_V0022207.jpg


  • Wie Reichweite zum Fluch wird – Ultraviralität

    Wie Reichweite zum Fluch wird – Ultraviralität

    S3 E06 Wir sollten uns klar machen, dass die gigantischen Abrufzahlen, die man in Plattformen wie YouTube oder TikTok findet, immer in einer speziellen Währung bezahlt werden: „investierte menschliche Lebenszeit“.

    Spätestens dann, wenn man es mit Millionen von Abrufen zu tun bekommt, handelt es sich bei dem in Frage stehenden Vorgang also nicht mehr um gewöhnliche menschliche Kommunikation, sondern um das Verbrennen astronomischer Mengen von Lebenszeit (letztlich zu Gunsten von Oligarchen und Aktiengesellschaften).
    Überhaupt lesen sich viele Wörter, wenn es um Reichweiten im Web geht, etwas …speziell. Dass die Abertausenden von Menschen, die auf sozialen Medien um uns herumschwirren, nicht wirklich unsere „Freunde“ sein können, hat sich vielleicht schon herumgesprochen. Trotzdem können wir Mark Zuckerberg diesen listigen linguistischen Angriff, der suggerieren sollte, wir seien auf Facebook „unter uns“ nicht verzeihen.

    Aber Toni Kroos hat auch keine 49 Millionen „Follower“ (das würde ihn sowohl auf der Autobahn als auch beim Einkaufen ziemlich beunruhigen). Es gibt auch nichts, was Christiano Ronaldo mit 650 Millionen Personen „teilen“ könnte. Wenn man bedenkt, dass „Teilen“ bedeutet, dass man den zu teilenden Gegenstand aufteilt, bliebe buchstäblich nichts mehr übrig.

    Wir schlagen vor, dass man vielleicht von "Ultraviralität" sprechen sollte, wenn die Reichweiten das natürliche menschliche Maß übersteigen, wenn es also – wieder einmal – "supernormal" zugeht. Wir meinen damit nicht etwa wichtige Informationen, die viele Menschen angehen , sondern den Mumpitz, der durch die Algorithmen sozialer Medien in totale Aufreger und "Trending Topics" verwandelt und in astronomischem Maßstab multipliziert wird. Den Hintergründen für Ultraviralität gehen wir in dieser Folge von achwasfm.janlucash.com/ nach und bedienen uns dabei einer höchst ehrbaren wissenschaftlichen Ideenwelt aus der Systemtheorie und Kybernetik.

    Quellen zur Folge

    • Einer DER Klassiker über Kybernetik, in dem alle von uns verwendeten Ideen dargestellt und sehr viel breiter und tiefer erklärt und entwicklt werden, stammt aus dem Jahr 1956. Und man sollte nun nicht denken, das sei „nicht mehr aktuell“. Das Buch wurde wurde von Ashby, W. Ross geschrieben. Titel: Introduction to Cybernetics. Erschienen ist das Buch in London bei Chapman and Hall und hier kann man es komplett downloaden:
      https://philpapers.org/archive/ASHAIT

    Unsere Fallstudien sus der Kategorie „ungeplant viral“

    Justine Sacco

    Der Fall der PR Managerin, die bei der Landung nach einem längeren Flug von einem gigantischen Firestorm erwischt wurde, ist – nach unserer Recherche – am besten in einem Beitrag des „Guardian“ nachzuvollziehen. Der Artikel ist auch deshalb interessant, weil sein Autor, der Partei für Justine Sacco ergriffen und das Absurde des Vorgangs kritisch kommentiert, selbst in einem Firestorm zweiter Ordnung attackiert wurde.
    https://www.theguardian.com/media/2015/dec/20/social-media-twitter-online-shame

    Das „Star Wars Kid“ Ghyslain Raza

    Der ahnungslose Teenager, der sich vor der Kamera eines Freundes als Yedi-Ritter produzierte und dann unfreiwillig zu einem Millionen-Klick-Weltstar avancierte, kann hier (in einer späteren Kopie mit „nur“ 38 Millionen Aufrufen) in Augenschein genommen werden:

    In dem kanadischen Dokumentarfilm „The Shadow of the Star Wars Kid“ aus dem Jahr 2022 wird von Ghyslains Schicksal erzählt. Der Film berichtet auch über Ghyzlains späteren Lebensweg. Er ist z.B. auf AppleTV oder AmazonPrime zu sehen, wir verlinken hier der Netralität halber auf die Wikipedia-Seite:
    https://en.wikipedia.org/wiki/Star_Wars_Kid:_The_Rise_of_the_Digital_Shadows

    „Charley Bit My Finger“

    hier ist das extrem nervenaufreibende Video von Harry und Charly, in dessen Betrachtung mehr als 800 Millionen Menschen zwei Minuten Lebenszeit investiert haben

    BBC Dad

    Dies ist das in unserer Episode erwähnte BBC-TV-Interview mit dem durch seine eigenen Kinder unfreiwillig überfallenen Politik-Experten. Seit 2017 haben 62 Millionen Menschen das Video gesehen.

    The Dress

    Über „The Dress“ gibt es dutzende von Artikeln und Videos, ein guter Ausgangspunkt ist der englischsprachige Wikipedia-Eintrag zum Thema https://en.wikipedia.org/wiki/The_dress. Wir zitieren hier außerdem ein Erklärvideo, das es alleine schon auf schlappe 10 Millionen Klicks gebracht hat:

    Und übrigens: es gibt da noch eine makabre Fortsetzung der Geschichte. Wir verlinken hierzu einen Beitrag zu der Anklage an den Bräutigam dessen Schwiegermutter das Kleid fotografiert hatte (wegen versuchten Mordes an seiner Frau):

    https://www.rnd.de/panorama/the-dress-debatte-urheber-wegen-versuchten-mordes-an-ehefrau-angeklagt-OSUPEEQMWNEPTC46SEKQ7U6URU.html

    zum Episodenbild

    Der Krieg gegen die „Vier Plagen“, der China Anfang der 50er Jahre in eine gigantische Hungersnot gestürzt hat, ist nicht nur beispielhaft für kompletten Unsinn, der durch Entscheider verursacht werden kann. Er zeigt auch, wie schon relativ einfache Systeme in der Natur durch unbedachte Eingriffe und falsches Justieren von Soll-Werten in ein tödliches Ungleichgewicht gebracht werden können.

    https://de.wikipedia.org/wiki/Ausrottung_der_vier_Plagen#/media/Datei:Kill_bird_and_insect.jpg

  • Der Orientierungsreflex – mehr über Aufmerksamkeit

    Der Orientierungsreflex – mehr über Aufmerksamkeit

    (S02/E35) Ich arbeite gerade konzentriert an dieser wichtigen Recherche zu meiner Vorlesung als ein leiser Ton mich auf mein Smartphone aufmerksam macht das da auf dem Tisch liegt der Bildschirm leuchtet auf ich gucke natürlich nach was könnte das sein eine Mail-Notification! ich öffne und lese zu meinem Mobilfunkvertrag gibt es jetzt neue Konditionen ich kann mir fette Rabatte sichern wenn ich schnell genug reagiere ich klicke natürlich auf den Link der Browser öffnet sich… Zack mit dem Sonderangebot kann ich zwar nichts anfangen aber Moment…da am Seitenanfang eine Meldung aus dem News-Gedärm Tronald Dump wird endlich angeklagt wird er noch kandidieren können das will ich jetzt aber wissen ich lese atemlos da huscht diese Anzeige der digitalen Spiegelreflex an mir vorbei für die ich mich vorgestern interessiert habe ich erinnere mich mein Gott das wollte ich doch noch machen Preise vergleichen und so natürlich das könnte ich jetzt gleich erledigen also auf in den Shop im Stillen tadele ich mich dafür dass ich immer wieder Dinge unerledigt oder halbfertig liegen lasse nun ja die Kameras sind ziemlich happig …aber Moment da zuckt doch dieses rote Icon rechts oben ist da etwas im Warenkorb natürlich das hatte ich vergessen das Geburtstagsgeschenk für meine Älteste dieser schicke Rucksack… den hatte ich ja in den Warenkorb gelegt aber aus irgend einem Grund nicht gekauft könnte ich rasch erledigen das Shop-System macht mich mit einem freundlichen aber bestimmten Popup darauf aufmerksam dass meine Zahlungsinformationen nicht mehr aktuell sind stimmt ja meine Kreditkarte ist abgelaufen wo ist nur die Neue …und so weiter, und so weiter, und so weiter. Eine Stunde später habe ich…

    • meine Recherche nicht beendet,
    • keine Schnäppchen ergattert,
    • Tronald Dumps Schicksal nicht verstanden,
    • keine Spiegelreflexkameras verglichen,
    • kein Geburtstagsgeschenk gekauft,
    • keine Zahlungsinformation erneuert
    • und noch ein Dutzend andere Ziele nicht erreicht.

    Wir alle kennen diese oder ähnliche Erfahrungen und wir können unseren Hörerinnen und Hörern versichern: Es liegt nicht an Ihnen, nicht an Euch, nicht an uns! Es sind fest verdrahtete Reflexbögen in unserem Gehirn, die immer wieder dafür sorgen, dass Alarm ausgelöst, das Handeln unterbrochen und die nächste verlockende Absicht in Angriff genommen wird. „Orientierungsreflex“ nennt man diese automatisch angetriggerte Alarmreaktion, die immer auftritt, wenn es etwas Neues und / oder Relevantes zu sehen oder zu hören gibt. Und, seien wir ehrlich: gibt es das nicht permanent?

    Was bedeutet das? In einer Welt, die mit Störern gespickt ist, erreichen wir unsere Ziele nicht – oder nur langsamer oder unvollständiger. Die Folge ist nicht nur eine desolate Verhaltenssteuerung, sondern auch: schlechte Laune. Genau diese Zusammenhänge interessieren uns und es gibt Hinweise auf eine zusätzliche toxische Komponente, nämlich Mindwandering (das könnte man übersetzen als Gedankenwandern). Das sind alle die für unser aktuelles Handeln eigentlich irrelevanten Gedanken, die uns zwischendrin und im Anschluss an ungebetene und unkontrollierte Störungen immer wieder beschäftigen. Die Studie, über die wir im zweiten Teil der aktuellen Episode unseres Podcasts sprechen, weist also – wieder einmal – etwas Offensichtliches nach: Unterbrechungen machen Menschen unglücklich.

    Quellen zur Episode:

    Das Bild zur Episode

    Es mag eigenartig klingen, aber ein Stierkampf ist tatsächlich eine gute Analogie zu dem, was unsere Aufmerksamkeit im Web geschieht. Während das bedauernswerte Tier einerseits versucht, ein bestimmtes Ziel – das rote Tuch – festzunageln, wird es andererseits sofort abgelenkt, wenn es richtig brenzlich wird. „Banderillieros“ nennt man die Leute, die das mit dem Ablenken in der Arena übernehmen, mit HIlfe so genannter Banderillas – farbige Stäbe mit eiserner Spitze, die sie dem Stier in den Nacken pieksen. Eine ganze „Guadrilla“ von Helfern ist versammelt, um das Tier von seinem eigentlichen Gegner abzulenken und im Bedarfsfall helfend einzugreifen. Die Kräfteverhältnisse sind eindeutig und so erscheint es uns auch mitunter, wenn es um die Verteidigung unserer Aufmerksamkeit gegen Übergriffe von Anzeigen, Lock-Angeboten, Fake News, SPAM und irrelevanten Sensationen geht. Das Bild ist von Èdouard Manet (1832-1883) und wurde 1865 gemalt. Manet war von Stierkämpfen fasziniert und hielt ganz unterschiedliche Szenen, die er in der Arena beobachtet hatte, mit dem Pinsel fest.

    Bildquelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:%C3%89douard_Manet_-Combat_de_taureau(Mus%C3%A9e_d%27Orsay).jpeg

  • Festhalten und Loslassen – über Aufmerksamkeit

    Festhalten und Loslassen – über Aufmerksamkeit

    Aufmerksamkeit , das ergibt natürlich genug Stoff für mindestens einen Zweiteiler oder gar eine Miniserie. Wir lassen uns überraschen, was daraus wird. Hier und jetzt geht es um unsere Eröffnungs-Episode zum Thema.

    …und was meinen wir mit „Festhalten und Loslassen? Nun, jeder lebende Organismus vom Bakterium bis zum Rhinozeros hat zwei widersprüchliche Aufgaben, die er lösen muss.

    (a) Er muss ein Mindestmaß an Stabilität aufrechterhalten, sowohl in seinen inneren Strukturen als auch in der Auseinandersetzung mit der Umwelt. Fehlt diese Stabilität, kommt es in weitestem Sinn zu „Wucherungen“. Dinge geraten aus den Fugen und verändern sich zu schnell. Auch um sich geordnet verhalten zu können, brauchen wir Stabilität – im Erinnern einer aktuellen Absicht genauso wie im Ablauf einer Handlung.

    (b) Das Gegenteil ist merkwürdigerweise genauso richtig. Ohne Flexibilität geht es nämlich auch nicht. Situationen weichen voneinander ab, die Erfordernisse der Umwelt ändern sich permanent, also? Wir müssen reagieren und unsere Gedanken und Pläne und Handlungen jederzeit an die veränderten Bedingungen anpassen. Das bedeutet zugleich: Wir müssen jederzeit loslassen können.

    Reichlich abstrakte Gedanken für einen harmlosen Podcast zur Digitalen Transformation, oder? Aber es scheint abstrakter als es ist. Die Dualität von Stabilität und Flexibilität, Festhalten und Loslassen gilt genauso für Gesellschaften und Kulturen. Wenn sich Werte und Regeln zu schnell ändern, läuft eine Gesellschaft in die Instabilität, geht es zu langsam, wird sie erstarren – auch eine prima Strategie, zugrunde zu gehen.

    Hat man einmal damit angefangen hat, kann man kaum damit aufhören: Stöbern in einem Shop, die Netflix-Startseite, Bezahlen bei Amazon, Usability-Testings, Suchen und Lesen, Notifications… Man kann gerade die Vorgänge in der Welt der Digitalen Transformation so betrachten, dass sie durch Stabilität und Flexibilität bestimmt werden.

    Quellen zum Thema

    • Der Beitrag aus dem Time Magazine, in dem wir zu unserer Verblüffung erfahren, dass wir in Sachen Aufmerksamkeit von Goldfischen geschlagen werden.
      https://time.com/3858309/attention-spans-goldfish/
    • Und der dazu gehörende Faktencheck der BBC mit dem vielsagenden Titel „Busting the Attention Span Myth“:
      https://www.bbc.com/news/health-38896790
    • Neil Bradbury hat einen knappen und sehr überzeugenden Beitrag über die immerhin auf 10-15 Minuten geschätzte Aufmerksamkeitsspanne von Studierenden verfaßt: https://journals.physiology.org/doi/pdf/10.1152/advan.00109.2016?
    • Das Online-Lexikon für Psychologie und Pädagogik von Hubert Stangl ist eine gute Referenz, um besser zu verstehen, was es mit der Aufmerksamkeitsspanne eigentlich auf sich hat. Und der/die geneigter Leser/in kann dem Artikel entnehmen, dass die im Blog erwähte Goldfisch-Performance von 9 Sekunden dann doch ziemlich zuverlässig überboten wird – schon von 5-7jährigen Kindern:
      https://lexikon.stangl.eu/6553/konzentrationsspanne
    • Das YouTube-Video mit dem Gorilla-Test zur fokussierten Aufmerksamkeit ist hier zu finden:
      https://www.youtube.com/watch?v=vJG698U2Mvo
    • Wie erforschte man in den Neurowissenschaften so etwa wie Ganglienzellen auf der Retina? Hier ein Vorschlag für einen klassischen Artikel: Barlow, H., Hill, R. M., & Levick, W. R. (1964). Retinal ganglion cells responding selectively to direction and speed of image motion in the rabbit. The Journal of physiology, 173(3), 377.
      https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC1368915/pdf/jphysiol01195-0058.pdf
    • Die wahrscheinlich umfassendste und recht früh publizierte Grundlage für die im Podcast dargelegte Unterscheidung von stabiler und flexibler Aufmerksamkeit findet man in diesem – leider online nicht verfügbaren Artikel:
      Tucker, D. M., & Williamson, P. A. (1984). Asymmetric neural control systems in human self-regulation. Psychological review, 91(2), 185.

    Episodenbild

    Nein, wir haben keine Anleihe in der Kunstgeschichte gemacht. Der Grund: Wir konnten der Versuchung nicht widerstehen das Bild zu zeigen, das DALL-E auf den Prompt „zeichne und beschreibe die sehbahn beginnend mit x und y zellen bis zum hippocampus“ ausgegeben hat. Es ist eine anatomische Darstellung, die im Prinzip richtig aussieht, sich bei genauerer Kenntnis der Materie aber eine Art Anatomy From Hell entpuppt. Wir meinen: Sehenswert!

  • Wie wir verblöden – oder auch nicht. Digitale Demenz vs. extended Mind

    Wie wir verblöden – oder auch nicht. Digitale Demenz vs. extended Mind

    Mitunter gibt es auch in der Wissenschaft so ganz spezielle ikonische Sätze. „Wo endet unser Verstand und wo beginnt die Außenwelt…?“ Mit dieser vielzitierten und eigentlich ganz harmlos klingenden Frage beginnen die Autoren Andy Clark und David Charms einen Aufsatz, in dem sie interessante Ideen vorstellen. Was wäre, wenn unsere intuitiven Antworten auf diese Frage – die natürlich etwas damit zu tun haben, dass unser Verstand gefälligst in unserem Gehirn, mindestens aber in unserem Körper ist und nirgendwo sonst – nicht stimmt?

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    Als Clark und Charms im Jahr 1998 ihre Gedankenexperimente über die Grenzen von Innen- und Außenwelt beschrieben, gab es noch nicht einmal annähernd das, was wir heute als digitale Transformation erleben – von künstlicher Intelligenz ganz zu schweigen. Auch das Smartphone wurde erst ein knappes Jahrzehnt später so richtig erfunden. Trotzdem können die Autoren uns mit ihren Ideen bei der Bewertung dessen, was da gerade mit uns geschieht, helfen. Kurz zusammengefasst: Menschen haben eine angeborene Tendenz, sich auf Werkzeuge zu verlassen, sofern welche vorhanden sind. Vereinfacht und beschleunigt ein Werkzeug das Erreichen eines Ziels, nutzen wir es also, und zwar einfach deshalb, weil wir nicht blöd sind. Punkt. Clark und Charmers vertreten von hier ausgehend die Auffassung, dass wir zusammen mit unseren Wissen schaffenden oder verarbeitenden Werkzeugen als „Coupled System“ betrachtet werden sollten. Demnach bilde ich zusammen mit meiner Navi-App ein System, das ziemlich gut darin ist Routen zu planen und zu verfolgen und das obendrein in der Lage ist, die aktuelle Verkehrssituation zu berücksichtigen. Es wäre nun nicht sehr intelligent, mit Kompass, Sonnenstand, Verkehrsfunk und Karte langsamer, mühsamer und mit mehr Fehlern unterwegs zu sein. Der Preis für die Nutzung der intelligenten Technologie ist – natürlich -, dass die eigene Orientierungsfähigkeit nun nicht mehr gefordert und damit womöglich wie ein ungenutzter Muskel geschwächt wird. Das Coupled System wird besser, der unbewaffnete Verstand schwächer.

    Damit stellen sich grundsätzliche Fragen: Sollen wir die Zeit zurückdrehen und wieder zu Fuß navigieren? Was wird denn am Ende aus dem Gehirn, wenn immer mehr Gedächtnis und Informationsverarbeitung an digitale Werkzeuge delegiert wird? Ist das nicht …gefährlich? Man kann es so sehen und deshalb wird auch gerne mit viel öffentlicher Anteilnahme die Idee vorgetragen, dass wir im Begriff seien, uns und unsere Kinder zu verblöden, weil es da allenthalben jene teuflischen digitalen Werkzeuge gebe. Und alles dies sei von Übel und führe früher oder später zu einer allgemeinen „Digitalen Demenz“ (!). Prominentester Vertreter dieser Theorie ist Prof. Dr. Dr. Manfred Spitzer, seines Zeichens Neuro-Wissenschaftler und Bestsellerautor – und als solcher alles andere als ungeübt im Spielen auf der Tastatur der medialen Aufmerksamkeit.

    Was stimmt denn nun: Digitale Demenz (wir verblöden) oder Extended Mind (wir verwenden immer intelligentere Werkzeuge)…? Wir finden, die Frage ist zu einfach gestellt. Was machen wir mit den durch die Digitalisierung frei werdenden Kräften? Wie bereiten wir die nachwachsende Generation, die ihrem natürlichen Drang zur Verwendung digitaler Medien und Werkzeuge hemmungslos nachzugeben scheint, auf die Herausforderungen dieser Situation vor? Was müssen wir an unserem Framing der Situation ändern?

    Quellen zur Episode

    Aus der Intro:

    Quellen zur Digitalen Demenz

    Quellen zum Thema Extended Mind

    Das Bild zur Episode

    Wie immer können wir feststellen: irgendwie ist alles schon einmal da gewesen. Hilfsmittel zum Ausführen komplexer Denk-Operationen gab es schon bei den Inkas, den alten Römern und im antiken China. Ein nahe liegendes Beispiel ist der Abakus, der sowohl beim Rechnen als auch beim Merken von Zahlen hilft. Allerdings gab es in der Geschichte auch sehr viel raffiniertere Rechenhilfen. Niemand geringeres als der berühmte Adam Riese (eigentlich Adam Ries), ein im 16. Jahrhundert lebender Mathematiker, Autor und Lehrer, arbeitete mit einer durchaus raffinierten Version eines „Extended Mind“, einem Rechentisch. Damit konnte man nicht nur Addieren und Subtrahieren, sondern auch komplexere Operationen ausführen. Unser Episodenbild zeigt einen Ausschnitt des Titels seines Bestsellers „Rechnung auf der Linien und Federn – auff allerley Hantierung / gemacht durch Adam Risen“ aus dem Jahr 1547.

    Bildquelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Theo_Zasche_Schweinchen_in_der_Schule.jpg